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René Hamann
Frühjahr

Die Fahrgäste sitzen auf den Polsterungen; die Köpfe auf Händen gestützt, blättern sie durch Bücher und Zeitschriften, ihre Finger berühren Tastaturen; Beinpaare legen sich übereinander oder werden ausgestreckt. Die Luft bewegt sich kaum, kleine Ströme wirbeln durch schwarze, zudrehbare Ventilatoren und Filter aus Plastik, die Klimaanlage regelt das Temperaturverhältnis. Die Strahlen des Fixsterns werden von getönten Plexiglasscheiben abgewiesen, die Scheiben lassen sich nicht öffnen, sie verwandeln den Zug in ein fahrendes Gefängnis auf Zeit. Es ist kaum etwas zu hören, es wird geflüstert, man spricht broken English, man hört Gesprächsfetzen, die sich höchstens auf die Tonvariablen hin prüfen lassen, die der eigenen Sprache erstaunlich ähnlich sind.

Eine Zugfahrt nach einem Wochenende in Paris. Das Wochenende war durch­wachsen, endete nach einer Nacht auf dem Fußboden einer Wohnung an der Porte des Lilas in einem ehemaligen Stundenhotel in der Rue René Boulanger in der Nähe des Porte Saint-Denis. Heute geht es wieder heimwärts, vom nördlichen Kopfbahnhof, dem Gare du Nord, aus der dunkel leuchtenden französischen Hauptstadt hinaus in Richtung einer Großstadt am Rhein. Nach knapp zwei Stunden fährt der Zug durch eine belgische Landschaft, Hügel und Wälder, Wiesen und Kanäle, früher Frühling. Ein sanftes Geschaukel, das Melancholie evoziert. Ein müdes, selbstzufriedenes Blinzeln, dann wird ein junger, schöner Körper von einem verbrauchten, alten Körper zwecks Fahrkartenklärung in das Nachbarabteil gebeten. Hier sitzt noch ein anderer Körper. Augen, die sich mustern, und Stimmbänder, über die Luft gedrückt wird, ein stotterndes Funken, Blicke und Aufregungen. Danach schnell eine Zigarette im Gang. Wo man sich kennen lernen kann. Mit Blick auf die Ardennen. Manchmal wird ein Engel geschickt, und meist geschieht das in Zügen, jedenfalls wurde das in einem Buch behauptet, dieser Engel, der im Gang bei den klappbaren Aschenbechern mit gekreuzten Beinen steht und raucht, lässig und weise, dabei aufgeregt und fahrig, hat lange, blonde Haare und strand­sandbraune Augen. Einen Ausdruck von Empathie um den Mund. Weitere Zigaretten werden angezündet, bis sich der Zug allmählich dem Zielbahnhof nähert, die Wälder nach Aachen, die Eifel, eine Telefonnummer wird aufgeschrieben, eine Verabredung wird getroffen, der Engel braucht einen Reiseführer, einen Begleiter durch die Nacht, jemand, der die einheimische Sprache beherrscht.

Ein Zug fährt in einen Bahnhof. Der Fixstern am Horizont lässt Augenlider blinzeln, es ist ein warmer Frühlingstag. Der Zug, der unter der Abkürzung TGV bekannt ist, wird zurück in die französische Hauptstadt fahren. Eine Rockformation namens Today Is The Day wird am Abend in der Stadt spielen, die jetzt erreicht wurde, Koffer und Ticket, und nach einer U-Bahn- und einer Busfahrt wartet schon ein Zimmer, kalt und sinister, achtlos mit Wäsche­ständern voll­gestellt. Eine verstörte Großstadt­katze hat sich ins Zimmer geschlichen und in eine Wäschebox uriniert. Leere Flecken in einem frisch bezogenen Bett, das im Schwarzlicht dieses Sonntag­abends bekrochen wird, die Decke wird herangezogen, bis auf Halsschlagaderhöhe, dann folgt ein klammer Schlaf, der traumlos bleibt und auch sonst nichts bietet. Beendet wird er von einer Visite am nächsten Morgen, die Waschfrau, Mit­bewohnerin, die sich besorgt über die Wiederkehr dieses ent­koppelten Körpers zeigt, lose Worte, halbgare Erklä­rungen. Ein Wieder­hinein­finden in die Realität der besetzten, dann freige­machten Räume. Die Wäsche­ständer lehnen kleiderlos im Badezimmer, die Katze schmollt in ihrem Plastikhaus.

Morgens läuft der Fernseher und zeigt Serien mit schnell bewegten Zeichen­trick­figuren und beschleunigten Stimmen. Auf dem Gasherd pfeift eine Chromkanne, dann kommen Freunde und spielen beim laufenden Fernseher Akkorde aus Stücken von Nirvana vor, es wird auch geredet, aber nichts von Bedeutung. Der Fernseher reflektiert einen Sonnenstrahl, der an die weiße Wand hinter dem alten Plüschsofa geworfen wird, ein Kontrast zu dem Muff, der aus den Kissen steigt. Die Liebe, die Einsamkeit, der Frühling. Es gibt einen Zettel mit einer Telefonnummer, aber das bedeutet erst einmal nichts.

