poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Der Vogel, die Sprache, der Mensch
Laudatio auf Elke Erb

Von Oleg Jurjew
 Preis der Literaturhäuser 2011 (Laudatio III)

Foto: poetenladen
;

Kommt Elke Erb zu Besuch – was eigentlich bedeutet: zum Arbeiten, denn das Arbeiten ist die Grundform ihrer Existenz und auch die Grundform jeglicher Kommunikation mit ihr – kommt auch die ganze deutsche Sprache mit.

Das ist keine gestelzte Personi­fikation, obwohl ich in diesem Falle auch solche nicht scheuen würde, sondern hier meinte ich es vollkommen sachlich: Kommt Elke bei uns, bei Olga Martynova und mir, in unserer Wohnung mit Blick über die Mauer des Frank­furter Zoos für ein paar Tage vorbei, beginnt das „Arbeiten“ beinahe sofort. Man spricht eine Stelle in einem Gedicht an, eine kleine Übersetzung will geprüft werden, ein neuer Text gelesen und bespro­chen und vielleicht geändert sein. Etwas macht „klick“, und Elke ist einge­schaltet, sie arbeitet, und bei ihr bedeutet das: Sie berät sich ununter­brochen und unermüdlich mit der gesam­ten deutschen Sprache. Dieser Prozess ist über­wiegend mündlich. Elke spricht mit der Sprache. Das hören wir aus ihrem Zimmer, aus dem Flur, aus dem Badezimmer ... Die Sprache antwortet. Das kön­nen wir später lesen.

Jeder, der einmal mit der arbei­tenden Elke Erb in einem Raum einge­schlossen war, weiß: Sich in einem Raum mit der arbei­tenden Elke Erb zu befinden, ist wie mit einem kleinen, leisen, uner­müd­lich zwit­schernden, wispernden, klappernden – schla­genden! – Vogel in einem Raum einge­schlos­sen zu sein. Jedes in Frage kommende Wort, jede Phrase, jede Zeile wird in den Mund genommen, in allen möglichen Tonlagen wieder und wieder wieder­holt – mündlich geprüft. Bis eine richtige Lautfolge, eine richtige Intonation, ein richtiger Rhythmus da ist. Bis die Sprache ihr OK gibt. Oder bis Elke sagt: Sprache, du bist blöd. Das ist besser so, wie ich es dir sage!

Seit ich Elke kenne, glaube ich nicht mehr, daß die wirklichen Vögel da in den Bäumen einfach so „singen“, um ihre über­schäumende Lebens­freude mitzuteilen (romantische Version, war noch nie meine Sache), oder um fiorituren­begie­rige Fräu­lein­vögel anzulocken (die Version meiner Lenin­grader Biologie-Lehrerin Lenina Fjodorowna). Jetzt höre ich: Vögel arbeiten da in den Bäumen des Frankfurter Zoos. Sie beraten sich mit ihrer Vogel­sprache – oder mit ihren Vogelsprachen; sie prüfen ihre Texte, wieder und wieder, ohne Ermüdung, ohne Ver­zweiflung.

... Seit ich Elke Erb kenne ... Und seit wann kenne ich Elke?

Das ist keine zu komplizierte Frage, der Weg unserer Freund­schaft ist durch Bücher gekennzeichnet, wie der Weg eines Trecks in der Steppe durch Skelette gegessener Kühe, und Bücher haben bekanntlich Erschei­nungs­jahr­angaben.

1995 konnte Christian Pixis, der gerade dabei war, einen viel­verspre­chenden Verlag aufzu­machen, Elke überreden, meinen „sechseckigen Roman“ „Der Frankfurter Stier“ in Über­setzung zu nehmen. Elke ließ sich überreden, weil sie – ihren späteren Worten nach – habe wissen wollen, was „diese Russen“ so schrieben, und das Über­setzen sei immer noch die gründlichste Form des Lesens. Das kenne ich all zu gut: Um in meiner Jugend „Four Quar­tets“ von T. S. Eliot zu lesen (was nötig war, um zu sehen, was diese Engländer da so schrieben) musste ich das halbe Wunder­werk ins Russische übertragen. Gottseidank ist diese Nach­dichtung im Wirrwarr der Geschichte verloren gegangen. Gott­seidank sind Elkes Über­setzungen alle erhalten. „Der Frankfurter Stier“ ist 1996 erschienen.

