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Werner Rohner

Gesammelte Vorurteile

Ich, Frau K., geboren 1912 in Zürich, vermache meine Geschichte Werner Rohner, geboren 1975, ebenfalls in Zürich.



Haben Sie Angst vor dem Vergessen?

Carmen war mit mir in Malaysia. Seit sie pensioniert ist, wohnt sie bei ihrer Mutter. Einmal im Monat kommt Alma mit ihrer Mutter zu Besuch. Während die beiden Mütter vor den Fernseher gesetzt werden, kochen die beiden Töchter katalanische Spezialitäten. Dabei sprechen sie über die Familie, die leidige Erbgeschichte oder auch mal über das Wetter, meistens sehr laut. Nur manchmal, selten, reden sie leise über das Vergessen; obwohl beide Mütter ohnehin schlecht hören. Sie fragen sich, ob das Vergessen total sein kann. Und wenn ja, ob man das wahrnehmen kann. Was es sein könne, das am Vergessen glücklich macht; und wann das kippt und das Vergessen das Leben zerstört.
Im Wohnzimmer sprechen währenddessen die beiden alten Frauen miteinander. Sie schauen einander dabei nicht an, immer auf den Fernseher. Für beide gibt es nur noch Früher; aber so nennen sie es nicht. Sie sprechen davon, als ob es gestern oder gar heute gewesen sei. Für sie ist es einfach die zeitlose Gegenwart oder eine sehr verwirrende Gleichzeitigkeit. Sie erzählen sich gegenseitig ihre Kindheit. Präzise, mit dem einen oder anderen Detail, aber ohne sie auszuschmücken. Sie berichten zum Beispiel, in welchem Dorf sie aufgewachsen sind. Wen sie geheiratet haben (ohne zu wissen, ob der Ehemann sie verlassen hat oder einfach nur tot ist, aber auch ohne sich dafür zu interessieren). Und früher oder später finden sie heraus, dass sie im selben Dorf aufgewachsen sind. Immer bevor das Essen fertig ist. Vielleicht freuen sie sich darüber, aber man hört es ihnen nicht an. Die beiden Töchter trauen sich nicht einzutreten und das Gespräch zu unterbrechen. Wenige Minuten später kommen die beiden Mütter darauf, dass ihre Väter, die sie beide nicht mehr kennen gelernt haben, den gleichen Namen tragen. Und dann geschieht jedes Mal dasselbe. Sie denken kurz nach, und meistens ist es Carmens Mutter, die es zuerst bemerkt und so etwas sagt wie: Dann sind wir doch Schwestern? Oder in letzter Zeit eher: Sind wir dann nicht vielleicht … Schwestern? Sie umarmen sich nicht, sie fassen sich nicht einmal bei der Hand, sie lachen bloss. Aber ohne Erstaunen. Carmen und Alma haben dann bereits aufgehört zu reden und können es nicht lassen, wenigstens durch den Türspalt zu spähen. Obwohl das nun schon ein gutes Jahr so geht, wissen sie nicht, ob sie sich über das Wiedererkennen freuen sollen. Oder ob das wiederkehrende Vergessen das Schöne daran zunichte macht. Später, beim Essen der katalanischen Spezialitäten, warten sie darauf, dass ihre Mütter wieder mit dem Vergessen beginnen. Bei der Verabschiedung reichen sie sich wie zwei Fremde höflich die Hand.

Auf wie vielen Abdankungen waren sie schon (sie dürfen auf Zehner runden)? Wie viele von den Verstorbenen haben sie wirklich gut gekannt (Sie dürfen auf Fünfer runden)? Könnten Sie noch alle aufzählen? Und wenn nicht, sind Sie froh darüber? Oder würden Sie gern bewusster vermissen? Und schämen Sie sich deshalb für Ihr Vergessen? Wie geht es Ihnen?

Danke.

Wo fühlen sie sich zu Hause?

Die Tür öffnet sich automatisch, man geht ein paar Treppenstufen hoch und blickt auf ein Wandgemälde, davor stehen eine Vase mit frischen Sonnenblumen und eine Stellwand. Auf der Stellwand weist ein A4-Blatt auf einen Vortrag über Sterbehilfe hin und ein anderes auf Informationen zum Verfassen des eigenen Testaments. Daneben ein Schild: Willkommen.


Wenn Sie sich einen Namen für diese Geschichte aussuchen könnten, welchen würden Sie wählen?

Ich bin ganz zufrieden mit meinen Namen. Meine Grossmutter trug denselben. Es ist diese auf dem Bild, sehen Sie? Die rechts. In China wurde ich Khong Zhe Ying gerufen. Khong ist Hakka und bedeutet gesund, Zhe barmherzig und Ying tapfer. Und in Ostmalaysia hiess ich Uyang. Das bedeutet nichts, das war bloss mein Name. Naja, und ein anderes Geschlecht, also Namen, hatte ich nie.

Was war das Schönste in Ihrem Leben? Möchten Sie es noch einmal erleben, oder eben gerade nicht?

Vieles oder sagen wir verschiedenes.

Geraten Sie noch oft ins Staunen?

Reisfelder. Das war etwas Neues. Da gibt es so Dämme aus Erde. Abhängig von dem System, mit dem sie überflutet werden. Erst wird gepflügt, dann kommt Wasser dazu, dann wird im Saatbeet gestreut. Es wird ganz grün, sehr schön. Sie schaut mich an. Wenn die Pflanzen eine gewisse Grösse haben, werden sie ausgesetzt. Das ist eine riesige Arbeit. Die nehmen jedes einzelne Pflänzchen und pflanzen es wieder ein. Von Hand. Bei Reife werden sie, auch von Hand, geschnitten. Aber nur die Ähre, nicht gemäht. Am ehesten sieht es aus wie Hafer. Der hat auch solche – nicht Ähren – verschiedene Zweige mit Körnern dran. Und dann schlagen sie die Körner aus. Sie schaut durchs Fenster. Wenn sie getrocknet sind, werden sie auf einen flachen Korb gelegt. Dann dass Worfeln: Man wirft alles in die Luft, damit die Spreu, das Aussen, rausgeblasen wird. Sehr schön und sehr schwierig zu fotografieren. Die Körner sind schwerer und fallen runter. Es windet ja fast immer in Malaysia. Also vor allem tagsüber. Abends war sowieso Ausgangssperre. Die Dorfbewohner hatten aber oft noch Verwandte draussen. Sie gingen morgens aus dem gesicherten Dorf, um Gummibäume anzuzapfen und schmuggelten den Reis raus. Immer nur in Zündholzschachteln. Aber so oft, dass es riesige Mengen ergab. In manchen Dörfern durften die Bewohner deshalb den Reis nicht mehr ungekocht beziehen. Er wurde in einer grossen Reisküche vorgekocht. So hält er natürlich nicht lange. Und die Dosen mit Esswaren wurden beim Verkauf gleich aufgestochen. Auf der Strasse gab es immer Kontrollen. Auch wir durften nichts mitnehmen. Aber uns haben die Rebellen nicht angegriffen. Oder sagt man heute Terroristen oder Revolutionäre? Sie wussten, wir helfen allen. Das wussten die längst durchs Buschtelefon. Es gab auch Konzentrationslager. Das hat man natürlich gespürt im Land. Das Militär geriet oft in Hinterhalte. Es war nicht so gemütlich. Sie schüttelt den Kopf und lächelt. Nachts hat man manchmal Maschinengewehrfeuer gehört. Aber das mit dem Reis – das haben Sie ja gefragt – das hat mir gefallen.

