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Ernst Jandl

Konsonantenschlacht

Ohne Scharade, sehr direkt und fast gewaltsam verarbeitet Ernst Jandl, ähnlich den französischen Symbolisten und dem deutschen DADA, lautmalerisch die Schrecken des Krieges:

schtzngrmm
schtzngrmm
t-t-t-t
t-t-t-t
grrrmmmmm
t-t-t-t
s-------c-------h
tzngrmm
tzngrmm
tzgrmm
grrmmmmm
schtzn
schtzn
t-t-t-t
t-t-t-t
schtzngrmm
schtzngrmm
tssssssssssssssssssss
grrt
grrrrrt
grrrrrrrrrt
scht
scht
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
tzngrmm
tzngrmm
t-t-t-t-t-t.t-t-t-t
scht
scht
scht
scht
scht
grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
t-tt

Ernst Jandl
Ernst Jandl (1925 - 2000)

Sprache wird zum Klangmaterial! Die Verluste des Krieges, die Sprachlosigkeit des Menschen, die verlorenen Vokale! Die Toten, das Rattern der Maschinengewehre, die Detonationen der Artillerie, das scht der Flammenwerfer sind groteske klangliche Realität. Am Ende des Textes hört man deutlich die logische Konsequenz des Schützengrabens im t-tt, das ohne Zweifel das Adjektiv tot akustisch meint. Jandls Materialschlacht ist ein Antikriegsgedicht, das ohne gut gemeinte Belehrung auskommt. Der Mensch, angesichts der in Buchstaben und Laute zerlegten Furie Krieg, wird auf sich selbst zurückgeworfen.

Ein Blick zurück zu Ezra Pound: In den letzten Versen der Pisaner Cantos lässt er uns seine Form der Geworfenheit ahnen. Pound, der sich freiwillig der US-Miltärverwaltung stellt, wird ähnlich den Gefangenen im heutigen Guantanamo gehalten. Ein extra für ihn gebauter Käfig ersetzt auf lange Zeit dem Poeten Pound das Heim: Kommt Rauhreif nieder auf dein Zelt / Wirst du heilfroh sein, wenn der Tag sich hellt.

Aus seinem Käfig heraus beobachtet er Insekten, Ameisen, die eifrig wandern, Wespen, die ihr Nest bauen, Vögel, die den Stacheldraht in Notenlinien verwandeln: La vespa, la vespa, Lehm, auf Schwalbenart...

Erinnerungen an tote und abwesende Freunde leisten ihm in der Einsamkeit der Gitter Gesellschaft. Oft befällt ihn tiefe Verzweiflung: die Einsamkeit des Todes kam über mich / (um drei Uhr Nachmittags für einen Augenblick)

Ezra Pound
Ezra Pound (1885 - 1972)

Von Pisa wird Ezra Pound in die USA verbracht. Dort entrinnt er einer drohenden Todesstrafe und wird für zwölf Jahre in die Psychiatrie gesperrt. Sein seitenverkehrter Blick, der nie vergessen werden darf, sollte ihm auf unmenschliche und grausame Art vergolten werden. Es sind Hemingway, Arthur Miller, Pablo Neruda und viele andere, die sich um seine Freilassung bemühen. Ende der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts betritt Pound wieder europäischen Boden. Er nimmt Quartier bei seiner Tochter in Dorf Tirol. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt der nun fast verstummte Sänger der Moderne in San Ambroglio/Rapallo und Venedig.

Einer italienischen Journalistin gegenüber äußert Pound: "Meine Absichten waren immer gut, aber ich habe in der Wahl des Weges geirrt. Ich habe schwere Irrtümer begangen! Ich war ein armer Dummkopf, der sich die Welt wie durch ein verkehrtes Opernglas ansah. Die richtige Einsicht kam zu spät... "

© Lutz Hesse

Die Ezra-Pound-Zitate stammen aus dem Canto LXXXIV

Literaturangaben

Ernst Jandl: lechts und rinks

Gedichte, Statements, Peppermints
München: Luchterhand-Literaturverlag 1995
ISBN:363086872X
ab 9,50 Euro im Antiquariat

Ernst Jandl: lechts und rinks Als Taschenbuch:
Luchterhand Nr. 2043
Literaturverlag 2001
ISBN: 3-630-62043-4
9,50 Euro



Ernst Jandl: Laut und Luise

Neuwied und Berlin: Hermann Luchterhand Verlag 1971
ISBN: 3630620302
ab 9,50 Euro im Antiquariat


Ernst Jandl: Letzte Gedchte

Luchterhand Literaturverlag 2001
ISBN: 3-630-62001-9
9,50 Euro


Interpretationen. Gedichte von Ernst Jandl

Kristina Pfoser und Volker Kaukoreit (Hrsg.)
Stuttgart: Reclam 2002
ISBN: 3-15-017519-4
4,60 EUR

 

Lutz Hesse
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