Steffen Popp
Kolonie Zur Sonne
Du nennst es Pathos, ich nenn' es Leben
„O sink hernieder, / Nacht der Liebe, / gib Vergessen, / dass ich lebe; / nimm mich auf / in deinen Schoß, / löse von / der Welt mich los!“ Das ist Tristan und Isolde. Komponiert für einen „Lastwagen ins Himmelreich“. So Thomas Mann. Thomas Mann in der Lyrik? Thomas Mann in der Lyrik. Nicht, um sich aufzuschwingen in himmlische Höhen, sondern Kolonie zur Sonne drängt zur Erfüllung der Sehnsucht nach der Idee des Guten; ein romantischer Pilgerzug durch den Impressionismus mit Platons Ideenlehre auf den Fahnen; weg von der fehlerhaften Tatsächlichkeit des Wirklichen, in Kontemplation mit Pilgervätern wie Novalis, Rilke, Hofmannsthal und, ja, Brinkmann.
Die Kolonie entspringt einer diffusen Spannung zwischen gekreuzten Elektroden: Tag und Nacht, Sonne und Sterne, Steigen und Sinken. Aus einer Plastikwirklichkeit als Abbild erhascht man in einer archaischen Traumwelt einen Blick ins Urbild. Ständig baut sich diese Spannung, der die Auflösung versagt bleibt, auf vielen Ebenen auf. Energieaufladung, die sich in etwas Höheres entlädt, und gezielt darauf hindrängt durch Leitmotivtechnik, die die Pole als Denotate stets neu konnotiert. Kolonie Zur Sonne ist immer in Bewegung, ist progressiv zwischen Ästehtizismus und Wirklichkeit, gesehen mit Augen wie ängstliche Träume.
Die Wirklichkeit gilt es zu durchstoßen. „Die Nacht öffnet noch einmal den Kosmos“. Mikrokosmos und Makrokosmos, Metaphyik und Profanität im raschen Wechsel. Diese Romantik ist beinahe brutal mit „Risse am Firnis“. Die Antipoden werden bei Popp immer extremer. Einerseits die Mimesis der industriellen Plastiknatur mit Kunstgras, mit „Felle aus Chrom und Kunststoff“ und Sternen aus Kunstlicht, andererseits entrückt das Erhabene immer mehr in unerreichbare Weite. Angesiedelt ist der Übergang zur Transzendenz am Meer, „Das zum Weltraum hin offene Meer“. Zum einen wie bei Novalis als ein Ort der Verbindung von Ekstase und Reflexion, zum anderen werden die Menschen hier durch das unendliche Meeresleuchten zu Lichtmenschen, zu Geschöpfen die sich selbst beleuchten. Alle Sphären werden aufeinander abbildbar.
Popp will keine ontologische Epiphanie verändern und überzeichnen, sondern eigene Bilder auf etwas Höheres – nicht ins Evidente hinein – projizieren. Er will das absolute Kunstwerk. Dazu verlässt er das Gedicht. Eigentlich ist er ein schreibend-bildender Künstler. Seine dichten Bildladungen entwerfen Gemälde mitunter mit formvollendeter Rahmung wie Selbstportrait am Renaissancefenster. Durch seine reflexiven Momente und das Prozesshafte malt Popp allerdings nie ein einziges Kunstwerk. Es geht um unabschließbare Universalität. Und deswegen kann es schon gar kein starres, unveränderbares Bild sein. Popp macht die Praxis stellenweise evident im Text.
