poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 
Thomas Kunst
 

Meine DDR war die Ostsee, und die war nie tief
Mein erstes Gedicht schrieb ich mit 17 Jahren. Ich langweilte mich, hatte Winterferien und schrieb ein Sommergedicht: („du tauchtest deinen körper in honig, als ich dich jenseits des sandes sah...“) Im Laufe dieses Gedichtes sammelte der Gedicht-Erzähler dann sogar noch „Schmetterlingsflügel für ihre Kniekehlen.“ Ich muss gestehen, dass ich mein erstes Gedicht gleich für ein sehr enormes Gedicht hielt. Gottseidank. Bis zu diesem Zeitpunkt in den Winterferien hatte ich mich ziemlich lustlos mit den Musikinstrumenten Geige, Bratsche und Bassgitarre rumgeplagt. Ich hatte das Gefühl, ich müsse unbedingt Musiker werden. Aber meine extreme Faulheit stand dem im Wege. Nun hatte ich also mein erstes Gedicht fertig, war sehr stolz darauf und freute mich darüber, dass der „Instrumentenwechsel“ von der Musik zur Sprache so mühelos gelungen war. Dann suchte ich mir für die nächsten fünf, sechs Jahre zwei Lehrmeister: Paul Celan und Georg Trakl. Ich schrieb am Tag mindestens fünf bis zehn Gedichte, Gedichte, die ich selber nicht verstand. Das hielt ich für die größte intellektuelle Leistung zu dieser Zeit. Besonders Celans Komposita-Bildung hatte es mir angetan. Allerdings war so ein wunderbares Wort wie „Enzianvergessenheit“ von Friederike Mayröcker in meinen Gedichten nie dabei. Als meine Tochter geboren wurde und ich mit Windelwaschen, Breikochen und ähnlichen Dingen beschäftigt war, nur die zwei Stunden am Tag zur Verfügung hatte, in denen sie schlief, veränderten sich meine Gedichte allmählich, waren nicht mehr so idiotisch hermetisch und so gedanklich belanglos. Als sie dann zeitig sprechen lernte, war es mit dem Zauber von Celan und Trakl erstmal vorbei. Auf einmal ging es mir um mehr Klarheit und unmittelbare Authentizität im Gedicht. Ich empfand es als sehr einfach und befreiend, in der DDR Gedichte zu schreiben. Landschaftsmalerei und Sehnsucht. Die Dampfer nach Hiddensee. Für mich damals die entfernteste Insel der Welt. Von Uwe Kolbe, den ich in meiner Jugend mit am meisten bewunderte, lernte ich, was ein Akrostichon ist. Diese Form der indirekten Botschaftsübermittlung schätzte ich wegen ihrer konspirativen, geheimnisvollen Eleganz. Ich schrieb also ein Gedicht über eine Flucht mit einer Luftmatratze nach Dänemark, und wenn man die Anfangsbuchstaben von oben nach unten las, ergab das den Satz: „Komm gut heim.“ Mehr politische Aktivitäten gibt es nicht zu berichten. Wer weiss, ob ich, wenn ich in Köln aufgewachsen wäre, heute überhaupt Gedichte schreiben würde. Inzwischen denke ich aber, dass das alles mit der DDR und der Bundesrepublik nichts zu tun hat, sondern mit der Leiden­schaft von poetischen Einzel­sprachen, von welchem Punkt aus auch immer. Bis heute halte ich mich sehr mit poetologischen Äusserungen zurück, ich kann dieses Gefasel darüber, wie und was ein Gedicht heute zu sein hat und welche zentralen Dinge darin vorzukommen haben, nicht ausstehen. Der Zusammenbruch meines Landes hat mein Schreiben kaum berührt, weil meine hauptsächlichen Themen wie: Mann und Frau, Scham, Sehnsucht und Begehren davon unbeeindruckt blieben. Im Koran ist der Satz zu finden: „Vom langen Betrachten des Meeres kommt noch kein Gewinn.