So begann es, und jetzt, mehr als fünfzehn Jahre und vier dicke Bücher später, kann ich das gestehen, was Du, liebe Elke, wahr­scheinlich inzwischen längst gemerkt hast: Du hast nicht viel über „diese Russen“ erfahren, indem Du meine Bücher übersetztest, nur über mich. Und ich war auch damals, Mitte der Neunziger, nicht besonders typisch für das, was sie da schrieben. Heute bin ich es noch weniger. Du wolltest die neue russische Literatur kennen lernen und hast Olga und mich kennen gelernt, die wir selbst­verständ­lich in einem gewissen Sinne eine kleine, aber ganze russische Literatur, eine ganz eigene, darstellen, bei uns in der Wohnung mit Blick über die Mauer des Frank­furter Zoos. Und wir dachten, wir lernen eine wunderbare Lyrikerin und eine wunderbare Übersetzerin kennen, lernten zusätz­lich jedoch die ganze deutsche Dichter­sprache kennen, in Person sozusagen, als unsichtbare, aber gut hörbare Person, die immer mit Elke unterwegs ist, um mit ihr bei Bedarf sprechen und streiten zu können.

Es war nie leicht, mit Elke zu arbeiten, vor allem am Anfang. Elke ist stur, ich bin es auch. Ab und zu flogen die Fetzen! Vielleicht waren das die Fetzen der Sprache, oder zweier Sprachen sogar – der russischen und der deutschen; sie schwebten in der Luft und wollten sich zu einem Ganzen verknüpfen. Ich hoffe, das ist ihnen gelungen, auf jeden Fall beneide ich mich selber als jemanden, dessen Texte ins Deutsche von Elke Erb und Olga Martynova übersetzt wurden, ich bin bestimmt der am besten übersetzte Autor der Welt, wenn es ums Deutsche geht. Darüber, wie man mit Elke Erb zusammen übersetzt, oder wie man von Elke Erb übersetzt wird, könnte ich sehr lange und sehr abenteuerreich erzählen. Vielleicht mache ich das bei einer anderen, passenderen Gelegenheit, zum Beispiel, wenn Elke endlich einmal einen Übersetzer­preis bekommt. Ist es eigentlich nicht erstaunlich und irreführend, und auch ungerecht, meine Damen und Herren, dass es unter den vielen Literatur­preisen, die sie bekommen hat, keinen einzigen für Über­setzung gibt!? Erlauben sie mir, das ganz direkt zu sagen: Ich finde es skandalös!

Den heutigen wunder­baren Preis bekommt Elke Erb also nicht für ihre Übersetzungen – das ist der Preis der Gemeinschaft der Literaturhäuser und damit der ganzen Literaturgemeinschaft des deutschen Sprachraums, des ganzen fah­renden Volkes, das von Greifs­wald bis nach Bozen und von Bremerhaven bis nach Klagenfurt fliegt und fährt in den Bäuchen silbriger, zur Verspätung neigender Lind­würmer, mit Flügeln und ohne, um die Menschen und sich selbst mit dem gesprochenen, gezwitscherten, gewisperten Wort zu erfreuen und sie daran zu erinnern, dass nicht nur die Vögel in den Bäumen des Frankfurter Zoos ein Anrecht auf Dichtung haben, sondern auch wir ...

Sprechen wir deshalb über die Lyrik.

Kann man überhaupt über das lyrische Gesamtwerk Elke Erbs sprechen, wie es der gemeine Germanist ausge­drückt hätte? Jetzt, in einer kleinen Laudatio, die wie jede anständige Laudatio nur allzu gut weiß, dass ihre Höflichkeit die Kürze ist? Besonders wenn wir über eine Dichte­rin sprechen, die sich seit fünf Jahrzehnten ununter­brochen und unermüd­lich mit der Sprache berät?

