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René Hamann
Sommer


In diesem Sommer haben sie sich wieder gesehen, zufällig, in einer klammen Bar, in der weder sie noch er üblicherweise verkehren. Sie haben sich angesprochen, ausgetauscht, sie haben Bier getrunken und am Ende ihre Telefonnummern gewechselt. Sie sind ihrer Wege gegangen: Sie ist auf ihr silbernes, kleines Fahrrad gestiegen, er hat den Fußmarsch zur Bahnstation angetreten. Sie hat nicht viel gedacht am Ende des Abends, sie hat sich lächeln gefühlt beim Abschließen des Rads vor ihrer Haustür, aber auch müde, als sie den Treppenweg aufwärts gehen musste. Dann ein wenig einsam in ihrer Wohnung. Eingeschlafen ist sie ohne Vorsatz.

Er hat an sie gedacht in der Bahn morgens, Schulmädchen und Plakate, sich Erinnerungsbilder vor Augen gerufen, dazu bildeten sich leise Sätze, die von ihnen gesprochen worden waren, damals, das ist lange her. Auch die Sätze, die sie nicht gesprochen, gerade seine Sätze, die endlosen Monologe und Lamentos, die in Briefen und Geschichten verschwunden sind, Brackwasser. Er denkt an seinen Anrufbeantworter, als er im Büro auf den Bildschirm starrt, ob sie anruft, ob er beim Nachhausekommen, blinkt ob er anrufen soll oder lieber ein paar Tage warten.

Die Strategien: Wie er damals nur in Strategien gedacht hat, der bekannte Scherz mit den Wartezeiten, drei Tage nach dem Nummernaustausch, nicht mehr, nicht weniger. Bei den Rendezvous nicht alles erzählen, Geheimnisse wahren. Die Entscheidungen abschauen, sie vordergründig getroffen haben, dabei eigentlich nur ihr abnehmen, ihr von den Augen lesen, wie man sagt. Dies alles erscheint ihm jetzt albern, in der Retrospektive, verklemmt und misstrauisch, Zuhause schaut er die Post durch, der Anrufbeantworter blinkt monoton, keine Anrufe, er schaltet den Fernseher ein.

Es ist schon zu spät, sie liegt mit angewinkelten Beinen seitlich auf ihrem Bett, einem einfachen Gestell, auf dem eine einfache Matratze liegt. Zu spät für einen Anruf, findet sie, ein amerikanischer Spielfilm flimmert über den kleinen Fernseher, der auf einem Holzstuhl neben dem Bett steht. Eine Sequenz, die in Italien spielt, in einer Hütte im Nichts, die Bilder sind wie Fotografien geschnitten, ein dunkelhaariger Mann, eine blonde Frau in Posen. Eine Trägheit der Wahrnehmung, die durch diesen Schrillton durchbrochen wird, langsam lenkt sie die nackten Beine auf den Boden, verweilt kurz, rappelt sich auf, öffnet die Zimmertür, hebt ab. Es ist seine Stimme, der sie jetzt zuhört, sie setzt sich auf den Boden, nachdem sie das Telefonat kurz unterbrochen hat, um eine Zigarette zu finden, neben ihr der Aschenbecher, starr bleibt das Bild an der Wand, das sie anschaut beim Hören, Sprechen.

Sie haben lange geredet und gut, denkt er, sie haben sich verabredet für den freien Tag am Ende der Woche, er bemerkt, dass er sich nicht konzentrieren kann auf sein Buch, die Wörter bleiben sinnlos, die Bilder kippen um. Er denkt an Sex, an sie; daran, dass sie ja nie miteinander Sex gehabt haben, obwohl sie oft nahe dran gewesen sind, Flammenbilder tanzen ihm vor der Nase, als er im Park auf der Wiese sitzt und auf sie wartet. Eine kurze, verstörende Affäre in der Mitte ihrer Bekanntschaft, ein kurzer Blick auf ihre Kniestrümpfe, die sie abrollte, auf ihre roten Füße beim Baden. Warum eigentlich nicht. Er stützt sich rückwärts auf die Hände, beobachtet einen Hund, der einen Schwan in einen kleinen Tümpel jagt, heiß ist es in der Sonne, er zieht sich in den Schatten zurück.

Sie hat sich ein Sommerkleid ausgesucht zu dieser ersten Verabredung in dem schattigen Park, der quadratisch einen fehlenden Häuserblock ersetzt, ein künstlicher Tümpel in der Mitte. Es ist ein helles, mit gedeckten Rosatönen versetztes Kleid, das sie zuletzt als Jugendliche getragen hat, in der Schule. Man meint Blumenmuster zu erkennen, doch Blumen sind nicht abgedruckt. Er findet das Kleid ein wenig lächerlich, obwohl es in diesen Sommer passt, er macht einige verschmitzte Bemerkungen, die er ironisch verpacken kann, so dass seine Art, sich über sie lustig zu machen, eher auf Verbundenheit und Vertrauen schließen lässt, nicht auf Überheblichkeit, denkt sie. Sie hat sich neben ihn gehockt, einen Picknickkorb mitgebracht, sie öffnen eine Flasche Wein, essen mögen sie noch nichts.

