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Nancy Morejón
Das Café der Dichter

 

Es tropft der schwarze Nektar der Antillianer
zwischen den Rissen der azurblau bemalten Kacheln
des alten Cafés der Dichter. Ein Gefühl zeigt
die Unruhe des Kellners, nackt, mit einer Serviette
            über
dem Arm, und man hört das Lied von Patricio Ballagas
aus einer schwarzen Konsole, gegenüber dem Café,
hinter einem Fenster der Stadt.
            Ein Fächer und eine Laute beenden den Durchzug der Maultiere.
So ist der Gedanke und sein Wohlgeruch in der Seele von
            Teofilito.
Ich höre den Alarm der Feuerwehrmänner: ein Jahrhundertbrand
kündigt die Konvergenz zweier Epochen an: Schultertücher aus
            Manila
und herunterfallende Plakate von Muņoz Bach vom
            Giebeldach.
In dieser Stadt gibt es schon kein Café mehr für Dichter, auch nicht für dich,
oder für die Troubadours, die das Bild der Heiligen
            Cäcilie
anrufen während sie auf ihrer Gitarre und Laute spielen, und auch nicht für
            den dürstenden Soldaten der Miliz,
aber dann kommt das Schattenbild von Julián del Casal
der sich webend zu einer dem Sterben nahen Comadrita setzt.
Ein Ozean von Termiten ist das ganze Muster der alten Balken
vom schmierigen Dach
aber die Comadrita schaukelt weiter
und ein Kutscher im Smoking kommt vorüber und lässt seine Schelle klingeln
auf einem Wagen zerschlissener Monde, eine
            neapolitanische Melodie
lallend torna a Sorrento und es strahlt ein weißes Licht wie immer
atemberaubend, mächtig, flammend für immer,
das die feuchte Begierde der Dichter überfällt
die wir uns hier zusammensetzen wo es bereits nichts mehr gibt
            ausser den Dichtern selbst und ihren Versen
und dem Duft des schwarzen Nektars der Tagelöhner und der
            Zuckerrohrschneider.
Weder betrachte ich einen Stich von Laplante noch einen
Druck von Elias Durnford.
Auch stehe ich nicht vor einem Wasserfall des kalten Nordens
sondern vor einer Kaskade helleuchtender Metaphern
und ich schaukle mich wieder mitten in ein Schulheft
dessen vergilbte, mit Gold eingefasste Blätter
            mich begleiten
umgeben von Licht und von Dichtern ohne Tische, ohne
Stühle, ohne Café, bis die Kamera des Touristen auftaucht und uns festhält
vor der wiedergefundenen Ewigkeit.

Aus: Paisaje célebre, 1993
Übersetzt von Ineke Phaf-Rheinberger

Nancy Morejón    20.04.2008      Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen
 

 

 
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