Weshalb sind wir hier?

Ich weiss nicht, was ich erzählen soll. Ja, das ist mir bewusst, dass die Geschichte schlussendlich frei erfunden sein kann. Fragen Sie halt einfach! Soll ich erzählen, wie ich nach Malaysia kam? Eigentlich wollte ich ja in China bleiben, aber dann kam Mao. Wir hatten Glück, dass wir überhaupt noch rauskamen. Oder soll ich über das Altern sprechen oder über den Tod? Das ist kein Problem für mich, aber das müssen schon Sie sagen.

Wie alt werden Sie? Wie oft mussten Sie Ihre Prognose schon revidieren? Haben Sie sich je gewünscht, so alt zu werden? Bereuen Sie das heute?

Ihre Wohnung ist ein Zimmer. An den Wänden Fotos von Landschaften, von ihren Eltern und eine abstrakte Zeichnung. Was mir gefällt: dass auf dem Büchergestell ein paar Bücher umgekippt sind, drei oder vier liegen quer darauf. Und wenn sie mir eines zeigt, versorgt sie es nicht gleich wieder, sondern legt es erst einmal aufs Bett neben dem Büchergestell.
Auf der Fensterseite des Zimmers befindet sich ein Schreibtisch und auf einem Schemel der Fernseher; an der Seitenwand steht ein Spinett, auf dem sie heute noch spielt.
Wir sitzen uns jeweils auf zwei Stühlen in der Mitte des Raums gegenüber, auf ihren Seidenkissen mit Stickereien aus China. Mein Tonband, das unsere Gespräche aufzeichnet, lege ich auf ein Tischchen mit Rollen, daneben stellt sie Tee und meistens auch Kekse. Das Band hilft uns: Beim ersten Mal liess ich es noch zu Hause, was dazu führte, dass unser Gespräch ausuferte und uns anstrengte, wie wir uns beim nächsten Mal beide etwas verschämt eingestanden. Seither ist das Ende des Bands so etwas wie ein Zeichen, dass es nicht unhöflich ist, wenn ich langsam gehe. Weder für sie als Gastgeberin noch für mich als… was? Aber trotz der gut fünf Stunden Gespräch, weiss ich noch immer nichts zu erzählen. So viel Leben, so viele Tote, bereiste Länder, Kriege, Kinder, Liebe, sogar Gott gibt es: ein ganzes Leben. So viel Leben, sicher auch tragisches, aber keine Geschichte.


Wie möchten Sie gerne Abschied nehmen?

Nein, meine Schwester ist nicht hier, die ist in M. Dort haben sie es auch schön. Aber hier mit dem Ausblick über die Stadt. Ausserdem telefonieren wir oft. Gerade sind wir sehr nett miteinander. Ihr Mann ist nun schon zwei Jahre tot. Irgendwann konnte er nur noch liegen. Erst hat er mir noch die Hand gedrückt, beim nächsten Mal schon nicht mehr. Das ist mir sehr nahe gegangen. Wir haben uns so lange gekannt und doch so wenig. So etwas macht einen traurig. Wir kommen doch zusammen ins Gemeinschaftsgrab. Aber was will man noch ein eigenes Grab, wenn man so alt ist wie ich. Dann kommt doch niemand mehr. Stellen Sie sich vor, noch 20 oder 25 Jahre. Meine Freunde. Das ist doch unrealistisch.

Wie trauern Sie?

Privat.

Glauben Sie an Wunder?

Auf meinem Arm befinden sich kleine Muttermale; ich denke jetzt manchmal darüber nach, dass ich erblich vorbelastet bin. Bekomme plötzlich Angst, dass ich mich angesteckt, vielleicht auch schon Krebs haben könnte: zu viel Sonne, zu wenig Lachen, zu wenig Grüntee, zu viel Leben, zu wenig, alles falsch. Natürlich denke ich, das wäre ungerecht, ich bin noch so jung, all die lächerlichen Dinge halt. Aber irgendwann muss sich das ja ändern, es denkt doch niemand mit 70: Ja, jetzt hab ich's verdient; nein, irgendwann ändert sich das. Was denkt man dann wohl?
Trotzdem war ich nicht wütend auf Mutter, nicht deswegen, und doch wünschte ich mir manchmal, dass sie bald stirbt. Ich ertrug es nicht mehr, nichts zu wissen, ausser dass es immer schlechter wird, und doch nicht zu wissen, wie das sein wird, ausser schlimmer, ausser tot. Und ich fragte mich, ob vielleicht die einzig wirkliche Trauer immer die Trauer um sich selbst ist, und ob sie das manchmal auch dachte, Mutter, das mit der Trauer und dem baldigen Sterben; und ob sie sich auch hasste dafür, so wie ich es tat?


Waren Sie früher schöner als heute? Finden Sie sich heute hässlich oder nur weniger schön? Werden die Menschen schöner im Alter oder hat man nur das bessere Auge dafür?

Wenn mich jemand fragt, wie Frau K. aussieht, sage ich: wie ein weiblicher Einstein. Aber das stimmt nicht wirklich, deshalb habe ich nach unserem zweiten Treffen versucht, Frau K.'s Aussehen zu beschreiben. Als ich sie danach wiedersehe, stelle ich fest, ich habe sie mir dünner, nein dürrer vorgestellt. Auch kleiner. Aber ihre Figur ist eigentlich noch ziemlich stattlich, auch hat sie einen eher grossen Busen. Etwas, das es in meiner Vorstellung von alten Frauen gar nicht gibt. Genauso wie alte Menschen in meiner Vorstellung immer eine Uhr tragen. Auch Frau K., eine schmale, silbrige, die sie immer wieder bis zur Mitte des Unterarms zurückschiebt, ohne je darauf zu schauen.
Nur ihre Haltung ist weniger gerade als in meiner Erinnerung, der obere Rücken leicht gebeugt. Ihre Haare grau-weiss, immer sauber gekämmt; das sieht man gut, weil die Haare nicht mehr so dicht sind. Und doch stehen auf der Seite meistens ein paar ab, als ob sie sich vor unseren Treffen jeweils kurz hingelegt hätte. Einmal mehr denke ich: Wie soll man über jemanden erzählen, bevor man ihn nicht wenigstens einmal schlafen sehen hat. Was soll man über jemanden erzählen, den man nicht warten sehen hat. Nichts verrät so viel über einen Menschen wie seine Art zu warten. Was tut sie in den zehn Minuten, die ich meistens zu spät komme?
Nur ihre Augen hatte ich richtig in Erinnerung, blau, vielleicht ganz leicht grau, die Augenlider fallen auf der Seite leicht ins Auge. Ebenso hängen ihre Wangen auf der Seite etwas herunter; aber nur, wenn sie nicht lächelt. Ihre Lippen sind nicht eingefallen und von einem ziemlich dunklen Naturrot, einige Zähne sind braun. Am auffälligsten aber ist ihre Haut: Braunrote Verfärbungen sind grossfleckig und unregelmässig übers ganze Gesicht verteilt. Ich finde, Frau K. sieht sehr, sehr schön aus.