Ein fester Blick aus ihren braunen Augen, die sich wohltuend von ihrem Kleid abheben, ihre runden Arme, die er nun betrachtet beim Austausch über Alltägliches, beim Abspulen von Erfolgs- wie Misserfolgsgeschichten, gegenseitiges Update. Und doch ein Neubeginn gemeinsamer Handlungen, wie er denkt, ein Neubeginn der Gespräche, die stattfinden in einem leicht beschwingten Ton. Manchmal zu leicht, wie er findet in einem nervösen Moment, in dem er sich fragt, wie es zu dieser Situation kommen konnte und wohin sie führen wird. Er erwischt sich bei Maßstäben seiner Vergangenheit, schüttelt sie ab. Die Weinflasche lassen sie halbvoll stehen, es ist schon spät, am Parkrand stehen sie nebeneinander, umarmen sich zum Abschied, einem ersten, dem bald weitere folgen werden, das spüren sie, das liegt in der Luft.

Die Berührung bleibt haften, ihre Körper erinnern sich noch eine Weile auf dem Heimweg, warm schauen sie in die Augen der Passanten, die andere Empfindungen mit sich tragen, es ist spät, der Tag findet einen kühlen Ausklang, die Menschen steuern ihre Betten an oder die Gesellschaft anderer in kleinen, bedrängten Räumen mit Ausdünstungen; Alkohol und Zigaretten. In der Nacht ist es ein weiteres Mal das Telefon, das sie verbindet, Sehnsucht nach Stimmen, die lieblicher klingen, sanfter. Am Ende fallen sie auseinander, Träume, ein letztes Mal. Sie haben sich fürs Kino verabredet, am folgenden Tag sucht er einen Film aus, beschaut die Anzeigen der Kinos in der Innenstadt, schlendert am Rand der Fußgängerzone, das Büro hat Pause, es ist Mittag. Der Sommer steht auf seinem Höhepunkt, Hitze, die ihm auf den Kopf steigt. Softdrinks und Turnschuhe, er schwitzt in seiner Jeans, kurze Hosen kann er nicht tragen, Geschmacksgebot. Kurz denkt er an ihr Sommerkleid, das ihn jetzt lächeln lässt beim Gehen, er fragt sich, ob er sich schämen soll wegen seiner Scherze darüber, im Rückblick hat ihm das Kleid sogar gefallen, es hatte etwas Frisches, Luftiges.

Am Abend hat sie sich für etwas Unauffälligeres entschieden, Hose und T-Shirt, aufdrucklos. Sie tritt aus dem Haus, in gespannter Erwartung schließt sie ihr Rad auf und fährt in Richtung des Programmkinos, vor dem er auf sie wartet. Ihre Umarmung ist jetzt fester, eine Begrüßung, die beide leicht vibrieren lässt, doch keine Wangenküsse, keine Handberührungen, das wäre zu freundschaftlich. Gesten dieser Art werden vermieden, keine falschen Signale, denkt sie, spürt irgendwas, was ihr bekannt vorkommt, seine Anwesenheit, seinen Körper neben ihr an der Kinokasse. Einen Körper, den sie schon zu kennen glaubte und doch nie ganz, sie erinnert sich. Doch diese Erinnerung hat nicht den Charakter einer Ermahnung, denkt sie, sondern eher den einer Basis, sie setzt den Strohhalm einer Cola-Flasche an, von ihm für sie gekauft.

Im Dunkel des Kinosaals lächelt sie, als er ihre Hand ergreift, noch halb unabsichtlich, dann fester, ein Ineinandergreifen der Hände beim Mustern eines untertitelten Films, auf der die Sitze trennenden Lehne. Ein Biergarten nach dem Film, ein erster verhuschter, schüchterner Kuss in der Straßenbahn, in die sie ihr Rad mitgenommen hat, sie hält es mit der linken Hand, seine in der rechten. Ein zweiter Kuss dann vor dem Eingang ihres Hauses, einem Altbau im Studentenviertel, mit Holztreppen, kleinen, gedrungenen Studentenwohnungen. Sie nimmt ihn mit nach oben, fühlt sich danach, es wäre auch zu schade um diesen Abend, im Zimmer spielt sie ihm ihre neuesten Platten vor, Sommersounds, frisch gekauft, in Plastiktüten vor der Sonne geschütztes Vinyl. Sie lächelt, wippt im Takt, vor dem Plattenspieler kauernd, sie lachen. Die neunziger Jahre sind vorbei, die Dekade der paranoiden Liebe ist den Weg alles Sterblichen gegangen, denkt er auf ihrem Bettvorsprung, nicht weit von ihr entfernt, während sie die nächste Schallplatte auflegt, paar wissende Sätze loslässt, Verschwörungen und Mitwissen, das er goutiert, bevor er ihr langsam durch die Haare fährt, mit einer Hand, durch die Haare ihren Nacken massiert, leicht und federnd, als sie neben ihm sitzt und etwas erzählen wollte, was jetzt luftleer bleibt.

Statt dessen bewegen sich Lippen, der Geschmack ihrer Münder, der alle Gedanken übertönt mit einem Mal, die Gedanken an die Vorgeschichte ihrer Beziehungen, an die Folie ihrer ersten Liebe, die lange durchschien. Abgestreiftes Kleid, abgestreifte Jeans jetzt statt den Gedanken an die Männer und Frauen, mit denen sie vorher geschlafen hatten, Betrogene, Betrügende, nur sie selbst fehlen auf ihren Listen, wie sie still lächelnd feststellen.

Ganz aus der Nähe kann man sie nicht mehr erkennen, man sieht nur noch Hautschraffierungen, Poren, schließlich Fleischfarben. Leichte Musik übertönt die Geräusche der Luft, die über die Stimmbänder gedrückt wird, sie kommen zur Sache.
René Hamann   14.07.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
René Hamann
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