poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Aus der Mitte Amerikas

Gedichte aus Zentralamerika und der Karibik
 Zusammengestellt von Timo Berger (Teil 2)

Mit Gedichten von Karen Valladares, Wingston González, Mayra Oyuela
(Teil 2)


Karen Valladares  externer Link
 
Mayra Oyuela  externer Link
 
 
Wingston González  externer Link
 

Timo Berger hat junge Lyrik aus der Mitte Ameri­kas und der Kari­bik zu­sammen­gestellt und zu­sam­men mit Sarah Otter über­setzt. Neben der Ein­lei­tung werden in einer ersten Folge drei Autoren mit Ge­dicht­bei­spie­len vor­ge­stellt. Die voll­ständige Samm­lung ist zu finden im Lite­ratur­magazin poet nr. 16.

Mittelamerika, geografisch die Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika plus die großen und kleinen Antillen, ist literarisch eine schon länger in Deutschland fast ver­ges­sene Region. Das war in den 1980er Jahren an­ders: Im Zuge der sandi­nisti­schen Revo­lution in Nicaragua fiel der Blick auf die Lite­ratur der Region, die Dichter Ernesto Cardenal und Gioconda Belli wurden auch hier­zulande bekannt. Von der fol­genden Gene­ration wurden einzelne Werke übersetzt – wie die Romane von Horacio Castellanos Moya oder Rodrigo Rey Rosa. Wo begegnet uns heute Mittelamerika? Man könnte sarkas­tisch sagen, vor allem im Supermarkt. Neben den Bananen aus den sprich­wörtli­chen Republiken finden wir Ananas, Kaffee, Kakao.
  Doch in den im kontinentalen Vergleich kleinen Ländern gibt es viel zu erschlie­ßen. Ein Direktimport neuer Dichtung wäre dringend vonnöten. Die vor­liegende Auswahl beschränkt sich auf Dichte­rinnen und Dich­ter aus den spa­nisch­sprachi­gen Ländern Zentralamerikas und nimmt zwei Dichter aus der Domini­kani­schen Republik hinzu. Es sind Dichter, geboren zwischen 1969 und 1986, die auf Festivals wie dem Festival Inter­nacional de Poesía de Granada in Nicara­gua oder im Rahmen von Buch­messen wie der Feria Inter­nacional del Libro en Centro­américa (FILCEN) auf­treten, die in unab­hängigen Verlagen wie Editorial Germinal (Costa Rica), Leteo Ediciones (Nica­ragua) oder Catafixia (Guatemala) ver­öffent­licht werden und in Sammlungen latein­ame­rika­nischer Lyrik Aufnahme finden wie in »Cuerpo Plural. Anto­logía de la poesía hispa­noame­ri­cana contem­poránea«, er­schie­nen 2010 im spani­schen Verlag Pre-Textos.
  Es wäre verfrüht zu behaupten, die hier Vorgestellten seien vom Rang eines Rubén Darío. Im Rückspiegel sieht man die Zukunft schlecht. Aber es sind Dichte­rinnen und Dichter, die ein interes­siertes Pu­blikum in Zentral­ameri­ka »kennt«, Dichte­rinnen, die sich politisch posi­tionieren wie Mayra Oyuela und Karen Valla­dares aus Hon­duras. Beide engagieren sich in dem Künstler­kol­lektiv »Artistas en Resi­stencia«, das mit Aktions­kunst gegen den Putsch 2009 in Honduras und die Nach­folge­regierung pro­tes­tiert. Es sind aber auch Dichter wie Frank Báez oder der in New York lebende Juan Dicent, die ihre ironisch-kriti­sche Sicht auf die Gesell­schaft in per­formative Texte packen, die sie bisweilen begleitet von einer Band aufführen – die Nähe zur zeitgenössischen US-ameri­kani­schen Dichtung und der Spoken-Word-Bewegung ist spürbar. Über­haupt hohe Töne, salbungs­volle Worte findet man selten. Und wenn einer wie Javier Alvarado sie dann doch mal im Mund führt, dann um so etwas Alltäg­liches wie die Zwiebel zu besingen. Auch Heiligen­legenden oder die Verse der ersten latein­ameri­kani­schen Dichte­rin Sor Juana Inés de la Cruz werden bei Elena Sala­manca mal feministisch, mal ironisch gegen den Strich gebürstet. Formal nehmen sich die jungen Dichter Zentral­amerikas alle Freiheiten. Die ebenfalls in New York lebende Nicara­guanerin Gema Santa­maría erweitert ihre Gedichte transmedial, indem sie zu jedem Text einen Poetry film dreht. Dass man performative Elemente aber auch allein auf dem Papier rea­lisieren kann, beweist wiederum Alfredo Trejos aus Costa Rica mit seinem Brief an die Herren von der Strom­gesell­schaft in Echtzeit. Wir werden Zeugen eines Gedichts, bei dem die Stimmung von einer Sekunde auf die andere radikal umsch­lagen kann.
  Dass Mittelamerika bunt und vielgestaltig ist, dort mehrere Kulturen und Ein­flüsse zu­sammen­kommen, wird be­sonders bei dem Guatemalte­ken Wingston González deutlich. Er remixt Gari­funa, die Sprache der Nach­fahren von Afri­kanern und Indi­genen, und ein Spanisch in fehler­hafter Ortho­graphie. Seine Gedichte sind Predigten, End­zeit­visionen, Liriqueo (der Sprech­gesang beim Reg­geaton) und Neo-Beat-Poesie.
  Die Texte der zentralameri­kanischen Dichterinnen und Dichter ent­halten aber nicht nur Spuren anderer Kul­turen, Frachtgut, das über den Ozean gereist ist, sie sind auch wie die Seile, mit denen die Schiffe vertäut wurden, im besten Fall span­nen sie Netze, die ein lite­rari­sches Uni­versum mit einem anderen ver­binden.

