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Volker Braun

Das Eigentum  –  Abschied und Auflehnung

Hammer und Banane  

In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gibt Wolf Wondratschek in seinem Gedicht In den Autos der Sehnsucht einer Generation im Westen Deutschlands eine Stimme. Ihr Surrogat für die aufgegebene Utopie ist der Süden. Am Ende des 20. Jahrhunderts dagegen haben viele Menschen im Osten Europas, ob aus Moskau, Prag, Ostberlin oder Leipzig eine schwärmerische Vorstellung von Freiheit. Sie haben den Vormundschaftstaat satt. Ihr Ersatz für den verordneten Traum vom Sozialismus, ihre Sehnsucht, ihr Fluchtpunkt heißt Westen. Von Berlin bis Bukarest brechen sie auf. Die Zeit der großen Wende im Osten Europas bricht an, bringt Regime ins Wanken und die Mauer zu Fall.

In der DDR machen sich die Menschen auf den Weg, den von ihren Regierenden totgesagten Park Kapitalismus anzuschauen. Marius Müller-Westernhagens Freiheit und die Scorpions mit wind of change und Heino tönen aus allen Autoradios, ob Trabi, Skoda, Wartburg oder Saporoshez. Tausende besuchen zum ersten Mal die fremde Welt. Ein aromatischer Benzingeruch liegt überall schwer in der Luft. Go West - Go Trabi, Go, heißt die Devise. Eine Bevölkerung kostet das süße Wort Freiheit. Es fliegt vor ihr her wie eine Feder im Wind, führt sie in überfüllte Supermärkte, in Musikläden und in die Sexshops. Die Forrest Gumps kommen aus den Plattenbauwohnungen oder Altbaudomizilen mit Außentoilette im Treppenhaus. Sie sind aus Karl-Marx-Stadt, Eisenhüttenstadt, Bitterfeld und anderen Orten der DDR. Eine Treuhand kennen sie noch nicht. Die Begriffe Abwicklung, Evaluierung, Arbeitlose, ABM, Sozialhilfe und Obdachlosigkeit sind ihnen allenfalls bekannt aus dem Westfernsehen und dem „Schwarzen Kanal“ des Deutschen Fernsehfunks.

Gleichzeitig findet eine deutsch-deutsche Kulturdebatte statt, in der Ullrich Greiner anmerkt, dass es gerade noch die deutsche Grammatik sei, die prominente Intellektuelle der DDR mit der Kultur der Bundesrepublik verbinde. „All jenen DDR-Autoren, die sich nicht bedingungslos von ihrer Geschichte, ihren Hoffnungen und ihren Idealen trennen wollen, sollten mit ihren realsozialistischen Seelen bleiben, wo der Pfeffer wächst“, schreibt Greiner. Der DDR-Lyriker Volker Braun nimmt dies zum Anlass, sein Gedicht Nachruf zu veröffentlichen, das er später in Das Eigentum umtitelt.

Das Eigentum

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.
KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magre Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.
Und unverständlich wird mein ganzer Text.

Es ist ein trauriger Text, eine Art Bilanz eines Dichterlebens, das den Grund für seine Arbeit, sein Land, seine Gesellschaft verlor. „Und unverständlich wird mein ganzer Text“, schreibt Braun und meint, dass alle seine im Sozialismus gemachten Erfahrungen und Texte im Umfeld der kapitalistischen Verhältnisse unverständlich werden. Braun hat, ähnlich Christa Wolf oder Helga Königsdorf, affirmativ und dialektisch-kritisch die Entwicklung der DDR mit großem Engagement begleitet und ist dabei immer haarscharf an der Dissidenz vorbeigeschrammt. Noch 1987 sagt Volker Braun in einem Gedicht: „Ich bleibe im Lande und nähre mich Osten … noch bin ich auf dem Posten“ und variiert damit den Psalm 37,7 „Bleibe im Lande und nähre dich redlich“ auf seine Weise als Aufforderung zum Aushalten. Das Gedicht Das Eigentum ist eine Auseinandersetzung mit Hölderlins Versen Mein Eigentum. Hölderlin besingt in seinem Gedicht das Refugium der Poesie, das dem Poeten die Widrigkeiten seiner Zeit aushalten und überleben lässt. Die Umkehrung des Büchnersatzes aus dem Hessischen Landboten „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ in „Krieg den Hütten, Friede den Palästen“ durch Volker Braun hat prognostisch-dystopische Züge.

„Was ich niemals besaß, wird mir entrissen./ Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.“ Diese Zeilen ähneln einem klassischen elegischen Distichon und machen den Verlust an Utopie bewusst. Das Prinzip Hoffnung „lag im Weg, wie eine Falle“ und versperrt die Sicht auf die realen subjektiven Befindlichkeiten und Bedürfnisse einer Bevölkerung, die sich um den Dichter Braun nicht schert und ihr Land verlässt, eines Sozialismus müde, der seine emanzipatorischen Kräfte nicht entfalten konnte. Die Jenseitsversprechen, der mangelnde Realitätssinn und das permanente Misstrauen der Regierenden tun das ihre.

Dem kalten Winter dogmatisch-enger Politik in der realsozialistischen DDR folgt der Sommer der Begierde, durchaus doppelsinnig. Einerseits kritisiert Volker Braun damit die ungehemmte Konsumsehnsucht seiner Mitbürger, um andererseits auch die Gier des westlichen Kapitals anzuprangern. Verstärkt wird letztere Aussage durch den Vers „Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle“, eine direkte Anspielung auf den Bundesadler (Kralle) . Trotz seiner Melancholie des Abschiedes hat diese Elegie einen an Rimbaud angelehnten aufsässigen Ton.

„Im Scheiden bleibt das Gewesene Jetzt anders bei uns, vor allem wenn es nicht zu Ende gelebt wurde, also spukt“, schreibt Ernst Bloch in seinen Spuren. Brauns Wann sag ich wieder mein und meine alle ist nicht nur eine rhetorische Schlussphrase, sondern auch ein trotziger Appell mit Fragezeichen.

© Lutz Hesse

Ulrich Greiner: Der Potsdamer Abgrund. Anmerkungen zu einem öffentlichen Streit über die „Kulturnation Deutschland“. In: Die Zeit Nr. 26 / 1990.

Ernst Bloch: Spuren. Berlin, Paul Cassirer 1930

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Literaturangaben  –  Lyrikbände

Volker Braun
TEXT + KRITIK
Zeitschrift für Literatur.
Herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold
Heft 55 von 1977, 65 Seiten
ISBN 3-921402-40-9


 

Volker Braun
Auf die schönen Possen
Gedichte
Frankfurt: Suhrkamp 2005
ISBN 3-518-41671-5

Volker Braun
Lustgarten, Preussen
Ausgewählte Gedichte
Frankfurt: Suhrkamp 2000
ISBN 3-518-39624-2

Volker Braun
Tumulus
Gedichte
Frankfurt: Suhrkamp 1999
ISBN 351841027X

Volker Braun
Langsam knirschender Morgen
Gedichte
Frankfurt: Suhrkamp 1987

Volker Braun
Training des aufrechten Gangs
Gedichte
Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 1979

Volker Braun
Wir und nicht sie
Gedichte
Frankfurt: edition suhrkamp 1970

Volker Braun
Vorläufiges
Gedichte
Frankfurt: Suhrkamp 1966

 

Lutz Hesse
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