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Plovdiv - Ich will mich an nichts erinnern
Johann Lippet: Kapana, im Labyrinth

Neulich fragte mich ein Bekannter nach dem Autor Johann Lippet, dessen Buch „Kapana, im Labyrinth“ er lesen wollte. Er vermutete darin einen Reisebericht, und sein Interesse entsprang seiner geistig-kulturellen Affinität mit der osteuropäischen Literatur. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Buch versteht sich weder als Reisebericht, noch will der Autor dem Leser Stunden der Entspannung bescheren, denn Lippet war in den siebziger Jahren Mitbegründer der »Aktionsgruppe Banat«, ein Forum des Protestes gegen das unterdrückende Regime Ceausescus. Johann Lippet lebt seit 1987 als Erzähler und Lyriker in Heidelberg.

Sein Buch ist das Journal einer Reise nach Plovdiv und begleitet eher Lippet in die Vergangenheit als den Leser durch Kapana, das Straßenlabyrinth dieser bulgarischen Stadt. Eine Stadt mit Vergangenheit, aber ohne Geschichte, wie wir auf Seite 31 erfahren:

Das Besondere an Plovdiv ist, daß es in ihm fürchterlich viel Vergangenheit gibt und fürchterlich wenig Geschichte.
Es gibt keinerlei Erzählungen über schreckliche Schlachten, über Helden und Opfer, über eine große Liebe, über eine verbrannte Bibliothek, über vernichtete Wunderwerke. Es gibt auch keine Erzählung über Niederlage oder Sieg. Ganz so, als ob die Stadt keine Legende über sich selbst erzeugen könnte.

Plovdiv
Plovdiv, die zweitgrößte Stadt Bulgariens

Als hätte Lippet diese Eigenheit der Stadt auf sein Tagebuch übertragen, gibt es in seinen Beschreibungen keine Ausreißer, keine besonderen Erlebnisse, keine dramatischen Augenblicke. Er versagt sich nicht nur den Vergleich des Gesehenen und Gehörten mit dem Leben im Westen, er verbietet sich auch konsequent den Ausdruck von Gefühl. Es gibt fast keine persönlichen Stellungnahmen. Dies lässt seinen Stil lakonisch erscheinen, an manchen Stellen geradezu karg und ausgetrocknet, wie die Gärten unter der Septemberhitze auf dem Balkan. Nur sparsam öffnet er dem Leser einen Spalt zur sinnlichen Wahrnehmung der Umgebung durch Farben, Gerüche, Geräusche:

Mein Zimmer liegt auf der rechten, es wird gerade gelüftet, Modergeruch schlägt mir entgegen.
Vielleicht ist es der Geruch von ausgetrockneter Erde und verstaubtem Blätterwerk der diese Erinnerung auslöst.

Was Lippet vermeiden wollte und ihm erfreulicherweise nicht gelang, sind Vergleiche seiner Eindrücke mit seiner Vergangenheit im rumänischen Banat.

In Sofia ist es heiß. Der Flughafen ist klein, etwa wie der von Bukarest. Zu Frankfurt kein Vergleich. Du sollst nicht vergleichen, auch nicht mit Rumänien, sage ich mir, du mußt alles im Verhältnis sehen.

Und natürlich merkt man bald, dass das Unterlassen der Vergleiche nicht ernst gemeint ist. Im Gegenteil, die wiederholte Rückblende in seine eigene Kindheit und Jugend im Banat macht in großen Zügen den Charakter des Tagebuchs aus und wirft gleichzeitig ein bezeichnendes Licht auf die beschriebenen Reiseeindrücke.
Der nachdenkliche Leser erhält ein Bild davon, dass sich auch Jahre nach der Wende in Bulgarien vieles nicht grundlegend geändert hat. Und das ist gut so, wenn es sich um Brauchtum und Rituale der Menschen handelt. Um Identität und Kultur. Es sind dies auch die Stellen, wo man wehmütig wird, auch wenn Lippet seine eigene Rührung im Griff hat und wieder nur hinter trockenen Sätzen versteckt:

Feiertag... Gruppen von Kindern und Jugendlichen in Volkstracht durchstreifen den Park. Sie kommen wahrscheinlich vom Land und warten auf ihren Auftritt irgendwo. Zu Feierlichkeiten läßt sich die Stadt Folklore kommen, das kennt man.

