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ERB. Laudatio auf Elke

Von Peter Gosse
 Preis der Literaturhäuser 2011

    


        Das Flachland vor Leipzig ist kahl,
        als läge der Mittag streng auf ihm auf.


Sehr verehrte Damen, meine Herren, vor allen: Liebe Elke, hoch liebenswürdige Preisträgerin – so also beginnt ein Gedicht von Dir, in dem Du dem genius loci Gelegenheit gibst, sich Dir zu offenbaren. Und was offenbart er, durch Deinen Mund, im Flachland vor Leipzig, das kahl ist, als läge der Mittag streng auf ihm auf?
        Nun, dies (ich lese uns nicht alle 22 Verse des Gedichts):

        dort sah
        mich still eine Gans an, die in Reihe ging, weiß
        an einer feuchten Scheune vorbei.
        Links, sah mich an, links, und ihr wißt, das Auge
        Ist grün beringt.


Je nun – wir befinden uns in der genauen Mitte des Gedichts, Vers 11, und eine Offenbarung hat sich nicht gezeigt. Eine Gans geht und die Frage drängt sich tatsächlich auf:

        Aber was wollte sie melden, aus ihren fernen
        Steinzeiten kommend, die Gattung, aufgezogen immer, Uhr
        an vergänglichen Wänden, aber was dann,
        wenn keine Wände mehr stehn, keine gebaut werden, wenn
        der riesige Erdwind allein
        in den Staub stürzt und heult?


Dieser benehmende Vers 18; Elke Erbs Geburtstag fällt auf einen 18. Der Gans als Gattung findet sich etwas Außerordentliches zugeschrieben, nämlich uralt zu sein, aus Äonen herüberreichend in unsere Gegenwart. Und zwar – dies ist das Verwunderliche, das Bewunderte – unverändert, konstant, staunenswert, zeitentzogen. Ja, dieses Wesen in Feder-Weiß und Augenring-Grün zeichnet sich durch Unanfechtbarkeit aus; es ist aus Aberjahrtausenden auf uns gekommen und wird wohl gehen in künftige, undenkliche Aberjahrtausende?
        Eben dessen können wir nicht gewiss sein, und das ist die eigentliche Katastrophe. Wenn Kurzlebiges entschwindet, scheint dies noch hinnehmbar. Aber die Dauer selbst könnte annulliert werden, die verheißene Zeitlosigkeit erlitte den Einbruch der Zeit, in ihrer entsetzlichsten Ausprägung, nämlich als Untergang! Die Erde leergebombt, all ihrer Lebewesen entledigt – wer außer Sarah Kirsch hat unsern Gattungs-Suizid so erschütternd weil subtil vor Augen geführt: Subtil? Ja. Nicht Du und ich, nicht wir sehen uns unvermittelt angesprochen, sondern die Beiläufigkeit namens Zeit-Vermesser ist es:

        Uhren, ihr Uhren, wer sorgt,
        daß ihr euch nicht totschlagt am Ende, wer sorgt?


Dieses kummervolle noble Stöhnen, dieses – wir wissen es – nur allzu gerechtfertigte – es will uns nicht auf direkte Weise in den Ohren liegen. Hohe Dichtung wünscht erschlossen zu werden; und der schönen Verstehensmühsal setzt Elke Erb uns allemal aus. (Wenn es ihr zu plump dünkt, das Beilager Ledas mit dem Schwan unverhohlen namhaft zu machen, dann schreibt sie den Namen der göttlich Beglückten verkehrt herum: Adel statt Leda.)
        (Und was mag riw dnis wohl bedeuten: Wir sind. Ja!)


Peter Gosse und Elke Erb im Gespräch im Literaturhaus Leipzig

***

Hohe Zeit für einiges Informative:
         Elke Erb wird in der Eifel geboren, im Ort Scherbach. (Erstaunlich, dass sich im Œuvre der Autorin kein Reflex auf den klang­ähnlichen Dichter Scheerbart findet.) Zwölfjährig vollzieht sie mit der Familie (der Vater von kommunis­tischer Gesinnung) die Übersiedlung in die DDR, wo sie zunehmend – nämlich mit abnehmender Legi­timität der Staatsideologie – zu einem erheblichen Sand im Getriebe der Obrigkeit wird: Sie, die Grande Dame des Prenzlauer Bergs; die Herausgabe der dissidentischen, in der DDR undruckbaren Anthologie Berührung ist nur eine Randerscheinung, stiftet Furor. (Übrigens hat auch ihre Herausgabe von Gedichten Sarah Kirschs, Musik auf dem Wasser, beim verdienstvollen Hans Marquardt im Leipziger Reclam-Verlag für das angemessene Aufsehen gesorgt.)
        Die Liste von Elke Erbs Gedicht-, Notat- und Prosa-Büchern ist von achtungsheischender Länge, aber ich werde Sie nicht mit deren Verlesung malträ­tieren; und die schöne Konsequenz solch bewundern­swürdigen Schaffens­nisus: illustre Belobigungen blieben nicht aus – Preise so ehr­furcht­erregender Namen wie Peter Huchel, Heinrich Mann (ihr verliehen zusammen mit dem vormaligen Ehemann Adolf Endler), lda Dehmel, Norbert C. Kaser, F.C. Weiskopf, Erich Nossak. Und nun eben, als achter im wohligen Bunde, derjenige dieses und der anderen Literaturhäuser.
         Wie hoch erfreulich!