Wenn ich das Allgemeinste und Kürzeste über diese fünf Jahrzehnte „des Arbeitens“ sagen müßte, wäre das Folgendes: Es war und bleibt ein unermüdlicher und ununter­brochener Prozess des Selbst­beobach­tens, -begrei­fens und -arti­kulie­rens, in dem Elke Erb ihre, die ihr gegebene Sprache immer weiter verfeinert, schleift und spitzt, als ein Werkzeug, als ein Skalpell beispielsweise, mit dessen Hilfe sie sich selbst seziert, jede Bewegung ihrer eigenen Wahr­nehmung festhält, jedes Gefühl, jeden Gedanken. Von Anfang an, ab den frühesten Büchern kann man diese Selbst­erfor­schung verfolgen, die keine Details, Färbungen, Untertöne, und seien es auch nur die kleinsten, einer äußeren Räson, zum Beispiel jeglichem Formzwang, opfern will oder kann. Unter anderem deshalb kommen die berühmten erbschen Kommentare und Kommen­tare zu Kommentaren zur Ent­faltung, die zum Bestandteil des poetischen Textes wurden: Jede genau festgehaltene Regung will noch weiter erklärt, präzisiert, unter einem anderen Blick­winkel gesehen werden. Die Geschichte des Schreibens bei Elke Erb war immer eine Geschichte des Selbstbegreifens und der Selbst­kommentierung. Und weil ich kaum eine andere Person kenne, die sich so oft und so grund­legend geändert hat, wie Elke Erb es im Laufe der anderthalb Jahr­zehnte tat, die wir uns kennen, mußte das Feld für dieses Verfahren immer vorhanden sein, immer unerschöpflich, immer neu. Mußte und muß. Wahrscheinl­ich hängt das auch damit zusammen, dass etwas Genanntes, besonders wenn es so genau genannt wird und so ausführlich kommentiert, nicht weiter so existieren kann – es muß sich ändern; so wird bei einem Dichter eine beschleunigte Selbst­erneuerung provoziert.

Unter diesen vielen Selbster­neue­rungen gab es aller­dings einen Moment, wo Elke Erb nicht nur sich änderte, sondern ihr lyrisches Verfahren umkehrte, um nicht zu sagen umstülpte, wo sie eine lyrische Konter­revo­lution beging, deren Ergebnisse sich noch in der Geschichte der deutschen Lyrik zeigen werden. Ich spreche jetzt über „Sonanz“, für meine Begriffe eines der bedeutendsten Lyrikbücher der deutschen Sprache.

Jeder weiß heute, wie „Sonanz“ entstand. Über ihre 5-Minuten-Notate sprach Elke Erb oft, und manchmal, zum Beispiel in der Vorbe­merkung zu „Sonanz“, ziemlich ausführlich. Aber ich möchte das jetzt ganz einfach, ganz technisch haben: „... auto­matisch aus mir heraus gelockt worden. Fast jeden Tag. Kein Thema, nur ein Datum. Keine Vorgabe am besten. Keine Idee vorher, was du schreiben wirst...“ – das hier habe ich im Schweizer Radio gehört.

Über das altgediente Verfahren des auto&matischen Schreibens sagt sehr trefflich eine russische Lite­ratur­wissen­schaft­lerin, die Oberiuten-Spezia­listin Anna Gerassi­mowa: Das automatische Schreiben ist nicht so einfach, wie es scheint. Es setzt das Ver­trauen in die eigene innere Stimme voraus, die Fähigkeit, diese Stimme ehrlich, ohne Beschö­nigung und ohne besondere Verluste und Verzer­rungen zu fixieren, und – die Haupt­sache! – es setzt eine Bedeut­samkeit dessen voraus, was hinter der inneren Stimme steht. Wenn diese dritte Voraussetzung nicht erfüllt wird, wird das Ergebnis des freiesten und authenti­schsten automatischen Schreibens für niemanden interes­sant, vielleicht mit Ausnahme eines Psychiaters.