„Die Decke ein Fresko, etwas mit Göttin und
Schaum, etwas mit Darwin, Kampf um Raum, mit Wollsocken
froren wir in dieser Nacht, träumten von Ezra Pound –
wie das Gebirge durchdringen, rief ich, ach, die verfestigte Zeit
verflüssigen, aber im Fließen sich halten, sich lösen, und halten
der Morgen, ein lachendes Ja, zwang uns durch Licht, Stadtlärm
und pulsendes Blut in der Gotik des Tags – Kitsch, sagtest du
Romanik ich, Rom sah uns zu: auch war es nicht Rom, nur eben
Raum, der bezeugte, wir träumten, verließen das Hotel – Gehirn
sagtest du, Gehörn ich, Geweih, Gestell du, Gewölk, dann Stille.“
Gewaltige Sprachbewegungen kennzeichnen Popp. Die Lebendigkeit – und das zeigen die Verse auch – kann zugleich mit Nichtigkeit einhergehen. Sowie dieser Sprachfluss sich progressiv entwickelt, wird bei Popp aber auch der Mensch von der Welt durchströmt. „wir brennen uns die Welt ein [...] von sinnlichen / Linien durchzogen, verzweigten Gefäßen / die Blut in diese Außenregion transportieren“. Der Mensch ist nur eine Durchgangsstation von Sinneseindrücken und die Grenze zwischen dem Ich und der Welt fällt. Diese durchflossenen Figuren „leben ein schattenhaftes Leben; sie erleben fast keine Taten und Dinge, fast ausschließlich Gedanken, Stimmungen und Verstimmungen […] sie denken übers denken, fühlen sich fühlen“ (Hofmannsthal). Popp braucht den Impressionismus eben nicht als Effekt-Hysterie-Hascherei; es ergeht keine fluchtartige Verpuffung von Kürzesterlebnissen und zurück bleibt das dissoziierte Ich, sondern die kurzzeitig beseelten Zustände produzieren frei nach Hermann Bahrs „nervöser Romantik“ Sehnsucht: „trunkene Luft [...] zog / durch unsere erdnahen Hirne direkt zum Mond, / den wir nicht erreichten.“ Die Eindrücke wirken ebenso zurück: „Das sich Verwandeln der Orte in uns“ und „deine Gedanken verändern dich, du, ihnen folgend / sie“. Natur ist keine Voraussetzung. Gegenstand ist sie nur, der in Bildsprache transformiert wird.
Die Grundlage des Ästhetischen ist für Popp aber auch die Sittlichkeit. Doch Ästhetik wird nicht mit eiserner Zwangsrationalität erreicht. Deswegen erfolgt auch ein Abgesang auf die Aufklärung: „schon in den Vorgebirgen des Seins / hörte das Denken auf, uns zu zerstören / also, zu existieren.“ Der Werteverlust wird vielmehr kompensiert durch den Wunsch nach antiker Ordnung „O Renaissance, o Klassik, Baumstumpf / und deine Spur geht durch alles / als wolle sie zeigen – Ich bin es – “. In Steffen Popp verbirgt sich ein heimlicher Pädagoge zur ästhetischen Erziehung.
„Aus der Zerstörung der Herzen wächst das Vertrauen
in Gott, wie Schimmel, wie Schnee, „unsere Zukunft“
(a-tropische Struktur, Gedanken ins Ungefähre)
verharrt, zieht sich zurück in Ethik, Agrarwirtschaft
der Eigensinn des Geschehens bewahrt uns vor Liebe
der traurige Schrei eines Esels sprengt Porzellan [...]“
Da ist schnell der Wunsch nach einem Ende der Geschichte erreicht. Und wer hat wohl die sinnlose Bewegung blinder Handlungsabläufe zuletzt am deutlichsten ausgestellt? Ja, Rolf-Dieter Brinkmann taucht auch in Popps Gedichten auf. Nur kann das bei Popp allenfalls parodistisch wirken. In ihrer Technik und der Verarbeitung der Vielzahl von Eindrücken sind sie sich vielleicht gar nicht so weit entfernt, aber Popp steht Brinkamnn diametral gegenüber, wenn es um die Frage geht, ob der konkreten Realität oder der literarischen Verarbeitung, der Transzendenz eine höhere Bedeutung zukommt. Nur allzu komisch wirkt es, wenn beim Auftritt Brinkmanns „der Horizont verstellt von Nussknackern, Bussen“ ist. Um die Beziehung zwischen Brinkmann und Benn noch mitzutragen, hätten es auch blaue Trolleybusse sein dürfen. Brinkmann jedenfalls ist überwunden.
