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Oskar Pastior und Quirinus Kuhlmann

Heimat, Welt und Liebeskuss

Der Wechsel menschlicher Sachen

Alles wechselt, alles liebt,
Alles scheinet was zu hassen:
Wer aus diesem nach wird denken,
Muß der Menschen Weisheit fassen.

Quirinus Kuhlmann (1651 - 1689)

„Denke nicht, dass man traurig sein muss, um militant sein zu können - auch dann nicht, wenn das, wogegen man kämpft, abscheulich ist!“, schreibt Michel Foucault in seinem Dispositive der Macht.

Oskar Pastior
Oskar Pastior
(1927-2006)

Ob der 1927 in Hermannstadt/Sibiu geborene Oskar Pastior diesen Satz unterschreiben würde, wäre fraglich. Nicht zu bezweifeln ist, dass Pastior nach dem Zweiten Weltkrieg in den sowjetischen Deportationslagern zwischen Hunger und Elend jenen Sprachhumor entwickelt, der ihn damals überleben half und ihn heute an die Seite von George Perec, Raymond Quenau und Italo Calvino führt. Sie alle sind Mitglieder der Gruppe Oulipo. Diese Gruppe von Autoren rekrutiert sich anfangs aus dem Collège de Pataphysique; in Paris 1948 gegründet, verzeichnet es in seinen Reihen eine stattliche Anzahl prominenter Schriftsteller und Künstler, so zum Beispiel Arrabal, Eco, Miro, die Marx-Brothers, Eugene Ionesco und Man Ray.

Ähnlich wie bei Jandl und Thomas Kling - mit sehr versteckter gesellschaftlicher Relevanz - sind die Verse Pastiors Sprachspiele, die mathematisch unterfüttert das Absurde der menschlichen Existenz, ihre Ratlosigkeit angesichts des Ernstes in der Welt in einen artifiziellen Humor verwandeln. Oskar Pastior bildet Kommunikation in einem Sprachkosmos ab, der jenseits von Moralphilosophie Strukturen und Sinngehalte von Sprache aufbricht.

Am Anfang war das Phonem. Erst ein Klang weist dem Wort den Sinn zu. Oskar Pastior, aufgewachsen im vielsprachigen Transsylvanien, spielt in seinem Werk witzig und melancholisch das Alphabet der Poesie durch - mit Anagrammen, Palindromen, Homophonen und Akronymen. Traditionen persiflierend und ernst nehmend, stellt er sich in die Reihe der Sprachspieler, Wortschöpfer und Chiliasten, der Träumer und Phantasten, die zu allen Zeiten der Weltgeschichte die Treibmasse, die Hefe der Literatur und Kunst gewesen sind.

In einem Sonett würdigt Pastior den deutschen Barockdichter Quirinus Kuhlmann, der im Oktober 1689 in Moskau bei lebendigem Leib als Ketzer verbrannt worden ist.

quirinus kuhlmann

anquila minus ulk
al arnim kum huhu
runk siman liquis
mirakuli quarquar

uns klimus huisma
quasi hui mas aku
manu suhl quiquil
mis kuliam sirius

maniqquin haikulin
hark hausmas inri
in kurku musiquin

hu mia maskularia
makulakulma quali
hilquin sua muska

In vielen Klangfarben variiert Oskar Pastior den Namen Quirinus Kuhlmann. Das Schicksal Kuhlmanns im Kopf, verweist Pastior mit Wortfetzen und klanglichen Ähnlichkeiten auf die chiliastischen Eigenschaften und das Ende des Dichters, das Ende eines protestantischen Mystikers. Im letzten Stadium seines Lebens sah Kuhlmann sich Jesu gleich als König des neuen gerechten Reiches, für das er in ganz Europa bis in die Türkei hinein warb.

anquila minus ulk kann so viel bedeuten wie ernster Engel. In der Fügung mirakuli, inri, sirius wird, neben dem Wort Wunder, Bezug genommen auf Kreuzesinschrift und Hundsstern - Begriffe, die uns Kuhlmann näher bringen. Im hu mia maskularia findet sich der Schrecken Kuhlmanns im Dichter Pastior wieder. Hu - meine Maske! Meine Maskerade! Die Persona Kuhlmann wird zur Maske Oskar Pastiors, dessen Leben erst unbedrohte Möglichkeit wird, als er 1968 aus dem Rumänien Ceausescus kommend in Westeuropa Fuß fasst.