Sind Sie manchmal überrascht, dass Sie noch leben?

Es brauchte schon Überwindung, hierher ins Altersheim zu kommen. Ich könnte ja noch alleine wohnen, aber dann hätte ich keine Kraft mehr für etwas anderes als Haushalten. Hier lernt man dafür plötzlich so viele Menschen kennen. Spannende. Sie lacht. Manchmal kennt man auch noch wen, der wieder irgendwen anderen kennt, oder meistens gekannt hat. Neuerdings gehe ich auch zum Gedächtnistraining. Aber nur weil wir so eine nette Gruppe haben. Die von der Universität machen eine Studie über uns. Über das Alter. Die machen dauernd Studien über uns. Schlimm ist das nicht und sonst ist es doch nett hier, nicht wahr?

Bereiten Sie sich irgendwie auf den Himmel vor? Wie stellen Sie sich den Tod als physischen Vorgang vor?

Das kann man nie wissen.

Wenn man so lange Zeit hat loszulassen, wird es dann leichter oder schwerer?

So alt zu werden, finde ich nicht normal. Meine Mutter starb vor fünf Jahren, meine Grosseltern vor zwanzig, und mein Vater ist schon lange abwesend. Aber den Tod gibt es ja immer nur bei anderen, so wie Schmerzen nur bei einem selbst mehr als verzerrte Gesten und Geräusche sind. Und doch, um mich nicht so allein zu fühlen, allein mit meinem Wissen, habe ich manchmal – kurz vor Mutters Tod – die Todesanzeigen durchforstet. Ich freute mich, wenn da stand: Viel zu früh von uns gegangen, oder: Im Kampf gegen ..., Tapfer und so weiter. Oder ich regte mich über die Trauer um 90-jährige Menschen auf. Als ob das Recht auf Trauer wegen mangelnder Reserven an Mitgefühl begrenzt werden müsste.


Nimmt die Sentimentalität im Alter zu?

Das war im Sommer 1971. In der Nacht auf den 12. August. An einem Abend sagte ich zur Haushälterin: Wenn Mutter sterben sollte – ihr Oberkörper war so hoch gelagert – dann soll man sie gleich flach hinlegen. Man kann ja eine Leiche nicht so erstarren lassen, so halb sitzend. Das habe ich noch am Abend gesagt. Die Haushälterin sagte, sie höre ja alles durch die Wand. Ich solle nur gehen. Manchmal denke ich, ich wäre sehr gerne geblieben an diesem Abend. Aber die Haushälterin war ja da. Und dann schlief sie einfach ein. Wenn jemand im Sterben liegt, denkt man doch, bleibt jemand bei ihm. Ich hätte doch in einem Stuhl sitzen und bei ihr sein können. Aber ich habe es nicht getan. Man wusste es ja nicht. Am Morgen, als ich wiederkam, war sie bereits tot. Immerhin ist sie im Schlaf gestorben, sie war so schwach. Sie hat viel geschlafen. Dabei bin ich extra zurückgekommen. Nachdem mein Vater gestorben war, habe ich angeboten, bei ihr zu bleiben. Ich hatte mich meinem Vater näher gefühlt; aber ich wäre auch gern bei meiner Mutter geblieben. Doch die Haushälterin und meine Schwester sagten: Geh nur, das geht eh nicht. Ich bin dann gegangen, aber kurz vor ihrem Tod zurückgekommen. Das sind so Sachen, die einem bleiben.

Fühlen Sie sich manchmal schuldig gegenüber den Toten? Hätten Sie gern, dass wir alle unsterblich sind? Und glauben Sie, dass dieser Wunsch im hohen Alter eher zu- oder abnimmt?

Ich kann den Tod nicht beschreiben, es gibt immer nur ein Davor und ein Danach. Davor war Mutter im Krankenhaus und so sehr mit dem Überleben beschäftigt, dass sie gar nicht dazu kam, sich zu verabschieden. Sie hatte genug damit zu tun, die rasante Verschlechterung wenigstens ab und an noch zu widerlegen, obwohl ausser ihr niemand mehr so recht daran glaubte. Sie bestand darauf, sich weiterhin jede Stunde eine Zigarette anzünden zu lassen. (Selbst konnte sie es nicht mehr, weil ihr Atem so schwach war, dass gar keine Glut mehr entstand, wenn sie an der Zigarette zog. Trotzdem erzählte sie mir jeden zweiten Tag, dass ihr nicht einmal der Arzt widerspreche, wenn sie sage: Wenn ich noch zehn Jahre weiterrauche, bin ich zufrieden. Und der müsse es ja wissen.) Und nie wusste ich, ob ich deswegen weinen durfte, ob ihr das den Mut nehmen oder sie rühren würde.


Wie oft erlebt man das Altwerden, bevor man stirbt? Gibt es einen roten Faden in Ihrem Leben? Könnten Sie sich einen Sinn im Leben vorstellen, wenn sie nicht an Gott glauben würden? Wie muss ein Leben sein, damit es für andere interessant ist?

Frau K. hat keine körperlichen Leiden, mit denen ich Mitgefühl erwecken könnte. Sie hat keine Vergesslichkeiten aufzuweisen, die sie herzig machten. Sie ist über technische Neuerungen nicht erstaunt, dass man sie als wunderlich beschreiben könnte. Wenn jemand so viel weiss, habe ich immer das Gefühl, er verschweigt mir etwas. Es ist nicht nur so, dass sie Daten, die 60 Jahre zurückliegen, auf den Tag genau behauptet, das tun viele Alte. (Keiner meiner Freunde kann das, ich stelle mir vor, dass man irgendwann, so zwischen 65 und 75, sein Leben rückwärts zu ordnen beginnt und den verschiedenen Leben verschiedene Daten zuordnet, die man dann nie mehr vergisst, egal ob sie stimmen.) Frau K. kann viel mehr, sie kann eine Geschichte wiedergeben, ohne am Schluss in einer Pointe zu enden, ohne eine einzige Pointe während der ganzen Geschichte, ohne jemanden in den Vordergrund zu stellen, auch sich selbst nicht.


Frau K., was möchten Sie als Letztes vergessen?

Wenn auf einem Stern, der zweitausend Lichtjahre von der Erde entfernt ist, etwas geschieht, dann sehen wir das erst in zweitausend Jahren. Sie schaut mich an und schüttelt den Kopf. Und umgekehrt müssten die dort auf dem Stern jetzt etwa Christi Geburt sehen. Das habe ich gestern in der Zeitung gelesen.

