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Poetik der Unschärfe

Vorbemerkung anlässlich der Lesung aus Kanne Blumma beim
Projekt Unschärfe am Neuen Museum Nürnberg im Mai 2014.

Von Gerhard Falkner

  Website: NM Nürnberg  externer Link

Foto: Neues Museum
(Ralf Dieter Bischoff)


Der Begriff der Unschärfe ist vor allen Dingen aus zwei Zusammen­hängen be­kannt, dem mit der Fotografie und der Physik.
Er bedeutet zunächst Ungenauigkeit, Unbe­stimmt­heit des Abbildens und beinhaltet im strenge­ren Sinne noch keine Mangel­haftig­keit.
Selbst in der Fotografie, wo es am nächsten läge, kann dies eine erwünschte Qualität sein, gerät aber durch den Auto­fokus mehr und mehr aus dem Blickfeld.
In der Quantenmechanik findet er Verwen­dung, wenn zwei messbare Größen sich nicht gleich­zeitig beliebig genau messen lassen, etwa Ort und Impuls eines Teil­chens.
Diese Erkennt­nis Heisen­bergs führte im Zusammen­hang mit dem Planck­schen Wir­kungs­quantum zu einer Viel­zahl hoch­präziser Anwen­dungen.
Dass der Begriff Unschärfe auch in der nach­klas­sischen Logik von Bedeutung ist, zum Beispiel in der so­genann­ten Fuzzy­logic, ist schon weniger bekannt. Man nennt das dort „unscharfe Theorie“. Sie dient dazu, das reichlich in der Welt vorhandene Ver­schwom­mene und Vage wissen­schaft­lich zu bestimmen bezie­hungs­weise logisch greifbar zu machen.
Nun findet aber die Unschärfe auch in der Sprach­theorie Anwen­dung, um die Phä­no­mene von Mehr­deutig­keit oder Ambi­guität zu beschrei­ben.
Allerdings ist das in der Linguistik eine sehr theoretische und sterile Kompo­nente und arbeitet über­wiegend mit dem Sprach­ver­gleich, der dann in der nume­rischen Lingu­istik oft das Aber­witzige streift.
Selbst in der Psycho­logie hat dieses Phä­no­men und For­schungs­modell seinen Platz inzwi­schen gefun­den.

Nur dort, wo die Verwendung auf der Hand läge, in der Dich­tung, oder der Lyrik, wie sie heute verklei­nernd gerne genannt wird, ist ihre Posi­tion meines Wis­sens nie er­kannt worden. Nie, wie ich sagen möchte, zur Sprache gekommen.
Auch die Unschärfe poetischer Sprache ist, wo sie zur idea­len Wirkung kommt, nicht unbe­dingt als Mangel auf­zu­fassen, son­dern besitzt, wie in der Foto­graphie oder der Physik, eine (eigene) Qua­lität, die im Unter­schied zur Schär­fe erst einmal ein­fach zu anderen, besten­falls aber auch umfas­senderen Ergeb­nissen kommt.
Die exakte Sprache hat, wie man aus den Fach­sprachen weiß, ein ver­gleichs­weise armes meta­phori­sches Wir­kungs­spek­trum. Das heißt, sie bleibt er­wünsc­hter Weise in ihrer Be­griff­lich­keit stecken und ist da­her für Höhen­flüge, Über­grif­fe, noma­disie­rende Anwen­dungen und andere Formen der Subli­mation unge­eignet.
Sie öffnet ledig­lich oder höchstens ein kleines Asso­ziations­umfeld, was sich aus ihrem Zwecke von selbst ver­steht. Die poe­tische Sprache, und zwar nicht im un­logi­schen, sondern im außer­logi­schen Sinn, besitzt hin­gegen die denkbar größte Bewe­gungs­fre­iheit zwischen den durch ihren Besitz­anspruch blo­ckierten Begrif­fen und deren Anrainern und Nach­bar­schaften.
Mit anderen Worten, ihre Unschärfe er­zielt sprach­liche Neben­wirkun­gen, welche die Besiede­lung mit neuer Bedeu­tung und eigener innerer An­wand­lung ermög­lichen.
Genau hierin besteht die bewusst­seins­erwei­ternde Wirkung von Lyrik, dass nämlich der aus­schließ­lich durch Sprache begeh­bare Raum der soge­nannten Wirk­lich­keit reicher und intimer wird. Dadurch wird Sprache von der Exis­tenz­be­din­gung zum Spiel­raum.
Genau dieser Spiel­raum ist es, in dem sich ungehindert von der Ein­deutig­keit und von der in anderen Zu­sammen­hängen zwingend er­forder­lichen Begriffs­schär­fe ein poeti­scher Über­schuss bilden kann.
(Denn die poe­tische Unschärfe, wohl­gemerkt als hohe Kunst, schließt alle Formen von Geschwa­fel, sitt­licher und sinn­licher Bewöl­kung oder figura­tives Remmi­demmi aus.)
Die harte Unter­scheidung zwischen wahr und falsch, wird durch die weiche Grenze zwischen gegeben und mög­lich, zwischen Melodie und Harmo­nie gemil­dert.
Die Metapher, das poeti­sche Bild, Kern­stück poeti­scher Sprache und Kontra­punkt ihrer Musikalität, ist der Inbe­griff kunst­vol­ler und beab­sichtigter Unschärfe. Mit ihrer Hilfe wird die Sprache über das ge­setzte Wort hinaus an­deutungs­reich und mul­tipel.
Gerade diese Qualität und Impuls­unschärfe trägt zur Ermitt­lung oder auch Wach­ru­fung jener in ihrer Ra­dika­lität sonst kaum fass­baren roman­tischen Gefühle bei, die sich ja immer eher in einer Schich­tung von Stimmungs­lagen befinden als in ein­deutigen begriff­lichen Zu­stel­lungen wie Freude, Lachen, Kummer, Sehn­sucht etc.
Wobei ich unter roman­tischem Gefühl auch die wachhaft er­träumte Luzi­dität geis­tiger Durch­dringung einer abso­luten Set­zung jenseits aller klas­sischen Fall­gesetze ver­stehe. Die reine Über­steigung.

