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Theo Breuer

Wortlos – und andere Gedichte

du! (ruchu dur spruchu ust dus guducht)

Theo Breuer | Wortlos
Theo Breuer
Wortlos
und andere Gedichte
Linoldrucke von K. F. Hacker
Silver Horse Edition 2009

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In seinen jüngsten Essays (nachzulesen unter anderem in poetenladen) hat sich Theo Breuer mehrfach skeptisch über die Lyrik­produktion jüngerer Auto­rinnen und Autoren geäußert. Es mangele an Bänden, die unter die Haut gehen, im Kopf bleiben und auch im Bauch über die Lektüre hinaus nachwirken, weil sie Leben in sich aufgesogen haben. Ihm fehlen Lyrikbände, deren Gedichte mit jeder Verszeile und auch mit dem Weiß­raum dazwischen vermitteln, dass sie geschrieben werden mussten, weil die Zeit dafür reif war. Gedichte, die ihre Entstehung nicht nur ambitioniert-talentiertem Schreib­hand­werk ver­danken, das sich oft mehr an dem zu orientieren scheint, was gefragt ist und im Literatur­betrieb ankommt, statt daran, Lyrik mit Charisma zu verfassen, die so eigen­ständig ist, dass sie vielleicht die Zeit über­dauert. Wer von den heute ange­sagten und teilweise mehrfach preis­gekrönten jüngeren Dichte­rinnen und Dichtern wird in ein-, zwei- oder drei­hundert Jahren noch in den Büchern, Fest­platten und Köpfen der Lyrikleser zu finden sein?

Pose statt Poesie

Vielleicht haben die Menschen schon im 23. Jahr­hundert vergessen, was ein Gedicht ist. Bereits heute ist das, was zu diesem Thema geäußert wird, höchst subjektiv, alles andere als allgemeingültig und nur für eine winzige Minder­heit verfasst. Poeto­logische Reflexionen wirken häufig mehr wie eine kunst­volle Form der Selbst­darstellung, denn als Mittel Erkenntnis­interesse zu verfolgen. Lyrikerinnen und Lyriker schauen gemeinsam auf den Gegenstand „Gedicht“, aber jeder sieht ihn aus seinem Blickwinkel ein wenig anders. So mag es auch den Arbeiten von Theo Breuer ergehen, die in „Wortlos. und andere Gedichte“, seinem neuen Lyrikband, zu finden sind. Dieser ist Anfang Januar in der „Silver Horse Edition“ als zwölfter Band der von Peter Ettl herausgegebenen Lyrikreihe erschienen. Mein Blickwinkel auf das Buch ist dieser: Theo Breuer schreibt Gedichte, die sich in ihrer schroffen Schönheit (Christoph Leisten) deutlich von dem unterscheiden, was durch­schnittlich in Gedichtbänden, Zeit­schriften und Antho­logien an zeit­genössischer Lyrik zu lesen ist. Wer sonst schreibt Gedichte, wie zum Beispiel dieses:

du! (ruchu dur spruchu ust dus guducht)

da racha dar spra / cha ast das gadacht
de reche der spre / che est des gedecht
de reche der spre / che est des gedecht
da racha dar spra / cha ast das gadacht

de reche der spre / che est des gedecht
da racha dar spra / cha ast das gadacht
da racha dar spra / cha ast das gadacht
de reche der spre / che est des gedecht

di richi dir spri / chi ist dis gidicht
di richi dir spri / chi ist dis gidicht
do rocho dor spro / cho ost dos godocht

di richi dir spri / chi ist dies gidicht
do rocho dor spro / cho ost dos godocht
do rocho dor spro / cho ost dos godocht


Ein Gedicht, das nach erst- und nur einmaliger Lektüre vielleicht seltsam erscheint, dem aber eine enorme Vitalität und Sprachkraft innewohnt, die sich erschließt, sobald man die Zeilen laut und akzentuiert vorträgt. Ein Gedicht auch, das nicht zufällig an Ernst Jandl erinnert, denn die Strophen basieren auf dessen Diktum „Die Rache der Sprache ist das Gedicht“. Die Rache von „du! (ruchu dur spruchu ust dus guducht)“ ist, dass man die Verszeilen, wenn man sie einige Male ausgesprochen hat, immer wieder im Stillen oder auch laut vor sich hin sagt und sich dabei fragt, weshalb das Gedicht trotz der eigentlich simplen Idee eine solche Faszination erzeugt.