Wovon haben Sie sich bereits verabschiedet, obwohl Sie es noch tun könnten? Zählen Sie den Schlaf zum Leben? Was ist brutaler, an einen begrenzten Himmel zu glauben oder an gar keinen? Wofür würden Sie töten? Wofür sich töten lassen?

Und dann lag sie nur noch da, und es schien, als ob sie sich zu jedem einzelnen Atemzug von neuem entschliessen müsste. Ich sass neben ihr und wartete, bis sie aufwachte, fürchtete aber, dass sie nicht mehr aufwachen würde, sondern bloss aufhören zu schlafen. Einen schönen Tod nennen sie das. Ich wusste nicht, ob ich ihr einen qualvollen zumuten würde, nur damit sie mich noch einmal anblickt, sich vielleicht doch noch verabschiedet, ich mich ein letztes Mal von ihr verabschieden kann. Einmal mehr.


Angenommen, Sie mögen das Altsein nicht sehr, möchten Sie deswegen noch einmal jung sein? Und wenn ja, würden Sie sich frühzeitig um einen passenden Tod bemühen?

Ich war schon bei so vielen Abdankungen, da weiss man ungefähr, was man will. Ich mag es nicht, wenn zu viel geschwatzt wird. Wenn Spekulationen über den Verstorbenen angestellt werden. Ich hoffe nur, ich gerate, wenn es so weit ist, nicht in Panik. Ich habe mein Leben lang geglaubt.
Und dass dann jemand bei mir ist. Aber in der Alterssiedlung habe ich gesehen, wie sehr die Eltern darunter leiden, wenn ihre Kinder nicht kommen. Immer hatten sie enttäuschte Erwartungen. Ich glaube halt, es ist sehr wichtig, was für eine Beziehung man als Kind zu den Eltern hatte. Das kann nicht erst im Alter entstehen. Überhaupt kann man im Alter nicht mehr viel ändern. Vieles ist einfach vorbei. Oft, wenn ich jetzt Freunde treffen will, versuche ich sie über ihre Kinder zu erreichen. Die meisten wechseln gerade zwischen Alterswohnung, Altersheim oder Pflegeheim, oder eben … Und das kann sich von einem aufs andere Jahr ändern. Ausserdem haben viele Mühe, einen am Telefon noch zu erkennen. Sogar meine Schwester muss manchmal fragen, wer dran ist. Ich würde gerne vor ihr sterben. Sie hat immer gesagt, sie möchte zwölf Knaben. Warum weiss ich auch nicht. Sie lacht. Jetzt hat sie fünf und zwei Mädchen. Sie lacht nochmals und fordert mich auf, doch den Tee zu trinken, bevor er kalt wird. Was ich mir vielleicht weniger wünsche, ist ein Unfalltod. Ich fahre aber auch nicht mehr Auto. Eher eine kurze Krankheit, wo man weiss, um was es geht. Die Abhängigkeit, die lange, die macht mir schon… die stelle ich mir nicht schön vor. Viele schimpfen dann ja auch noch über diejenigen, die ihnen helfen. Vielleicht, dass man noch Abschied nehmen kann.

Gibt es noch etwas, dass Sie erledigen, erleben möchten? Wenn nicht, worauf warten Sie?

Das Fotoalbum ist mit einer Lederschnur zusammengebunden. Die Bilder sind in Ecken gesteckt, einige Ecken und Bilder fehlen. Sie blättert die Seiten langsam durch, erklärt, wo das war, wer das ist und ob sie noch Kontakt hat. Sie ordnet die Leute nach Nationalitäten. Wenn ihr beim Erklären manchmal ein Wort nicht in den Sinn kommt, oder nur auf Englisch, ärgert sie sich. Ich glaube, es ist ihr egal, ob sie mir alt erscheint, aber sich selbst will sie es nicht verzeihen.
Wenn sie mir länger Fotos zeigt oder von etwas erzählt, sagt sie irgendwann immer: Das ist jetzt nicht mehr so interessant. Als hätte sie bereits zu viel erzählt. Oder als müsste sie mir Abwechslung bieten, als würde sie ahnen, dass zwischen den einzelnen Fotos die Verbindung fehlt, die das eine Foto zur Erklärung für das andere werden liesse. Dass nicht klar ist, was all die Kleinigkeiten zusammenhält und zu einem Grossen fügt, wenigstens zu einem Ganzen. Und das, obwohl alles chronologisch geordnet ist. Oder gerade deshalb.


Was muss ein guter Missionar können?

Ich kann nichts anfangen mit so handfesten Vorstellungen vom Paradies. Dass man die verstorbenen Freunde, Eltern und Geschwister wiedersieht. Dass man immer zusammen ist. Auch bei den schönen Beziehungen auf Erden will man ja nicht immer mit den gleichen Personen zusammen sein. Ohne Unterbruch? Auch mit der liebsten nicht.

Wann haben Sie das letzte Mal geweint?

Es kommt schon vor, dass mir Tränen kommen. Aber ich kann jetzt kein Beispiel sagen; das ist schon lange her. Als, vor ein paar Jahren, an meinem Geburtstag, meine Schwester umgefallen ist, das war schlimm. Ausgerechnet an meinem Geburtstag. Sie schaut mich an, dann zu Boden. Seither wiederholt sich meine Schwester manchmal. Aber das sage ich ihr nicht. Wir haben es jetzt ja gut miteinander. Sonst Tränen? Selten. Vielleicht bin ich zu alt dafür. Man wird, glaube ich, eher ein bisschen gefühlloser, wenn man sehr alt ist. Nicht dass ich keine Gefühle hätte. Aber das Alter bringt eine gewisse Abstumpfung. Nicht weil man so viel erlebt hat. Es ist mehr körperlich bedingt. Man mag einfach nicht mehr. Man fürchtet, dass man die starken Emotionen einfach nicht mehr erträgt.

Haben Sie Mühe mit dem Einschlafen? Dem Aufstehen? Dem Liegenbleiben? Fehlen Ihnen die Träume?

Farben berühren mich sehr. Pflanzen. Und wenn die dann blühen! Mehr als Poesie und solche Dinge. Mit dem einen Auge sehe ich nicht mehr so gut. Mit dem anderen Gott sei Dank schon. Ich denke manchmal, wenn das auch schlechter würde. Freuen würde ich mich nicht gerade darüber.

Was für eine Haarfarbe hatten Sie früher?

Blond, dunkelblond. Aber in China haben sie uns alle immer nur Hung Mau Ren gerufen: die Rothaarigen.

Waren Sie schon mal in Lebensgefahr? Fürchteten Sie je um Ihr Leben? Waren Sie schon einmal nahe dran, Ihr Leben für etwas/jemanden hinzugeben? Warum haben Sie es nicht getan?

Ich habe immer Glück gehabt. Ich war zwar bei der Mobilmachung zweimal als Krankenschwester an der Front, aber halt in der Schweiz. In China mussten wir einmal vier Monate warten, bis wir ausreisen durften. Einer unserer Missionare wurde über ein Jahr lang von Entführern festgehalten. Das war noch, bevor Mao an die Macht kam, aber es waren Maos Männer. Uns anderen ist nichts passiert. Einmal, in Malaysia, hatte ich Denguefieber. Das durfte man fast nicht sagen. Offiziell gab es keine Krankheiten mehr, die von Mücken übertragen wurden. Aber mein Fieber war nicht so schlimm. Und mit dem Auto ist mir auch nie etwas geschehen. Nur einmal.