Timo Berger
Dank an Andre Beyer-Lindenschmidt, Léonce Lupette und Sarah Otter

 

Karen Valladares

Karen Valladares, geboren 1984 in Tegucigalpa, Honduras, ist Schrift­stellerin und Kultur­mana­gerin. Sie ist Mit­heraus­geberin der Zeit­schrift metáfora, Grün­dung­smit­glied der lite­rarischen Bewe­gung Poetas del Grado Cero sowie Mit­glied des Karton­buch­verlags Grado Cero. Karen Valladares ver­öffent­lichte den Gedichtband Ciudad Inversa (2010) sowie Gedichte in mehreren Antho­logien und Zeit­schrif­ten in Mexiko und Argen­tinien.


Umgekehrte Stadt

Niemand träumt die Welt
Jorge Luis Borges


Die Stadt
ist eine Laterne,
ein Fächer.

Manchmal
auch ein Vogel,
Spiegel des Todes,
Staub unseres eigenen Körpers.

Ein Kind, das uns fliegen lässt wie einen Drachen,
ein Hund, der über unsere Schatten leckt.

Männer und Frauen,
die in jeder Hinsicht vorankommen.

Manchmal kommen sie keinen Schritt voran.

Sie ist lang,
ohne Bewegung,
ohne Atmung.

Die Stadt ist nur
noch Müll,
der in einen Himmel steigt, der schwarz ist
oder blau
oder gelb.

Diese Stadt
ist ein schlechter Vers,
eine stille Schlacht zu Sonnenuntergang,
ein Gitarrenakkord oder ein altes Schwert.

Die Stadt
ist ein Fluss,
gefüllt mit Steinen,
doch der Stein verwüstet den Fluss.

Diese Stadt,
genau diese Stadt,
ist die Welt,
die niemand träumt.

Übertragen von Sarah Otter

Mayra Oyuela

Mayra Oyuela, geboren 1982 in Tegucigalpa, Honduras, ist Dichterin, Kultur­managerin und Mitglied der Artistas en Resistencia (dt. Künstler im Widerstand). Von ihr erschienen die Gedichtbände Escribiéndole una casa al barco (2006) und Puertos de arribo (2009).


Die Bahn

Ich trage die Welt wie Ohrringe an mir,
streife Unbekannte mit meinen Wimpern,
küsse Passanten die Hände
(kribbelnde Lippen).
Einer soll mich ergründen,
ich bin die Metro, die diese Stadt nie hatte,
verwegen in meinem Innern all die Jahre,
in meinem Innern das Verstreichen,
das Bauchrednerwort an jeder Station,
der Dorn und der Zahn, der in die Rose des Verborgenen beißt.
Meine Toten sind keine vom Licht verschlissenen Schatten.

