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Gerhard Falkner

Kanne Blumma

Dei Gschmarre aaf a Budderbrood und de ganzä Wälld wiad sadd

Kritik
  Gerhard Falkner
Kanne Blumma
Ars Vivendi 2010
200 S., 17,90 EUR

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Die Krise des Individuums ist der Grund für die Einflechtung des Dialekts in die Dichtung. Zumindest wenn es nach Adorno geht. Wie er in seiner Rede über Lyrik und Gesellschaft behauptet, verdankt die Lyrik dem Dialekt eine „kollektive Gewalt“, die zer­ronnene Subjekte wieder zusammen­fließen lässt. So züchtet sich auch der Peter-Huchel-Preis­träger von 2009 mit seinen Dialekt­gedichten eine Sprach­chimäre, die in einem Universal­gemisch ihres Landstrichs daherbabelt. Dialekt bindet den Leser in einen unmittel­baren Dialog ein und reicht dabei über das bloße Bedeuten hinaus. Für Sprecher tut er das durch seinen originären Gefühls­ausdruck und durch abweichende Konnota­tionen; für Nicht­sprecher durch Asso­ziations­reize oder durch Fehler bei der Entzifferung. Genau die provoziert Falkner mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Er versucht das Hörbare eins zu eins zu verschrift­lichen und nimmt durch Falsch­schrei­bungen bewusst akustische und seman­tische Ver­schie­bungen vor. Pittoresk erinnert sich das lyrische Ich in so einer Sprechweise: „A Moll/ Hobby gsunga/ In annärä Dur/ Wäydä abbolo/ Inder Freya nadduhr“, nämlich „Einmal (Einst)/ Hab ich gesungen/ In einer Tour/ Wie ein Apollo/ In der freien Natur“.

In seinem Spiel mit der fränkischen Vorliebe für Redun­danzen und Tauto­logien, die ziellos durchs Sprach­labyrinth irren und neue Auswege finden, macht sich Falkner zu einem Karl Valentin Frankens. Sein Sprach­experiment reicht von der Lautpoesie Jandls bis hin zur mathe­matischen Kombinatorik. Von Du sollsd dir Kain Bld machn, wo „Bld, Bld, Bld“ so lange angereichert wird, bis man sich an der „Bld Dzai Dung“ blöd liest, bis hin zum Titelgedicht Kanne Blumma, in dem die Lautstücke wild durch­geschüttelt und die Reime in allen Formen erwürfelt werden. Vom Kinder­gaggalagu gelangt der Leser schnell zum ausge­wachsenen Dadaismus. Falkner verlangt einen aufmerk­samen Leser und einen eben­solchen Hörer. Nicht zuletzt geht es ihm um Hör­eindrücke – sowohl des fränkischen Trommel­rhythmusses, als auch von akus­tischen Verschie­bungen wie bei „Mai schwadds hemmerd“. Was für den Franken „Mein schwarzes Hemd“ ist, klingt für den Nicht­franken selbst­redend wie „Mein Schwatz[en] hämmert“.

Bei all dem missbraucht der Dichter den Dialekt nicht; er fängt die Eigen­heiten eines Landstrichs immer noch liebe­voll ein. Und dazu gehört auch der Menschen­schlag, der mit dem Fränkischen einhergeht: seine Tendenz zum denun­ziatorisch Ges­tischen, das sich mittels der Sprache aus­drückt, sowie seine Selbst­herr­lichkeit und sein inner­geo­graphi­sches Rangeln. „Gschaide Leid/ gibbdz ieberohl/ Gscheide Broadwärschd/ gibbdz blous in nämberch“. Was man als O-Ton und demon­stratives Ausstellen eines Habitus abtun kann, kommt leider öfter als Anbiedern daher. Wo Falkner in seinem Essay Dialekt und dialek­tisches Spiel in der Mundart als Möglich­keiten des nach­modernen Gedichts meint, es ent­wickle sich „in der Rück­übersetzung […] eine fast an den Minne­sang gemahnende Simpli­zität und Rein­heit“, da klopft sich das Gedicht selbst­genügsam auf die Schenkel. Hätte Falkner die Über­setzungen weg­gelassen, hätte er Nichtfranken öfter mit dem Rätseln am phone­tischen Material und mit der Sinnsuche erfreut.

Siehe auch: Gerhard Falkern – Dialekt und dialektisches Spiel in der Mundart als Möglichkeiten des nachmodernen Gedichts?

Walter Fabian Schmid    09.11.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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