Ist es hart, im Alter noch so klar zu sein, den anderen beim Verfall zuzusehen und nichts an Sanftheit dazuzugewinnen, an Milde? Welches ist Ihr Lieblingsaberglaube?

Nachdem sie mir die Geschichte mit dem Kind und dem Auto erzählt hat und ich mich schon langsam zum Aufbruch bereit mache, sagt sie: Das habe ich lange niemandem mehr erzählt. Hier weiss das gar niemand. Da wird mir klar, dass vieles was sie mir erzählt, auch weit Unspektakuläreres, sehr persönlich für sie ist. Dass sie sich auf eine Art öffnet, bei der sie sich vielleicht selbst fremd vorkommen muss, ohne mich aber dafür verantwortlich zu machen. Und dass wir (und das beruht auf Gegenseitigkeit, auch wenn ich nicht weiss weshalb) uns schon viel näher sind, als wir oder zumindest ich bisher angenommen habe. Und mir wird klar, dass Schuld immer etwas sehr Privates ist, sogar wenn sie ungewiss ist oder gerade dann. Das Einzige, was die Bedeutung und das Private daran hat erkennen lassen, die grosse Bedeutung, ist, dass sie das Wichtigste wiederholt. Zweimal genau gleich.
Und dann sagt sie auch noch, dass sie nichts zurückhalten wollte, aber es habe sich einfach vorher nicht ergeben. Beziehungsweise, wahrscheinlich habe sie gar nicht dran gedacht. Danach sei sie nie mehr zum Vergnügen Auto gefahren, obwohl sie, als es passierte, für die Mission unterwegs gewesen war.


Foto

Das bin ich mit zwei Bewohnern, vor meinem Haus. Die Malaien bauten ihre Häuser ja auf Stelzen. Darunter hielten sie sich Hunde und Hühner. Die Chinesen bauen eher ebenerdig, so wie das hier. Die Chinesen in Malaysia, ja. Sie nickt. Viele hatten Wellblechdächer. Wir hatten eines aus Palmblättern. Die waren viel kühler und ruhiger. Aber mit der Zeit haben sich im Dach die Insekten eingenistet. Man musste ein Tuch über den Tisch spannen, sonst fielen einem die Viecher ins Essen. Sie lacht nicht. Da im Hintergrund, sehen Sie, ein Ziehbrunnen. Man musste das Wasser mit einem Eimer an einer Kette raufholen. Das Schwierige war, dass der Eimer dort unten kippt und sich füllt. Es ging nur mit einem Zwick, einem Ruck. Am Rand sehen Sie noch das Auto. Aber das war nicht das Auto, mit dem es passierte. Ohne Auto war man sehr isoliert in so einem Dorf. Pro Tag fuhren nur ein oder zwei Busse und man wusste nie wann.

Wie viel Privatsphäre brauchen Sie?

Nach unserem nächsten Treffen ist mir endgültig klar, dass ich keine Geschichte erfinden kann. Dass ich bereits zuviel weiss, um ihr Leben neu zu erfinden. Es käme mir wie Verrat an dem Vertrauen vor, mit dem sie mir ihr Leben erzählt; gerade so, als ob ihr Leben nicht gut genug wäre. Und doch fehlt ein Ereignis, ein kurzes aber heftiges, eines, dass ich auch erzählen darf.


Was verstehen Sie unter Zukunft?

Die Bevölkerung von Malaysia besteht aus einer grossen Anzahl von ethnischen Gruppen, wobei die Malaien die Mehrheit stellen und auch die Politik dominieren. Die Verfassung des Landes definiert, dass alle Malaien Moslems sind. Des Weiteren stellen die Überseechinesen etwa ein Viertel der Bevölkerung. Die Chinesen spielen eine bedeutende Rolle in Handel und Wirtschaft. Christen (9 %) gibt es in allen ethnischen Gruppen. Muslime werden gegenüber Angehörigen anderer Religionen bewusst staatlich bevorzugt.


Langeweile?

Höchstens wenn ich müde bin.

Waren Sie je in Gefangenschaft? Wovon hängt Freiheit ab? Wann ist ein Krieg zu Ende?

Einmal seien die Engländer über die Schweiz geflogen. Die Schweizer mussten sie als neutraler Staat natürlich beschiessen. Worauf die Engländer funkten: Ihr schiesst zu tief, und die Schweizer sollen geantwortet haben: Ja, wir wissen es. Kann sein, das Ganze ist nur erfunden. Und wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten, würde die Geschichte ganz anders erzählt.

Warum versuchen Sie nie, mich zu bekehren?

Ich merke, wie mir meine eigenen Fragen zunehmend unangenehm sind. Einem Menschen solche intimen Fragen zu stellen, der sie auch noch beantwortet, geht nur mit schlechtem Gewissen oder Zensur einher. Je mehr ich erfahre und aufschreibe, desto mehr komme ich mir vor wie Capote im gleichnamigen Film: Er geht zu einem Mörder ins Gefängnis und lässt sich dessen Leben erzählen. Und immer, wenn der Mörder ihn fragt, wie weit er schon sei, sagt er, er habe noch nicht begonnen. Alles, was er schreibt, scheint ihm nicht an der Realität messbar oder noch schlimmer, es könnte die Realität sein, aber der Mörder würde sich darin nicht wiedererkennen können oder nicht wollen. Ich höre meine Stimme auf den Bändern, die immer viel zu laut ist, obwohl Frau K. gut hört, und ich fühle mich, wie sich der Fragende bei einem Verhör fühlen muss: immer falsch, weil sein Leben eingeschlossen bleibt, während ein anderes aufgebrochen wird.


Lieblingsfarbe?

Wozu?

Wie viel Leiden ist ein schöner Moment noch wert? Mehr oder weniger als früher?

Wenn sie vergass, ihr Morphium zu schlucken, sprach sie von einem Kribbeln, das immer stärker würde. Aber das war es nicht, was ihr die meiste Angst machte. Auch nicht Durchfall, hämmernde Kopfschmerzen schon morgens beim Aufwachen oder die tausend anderen Dinge, die als Nebenwirkungen umschrieben werden und von denen mir eine reichen würde, um alles andere zu vergessen; nein, am meisten Angst hatte Mutter davor, dass ihr von der neuen Chemotherapie die Haare ausfallen könnten. Mein Angebot, mir aus Solidarität auch eine Glatze zu rasieren, tröstete sie nicht.
Auf Fotos habe ich gesehen, dass sie früher blonde Haare bis ins Kreuz hatte. Als ich ein Baby war, hätte ich ihr beim Rumtragen immer über ihre Schulter ins Haar gesabbert und häufiger auch gekotzt, sodass sie gar nicht mehr nachgekommen sei mit Haarewaschen, behauptete sie, also habe sie die Haare abgeschnitten. Bis zu ihrem Tod war kein bisschen Grau zu sehen, und die Fransen im Gesicht standen ihr gut. Und doch frage ich mich, ob die Sache mit den Haaren nur ein geschicktes Ablenkungsmanöver war, oder ob das Leben tatsächlich für jeden durch etwas anderes symbolisiert wird. Und ob nicht Frau K.'s Leben durch das Leben selbst symbolisiert wird und durch nichts anderes. Und dass ihr deshalb nicht einmal Schmerzen etwas anhaben können.


