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Oswald Egger

Diskrete Stetigkeit

Es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um

Oswald Egger | Diskrete Stetigkeit
Oswald Egger
Diskrete Stetigkeit
Suhrkamp
edition unseld 2008

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„Das Schicksal in Zahlen hat etwas sehr Beruhigendes, den Gründen der Mathematik widersteht keiner, und eine Arithmetik und Statistik der menschlichen Leiden würden viel dazu beitragen, diese zu vermindern.“ Wenn nach Ludwig Börne die Mathematik eine solche Heilfunktion für den Menschen hat, welche Vorteile bietet sie dann der Poesie? Fraglich. In der Literaturgeschichte ist etlicher Unsinn mit mathematischen Methoden getrieben worden. Man kann sich fragen, welchen Nutzen die strukturale Linguistik und die akribische Datensammlung durch Zählen der Laute, die Erstellung grammatischer Klassen und die Suche nach Reimstrukturen für die Texterschließung haben. Man kann sich fragen, welchen Nutzen Enzensbergers Poesieautomat in Marbach hat.

Während sich Novalis nach dem Freiheits­moment mathematischer Symbolisierungen und der axiomatischen Selbst­referenz gefragt hat, fragt sich Oswald Egger, was es heißt den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Das poetische Abtasten der Umgebung, des Waldes, führt Egger zu Unter­suchungen mathematischer Zusammen­hänge. In der Vermessung des Raumes hält er sich in der algebraischen Topologie auf. Die Frage über die zeitliche und räumliche Unend­lichkeit des Waldes, die Lichtkreise und Lichtspiegelungen führen Oswald Egger aber in unendliche Orientierungslosigkeit: „Unterschieden sich das Reale (der Sache nach) und das Wirkliche (nach seiner Aktualität) von sich: ununter­schieden?“

Das wirre Männlein im Walde dreht sich ständig um die eigene Achse und bleibt im Elementaren stecken. Zu sehr plagt die Ungewissheit, ob wirkliche Gegenstände existent und existente Gegenstände wirklich sind, als dass sich Egger aus dem Strudel um Sein und Nicht-Sein befreien könnte. „Fraglos war bereits eine klare Idee mehr wert als viele verworrene.“ Ja, wäre sie in der Tat. Auch ein Essay braucht einen Blick über den Waldesrand hinaus. Diskret und stetig werden zu viele nicht-kohärente Sprünge vollzogen. Von der Infinitesimalrechnung zur Mengenlehre zur Integralrechnung zur Logik zur Erkenntnistheorie zur Astronomie zur Optik und Moiré-Effekten. Und der Zusammenhang zur Poesie? Der versteckt sich stetig und diskret irgendwo im Wald und hat einen Heidenspaß daran sich nicht zu zeigen.

Der Untertitel Poesie und Mathematik und das Anliegen der edition unseld, eine Interpenetration von Natur- und Geisteswissenschaften zu beleben, verspricht eine allumfassende Darstellung. Aber kein Wort fällt über die tatsächliche literarische Nutzung mathematischer Strukturen. Kein Wort über Oulipo und deren Versuch Mathematik für das Schreiben fruchtbar zu machen. Kein Wort darüber, Matrizenmultiplikation zu benutzen, kein Wort über die Kombinatorik und dadurch erzeugte Anagramme, Lipogramme, Homorphismen. Kein Wort über mathematische und lyrische Formstrenge. Keine Rede darüber, was Pythagoras umgetrieben hat, mittels Zahlen­verhältnisse Harmonie und Schön­heit zu beschreiben, mittels Algorithmen die Metrik zu bestimmen. Keine Rede über analoge Denkmuster und der Übergang von Platon zur axiomatischen Mathematik Euklids und die Loslösung von dem, was man als Germanist Signifikat-Signifikant-Zuordnung bezeichnen würde, und radikalen Konstruktivismus ermöglicht. Kein Wort über das der Poesie und Mathematik gemeinsame Bestreben nach organisierten Symbolisierungen und nach Abstraktion. Keine Rede davon.

Und doch versucht Egger stellenweise eine Anwendung aufzuzeigen: „Metrik, in Parallelverschiebung eines fundamentalen Parallelogramms, schien sich in zwei und zwei Richtungen zu orientieren: die Metrik - > Früher als war vielleicht einer Früher als - > Metrik gehege, inkludiert, und beide zueinander desgleichen irreduzibel überlagert (in Interferenz dessen, was immer zwischenkommt): raumartige Intervalle und zeitartige Intervalle kreuzen und queren die so und so verunschärfte Form des Amorphen.“ Na, schlauer? Da erfährt man eher noch mehr in Helmut Kraussers UC über Poesie und Mathematik: „Durch die Kraft der verdichteten Gedanken, also der Poesie, kann jeder Sachverhalt fast ebenso exakt beschrieben werden wie durch Zahlenkolonnen und Formelsammlungen. Mathematisch nicht ganz so praktikabel womöglich, doch in gültiger Schönheit.“ Was zu beweisen gewesen wäre.
Oswald Egger, geboren 1963 in Tscherms (Südtirol), studierte Literatur und Philosophie in Wien. Als Lyriker wurde er mit zahlreichen Preisen wie dem Clemens-Brentano-Preis (2000), dem Lyrikpreis Meran (2002), dem Christian-Wagner-Preis (2006), dem Peter-Huchel-Preis (2007) und dem H.C. Artmann-Preis (2008) ausgezeichnet. Oswald Egger lebt in Wien und auf der Raketenstation in Hombroich.
Walter Fabian Schmid   05.02.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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