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Bess Dreyer

parallele orte

Literarische Landschaften

Bess Dreyer | parallele orte
Bess Dreyer
parallele orte
Gedichte
Auslesen-Verlag 2007

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Die Bilder schießen auf einen zu, man muss sich zum langsamen Lesen zwingen. So etwas kann ins Auge gehen. Muss aber nicht, nein, muss ganz und gar nicht, wie der Gedichtband parallele orte von Bess Dreyer beweist.

Man kennt es, das Grundgefühl, das sich durch dieses Buch zieht. Vor allem an Tagen, an denen man dünnhäutig ist, stürzen die Wahrnehmungen rückhaltlos auf den Verstand ein. Die Autorin bringt das daraus entstehende Grundgefühl auf den Punkt:

ergo

es gibt diese tage, da bin ich
nur halb, stehe zäh, bleiern,
durchsichtig in wachsendem
dunkel, gehe lautlos und schwer-
gedrückt durch räume,
menschen, dinge, nichts ist
in berührung mit meinem ego, weiß,
unter verschluss ein mögliches:
cogito. und es bleiben
die schatten der tage
hinter mir, vor mir.


Dieses schlichte Gedicht steht als Stellvertreter, als Überschrift für alle anderen, die jene Stimmung bis in feinste Details ausloten und immer neue Facetten aufdecken. Dadurch wirkt nichts an diesem Buch verbraucht; es ist das Leben, das man in ihm spürt, das individuell empfundene Leben in ganz allgemeingültiger und doch einfallsreicher, kunstvoller Verpackung, so dass alles zusammen geht und glaubhaft wird.

Vieles wird äußerst plastisch dargestellt, man kann durch die Gedichte wandern wie durch eine Landschaft, „blätter sind endlich / handtellergroß“ und „es liegen orte parallel / in meinen fingern / und sommer aus vielen jahren, / über kleine gelenke / in bewegung, durchblutet“. Die Gedichte werden sichtbar, werden Körper, Landschaften, Farben, Formen. Oftmals stellen sich sogar Gerüche ein – keine Gerüche, die mit Worten als solche beschrieben werden, sondern die ganz natürlich und von selbst entstehen, einzig durch die Erschaffung jener sprachlichen Landschaften. Es sind Gerüche von nassem Herbstlaub, abgegriffenen Münzen, frisch gestärkten Tischdecken, der Duft eines geliebten Menschen. In jedem Gedicht bewegt man sich wie in einem Gemälde, in das man hineingezogen wird, in dessen Ausdruckskraft man sich verliert und gleichermaßen wiedergefunden wird. „noch hält sich der tag / mit dem kleinen finger / am himmel“ – man darf festhalten, man darf loslassen. Es ist nichts Unglaubwürdiges in diesem Buch, und das möchte ich durchaus als Ausnahme in der heutigen Lyriklandschaft bezeichnen.

Die Aufteilung in fünf Abschnitte (oder sollte ich sagen: fünf Landschaften?) verhindert eine Naturkatastrophe, denn so viel Leben benötigt eine klare Struktur, eine ordnende Hand.

Im ersten Abschnitt (parallele orte) richtet sich die Beobachtung nach außen, ohne dabei die korrespondierende Wirkung auf das Innere zu verlieren. Diese erste Landschaft ist klassisch; Natur, laute Straßen, Gärten, Menschen, Hunde, Bahnsteige, aber auch das Häuserinnere. Die alte Fabrik findet man immer wieder, sie ist ein Fixpunkt, der Halt gibt.

Der zweite Abschnitt (herzklammer) wird persönlich, intim. Der Leser fühlt sich gelegentlich wie ein Voyeur: „taghell das licht am bett / brennt auf dem weichen schenkel / weit oben ein blauer kugelschreiber / strich abwärts oder aufwärts“ (aus am tag trägt sie hosen), aber auch ein Ich, ein Du, ein Wir ist vorhanden. Nichts kommt zu kurz, dennoch wird Ordnung gehalten.

Der dritte Abschnitt (wortwehr) beherbergt Realismus. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen, der Versuch des Sich-etwas-vor-Machens höchstens ins Lächerliche gezogen: „die angst streichen / in der farbe / reifer aprikosen“. Es ist kühl in dieser Landschaft, man sollte sich warm anziehen.

Im vierten Abschnitt (aber orangen) werden Themen des ersten wieder aufgegriffen, doch nun herrscht etwas wesentlich Sanfteres vor. Natur und Jahreszeiten reifen hier heran, es gibt kaum Menschen, kaum ein Ich, weil es nicht relevant ist. Die Texte sind zunächst ein sachtes, manchmal fast ungläubiges Annähern an die neugewonnene Freiheit nach einem kalten Winter. Dann kippt es in den Herbst, und doch bleibt etwas gleich: „kühler wind, stoßweis / sonne, die brennt / wie ein vorlauter märz. / zwischen den gleisen / ein dampfbügeleisen, / ja wirklich, auf dem schotter / schleifend das herrenlose / kabel, als sei ein hund / abhanden gekommen“ (aus gefälschter august). So wie die Frühjahrsgedichte noch den ausgehenden Winter in sich tragen, beinhalten die Herbstgedichte einen Rest von Sommer – bis sie schließlich den Winter erreichen. Dieser Abschnitt ist die Landschaft mit den vielfältigsten Farben und der größtmöglichen Stille.

Der fünfte Abschnitt (es bricht nur das äußere) spendet Trost. Die Autorin spricht vom Ende, fast gänzlich ohne Bedauern, weiß sie doch viel von neuen Anfängen. An dieser Stelle herrschen die Menschen vor, denn um sie geht es, auch das Ich fordert seinen Raum. Zum Schluss bleibt Hoffnung, Akzeptanz, innere Ruhe:

vor dem schlafen

dann am abend
einen apfel
schälen

warten
wie am messer
langsam sich
der tag
in schleifen legt

wie die hand
jetzt ruhig
die spalten hin
zum mund schiebt

und den kern
der unvermutet
glänzend auf den tisch springt
aufnimmt


Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem mich derart viele Texte getroffen, ja, verwundet haben. Man sollte diese Texte nur lesen, wenn man nicht bereits allzu viele offene Wunden mit sich herum trägt. Und: Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem ich mich so oft wiedergefunden habe und dem ich meine Anerkennung so vehement aussprechen möchte: Ich wünschte, einen großen Teil dieser Texte selbst geschrieben zu haben. Ich denke dies gelegentlich von einzelnen Gedichten in einem Buch, jedoch niemals zuvor in dieser Häufung. Es mag sein, dass parallele orte nicht für jeden das richtige Buch ist; es kommt sicherlich auf die Schwerpunkte an, die man setzt, und auf das, was man sich von einem Buch verspricht. Ich verspreche mir davon ein auf den Punkt gebrachtes Abbild der Realität, versetzt mit einer individuellen und sensiblen Wahrnehmung. Eine Stimme, die vom Leben erzählt und weiß, wovon sie spricht. All dies finde ich hier, all dies findet mich hier.

Bereits im zweiten Gedicht des Bandes heißt es „ich sollte meine orte / häufiger inspizieren“. Dasselbe ist auch bei diesen Gedichten erforderlich, inspiziert wollen sie werden, wieder und wieder gelesen, und wer sich darauf einlässt, der wird finden und finden und finden ...

Myriam Keil   20.11.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Myriam Keil
Lyrik