Bei all seinem Bemühen um das Verbleiben auf der sachlichen Ebene gibt es zwei Stellen, die nicht nur das Beschriebene sympathisch machen, sondern dem Leser auch ein erleichtertes Aufatmen erlauben. Endlich eine Regung, und Lippets Bärenpelz bekommt einen Riss, durch den es golden glänzt:

Kurz darauf kehrt sie zurück und setzt sich mit ihrer Rose wieder auf ihren Platz. Sie ist zwischen 25-30 Jahre alt und attraktiv. Obwohl sie nun schon so lange wartet, wirkt sie nicht nervös. Wir warten noch lange gemeinsam, doch er kommt nicht.

Das gemeinsame Warten bedeutet keineswegs, dass Lippet mit der Dame auf einer Bank sitzt und mit ihr ins Gespräch kommt. Es heißt aber sehr wohl, dass er sie beobachtet und mit ihr fühlt. Und dass er durch das Wir dies dem Leser auch mitteilt.
Die zweite Stelle findet sich am Schluss, wo bedauerlicherweise alles in einen Satz gepackt wird. Er wird von den Leuten erkannt, seine Gewohnheiten werden bedient und man bereitet ihm, dem Fremden, ein Stück Vertrautheit.

Ich treffe sie alle wieder: die drei Trinker, die kleine Zigeunerin mit dem großen Sack auf dem Rücken, meine Rentner im Park, die Großmütter mit ihren Enkelkindern, ... Die Eisverkäuferin sieht mich kommen, ... ich betrete den Tabakladen, die Verkäuferin legt mir fünf Päckchen Prestige auf die Theke, auf dem Rückweg hält der Würstchenverkäufer meine Portion schon bereit.

Den Lesern des Journals einer Reise nach Plovdiv kann ich nur raten, sich von den Druck- und Flüchtigkeitsfehlern der ersten Seiten nicht beirren zu lassen. Bei Vermeidung hätten sie das Lesevergnügen, das sich beim Weiterlesen einstellt, noch gesteigert. Und wenn auch dieser Text als Reisebericht nicht unbedingt zu fesseln vermag, so ist er doch ein Stück eigenwilliger Prosa, die ihre Berechtigung in der Reihe „Deutsche Reise nach Plovdiv“ hat und diese um die Facette eines persönlichen, wenn auch im Stil unpersönlich gehaltenen Tagebuchs bereichert.

* Der Titel „Ich will mich an nichts erinnern“ ist dem Sonett Plovdiv des bulgarischen Dichters Dimčo Debeljanov entnommen.

© 11.05.2005  Dorothea Gilde         Print         Word-Dokument

Johann Lippet       Johann Lippet
wurde 1951
in Wels (Oberösterreich)
geboren und wuchs
in Rumänien auf.

Johann Lippet
 
Kapana, im Labyrinth
Reihe: Deutsche Reise nach Plovdiv
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2004
ISBN: 3-88423-229-0
13.50 Euro

Das Feld räumen
Roman
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2005
ISBN: 3-88423-234-7
23.80 Euro

Banater Alphabet
Gedichte
Reihe: Edition Künstlerhaus
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2001
ISBN: 3-88423-183-9
13.50 Euro

Die Tür zur hinteren Küche
Roman
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2000
ISBN: 3-88423-169-3
20.50 Euro

Abschied, Laut und Wahrnehmung
Gedichte
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 1999
ISBN: 3-88423-090-5
18.50 Euro

Der Totengräber
Roman
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 1997
ISBN: 3-88423-114-6
16.50 Euro

Die Falten im Gesicht
Erzählungen
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 1991
ISBN: 3-88423-073-5
18.50 Euro

Protokoll eines Abschieds und einer Einreise oder
Die Angst vor dem Schwinden der Einzelheiten
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 1990
ISBN: 3-88423-061-1
15.20 Euro

 

Dorothea Gilde
Interview