Sind Sie weise?

Als ich zu ihr fahre, etwa zum fünften Mal – ich muss gerade eine Entscheidung treffen, vielleicht eine fürs Leben – möchte ich ihr gerne davon erzählen, nicht fragen, nur erzählen.


Glauben Sie an Gerechtigkeit?

Ich biete Frau K. an, diesen Text zu lesen, bevor er veröffentlicht wird, und Stellen, mit denen sie nicht einverstanden ist oder die nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind, zu löschen.


Hat Gott je etwas verhindert in Ihrem Leben? Finden Sie das schade? Haben Sie einen Kosenamen für den Tod?

Andererseits hasste ich alle, die mit Mutter im Wartezimmer (ihr Arzt war Spezialist) sassen. Einige von ihnen waren wesentlich jünger als Mutter und würden noch früher sterben, noch weniger gelebt haben. Ich hasste sie alle dafür, dafür, dass sie mir Mutters Elend relativierten. Wer sagt, man könne Unglück nicht vergleichen, hat nie Unglück erlebt. Und dann kam der Arzt zu mir und erklärte mir alles ganz genau, was Mutter nicht verstanden hätte, weil sie eben nicht so gescheit oder zumindest nicht so gebildet war wie Frau K. Und für mich war es unerträglich zu wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, und dennoch immer zu hoffen, dass sie die Ausnahme wäre, dass Wahrscheinlichkeiten bloss Vorurteile sind, dass rechtzeitig noch ein neues Medikament erfunden würde, dass die Ärzte eine Unbekannte vergessen hätten in ihrer Rechnung. Und am Schluss war das Wunder nach all dem Warten bloss der Tod.


Kommt hier jemand lebend raus?

Es gibt in der Offenbarung diese Bilder, auf denen Menschen aus allen Nationen um den Thron von Jesus versammelt sind und singen. So etwas ist schon ein wunderschöner Gedanke. Dass man zusammen ist und singen kann, ohne … ohne müde zu werden. Singen hat auf Erden doch immer so eine Grenze. Aber ich bin nicht so ein Bildermensch.

Wie lange dauert das Überleben?

Nur hab ich dann später ein Loch gehabt. Lange nach Vaters Tod. Als ich drei Jahre danach nach Hause kam, habe ich erwartet … jetzt gibt's … für mich ist doch die Veränderung erst dann passiert. In Malaysia habe ich es fast nicht gemerkt. Für die anderen war es schon lange her. Für meine Mutter und meine Schwester. Aber ich konnte den Tod erst im gewohnten Umfeld verarbeiten. Im Umfeld, in dem auch mein Vater immer gewesen war. Und dann eben nicht mehr. Ich kann nicht sagen, wie sich das praktisch ausgewirkt hat. Es war sehr unan… – seltsam war das schon.

Wie unterscheiden sich Kriege?

Man denkt nachher schon, man hätte mehr machen können. Sie schaut mich an. Ich habe immer nur Gewehre gesehen, Schüsse gehört, Verletzte gepflegt, aber Feinde gab es keine. Es ist so viel im Kopf passiert oder, wenn man Glück hatte, gar nichts. Anfangs wusste man jeweils nicht, wie lange es dauert. Beim letzten Weltkrieg, meine ich. Man denkt nachher schon, man hätte helfen können. Aber wir wussten nicht wie. Anfangs wussten wir nicht einmal wem. Man versteht das heute nicht mehr. Zwar waren alle Grenzen bewacht, aber man wusste nie, wie die Schweiz reagieren würde, wenn die Deutschen kämen. Wir hatten ja selbst viele Nazis hier. Und dann gab es diesen Plan: Was kann man wirklich verteidigen, wenn wir angegriffen werden. Grosse Gebiete des Kantons Zürich waren nicht dabei. Wir hatten nie vor zu flüchten. Wohin auch? Als klar war, es muss bald zu Ende sein, habe ich nur darauf gewartet, nach China gehen zu können. Aber erst war ich ja dann acht Monate in London. Man fuhr da fast nur Rad.

Wie schafft man es eine Beziehung über Jahrzehnte aufrechtzuerhalten? Und wozu tut man das?

Es scheint, dass die Dinge, von welchen sie berichtet, bereits so weit zurückliegen, dass die dazugehörigen Gefühle dazu verloren gegangen sind. Sie berichtet von Kriegen genauso wie von der Ausbildung zur Krankenschwester. Oder schlägt sich der Generationenunterschied in der Erzählhaltung nieder und sie hätte auch am Tag nach dem Geschehen nicht anders erzählt? Es ist nicht so, dass sie sich zum Beispiel nicht für politische Fragen interessiert (auch wenn sie heute Nachrichten nur noch in Massen schaut), aber ihre Antworten darauf sind immer unentschieden, fast ein bisschen unsicher, und immer betont sie, dass sie zu wenig darüber wisse und dass man es besser nachlesen sollte.
Und deshalb und weil ich denke, hier muss es doch eine Geschichte geben, einen Konflikt, wilde Gefühle, frage ich nach der Liebe. Zu diesem Zeitpunkt ist mir bereits klar, es wird keine glückliche sein, sonst hätte sie mir schon bei den vorherigen Treffen davon erzählt.
Aber kaum habe ich mit der Frage begonnen, unterbricht sie mich auch schon. Sagt, das habe sie sich schon gedacht, dass ich damit noch käme, und lacht lange. Ich lache mit, dann ist es plötzlich still. Sie sagt, sie wisse nichts zu erzählen und lacht wieder, bis es wieder still ist und ich genauer fragen muss.


In wie vielen Sprachen haben sie schon ‚Ich liebe dich‘ gesagt? Und haben Sie es häufiger gedacht oder häufiger gesagt?

Ich habe mich zuerst. Ich war zweimal … beide hatten eine Freundin in Deutschland. Das ist später rausgekommen. Sie lacht. Das ist natürlich nicht so schön für mich gewesen. Dann sind sie wieder nach Deutschland zurück. – Ja, beim Zweiten habe sogar ich aufgehört. Ich wollte niemandem irgendwen wegnehmen. Wir haben oft Ausflüge gemacht. Aber alles sehr gesittet. Wenn es anders gekommen wäre, dann wäre ich während des Krieges in Deutschland gewesen und mein Mann in … im Militär. Das habe ich mir nachher schon überlegt. Ich war ja noch keine zwanzig. Und nachher, naja… Ich weiss nicht, was ich sonst noch dazu sagen soll?

Wie viel kosten Sie den Staat?

Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, schauen Sie, dass Sie Kinder bekommen; das ist zwar anstrengend, aber ... – Oder haben Sie schon Kinder? Es ist nicht nur, damit sie einen pflegen, wenn man alt ist; es ist vor allem deshalb, damit man noch über etwas reden kann. Alle in meinem Alter reden über Kinder, Neffen oder Enkelkinder, und ich sitze stumm daneben und komme mir blöd vor. Weiss Gott, woran es lag, wir hatten eben kein Glück, aber beklagt haben wir uns deshalb nie. Es hatte ja auch Vorteile, wissen Sie, ich war sogar schon in Afrika. Es war wirklich … schön! – Wenn nur die Hitze nicht wäre. Kurz schaute der Mann im Tram aus dem Fenster, ich dachte, er begänne nun über das Wetter zu sprechen, aber ich hoffte vergebens: Sogar mit den Kindern, sogar wenn Sie welche haben, wer weiss wie das ist, wenn Sie mal so alt sind wie ich. Vielleicht spricht dann niemand mehr über Kinder. Auch wenn ich mir das nicht vorstellen kann, aber glauben Sie, ich hätte mir das Internet vorstellen können, sogar jetzt, wo ich es sehe, kann ich es noch immer nicht ganz fassen. Dann noch eher die Mondlandung. Das war vielleicht ein Ereignis. – Vielleicht wohnen Ihre Kinder ja dereinst auf dem Mond und Sie wissen nichts – ach, Sie müssen schon aussteigen? Ich nickte. Na dann, nichts für ungut, sagte er, und als ich draussen stand, winkte er mir noch nach. Das war in der Strassenbahn nach einem Treffen mit Frau K.


Was sagen Sie zum Krieg heute?

Welchem?

Wann wussten Sie: das geht vorbei? Hat man während des Zweiten Weltkrieges schon vom Zweiten Weltkrieg gesprochen? Haben Sie je gedacht, der Krieg könnte nicht mehr aufhören?

Als ich den Auftrag für diesen Text annahm, dachte ich, alle, wirklich alle hier drinnen haben den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Frau K. spricht vom letzten Weltkrieg. Aber Frau K. interessiert sich nicht für Kriege, nur für Menschen. Doch wenn der Krieg einmal da war, interessierte sie sich zwangsläufig auch für den Krieg. Der Krieg, das sind die Menschen, sagt sie.

Sind Sie noch Jungfrau? Hatten Sie je Sex? Sind sie eine Heilige? Welches Leben glauben Sie verpasst zu haben? Wann waren Sie das letzte Mal verliebt? Wären sie es gern häufiger gewesen? Tat es weh? Wie oft trauten Sie sich, unglücklich verliebt zu sein? Was ist schwerer auszuhalten, das Unglück oder die Angst, das Glück könnte vorübergehen?

Zu Hause hatten wir oft Besuche von Studenten. Ich weiss nicht, was sich mein Vater dabei dachte, uns so zu exponieren. Wahrscheinlich nicht viel. Sie lacht. In der Schwesternschule war ich dann plötzlich von all dem Treiben abgeschnitten. Aber mit dem zweiten … Den mochte ich wirklich sehr. Aber dann habe ich gemerkt, dass das einfach nicht sein kann. Für andere geht das vielleicht, das mag sein. Ich habe dann abgebrochen. Ich musste noch oft weinen deswegen. Einmal haben wir mit Kelchgläsern angestossen. Beide sind in Scherben gegangen. Das war schon seltsam: Glück und Glas, wie bald bricht das? Das sagt man so einfach.

Wie gehen Sie damit um, dass Krankheiten, die Sie ein Leben lang ertragen mussten, heute geheilt werden können?

Eine Frau im Altersheim, sagt man, schreibt allen verstorbenen Liebhabern zum Geburtstag einen Brief. Jeder endet mit: Auf bald, Deine H.

Sind Sie noch Jungfrau? Hatten Sie je Sex? Sind sie eine Heilige? Welches Leben glauben Sie verpasst zu haben? Wie muss jemand sein, damit Sie ihn lieben können? Treu? Verliebt? Abwesend? Wenn Sie wünschen könnten: Keinen Krieg oder Liebe für alle, was würden Sie sich wünschen? Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick über 65? Haben Sie je ein Partnerschaftsinserat aufgegeben?

Unsinn!

Wie verändert sich die Liebe durch die Zeit?

Wenn sie lacht, richtig lacht, schliesst sie die Augen und neigt den Kopf seitlich zum Kinn. Wenn sie die Augen wieder öffnet, sieht ihr Gesicht immer irgendwie verschmitzt aus, auch dann noch, wenn sie längst aufgehört hat zu lachen. Ihre Stimme dabei ist leicht kehlig, wie bei vielen alten Menschen; aber im Unterton klingt ein Mädchen-Singsang mit. Auf den Fotos sieht man, dass sie auch schon als junge Frau hübsch ausgesehen hat und auf Fotos oft lacht.
Beim Erzählen presst sie manchmal die Fingerkuppen gegeneinander oder reibt sich an den Unterarmen, aber nicht, als ob es sie beissen würde, mehr als ob sie die Runzeln – nicht glatt streichen – einfach nur spüren will. Und nach ein, zwei Sätzen beginnt sie zu gestikulieren, nicht wild, aber sehr entschlossen. Wieder einmal denke ich, dass das selten ist bei alten Menschen, weiss aber nicht, ob das wirklich stimmt, ob das meine Vorurteile sind (die ja oft der wiederholt widersprechenden Realität standhalten) oder ob ich wirklich so selten alte Menschen treffe.


Haben Sie Ihre Mission erfüllt?

Sie erzählt ihre Liebesgeschichten sehr umständlich, unzusammenhängend, und scheint immer die wichtigsten Stellen auszulassen. Ich weiss nicht, ob sie verschweigen will, dass da mehr war. Oder ob da nichts war und ich denken soll, dass vielleicht doch etwas war. Und doch, auch wenn ich mit den Fragen längst woanders bin, fällt ihr immer wieder etwas zur Liebe ein: warum sich alle immer in ihre Schwester verliebt hatten, warum es nie der Richtige war, warum ihr das nie viel ausmachte. Und sie fragt sich ohne Bitternis, was man machen soll, wenn sich die anderen einfach nicht für einen interessieren. Es kommt mir vor, als wären wir beide vierzehn und teilten im Ferienlager das Zimmer; beide wollen wir nicht einschlafen und beginnen uns zu erzählen, was wir selbst gern von uns wissen wollen würden und deshalb extra füreinander erfinden.


Wie lange dauert das Sterben?

