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Heimkehr in die Fremde

Persönlicher Nachruf für Heinz Czechowski

Von Janye-Ann Igel

Nachruf
  »Seine letzten Gedichtbände und die Auto­bio­graphie »Pole der Erin­nerung« sind im Düssel­dorfer Grupello Verlag erschienen. Die Gedichte lassen noch einmal in inten­siver Weise Heinz Czechowskis Haupt­themen aufscheinen ...«


Heinz Czechowski
Die Pole der Erinnerung:
Eine Autobiographie
Grupello 2008

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Überraschend die Nachricht, daß Heinz Czechowski verstorben ist, in Frankfurt/M., schon am 21. Oktober, zuletzt lebte er in einem Pflegeheim – wie einsam für einen, dem gerade vor der Einsamkeit graute. Für einen, der sich lebenslang eher im Abseits der öffent­lichen Aufmerk­samkeit und diverser Autoren-Freund­schafts­bünde wähnte oder verortet sah, als in deren Zentrum, obgleich er der sogenannten »Sächsischen Dichter­schule« zuge­rechnet wurde, und dies nicht als deren geringstes Mitglied. Der eine Sensibilität für Mißklänge schon frühzeitig entwickelt hatte, für jedweden falschen Ton, auch im Miteinander, ein für alle Mal geprägt vom Geschick seiner Heimatstadt Dresden, deren Untergang er als zehnjähriges Kind (Jahrgang 1935) miterleben mußte. Den Untergang einer Stadt, die nicht wieder aufzuerstehen vermochte ... Verlustängste und Beziehungsverluste, Enttäuschungen, Mißtrauen, Unbehaustsein – das sind Begriffe, die sich in meiner Vorstellung in schmerzlicher Weise mit seiner Existenz verbinden. Und dies in Zusammenhang mit Begegnungen ebenso wie bei der Lektüre seiner Gedichte.

In den späten 70er Jahren sollte ich Heinz Czechowski auch persönlich kennen lernen, für ein paar Jahre übernahm er pro forma die Leitung der wilden und chaotischen Zusammen­künfte eines Kreises junger Leipziger Literaten im legendären Klub­haus Steinstrasse 18. Er wirkte in diesem Kreise inspirierend und integrierend, setzte sich für jene ein, die in Schwierig­keiten geraten, gegen die z.B. Auftrittsverbote verhängt worden waren. Empfindsame Freundschaften pflegte er zu Dichterkollegen wie Adolf Endler, Elke Erb oder dem Dresdner Photographen Christian Borchert, an denen auch ich teilhaben durfte.

Ich traf ihn noch zwei- oder dreimal nach 1990, einmal besuchte ich ihn, als er als Stadtschreiber in Bergen-Enkheim residierte, ein anderes Mal begegnete ich ihm in Dresden, mitten auf der Augustusbrücke. Da hatte sein bonmot von der »geklonten Kuh«, der wieder­erstehenden Frauenkirche, schon die Runde gemacht – er fühlte sich unbehaust, hier in dieser Stadt, die Anfang der 90er Jahre kein Interesse an einer Rückkehr des Dichters gezeigt hatte, und das mochte nicht nur mit der spar­tanischen Stadt­schreiber­unterkunft am Stadtrand zusammenhängen. Ob Bergen-Enkheim, Niedersachsen, Westfalen oder schließlich Frankfurt/M. – er sollte sich letzt­endlich an keinem dieser Orte heimisch fühlen, oder angekommen in dieser Republik, obgleich er das Ende der DDR aus dem Innersten heraus begrüßt hatte.

Seine letzten Gedicht­bände und die Autobiographie »Pole der Erin­nerung« sind im Düsseldorfer Grupello Verlag erschienen. Die Gedichte lassen noch einmal in intensiver Weise Heinz Czechowskis Hauptthemen aufscheinen: die Kindheit an der Elbe, die sich ins Private fortsetzenden politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts, das Unbehaust­sein des Individuums in einer Welt, die mehr auf Abstand als auf Nähe und Zuneigung setzt, und dies alles durchsetzt von einer Melancholie, die doch über sich selbst hinaus­zuweisen vermag, von einem Urverstehen kündet ...

Doch das letzte Wort soll Heinz Czechowski haben:

Heute

Heute bin ich versöhnt mit mir. Das hat lange gedau-
ert und wird nicht lange so bleiben. Ach, meine inne-
ren Wölfe, wie sie japsen und hecheln, sie spüren den
nahenden Winter und richten sich ein auf die lange
dauernde endlose Jagd.

Ich lese Sarahs neue Gedichte, das tut mir gut: diese
Welt, die sie sah, Treffpunkte, als wäre auch ich dort
gewesen.

Hier ist alles beim alten geblieben: Weihnachtssterne
auch in dieser Stadt, in der ich bin und nie sein
werde, kein See, auf dem ich gleite, und fern von hier
mein zerfallendes Haus.

Hier fang ich täglich von vorn an den Streit mit dem
weißen Papier, den Ersatzteilverteilern, dem gewaltig
sich blähenden Nichts.

(aus: Kein näheres Zeichen. Halle/Leipzig: Mitteldeutscher Verlag,1987)

Jayne-Ann Igel    30.10.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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