Einer soll mich ergründen,
ich kenne Anfang und Ende dieser Geschichte.
Einer soll einsteigen und in mir verweilen,
meine Augen sind Tunnel, die irgendwohin führen,
meine Hände Mauern, an die man sich im Dunkeln lehnen,
meine Arme Sitzbänke, auf denen man sich lieben kann.
Zerbrochen ist alles Vertraute in meinem Innern,
ich muss wissen, dass du nicht untergehst, Welt,
die Fäuste geballt zum Zeichen der Hilfe, nicht der Verteidigung,
geballt, um in ihnen die restliche Luft mitzunehmen,
die nicht in meine Lungen passte.
Das Schöne liegt im Unvollkommenen.
Nicht der Dichter muss ich sein, sondern das Gedicht,
Schönheit steht über der Logik eines jeden Dichters.
Langsam muss ich dir folgen, Weg,
es verwundert mich nicht mehr, dass ich ankommen werde, Welt:
In deinen Vierteln sind die Mauern mit kalkhaltiger Demut tätowiert,
in deinen Vierteln lernte ich, den Abstieg zu verteidigen.
Ich bin die Metro, die diese Stadt nie hatte;
in meinem Innern Flugblätter mit den Bildern von Verschwundenen,
Grabhügel aus Wörtern, die jemand nicht unter den Teppich gekehrt hat,
in meinem Innern das Verstreichen.
Niemand soll mich fragen, warum ich dich nicht beschreibe, Hoffnung,
ich spreche von dem anderen Schönen, das nicht im Schönen liegt.
Ergründet mich, Prediger am Nachmittag,
Grackeln, Pirouettendreher, Studenten: Vergesst nicht den Stichel
und schreibt in den Hohlräumen meiner Waggons
Telefonnummern für Rendezvous,
DJs, Barkeeper und alle mit Fremdwörtern in der Berufsbezeichnung,
steigt ein, Fleischer aus San Isidro, Hausmeister und Huren,
Maurer, kommt und gebt den Prinzessinnen
der Sonntage ihr Lächeln zurück.
Frauen: Beschreibt mit eurem Lippenrot die Liebkosung, die ihr nie erhieltet,
steigt ein, verwöhnte Gören von der High School, alleinstehende Mütter, Selbstmörder,
Lehrer, kommt und verkauft Parfüm, das durch den Panamakanal geschmuggelt wurde.


Kommt und ergründet mich, in meinem Innern das Verstreichen, all die Jahre,
das Erstaunen desjenigen, der dich begleitet, obwohl er ein Mensch ist.

Ich weiß, wer ich bin,
ein Schulterklopfen genügt
und ich kehre zurück zu meinen der Träume überdrüssigen Füßen,
ein Schulterklopfen genügt
und ich kehre zurück zu mir

zur Anonymität,
zur Flatulenz, zum Menschen, der ich bin.
Ergründet mich!!!
Ich bin die Metro, die diese Stadt nie hatte,
kommt und zieht mir was an die Füße,
denn in meine Schuhe werdet ihr nie passen.

Übertragen von Sarah Otter

Wingston González

Wingston González, geboren 1986 in Livings­ton, Guatemala, lebt als Schriftsteller in Guatemala-Stadt. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentl­icht, zuletzt san juan – la esperanza und Miss muñecas Vudu (beide 2013). Er hat das Theater­stück Autopsia del resplandor verfasst. Seine Texte sind in in Anthologien in Argentinien, El Salvador, Frankreich, Guatemala, Mexiko, Nicaragua und Venezuela erschienen.