Bereits einen Tag nach Vaters Tod bekam ich ein Telegramm. Schon als der Bote kam, wusste ich, das hat nichts Gutes zu bedeuten.
Einen Monat zuvor hatte mein Vater noch versucht, mir zu schreiben. Doch sein Kugelschreiber gab den Geist auf. Der Brief hört nicht mit einem Gruss auf. Der Brief hört einfach mitten im Satz auf. Allem Anschein nach muss er allein gewesen sein. So öpis mag eim dänn scho. Sie schaut mich an. Das war der letzte Brief. Sie schaut mich an. – Ich habe ihn noch irgendwo.
Meine Schwester hat mir ein paar Wochen vorher geschrieben: Wenn ich nach Hause kommen wolle, sei jetzt die Zeit dazu. Aber er ist nicht jemand, der gewollt hätte, dass wir alle um sein Bett herumsitzen und warten. Meine Mutter und die Haushälterin waren ja da. Und ein Doktor und meine Schwester haben in der Nähe gewohnt. Ich hätte keine Aufgabe gehabt. Wenn ich den Haushalt hätte übernehmen müssen -, aber sie hatten ja genug Hilfe. Äusserlich hatte er alle Hilfe, die er brauchte.

Haben Sie manchmal das Gefühl, den guten Tod bereits verpasst zu haben? Ist Gott dumm? Und wenn ja, wäre das schlimm?

Das Sterben war nicht das Schlimme, die Beerdigung schon fast schön und die ersten paar Monate war ich zwar nicht befreit, aber angenehm der Welt enthoben. Erst war sogar fast alles gleich, so ist der Tod, dann war plötzlich alles anders. Und so ist es noch jetzt. Manchmal versuche ich mir schöne Momente in Erinnerung zu rufen. Doch mit Müttern erlebt man nun mal keine Dinge, mit Müttern füllt man bloss den grossen Rest dazwischen. Es ist wie mit den Gesprächen mit Frau K., wie überhaupt mit den meisten Gesprächen, sie können wichtig oder schön sein, aber Glück fühlt sich in der Regel anders an.


Es gibt so viele Möglichkeiten, die man wählen kann, aber am Ende des Lebens hat man immer nur eine gewählt; sind Sie mit Ihrer zufrieden? Oder hadern Sie damit, dass es nur eine ist? Was müsste geschehen, damit Sie Ihren Glauben verlieren? Sind Sie manchmal neidisch auf den Tod anderer?

Der einzige Mensch, den sie wirklich bekehren wollte, oder überzeugen, oder zeigen, wie es ist, war ihre Mutter, die das aber nicht begreifen wollte. Wenn man gute Nachrichten hat, will man sie doch mitteilen, sagt Frau K. Noch heute höre ich in ihrer Stimme die Zurückweisung, die Frau K. daraus erfuhr, und dass ihre Schwester die Bevorzugte gewesen sei. Aber davon darf ich nicht erzählen. Denn erstens liebt Frau K. ihre Schwester, zweitens ist es eben ihre Schwester und drittens will sie niemanden verletzen. Ich eigentlich auch nicht.


Gibt es Veränderung? Lebt man im Alter nur noch, damit sich die Jungen weniger verlassen vorkommen?

Ich denke ja, manchmal schon. Sie schaut mich an. Mit dem Glauben. Ja. Nein. Ich bin schon überzeugt davon. Aber wenn ich ganz ehrlich bin. Ich verstehe schon, dass man auch anders denken kann. Das erschreckt mich schon. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das so. Mit der ganzen Wissenschaft. Da werden ja ständig neue Sachen erfunden. Ich meine rausgefunden. Sprache ist ja auch eine Wissenschaft für sich. Haben Sie zum Beispiel gewusst, dass es im Chinesischen drei Wörter für Gott gibt? Es gibt eine grosse Kontroverse, welches das richtige ist. Das eine kann zum Beispiel auch höchster Herrscher, also Kaiser heissen. Sie schaut mich an. Es gibt ja in Asien schon lange Christen. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es das Zeichen für Christus schon vor der Christianisierung gab. Aber wenn, wäre es natürlich interessant zu wissen, wofür es vorher gestanden hat. Auf jeden Fall, das Wort Kreuz, Christus Kreuz sind drei Zeichen. Sie bedeuten: Gestell, an welches man einen Mensch hängen kann.

Frau K., worüber werden wir sprechen, wenn ich Sie in Zukunft besuchen komme? Worüber sprechen Sie, wenn Sie von Zukunft reden?

Ich kenne das wie gesagt von Ferienlagern, von Besäufnissen mit Fremden, dass man sich sein ganzes Leben erzählt, sogar das, was man seinem besten Freund verschwiegen hat. Wo man sich im Erzählen neu und besser erfindet. Aber es sind nicht die kleinen Unwahrheiten, die aufgedeckt werden könnten, die ein Wiedersehen verhindern. Man hat auch Adressen getauscht, sich ewige Freundschaft geschworen und dass man sich gleich anrufen will. Aber beide tun es dann doch nicht und beide wundern sich darüber; vor allem über sich selbst.


Was habe ich vergessen, Sie zu fragen? Was würden Sie gerne erzählen? Was würden Sie lieber nicht erzählen bzw. was haben Sie verschwiegen?

Zum letzten Lebensdrittel hat sie mir fast nichts erzählt. Sie sagte bloss: Ich hatte nur drei Wünsche, als ich zurückkam: einen Kühlschrank, ein Telefon und ein Klavier oder eben Spinett. Doch am meisten vermisste sie ihre Arbeit. Sie habe sich zu wenig gewehrt. Sie sagt auch, dass das Alter nicht die schönste Zeit im Leben ist, dass sie keine Hundert werden will. Mich schockiert das. Von einem Menschen, der so viel Lebensfreude ausstrahlt. Der auch sagt, er habe ein glückliches Leben gehabt. Und all die Abschiede, die sie beschreibt, laufen immer gleich ab: kein Kämpfen, kein Aufbegehren, immer nur ein Annehmen. Ist das Weisheit oder Resignation? Und hat das etwas mit dem Alter zu tun?


Was passiert mit der Erinnerung, wenn Sie sie erzählen?

Carmen hat mir wieder geschrieben. Ihr Sohn behauptet, wenn Alzheimer eine Droge mit vorübergehender Wirkung wäre, könnte man damit reich werden. Er ist schon seltsam von Krankheit zu sprechen, wenn man es gar nicht merkt. Aber das stimmt ja eben nicht. Mit dem Alter ist es leider nicht so. Manchmal vielleicht schon. Der Tod … Irgendwie, manchmal glaube ich nicht an das Vergessen. Wissen Sie, worüber wir im Heim am meisten sprechen: von der Kindheit. Von der eigenen. Die Frau, die Mutter des Kindes, von dem ich Ihnen erzählt habe. Sie schaut mich an. Come to my house, hat die Mutter des Kindes nach dem Unfall zu mir gesagt.

Lieblingsmusik?

Barock.

Was möchten Sie noch erleben? Was werden Ihre letzten Worte sein? Haben Sie noch Fragen?

Ich wünsche ihr Gesundheit, ja, aber kein langes Leben; einen schönen Abschied, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Sie wird vielleicht ein bisschen traurig sein, sich aber auch freuen. Andere nicht. Ich zum Beispiel. Vielleicht höre ich sie ja noch singen, auch wenn sie nicht glaubt, dass der Himmel so einfach ist. Dass man sich das nicht vorstellen kann. Wir werden ja sehen, sagt sie. Und schaut mich an.

 

Werner Rohner   05.09.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen empfehlen

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Prosa