Der Siebenbürger Erzähler Erwin Wittstock (1899 - 1962) bringt in einem kleinen Satz den Begriff Heimat auf einen außergewöhnlich kurzen Nenner, er schreibt: „Heimat ist ein Mensch!“ Oskar Pastiors Heimat ist die Sprache, ihre autochthone Erneuerung ist ein fantasievolles großes Spiel, dass er klanglich und intellektuell begreift.

© Lutz Hesse

Der Wechsel menschlicher Sachen zitiert aus Quirinus Kuhlmann: Himmlische Libes- Küße. quirinis kuhlmann zitiert aus Oskar Pastior: Jalousien aufgemacht.

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Quirinus Kuhlmann
Der Wechsel menschlicher Sachen (1671)

Auf Nacht, Dunst, Schlacht, Frost, Wind, See, Hitz,
Süd, Ost, West, Nord, Sonn, Feur und Plagen
Folgt Tag, Glanz, Blut, Schnee, Still, Land, Blitz,
Wärm, Hitz, Lust, Kält, Licht, Brand und Not:
Auf Leid, Pein, Schmach, Angst, Krieg, Ach, Kreuz,
Streit, Hohn, Schmerz, Qual, Tück, Schimpf als Spott
Will Freud, Zier, Ehr, Trost, Sieg, Rat, Nutz,
Fried, Lohn, Scherz, Ruh, Glück, Glimpf stets tagen.
Der Mond, Gunst, Rauch, Gems, Fisch, Gold, Perl,
Baum, Flamm, Storch, Frosch, Lamm, Ochs und Magen
Liebt Schein, Stroh, Dampf, Berg, Flut, Glut, Schaum,
Frucht, Asch, Dach, Teich, Feld, Wies und Brot:
Der Schütz, Mensch, Fleiß, Müh, Kunst, Spiel, Schiff,
Mund, Prinz, Rach, Sorg, Geiz, Treu und Gott
Sucht's Ziel, Schlaf, Preis, Lob, Gunst, Zank, Port,
Kuß, Thron, Mord, Sarg, Geld, Hold, Danksagen.
Was gut, stark, schwer, recht, lang, groß, weiß,
Eins, ja, Luft, Feur, hoch, weit genennt,
Pflegt bös, schwach, leicht, krumm, breit, klein, schwarz,
Drei, neun, Erd, Flut, tief, nah zu meiden.
Auch Mut, Lieb, Klug, Witz, Geist, Seel, Freund,
Lust, Zier, Ruhm, Fried, Scherz, Lob muß scheiden,
Wo Furcht, Haß, Trug, Wein, Fleisch, Leib, Feind,
Weh, Schmach, Angst, Streit, Schmerz, Hohn schon rennt.
Alles wechselt, alles liebt,
Alles scheinet was zu hassen:
Wer aus diesem nach wird denken,
Muß der Menschen Weisheit fassen.


Quirinus Kuhlmann: Himmlische Libes- Küße

Leipzig: 1671
Reprint hrsg. von Birgit Biehl-Werner
Tübingen: M. Niemeyer 1971
ISBN: 3484160195
ab 6,99 Euro im Antiquariat

 

Literaturangaben

Oskar Pastior Literatur Oskar Pastior
Minze Minze flaumiram Schpektrum

München: Edition Akzente Hanser
Werkausgabe Bd. 3
ISBN: 3446204164
ab 13,50 im Antiquariat
Hierin einige der bekanntesten Pastior-Werke: Ein Tangopoem, Der krimgotische Fächer, Wechselbalg


 

Oskar Pastior: Jalousien aufgemacht

Ein Lesebuch. Herausgegeben v. Klaus Ramm
München: Carl Hanser Verlag 2002
ISBN: 3-446-15008-0
17, 90 Euro

Michel Foucault: Dispositive der Macht

Über Sexualität, Wissen und Wahrheit
Berlin: Merve Verlag 1978
(Zitat S. 229)
10 Euro

Erwin Wittstock: Zineborn

Erzählungen 1920-1929
Berlin: Union Verlag 1982
ab 3,15 Euro im Antiquariat

 

Lutz Hesse
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