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Ruth Johanna Benrath
Bestiarium

Mein alter Hasenfuß, ein klassischer Fall für dem Orthopäden. Sein Urteil lautet: Schwielen, Hühner­augen, alle Reflexe erloschen. Er überweist mich zur Fuß­pflegerin. Sie stellt sich als freie Künstlerin vor: aus den Fuß­reflex­zonen kann sie Gedanken lesen. Im Neben­beruf ist sie Steno­typistin. Meine Zehen benutzt sie als Tasten, sie tippt im Zwölf-Fingersystem: Schlabaf Kibindcheben schlabaf, deibein Vabateber ibist eibein Schabaf. Sie kitzelt ein Gedicht nach dem anderen aus mir heraus. Ich glaube, ibich bibin gebeheibeilt.
 Sorgen macht mir noch mein Elefanten­ohr. Ich vertrage keine Geräusche mehr außer Mozart und Vogelstimmen aus dem Bayrischen Wald. Du bist ganz ruhig, flüstert mein Einschlaftherapeut und bettet mich auf einen Alpenheusack. Während ich die Augen schließe, fängt es in meinem Kopf an zu rauschen: Büsche, Bäume, Wald. Es riecht nach Kräutern. Deine Arme sind jetzt ganz schwer und warm, ganz schwer und warm, schwer und warm. Die Stirn ist ein wenig kühl, säuselt mein Hypnotiseur. Er öffnet die Tür und winkt einen Hirsch herein. Wenn du das Gras welken hörst, komm zurück, befiehlt er mir. Es gibt zu viele Autos, brumme ich, Tempo 100 für den Wald. Entspannung! kommandiert mein Coach. Deine Beine sind ganz schwer. Ich will mich aufrichten. Du bist ganz ruhig. Der Hirsch drückt seine feuchte Schnauze auf meine Stirn. Mein Berater spricht mir einfache Sätze vor, die mir bekannt vorkommen. Aus der Ferne höre ich: Führer befühl, wür fülgen. Der Hirsch macht Männchen. Stammt das nicht von Goethe? Audel sau dau Maunsch. Der Hirsch stolziert im Kreis herum. Und jetzt gehen wir auf die Jagd, frohlockt mein Therapeut und legt die Flinte an. Peng, peng, peng. Aufhören, flehe ich ihn an. Der Hirsch sinkt lautlos zu Boden. Mein Trainer zielt auf die Bäume und knallt einen nach dem anderen ab. Jetzt bin ich taub. Paradoxe Intervention, erklärt er mir, Sie können jetzt gehen. Zum Abschied reicht er mir das Geweih. Als ich seine Praxis verlasse, spüre ich, wie mir ein Fell auf der Brust wächst.

Ruth Johanna Benrath  2006    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Ruth Johanna Benrath
Lyrik
Prosa