Später gibt es eine Nachricht mit der Aufforderung zu einem Rückruf. Das grenzt an ein Wunder, besonders, da der erste Zettel verloren gegangen war und die Zahlenfolge mühsam erinnert und rekonstruiert werden musste, im dritten Versuch hat es dann geklappt. Am Abend des dritten Tages, eines Dienstags, gibt es also eine Bar am Abend, mit kreisendem Streulicht und reichlich Bier, und es wird spät, und das Geld geht aus, es gibt kein Bier mehr, es ist Sperrstunde, es folgt ein gemeinsamer Gang zur U-Bahn. Und in der U-Bahnstation, vor hellgrünen Fliesen, unter der Aufsicht von Videokameras, auf einer quietschorangenen Plastikbank der erste Kuss, bis die Bahn kam, und eine Fahrt folgte, und ein kurzer Gang, und eine kurze Straße, und Stufen vor einer Haustür, ja, Stufen zu einer Haustür, eine Verabredung zum Frühstück, stille Stufen, ein langer, beschwerlicher Rückweg, das Geld ist aus und die Bahn schon weg, und die Lichter der Stadt schimmern gleichgültig auf den pechschwarzen Asphalt, blockierter Weltuntergang, nukleare Realität.

Während sich die Kälte verkriecht und die ersten Pflanzen sich den Weg durch die Erde an die frische Luft suchen, nähern sich zwei Körper aneinander an, entblößen sich, öffnen und schließen sich. Körper als Blumen. Körper als Insekten. Kommen diese Körper aus verschiedenen Städten, kann es passieren, dass sie sich nach der Vereinigung nie wieder begegnen werden. Nach der ersten oder zehnten oder dreiundzwanzigsten. Sie werden sich meiden, sie werden sich nicht zu meiden brauchen. Lebensläufe, die sich kreuzen und auseinander laufen. Es gibt keine Krisen, nur Erinnerungen. Auch daran, dass es auch vorher schon so schien, also ob jede Zweisamkeit im Grunde vermieden wurde – immer gab es eine Gesellschaft. Eine Party, ein Essen, ein Konzert, ein Kinofilm, ein Tanzabend. Alkohol und süße, weiche Drogen und damit die Unmöglichkeit einer Ernsthaftigkeit (aber die Leichtigkeit des Augenblicks). Morgens ein klingelndes Telefon, weil die Familie anruft, jeden Morgen, weil die Verbindung gehalten werden soll. Ein Termin in der Stadt, Gymnastik, eine Verabredung mit einem Freund, einer Freundin. Durch die Stadt schlendern, Menschen treffen, Klamotten oder Waffen kaufen.

Rauf und runter durch die Straßen einer Filmkulisse. Palmen und Sandstein. Oder Linden und Asphalt. Hinter stillen Stufen öffnen sich kleine, schmucke Plätze mit roten Plastikstühlen und einem Springbrunnen in der Mitte. Streunende Katzen, angeleinte Hunde. Sonnenschirme, Regenschirme. Einkaufende Frauen, arbeitende Männer. Der nächste Café au Lait, die nächste Zigarette aus dem Schuber. Die Universität könnte aus dem Mittelalter stammen. Oder aus den dunklen Jahren. Die Häuserzeilen werden aufpoliert. Hinter den Kulissen spielen sich milde Sexszenen ab, verstörtes Geschiebe auf einer zu schmalen Matratze und immer wieder Unterbrechungen, weil zum Beispiel die Kondome im Bad sind. Oder alles viel zu schnell geht. Die Kondome sind im Bad, die Sensationen bleiben aus. Dann kommt ansteigendes Fieber. Eine sich ausbreitende Welt der Trägheit. Von schräg oben fällt Musik in den Raum, ein kleiner Leierkasten, ein Ghettoblaster mit gedrückter Wiederholungstaste, der auf einem Sims steht, und immer wieder quillt A Perfect Day heraus. Unten flanieren Passanten.

Am Ende das verlassene Zimmer mit Blick auf die Palmen. Linden. Blüten. Tee. Ein hustender Körper, hingestreckt auf eine Klappcouch und zugedeckt, mit zu heißem Tee gefüllt und Rauch aus einer Nelkenzigarette, wie viele Stunden wird er noch daliegen und dem Rascheln, dem Murmeln, den Schritten und Gesprächsfetzen von der Straße folgen, dem Genuschel des amerikanischen Sängers, der rotierend vom perfekten Tag singt, den hier niemand erlebt hat, bis ein trötender Summer ertönt, jemand wartet, durch die Gegensprechanlage anfragt, hochkommen zu dürfen. Vielleicht wird er nicht sprechen, sondern nur auf den Türöffner drücken. Schritte werden folgen, durchs Treppenhaus hallen, näher kommen, ehe die Wohnungstür schüchtern angeschoben wird, nachgibt, an das unglücklich stehende Schränkchen stößt und aufschreit, gefolgt von einem menschlichen Laut, der wie „Oh“ klingt oder wie „Hoppla“, und dann werden die Schrittlaute synchron mit den Bildern eines anderen Körpers, Beine, Schuhwerk, und der andere Körper wird lächeln, besorgt aussehen, eine Frage stellen, die nach dem leeren Zimmer fragt, nach dem Grund dafür. Und dann ein Zusammensinken, ein Ausweichen, ehe Erklärungsformeln folgen, begleitet von Tränen, durch Kopfschütteln beim besuchenden, in der Hocke neben der Klappcouch befindlichen Körper, und dann Verwünschungen und Ratschläge, je nach dem, wie lange dieser Moment schon anhält und dauern wird.