***

Kennengelernt habe ich Dich, deucht mich, erst im Ostberliner Café Clara, wo die von Brigitte und Eddy Endler geleitete Poesie-Sozietät ORPLID fungierte. Ich war mit der großartigen Bella Achmadulina eingetroffen, sie las auf ihre suggestive Art, und hernach vermochtest Du mit ihr auf Russisch zu – nun ja – zu schwadronieren. Wie gut, dass Dir das Russische nicht nur nahegeht und nachgeht, sondern auch am Herzen liegt. Deine Übersetzungen, deine Nachdichtungen sind Legion: Brjussow, Blok, Achmatowa, Zwetajewa – heutzutage eine besonders kostbare Gabe, da uns die Medien – wenn zu Tolstoj nicht gerade etwas Rundes zu begehen ist – mit russischer Kultur nicht eben verwöhnen; vielmehr sollen wir angesichts des obszönen Milliarden-Hamsterers Chodorkowski Tränen vergießen.
        Aber nicht nur, dass Du uns mit erheblichen Hervorbringungen der Russen vertraut gemacht hast – Du hast sie in Dein Werk Eingang finden lassen, womöglich unterbewusst. Wenn im Band Sonanz das Gedicht Alte Mühle so anhebt:

        Ein Tag ist länger als ein Jahr

so ruft sich die Pasternak-Zeile ins Gedächtnis:

        Dolsche weka dlitsa den, länger als ein Jahrhundert währt ein Tag

die der großartige Aitmatow als Roman-Titel übernommen hat. Freilich ist dieser Vers in der Eindeutschung Der Tag zieht den Jahrhundertweg nicht mehr recht kenntlich. Ganz und gar bestechend aber, wie Du die russische Sprache als solche Dir einverleibst:

        Ich sam

lautet einer Deiner Verse. Was besagt der? „sam“ heißt russisch ,,selbst“, also: Ich bin ich selber. Ebenso evoziert „sam“: der Samen. Will sagen. Ich bin ich und mehr als ich, ich bin Same, bin Keim für Euch anderen. Toll! Zwei Silben umreißen das noble Erbsche Ethos.


Autoren im Publikum

***

In Elkes Neujahrs-Email, einem Gedicht mit dem anheimelnden Titel Gutso (zusammen geschrieben: Gutso), wird das Sehen belobigt; nicht das seherische Schauen, sondern das erdverbundene genaue Blicken:

        Während ich vom Fußboden aus
        Den Blick ... richte


Ist aber nicht in wenigstens gleichem Maße vom Ohr Gebrauch gemacht? Denn hören Sie was Elke Erb – in einem Gedicht namens Eintracht – dem Ei im freilich kreatürlich-figurativen, aber vor allem im klanglichen Sinne abgewinnt:

        aneinander im Einklang leisten den Eid beider Leiber,
        aneinander begleitend beeidend – im Gleichklang kein Nein, keinerlei
        Leiden bescheidend


Welch erotische Übereinkunft, nicht wahr?, welche Übereinkunft von großer Art, hergestellt vor uns durch reine Akustik – ist sie, diese feinfühlende Sinnenhaftigkeit, womöglich das eigentliche (schon wieder ein ei), das eigentliche Erb-Gut?
        Oder dies: Wie Erbs Dichtung das Denken preist. Es preist, indes das Denken in Widersprüchen von sich weist: Der Dialektik wird eine energische Absage erteilt. Statt ihrer obwaltet – treffliches Erbsches Wort – Zusammenhanglust. Ein Jegliches – ob Pflanze, ob Mensch; ob Tier, ob Ding – ein Jegliches darf für sich geltend machen, des Schonens wert zu sein, und hat damit – wie Elke doch sogleich die hörbare Nachbarschaft funkeln lässt – das Schöne inne. Luft etwa wird ganz sie selbst, da sie das Gegenüber einbegreift:

