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Elke Erbs
Poetics  1



Rainer Maria Rilke
Abend

Der Abend naht. – Die klare Zone
der Stirne schmückt ein goldner Reifen,
und tausend Schattenhände greifen
verstohlen nach der roten Krone

Die ersten blassen Sterne liebeln
ihm zu: er steht hoch am Hradschine
und schaut mit ernster Träumermiene
die Türme und die grauen Giebeln.


Man muß / kann ja nicht alles auf einmal erfassen / begreifen: Warum, woher, wieso, wohin? Der Verfasser ist 20 Jahre alt oder jünger, in Prag geboren, die Jahreszahl der Sammlung („Das Larenopfer“) ist 1896, im Buch steht sie als erste Sammlung (von dreien) unter Erste Gedichte, 120 Seiten weiter sind die folgenden überschrieben mit Frühe Gedichte. Ich habe auch weitergelesen im jungen R., meist liest man ja den späten. Seltsam, wenn sie anfangen, erwecken die Sammlungen Hoffnung auf Fortschritte, aber dann fließt es wieder dahin und man wundert sich. Also man versteht es nicht, wieso es so dahinfließt. Wann beginnt es denn nun wirklich? Vergleiche ihn nicht mit Hugo von Hofmannsthal in etwa gleichem Alter, zu etwa der gleichen Zeit, oder anderen ... Das führt zu weit!
  Ich habe vor, meine poetologischen Dogmen öffentlich (vor Ihnen, liebe Leser) zu artikulieren, sie mal loszuwerden. Vielleicht verlieren sie sich ja dabei, wenigstens so weit, daß ich nicht immer wieder dasselbe denke (stutze wegen desselben und mich ärgere), sondern sogar da mal, bei immer demselben, einen Schritt weiter finde.
  Also: der erste Vers hat Spannung. Angenehm ist sie vor allem lautlich. Der zweite Vers ist ein Scheinvers. Er hat keine Selbständigkeit. Sieht man ihn selbständig, dann ist das der des Genitiv-Attributs ein Dativ, und zwar ein sinnloser. Der Stirne schmückt ein goldener Reifen was?
  Ich meine, und zwar nicht theoretisch, sondern dem Gefühl folgend, Verse sollten ein Eigenleben haben. Wenn man es ihnen nicht gibt und das übergeht, wie es hier geschieht, spielt sofort mit, daß man es übergangen hat. Das Gedicht ist ein Ganzes. Seine Teile haben ein Interesse aneinander und eine Wirkung aufeinander. Es kann durchaus Gedichte geben, bei denen solche Defekte mitspielen, im Spiel sind, und gewiß sind nicht syntaktische oder semantische Einheiten störrisch verlangt.
  Bei Vers 2 da oben geht es nicht um ein Mitspielen, sondern schlechthin um eine Lusche. – Rückwirkend von der Lusche her wird auch die erste Zeile beschädigt: Die Spannung kann nicht gehalten werden, Die klare Zone wirkt nun gegen deinen Willen komisch. – Vers 3 und 4 befriedigen wieder, schade um sie. Man möchte sie behüten vor ihrer Umgebung.

Bei der zweiten Strophe hebt sich das familiäre liebeln als Bild für das Flimmerns zunächst angenehm überraschend ab, denn sehr oft werden von R. die Sterne bemüht, sozusagen blanko. Es wirkt als hätte man ein Kind mit einem Schachtelspielzeug, in dem sie Effekt machen, alleingelassen – da wäre noch Wind, Himmel, Abend, s.o., und weiteres ... ). Ja aber das liebeln, stellt sich heraus, erzwingt den falschen Plural die grauen Giebeln, oder schlimmer, es wurde von Giebel aus gesucht nach einem Reimwort, und so kamen die Sterne wieder und mußten liebeln, wegen des Anklangs usw., ein elender Handel hin und zurück.
  Und gleich darauf soll ich ein Auge zudrücken (während ich genau hinsehe, um ihm zu folgen in sein Gedicht) und dieses Dativ-e bei Hradschine dulden, das nicht nur grottenhäßlich, sondern auch falsch ist: nach unbetonten Silben hat kein Dativ-e zu stehn. Reimpfusch dieser Art kommt alle Nase lang vor, und nicht nur, wenn man, weil man die Sprachen nicht beherrscht, sich mit Nachdichtungen behelfen muß. Sondern auch bei Leuten, von denen man es nicht erwartet hätte. Das soll schön sein, stimmig sein, stimmen? Das soll verzerrt sein? Besonders apart sind die, die nur für die Augen reimen! Es ist alles möglich in einem Gedicht, aber es muß ins Spiel gebracht sein. Wenn dir der Pfusch recht ist, wozu brauchst du dann noch Gedichte?

Ein Anfänger? – Keine Ausrede! – Die Ausrede leugnet / streicht weg die Bedingungen, die die Kindeswürde stellt – die Kindes-Würde, -Aufrichtigkeit, -Intelligenz; negativ: -Skepsis, -Anpassung/-Vorsicht, -friedfertigkeit.

Wie zu erfahren war, kommt man mit einem Schritt, mit einem ersten oder entscheidenden, aus dem Negativ-Set heraus (zu sich). Die Verhältnisse sind sich zu erlösen bereit, wenn man nicht wirksam anders beschlossen hat oder blockiert ist. Die Wiederholung einer Korrektur wie der, einem Vers sein Eigenleben zu gönnen, könnte diese Bereitschaft erwidern, so daß sie nicht abstirbt, mindestens, – bis sie wirksam günstig über ihre Chance entscheidet.

Bei den Frühen Gedichten (Stufe 2 des Anfängers) kam ich auf eine leider für das Gedicht nicht mögliche, aber für den Vers an sich interessante Korrektur, die ich vorführen möchte, weil ich mit ihr zeigen kann, daß es mir, wenn ich, es geschieht oft!, einem Defekt wie dem in Vers 2 begegne, nicht schlechthin um biedere Plausibilität geht. (I my ne lykom šity – wir sind auch nicht von Bast genäht, wie man in den Weiten Rußlands ehemals hörte). Das Gedicht beginnt so:

Und einmal lös ich in der Dämmerung
der Pinien von Schulter und vom Schoß
mein dunkles Kleid wie eine Lüge los [...]

Statt der Pinien von Pinien – und der Vers wäre für sich selbst gerettet: von Pinien von Schulter und vom Schoß. Aber leider ... Verheerend.
  Hier noch ein Beispiel aus Rilke, abermals den Frühen Gedichten, wo ich nun meine, es könne so bleiben (dritte Strophe des Gedichts):

In das langsam versinkende
Fenster stieg eine blinkende
blaue Blume zur Schau.

Fenster stieg eine blinkende – drei Teile und nicht: ein Loch im Zusammenspiel. Fenster verrät nicht, was es will, aber mit ihm entsteht Spannung, obwohl es ebenso ein Rest-Teil des Verses zuvor ist wie der Stirne in "Abend". Blickt man eine Weile darauf, erntet man auch Antwort auf die Frage "warum?"
  Im Unterschied zur ersten und zur dritten, letzten Strophe (die hier außen vor bleiben werden) ist diese intakt, kann man sagen.
 Nach meinem Ermessen sind meine poetologischen Bemerkungen nicht theoriefähig. Ich würde auch eine poetologische Erörterung eines z.B. mit einem solchen Rest-Teil funktionierenden Gedicht-Ganzen weder schreiben noch lesen wollen. Selbst das Jenseits ist lebendiger (jedenfalls bei Dante) als ein solches Protokoll sein kann.

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Elke Erb   11.11.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Elke Erb
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