Ich sehe eine gewisse Ironie darin, dass Elke Erb in ihrem ewigen Streben nach Ver­feinerung, zwecks Erkundung ihres Selbst, ihres Instruments, der Sprache, eine Umkehr – anfangs, vermute ich, unbewusst – vorge­nommen hat. In „Sonanz“ hat sie, durch die Anwendung dieses Verfahrens, nicht mehr die Sprache gespitzt und geschliffen, sondern sich selbst „instru­men­talisiert“. Entsprechend erreichte sie, wie sich herausstellte, statt des eigenen Unter­bewusstseins das Unter­bewusstsein der Sprache (die Sprache, und wahr­schein­lich auch die Elke, hat nichts Unbewusstes in sich, nur diese immer zu erweiternde Schicht unter dem Bewussten und Definierten, deshalb nehme ich dieses von den Freudianern ungeliebte Wort). Also, zum Werkzeug, zum Skalpell wurde in „Sonanz“ das Ich der Autorin, und die Sprache wurde zu demjenigen, dessen Unter­bewusstsein erkundet wird, seziert und stimuliert, auch durchs Stechen. Und am Ende sich artikulieren darf.

Und was sehen wir in „Sonanz“, welche Erkennt­nisse brachte uns dieses Buch? Sehr viele, ich kann sie nicht alle auf­listen! Eines der wichtigsten: Das Unter­bewuss­tsein der Sprache ist voll von kristallo­graphischen Strukturen, von metri­schen, strophi­schen und reimischen Elementen, von Spuren der Kultur- und Literatur­geschichte. Ich unterstreiche: von Elementen, nicht von fertigen Sachen! In keinem anderen von Elke Erbs Büchern erinnern ihre Gedichte stellenweise so an „Gedichte“, nirgendwo sonst in ihren Texten singt sie von Zeit zu Zeit so harmonisch und bitterlich. Was für eine Ehrlichkeit, oder sagen wir besser: Fairness wurde von einer Autorin verlangt, die fünf Jahrzehnte lang alles „Künstliche“, alles „Kultur­konser­vative“, alles „Singende“, alles „Literarische“, was in Bezug auf die Lyrik alles „Vers­techni­sche“ bedeutet, kurz gesagt, alles „Persön­lichkeits­fremde“ wegräumte, um die maximale persönliche Authentizität ihrer Texte zu erreichen, und jetzt, beim Bearbeiten, beim Nachfeilen ihrer 5-Minuten-Notate, diese Elemente nicht nur „so lassen“, sondern auch deutlicher, klarer, präziser, ausge­prägter machen musste!

Dieses umgekehrte Kommuni­zieren mit der Sprache stelle ich mir nicht einfach vor. Elke ist stur, und die Sprache ist giftig:

Sprache, du bist blöd, sagt Elke. – Recht hast Du, sagt die Sprache. Du hast mir eins meiner größten Geheim­nisse entlockt: Ich bin blöd, und das ist das Schönste an mir!

„Sonanz“ zeigt in unge­heurem Ausmaß, was für ein unge­heures Potenzial das „Verskon­servative“ in der deutschen Sprache, der deutschen Lyrik immer noch hat. Was für Möglich­keiten noch vorhanden sind, die im Unter­bewusstsein der Sprache konserviert waren und nach Ausleben verlangen. Die Auswirkung dieser Tatsache wird sich noch zeigen bei den kommenden Generationen, und vielleicht wird dieses Buch noch als eines der einfluss­reichsten, schick­sals­trächtigs­ten Lyrik­bücher der deutschen Lite­ratur­geschichte geführt werden.



  Elke Erb
Meins
Hrsg. von Christian Filips
roughbook 006; 2010
11 EUR

Elke Erb
Deins. 31 Reaktionen auf Elke Erb
Hrsg. von Urs Engeler u. Christian Filips
roughbook 013; 2011
10 Euro
Oleg Jurjew   30.05.2011 / 06.06.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Elke Erb
Poetics
Laudatio
Lyrik