Müllerkleins Sämling

Neunzehn markante, ganz unterschiedliche Texte haben in Wortlos zusam­mengefunden und versprechen eine interessante Lesestunde, in der keine Langeweile aufkommt. In Breuers Gedichten findet sich keine kunstfertige Beliebigkeit, die zwar stilistisch für sich einnimmt, während und nach der Lektüre aber weder auf-, noch anregt, weil der Dichter schreiben wollte und nicht schreiben musste. Wo andere dichten bis es preisverdächtig ist, stehen die Gedichte von Theo Breuer souverän für sich selbst und sind nur ihren eigenen merk!würdigen, schrägen, charisma­tischen, sonder­baren, selt­samen, frechen, originel­len, vitalen und vielseitigen Maßstäben verpflichtet. Juroren­favorisierte Fein­staub­lyrik ist Breuers Sache nicht. Ein weiteres Beispiel:

sosososo

keine ente –
selbst sonette
(jede wette)
bloß fragmente

leben ohne poesie
ohne po
einfach so
(frage: wie)

alle wetter
versefügen
(also lügen)

ist
kein mist
(um so better)


Theo Breuer ist ein Flaneur zwischen den Stilen. Konkrete und visuelle Poesie, Surrealismus und pop poetry fließen ebenso selbstverständlich in die Gedichte ein, wie Umgangssprache und Weltdichtung. Viele Texte sind gereimt. Auffällig ist der Hang zum Sonett. Trotz ihrer ausgeprägten Heterogenität wirken Breuers Gedichte leicht und verspielt. Dennoch sind sie ausgefeilt bis ins kleinste Detail. Jedes Wort, jeder Buchstabe, jedes Satzzeichen zählt und ist wesentlicher Bestandteil des durchkomponierten Ganzen. Formulierungen oder Wörter, die auf den ersten Blick banal, vielleicht unreflektiert oder gar unlyrisch erscheinen, haben oft mehrere Ebenen. Mist beispielsweise ist, wie man im mehrseitigen Anhang zur Textgenese von „sosososo“ erfährt, auch als das englische Wort für Nebel zu lesen. Nebel wiederum wird, von hinten nach vorn gelesen, zu Leben.

Mir persönlich hat es in „Wortlos“ besonders die Michael-Hamburger-Trilogie „still he is turning: one two three“ angetan, die unter dem starken Eindruck von Frank Wierkes Film „Michael Hamburger. Ein englischer Dichter aus Deutschland“ entstand. Dieser wurde einige Monate nach dem Tod Hamburgers in 3sat gezeigt. Michael Hamburger züchtete Äpfel. In seinem Garten gab es seltene Sorten. Theo Breuer verarbeitet Hamburgers Äpfel in seiner Trilogie so schmackhaft und saftig, dass man in die Gedichte hineinbeißen und sie anderen unbedingt weiterempfehlen und zur Verkostung in den Mund schieben möchte.

Sichtweisen hängen vom Blickwinkel ab. Auch von Vorlieben. Wer keine Äpfel mag, sagt mehr über sich selbst aus, als über die Beschaffenheit der Frucht. Ich persönlich schätze Breuers Gedichte, weil sie überraschend schmecken, frisch und immer ein wenig anders. So wie „hughes gold-pepping / geflammter kardinal / zwiebel-borsdorfer / herzogin olga // flandrischer rambour / barceloner parmäne / erpolzheimer wildling / finkenwerder herbstprinz // fraschdorfer streifling / roter herbstkalvill / kaiser alexander // kleiner langstiel / jungfernschönchen“ oder „müllerkleins sämling“.

Theo Breuer im Poetenladen

Andreas Noga   28.02.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Andreas Noga
Lyrik