Deep Seilent Compliet ist
                          I

animalische Glokke Babel
das Blut ist Belag des Spiegels
             Glokke; und Tsebras
Tsebras, Kinder; ich bin, Herrschaften, ein Tsebrahirte; auch fon Wollken
             Kunpel
Arbeitskittel, bin, ein Tsebradieb
erheebe die Hand Lewiathan, nimmm
Jesus den Christus als Herrn und Erlöhser, sagt eine dumme Gans
der Harnisch, der von allem Übel die Sünde befreit 

täntseln wir
dieses Leben, ja, Amaisen
gnostische Glokkn; dance to walk! walk to dance! lets go! Immer zu schpet, der Ängel
              des Herrn, Herrschaften, kündigte Maria an und empfing eine Strafe
Glokke, Babylon ist von der Mauer bis zum Überphluss:
7 Runnden drehte das Volk Gottes
um des Teufels letster Finger zu sein, um geretted zu werden, für den
             Rink des Ziegenbocks
                          Begräbnis: ins Dorf geht man tanzent
Tropen

Depp silent komplett, Sprachen des Son
»rette meine Seele mit dem Gedanken – dieses Lieht ist eine Lüge –«

meine Leute täik fire und
sind noch gestörter als das Volk Gottes
das an der Mauer von Jerichoh für Touristen tanzt

JA

                 II

ja, ja, ja, lacht das Mädchen, auch noch mit ihrem Snow Cone
meine Worte haben keine Tiife, aha
             meine Worte sind Oberfleche
             meine Worte sind
             die miesesten Kinderlein von Gott
             meine Worte sind
             dem Judas seine Brüste
             meine Worte Son
             Zuckervatte, die auf das Lieht des Sommerß fälld
             meine Worte sind
aber sind nicht mehr als das
als die Elisa, die scharf drauf ist, Henri James zu verdräschen
und ihm dann hinterherzurennen, aha
dem mickrigsten Lichd hinterher
ohne Türkontrollen ohne Baifall
zur rechten die linnke Magdalena
und stille Sternenbanner
um daraus einen perfekten Mythos zu stricken
sagte er, selig die schwarzen Puppen
             das Paralelogramm
der Dichtung ist eine Fars
                          Lüge
                                       Manbo

sagte, ich war kein Könich mer, ich bin nicht mer Könich
ich wärde nicht mer der Könich sein; weder der Comarcas, noch des Nichtz
ich bin nicht mer Charles Mingus, der Isabels Täible Dans spielt;
keine Winkelmesser, keine zaitgenössische Kunst
wenn du sie
             zaitgenössischnennst
kannn man die Zukunft nicht als
             Grap
Verbrechermeer
Feuerstein bezeichnen
             (Feuer, klar, erläuchte meine Loite)

JA


                 III

und dem Feuer das Feuer
am Tag nach Morgen

und Feuer das Zaitgenössische
der Steine, dessen was commt, Rebelljon
Atjektif der Geschosse, des Geschrais
in seiner Metamohrfose zum Werb

nach Morgen, nach dem Vrühstück
nenne nichts zaitgenössisch

die Gegenwart
             ruft die Fliegen herbei, nichts
ist sicher Mädel,
nichts geblendet, syntaktische Zerstörung
der Erinnerung, Morena, die Ratten
dass die Dichtung Lüge ist, ja, Hoichelei

mehr als einfältig, als enärgisch
erhohben sie über Timbales Flaggen, meine Leute
             wissen
für dieses Süstem die Scheiße, sagen sie
»sehlig der, der dieses Liriqueo hört«      

rennt dem Brot und seiner Heftigkeit hinterher
und vom Brot, zu Haus Meer Baum, weißglühend
             dies, Mami  für diese Bande
             die Worte
für Kerle, wie Guillén den Bösen
wie die rasselnden Maracas
wo ein Traum im Vogueing getanzt wirt
wo heilig, heilig ist der Herr. für sie
ist heilig nur er

für die Bietniks, die Runden um die Spirale
des Tsentrums des Atlantiks drehen

in der Liebe findet ihr euren Eccess, meine Leute
             und
                          Schnitt/

Übertragen von Timo Berger



   

Lyrik-Dossier Zentralmaerika,
Gedichte und Prosa
und sechs Gespräche
zum Thema
Literatur und Rausch
in poet nr. 16


Literaturmagazin
Poetenladen, 2014
240 Seiten, 9.80 Euro
ISBN 978-3-940691-51-4

Titel portofrei online bestellen   ►
Zur Website des poet-Magazins   ►

Dossier von Timo Berger   21.08.2014      Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 
Timo Berger
Lyrik
Dossier