Da ich hier keinen wisse­nschaft­lichen Vortrag halten kann, belasse ich es bei diesen raschen Andeu­tungen, obwohl sich Fein­heiten heraus­arbeiten ließen, die Zeit und Aufwand ver­dienen würden.
Ich möchte hier aber und aus gege­benem Anlass noch auf eine Sonder­form der poeti­schen Unschärfe ein­gehen, die ich in meinem Buch „Kanne Blumma“ um­fas­send ge­nutzt und geplün­dert habe, nämlich den Dia­lekt.
Den Dialekt habe ich in diesem Fall dialek­tisch und nur bedingt mund­art­lich ver­wen­det. Er war für mich das Kopf­stein­pflas­ter auf der Strecke ins Experiment.
(Und die Nürnberger haben mir diesen Weg selbst­verständ­lich NICHT gedankt!) Während ich im soge­nannten hoch­sprach­lichen Gedicht unbedingte und hoch­gradi­ge Tiefen­schär­fe erwarte und der Un­schär­fe eine Funk­tion zuordne, deren Sinn die Über­win­dung sprachlicher Fest­körper­physik zu­gunsten größe­rer sinn­licher Visko­sität sein soll und kann, liegt die Unschärfe in „Kanne Blumma“, aus dem ich an­schlie­ßend lesen werde, im unbe­stimmten Zwischen­raum zwischen Dialekt und Hoch­sprache. Also dort, wo sich nach Freud, auch der Witz (und seine Be­zie­hung zum Unbe­wussten) gerne ver­steckt.

Die Ergebnisse sind, wenn auch nicht immer die Gleichen, so doch zumindest ähnlich. Durch die Metaphern-Un­schärfe im Post-Bürgerlichen Gedicht ebenso wie durch die oft phonetisch entstandene Begriffs-Unschärfe im mundart­lichen Gedicht wird quasi mehr trans­portiert, als Waggons vorhanden sind.
Zwei Beispiele möchte ich geben, bevor ich mich selber sprechen lasse.
Das erste ist das verkappte Titelgedicht: Ade Kanna.
Es bedeutet: „Eine Tee­kanne“ und „Abschied von der (Tee) Kanne“, denn deren Be­schrei­bung im Gedicht läuft unweiger­lich auf die Tatsache hinaus, dass sie nicht da ist!
Das Gedicht beginnt mit dem Wort Oma, das ich auch gerne in Symbiose mit drohma gebrauche, wo es dann als „oma drohma“, also oben droben, den nicht immer schwachen Gegensatz zu „undn drundn“ bildet.
In Verbindung mit diesem ersten Wort und dem Titel wird dann also daraus: Groß­mutters Tee­kanne, und nach der an­schlie­ßenden Be­schrei­bung weiß man, dass es die nicht mehr gibt.

Das zweite Beispiel ist das offensichtliche Titelgedicht: „Kanne Blumma“, ein Rondo, in dem vom Dialekt ein wahrhaft reißerischer Gebrauch gemacht wird.
Dieses Gedicht ist tat­säch­lich aber eine Blüte des Tiefsinns unter dem Krach, den es veranstaltet. In einem Raum, der sich vom kleinen Zimmer, über das ganze Haus bis zur Welt ver­größert, wächst auch das Leid, vom pri­vaten Leid in den eigenen vier Wänden, zu jenem gro­ßen Leid, von dem die Welt voll ist.
Hier ist der (fränkische) Dialekt mit verschwen­deri­schen Ange­boten „zur Stelle gewe­sen“, denn dort (oder hier) in Franken, sind die Leute selbst das Leid, das sie ver­ursachen und eine Welt vol­ler Leute, „ä whelld vuller Leid“ befürwortet eben auch eine Welt voller Leid.
„Di Leid senn hamm“ heißt in endlos möglichen Bedeu­tungs­stape­lungen die Leute sind heim­gegan­gen oder das Leid ist abgezogen.
Aber nicht nur die Leute und das Leid, sondern auch ein weiterer Kardinal­begriff unserer Exis­tenz schlecht­hin, nämlich das Leben, wird einer Mehrdeutigkeit unter­worfen, die es aus jeder objektiven Be­trachtungs­mög­lich­keit heraus­kata­pul­tiert.
Im Lehm nedd heißt eben nicht nur: nie im Leben, sondern der Lehm, frän­kisch bildstark „Lahmer“ genannt, und als „Lahmer Baddsn“ an den Schuhen haftend, ist der Inbe­griff des hier Dregg genannten Schmutzes.

Zusammengefasst also, die Welt ist durch die es mit Leid erfül­lenden Menschen ein schmut­ziger Ort, in dem eine Tee­kanne aus Groß­mutters Zeiten ein­fach nichts verloren hat.
Da alles Haben in Franken als Hobby betrieben wird, (Haid Hobby niggs gräichd also: „Heute habe ich nichts bekommen“ heißt), sind die Anwen­dungen dieses Hobbies für Besitz, Frei­zeit und Kul­tur unbegrenzt.
Hobby also binni! Ich habe, also bin ich.

Gerhard Falkner, Czernowitz / Ukraine 2014



Gerhard Falkner  13.05.2014   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
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