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Totaler Nullblicker

Tanja Dückers – Der längste Tag des Jahres

Tanja Dückers | Der längste Tag des Jahres (Roman) Bereits im Herbst vergangenen Jahres brachte ein Literaturmagazin einen Auszug aus Der längste Tag des Jahres und mich zum Buch von Tanja Dückers. Leider erging es mir wie mit der unbekannten Straßenschönheit. Du siehst einen hübschen Rücken, schlanke Beine. Dann dreht sich die Schöne um, und du schaust in ein abgelebtes Gesicht. Es ist die alte und doch neu aufgelegte Geschichte der geschickten Vermarktung. Schon bei Schneewittchen brachte die Verlockung des roten Apfels kurzfristig den gewünschten Erfolg. Und er verführt uns heute noch an Straßenständen zum schnellen Kauf, auch wenn er beim Hineinbeißen sauer ist. Immerhin ist er nicht vergiftet. Täuschung aber ist geblieben als bewährtes Werbemittel. Wie im Falle des neuen Romans von Tanja Dückers, einer an Verkaufszahlen reichen und somit erfolgreichen Autorin. Der Auszug in der Zeitschrift war jedenfalls geschickt gewählt und dem letzten Kapitel entnommen, das sich stilistisch von allen übrigen wohltuend abhebt.

Im Buch selbst geht es um eine Familie, um vier, eigentlich fünf erwachsene Geschwister und deren Familien. Der fünfte Spross ist das schwarze Schaf, das nicht in die Wüste geschickt wurde, sondern selbst dahin auswanderte. Zum Sommeranfang, dem längsten Tag des Jahres, erfahren sie alle der Reihe nach vom Tod des Vaters und lassen kapitelweise Trauer und Gedanken um Tod und Beziehung ungefiltert und unreflektiert vom Stapel. „Ein Roman, der unser aller Leben betrifft“, verkündet der Klappentext und liegt damit nicht falsch, solange kein literarischer Anspruch eingefordert wird. Es ist eine Art Familientagebuch im grauen Kittel der Alltagssprache und mit Dialogen, so nichtssagend, dass man sie bald überspringen möchte.

Letztendlich spielt es auch keine Rolle, ob man zwischendurch Textstellen wie diese überliest: „Gleich – ich muß nur ganz schnell noch mal Mama anrufen, ja?“ „'n Ordnung, Kleines.“ Man kann ihnen sowieso auf kaum einer Seite ausweichen. Zum Ausgleich wird man wenigstens nicht mit Botschaften gequält, die die Zwischenzeilen füllen. Es gibt nämlich keine. Der Leser kann sich darauf verlassen, dass Sauce nichts anderes als Sauce ist: „Normalerweise war er es, der kochte, aber an diesem Tag warf Nana sofort den Broccoli-Rest und die Nudeln von gestern in die Pfanne und verrührte alles in einer Tomaten-Basilikumsauce, die sie zuoberst in einem der Küchenkartons gefunden hatte.“ Hier ist wirklich nicht mehr reinzudeuten oder rauszulesen, als das, was da steht. Das Rezept lässt allerdings Rückschlüsse auf den Erfolg der Autorin selbst zu: alles in einen Topf, umrühren, fertig.

Zu den Ingredienzien gehören sentimentale, durch Wiederholung gefühlsschwangere und infantile Verlustäußerungen, die rühren sollen und mit Vati-Mutti-Kitsch arg durchsetzt sind: „Aber die Schließung des Geschäfts, Vatis Kleinod, war die eigentliche Katastrophe. ... Er, der sonst nie betete und für Muttis Religiosität wenig übrig hatte…“ usw. Und natürlich dürfen beim Anrichten die Farbtupfer nicht fehlen. Adjektive, bunt gestreut wie die unvermeidliche Petersilie auf allen Gerichten in einem SB-Imbiss. Das Ganze garniert mit babyblauem Bademantel oder blütenweißem Nachthemd und gekrönt mit einer Prise unfreiwilliger Tragikomik angesichts von Sinnfragen wie dieser: „Was wird die wohl über meine goldenen Creolen denken? Meinen rosa Lippenstift? Und gleich ging sie in Defensivhaltung.“

Nun stelle sich der Leser nur noch eine Wiese mit Holzbank malerisch unter Apfelbäumen vor, daneben einen großen flachen Stein, den man als Ablage für Bücher benutzen kann. Und im Schatten des Hauses einen Fischteich mit kleinen Wegen, die von Heidelbeer- und Stachel­beer­sträuchern gesäumt werden. In dieser romantischen, dem Buch entlehnten Traumlandschaft angekommen, kann er selbiges getrost schließen. Den totalen Nullblicker, sprich neuen Roman von Tanja Dückers, hat er eh schon vergessen. Und das ist gut so.

Tanja Dückers
Der längste Tag des Jahres
Roman
Berlin: Aufbau Verlag 2006


Tanja Dückers wurde 1968 in Berlin (West) geboren, studierte Kunstgeschichte, Amerikanistik und Germanistik und arbeitete als Nachrichtentexterin bei der Deutschen Welle. Sie schreibt Essays, Lyrik und Romane, die im Aufbau-Verlag erschienen. Tanja Dückers lebt mit ihrem Mann in Berlin.

© 28.02.2006  Dorothea Gilde            Print

Dorothea Gilde
Interview