        Luft, je feuchter sie ist, desto leiblicher auch,
        gesprächiger, mit sich identischer scheint sie.
        Als sei Wasser ihre wahre Natur


und wie kriege ich diesen Satz zuende? Also dieses Sich-hinauf-Raffen ins All-Erfassende, ja; und Erb scheut dann auch nicht die Raffung durch den Begriff. Eine Freude muss es ihr sein, wenn sie der Biegung des Pferd-Rückens die Sinus-Kurve abmerkt; und sie versäumt es nicht, das Wort Integral im Vers nicht nur aufzubieten, sondern es als Vers-Aufgipfelung zu begrüßen. Selbst auf die Entelechie, die Vortriebskraft des Lebendigen, hat unsereins bei der Erb-Lektüre gefasst zu sein. Was Wunder, dass Gerhard Wolf, Ehrenpräsident der Sächsischen Akademie der Künste, in der sich auch Elke Erb beheimatet fühlt – dass also Wolf in seiner köstlichen Huldigung zur Verleihung des besagten Heinrich-Mann-Preises der Dichterin, neben „überräschendem, irrationalem, irisierendem Gefühl“ eine „strikte … komplizierte Logik des Gedankens“ zuspricht.
        Diese Totale des Sichtens also (Freilich will nicht unterschlagen sein, dass sich das Bett als jene Statt ins Œuvre drängt, die verurteilt ist – aufregender Doppelsinn: – mein Kreuz zu tragen. Besonders hervorzuheben in diesem, dem Kleistjahr der verhangene Bericht über eine S-Bahnfahrt aus Berlin-Mitte. Wohin wohl? Durch das Tumultös-Verzichtbare des allzu Alltaglichen hindurch/ Gartenmöbel werden transportiert u.ä./ begibt sich das Ich des Gedichts zum Wannsee, wie um das Schicksal des „Penthesilea“-Autors zu teilen).
        Gleichwohl: Elke Erbs Vefasstheit ist weder auf Bezichtigen oder gar Berichtigen aus, sondern auf ein Besichtigen derart, dass es im Buch Sonanz heißt: Die Systeme knacken. Soll ich ein Ausrufezeichen mitlesen, also: Knacke du die Systeme? Nein, eben nicht. Sie gehen, die Systeme, sozusagen natur­gesetzlich zu Bruch – befindet die Dichterin. Und um dies einhellig dastehen zu lassen, lautet die volle Zeile: Die Systeme knacken intransitiv: Am Ende steht ein Punkt, ein tröstliches Signum kühnen Konstatierens.

***

Liebe Anwesende, der wunder­bare Picasso befand: „Ein Werk beenden, l'achever? Wie albern! Einen Gegen­stand beenden heißt ihn fertigmachen, ihn umbringen, ihm seine Seele rauben, ihm wie dem Stier die Puntilla geben! Es heißt: ihm den Gnadenstoß geben!“
        Nun, ich bin mir des Bedenk­lichen meines jetzt folgenden Wortes wohl­bewusst: Elke Erbs Schaffen wimmelt von Gnadenstößen. Ja, mich deucht es, ihr Los und ihre Lust zu sein, die Werkstücke (wie sie ihre Schreib-Komprimate gern bezeichnet) – die Werkstücke zu ründen, sie in die Zeitresistenz zu betten, sie in der Endgültigkeit ankommen zu lassen, im – wie Elke in einer Vorlesung, gehalten nahebei an der Leipziger Universität, gesagt hat – Lichtpunkt, im Punkt der Ankunft. In der Tat: wie noch rütteln an solch einem Vers-Gebilde, nachzulesen (und, glaube ich, in paar Minuten hier zu hören) im neuesten Gedicht- und Prosa-Band mit dem kräftigen Titel Meins:

        Schau hin, sage ich mir,
        in das Schwarz, das bodenlose
        absolute Jenseits.

        Das Schwarz dort siehst du als Schicksal, Irrsal
        Der unselbständigen, der habunseligen,
        Seelen-Inhaberin


Eine Verlautbarung – mir ist sie nur geflüstert vorstellbar, zu uns Lesern herüber­gehaucht. Welche Innigkeit, welcher Ernst.

Und so weiß ich nicht, ob es sich gehört, jenen Wunsch zu äußern, den ich im von Dir so sehr gemochten Georgien gehört habe, nämlich:
        Ich wünsche Dir einen Sarg! Der möge gezimmert sein aus den Brettern einer hundertjährigen Eiche: die soeben gepflanzt wird.



  Elke Erb
Meins
Hrsg. von Christian Filips
roughbook 006; 2010
11 EUR

Elke Erb
Deins. 31 Reaktionen auf Elke Erb
Hrsg. von Urs Engeler u. Christian Filips
roughbook 013; 2011
10 Euro
Peter Gosse    01.04.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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