“ Ich beschrieb die DDR mal als ein „umzingeltes U, nur nach oben geöffnet“: hatte dabei aber völlig vergessen, dass natürlich gerade das Meer, die Ostsee, wenn ich vor ihr am Ufer stand, das Zeug dazu hatte, mir das Gefühl zu vermitteln, dass in dieser Richtung niemals Zäune auftauchen könnten oder extrem lange, aneinandergekettete, seitliche Schiffe, die Rümpfe dann natürlich bis runter, auf den Meeresboden. Ich wollte die DDR bis zum Ende nicht verlassen. Ich habe dort aus Langeweile angefangen, Liebesgedichte zu schreiben, Musik zu machen, Wein zu trinken, den Norden zu lieben: alles Dinge, die mir bis heute treu geblieben sind. Weil ich in meiner Jugend selbst so wenig mutig und kämpferisch war, liebte ich wohl gerade diese Dichter besonders: Cesar Vallejo, Ernesto Cardenal, Jannis Ritsos, Paul Eluard. Anfang der achtziger Jahre verbrachte ich beinahe jeden Mittwochabend bei dem Stralsunder Lyriker Uwe Lummitsch. Ihm habe ich zu verdanken, dass meinem ersten Gedicht noch hunderte folgen sollten. Wir hörten viel Musik, tranken Unmengen an bulgarischem und unga­rischem Rotwein, und der Höhepunkt dieser Abende bestand darin, dass er mir neben seinen eigenen auch immer Gedichte fremder Autoren vorlas. Ich höre noch vor mir, wie kulinarisch er den Namen Cesar Vallejo aussprach. Ich hörte zum ersten Mal Gedichte von Thomas Brasch und Nicolas Born, zwei Dichter, die ich bis heute verehre. Je mehr Gedichte ich in dieser Zeit dann las, umso mehr wollte ich auch jemand werden, der ohne Poesie im Leben nie mehr richtig zurecht­kommen würde. Bis aus meinen jämmerlichen Celan-Kopien der Anfangszeit wirkliche Gedichte wurden, vergingen wohl noch etliche Jahre. Als wenn diese Art von übertriebener hermetischer und nur anempfundener Dichtung die Ge­schlos­sen­heit eines Systems wie der DDR brauchte. Als dieses Land nicht mehr existierte, war es mit solchen Texten dann langsam grundsätzlich vorbei. An die Stelle von Wörtern wie Wolkengebetsauge und Mandelblut traten plötzlich Zetkinpark und Otchanganariva. Ich hatte mein Meer am Ende der achtziger Jahre in Gedanken mit nach Leipzig genommen. Dass mich mal ein Wort wie „Fremdlingin“ von Georg Trakl so derart faszinierte, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Celan ist für mich in weiter Ferne. Meine DDR war die Ostsee, und die war nie tief. Keine Zäune und Barrieren mit Fähnchen, keine aneinandergeketteten, seitlichen Schiffe am Horizont, ihre mächtigen Rümpfe hätten natürlich den Meeresboden berührt. Es gab kein Durchkommen. Aber selbst das reichte mir völlig. Als in Leipzig die Menschen 1989 auf die Strasse gingen, wollte ich gerade meinen ersten Roman schreiben mit dem Titel: „Die Ernennung der Jugend zum Schlaf“. Zum ersten Mal hatte ich ein Gefühl von Heimat-Identität, zum ersten Mal merkte ich, dass ich nicht mehr so unempfindlich weiterschreiben konnte wie vorher. Sehnsucht und Wut, Melancholie und nördlicher Trotz stellten sich bei mir ein. Was hatten Gedichte auf einmal mit Solidarität und Gerechtigkeit zu tun. Nur die Hauptdarsteller, die Männer und Frauen habe ich nie ausgewechselt, in all ihren Süchten. Was für eine verwilderte Zeit für Gedichte. All die bestandenen Abenteuer zwischen Selbstmitleid und ausbleibender Anerkennung. Meine DDR war die Ostsee. Mehr verlange ich doch gar nicht.

Thomas Kunst    03.01.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 
 
Thomas Kunst
Lyrik
Texte