Konventionen. Natürlich sind Anekdoten zu erzählen. Zum Beispiel die von den Stufen. Also dem langen Fußmarsch aus dem Norden der Stadt zurück ins eigene Viertel, zurück ins eigene Bett. Zum Beispiel die von den morgendlichen Telefonaten. Also von der Mutter, die immer wichtiger zu sein scheint. Zum Beispiel von dem Feuerzeug. Und der Party. Also der Party, auf der es kein Feuerzeug gibt, nur ein altes, das dann irgendwo herumliegt und einfach eingesteckt wird, also gibt es ein Feuerzeug, aber auch eine aufgebrachte Gastgeberin, die vergeblich nach ihrem Feuerzeug fahndet, das da schon in der Hosentasche verschwunden ist, warum auch nicht, Feuerzeuge sind Strandgut, sie wandern wie Regenschirme, mit Feuerzeugen beginnt der Kommunismus, jedenfalls folgt eine Diskussion im Taxi, nachdem die Sachlage geklärt wurde, ja, das Feuerzeug als Auslöser eines Skandals. Oder das Essen, dieses Essen, auf das eingeladen wurde, und dann wird zum Nachtisch gekifft, die gesamte Runde kifft zum Nachtisch und springt trotzdem plötzlich auf, um den Tisch abzuräumen und das Geschirr abzuspülen, nur einer, dieser schwerfällig gemachte, von der Kommunikation abgeschnittene und überraschte Körper da auf dem Stuhl ist nicht mehr in der Lage, aufzustehen.

Eines späteren Tages kommt eine Postkarte mit einem Kunstmotiv aus einem Werbe­ständer in einer unter­belichteten Bar in der fremden Innenstadt. Mit Kugelschreiber hingepinnte Sätze, krakelig und matt, sie erzählen vom Wunsch nach Kontaktwiederaufnahme. Die Postkarte ist durch Hände gegangen, von der schreibenden Hand in einen Briefschlitz, in die Hand eines Öffners, eines Sortierers, eines Trans­por­tierenden, noch eines Sor­tierers, viele sortierende Hände, bis sie schließlich durch eine Hand in den Brief­kasten fällt, von einer Hand genommen und umgedreht wird, Pupillen ziehen über die Schrift hinweg, die Karte wird nochmals gewendet, einige Befindungsgedanken werden gedacht, und dann wird sie in eine Tasche gesteckt, oder mit hinauf genommen (wie ein anderer, ein neuer Körper), und auf einem Resopaltisch abgelegt. Dort wartet sie auf den nächsten Befund, der am Abend erfolgt, Tage später, nie, und irgendwann verschwindet sie und bleibt unbeant­wortet. Oder sie ist gleich fallen gelassen worden im Treppenhaus, wird zu den Werbe­broschüren und Einwegzeitungen geworfen, die von anderen Händen aufgesammelt und entsorgt werden, vielleicht stutzen diese Hände, wundern sich über eine Postkarte, die einen konkreten Adressaten aufweist, stecken die Karte zurück in den Briefkasten. Und am nächsten Tag sind es abermals Hände, die sich über das Wieder­erschei­nen der Postkarte wundern, sie ungläubig drehen und wenden, dieselbe Schrift, dieselbe Botschaft, dasselbe Motiv, also dieselbe Postkarte, und diesmal geht der Blick ungläubig auf die Papieransammlung auf dem Boden, und mit einer Geste der Verärgerung wird die Postkarte in die Tasche gesteckt, wandert mit nach draußen, auf ein Treffen im Café, wird vorgezeigt und von vier Augen befunden, Sätze werden getauscht über den Inhalt, und die Geschichte wird noch einmal erzählt. Und die Postkarte wird vergessen und bleibt in Erinnerung, wird bedacht ein paar Tage, bis das Ergebnis feststeht, sie endgültig in den Müll geworfen wird, den richtigen, und unbeantwortet bleibt. Vielleicht wird man sich erinnern, im Zuge dieser Geschichte, die mit zwei rauchenden Mündern in einem Zug auf der Fahrt von der Hauptstadt in die ausländische Provinz begann und mit zwei verkühlten Körpern in einer steinigen Wohnung im warmen Süden endete. Vielleicht auch nicht.
René Hamann   2007/2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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