„wirkliches Sein wird ewig schlafen, sah ich, das sinkende
Herz mit den Jahren Träume gebähren, Monstren
allein die Dunkelheit in dem Gehirn ernährt Gedanken
allerdings, in dem Moment war die Dunkelheit leer, zäh
und alkalisch, an sich gescheitertes Licht
Ein typischer Negersommer!“
Ja, in Steffen Popp steckt auch ein Komiker. „O elefantischer Pan im Porzellantrakt der Musen“. Das ist für das Zwerchfell. Auch das:„O Nacht, ich nahm schon, danke, hab Dank, / geh weg, [...] geh heim nach Finnland“. Dieses Gedicht O danke, Nacht, geh heim nach Finnland wird noch interessanter, wenn man es als Antwort auf Rilkes Gedicht Spätherbst in Venedig liest. Einem Geistesarbeiter wie Steffen Popp ist dies durchaus zu unterstellen. Vor allem, wenn man an seinen Umgang mit Thomas Manns Tristan denkt. Detlev Spinells Parabel der 7 Jungfrauen und das Wahnerlebnis gegen Ende mit dem Kind Anton Klöterjahn inmitten der „Gloriole der Sonnenscheibe“ wird von Steffen Popp in Tristan Gelände verdichtet zu „das Kind geht mit Schwertern / durch deinen Traum, legt Drainagen / öffnet das Herz an sieben Stellen / atmet“.
Das Kind ist bei Popp weiterhin frei nach Hofmannsthal ein „Angehöriger einer höchsten Welt: millenarische Anklänge“. Es symbolisiert nicht nur das Ich als Universum und leistet „Chirurgie gegen Erinnerung“, sondern taucht in diesem Zusammenhang auch in poeteologischen Gedichten auf. „ Signifikant: das Schicksal des Hamsters z.B. / der Spinnen. Das Kind sagt hier nur - kant: / legt wortgenau Gräber an. Redet so mit Toten.“ Immer wieder erfolgt die Selbstthematisierung der Poesie und der Sprache. Bei Popps sprunghafter Parataxe bekommen auch die Verse „Syntax / Visionen mit Sinn“ ihren eigenen Humor.
Kolonie Zur Sonne strotzt von Vitalität. Nicht nur durch die intertextuelle Dialogizität, sondern auch durch das Lyrische Du und die Beziehungen innerhalb der Gedichte. Popp gibt dem lebendigen Austausch durch Worten den toten Buchstaben den Vorzug. Dabei will er mit seinen Begriffen den ganzen Kosmos umarmen. Allein die Polysemie von auratisch beinhaltet viele verarbeitete Ideen. Da versteckt sich Aura, die wahnsinnige Göttin der Morgenbrise, aber auch Aura als „einmalige Erscheinung einer Ferne, die so nah sein mag“ (Benjamin) oder „das Magische“ (Adorno), und ebenso ist Aura ein Satellit und Astereoid als Sinnbild für die bei Popp so wichtige Wechselwirkung zwischen Kosmos und Welt. Schließlich meint auratisch auch noch ein labiles Moment der Hysterie und der Nervosität. Die Welt und den Kosmos in einem Wort erklären. Bei Steffen Popp ist das keine Unmöglichkeit.
Kolonie Zur Sonne ist ein Himmelskörper, von dem Unmengen von Themen und Motive ausstrahlen. Man müsste noch weiter eingehen auf die Verarbeitung einer sozialistischen Jugend, auf die Wechselwirkung zwischen Natur und Technik, auf die Romantikmotive, die Entwicklung seiner Lyrikauffassung im Vergleich zur expressionistischen „Mechanik“ von Wie Alpen. Ohne Frage, Steffen Popp schreibt derzeit Lyrik auf ihrer höchsten Entwicklungsstufe. Er ist mit 30 Jahren einer der schillerndsten Lyrikdiamanten, die Deutschland momentan ausstellen darf. Wer Steffen Popp nach Wie Alpen als Talent betitelte war ahnungslos, wer ihn jetzt immer noch so „beschimpft“, sollte mal seine Überheblichkeit hinterfragen. Kolonie Zur Sonne ist ein eigenes kulturelles Gedächtnis. Kolonie Zur Sonne ist essentiell. Das Buch ist ein Sozius für alle Wege; man will es immer bei sich tragen, zum fortwährenden Zitieren. Solche Bücher müssen weiterhin entstehen.
Steffen Popp, geboren 1978 in Greifswald, studierte am DLL und später Literatur und Philosophie in Berlin. Er wurde u.a. ausgezeichnet mit dem Kranichsteiner Literatur-Förderpreis des Deutschen Literaturfonds und dem Förderpreis zum Heimrad-Bäcker-Preis. Für seinen Roman Ohrenberg oder der Weg dorthin erhielt er den Rauriser Literaturpreis für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres 2007 und war nominiert für den Deutschen Buchpreis 2006. Kolonie zur Sonne ist sein zweiter Lyrikband.
Siehe auch: Kunst braucht Mäzene.
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