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Thomas Pletzinger
Schwarze Hunde
Aus: Bestattung eines Hundes (Roman, Kiepenheuer & Witsch)
  Thomas Pletzinger | Bestattung eines Hundes
Thomas Pletzinger
Bestattung eines Hundes
Roman
KiWi 2008
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Schwarze Hunde

Wir verabredeten uns in einem überlauten Restaurant am Paulinenplatz (Mandolinenmusik und italienisches Kulissengeschrei). Immerhin Italien, sagte ich und meinte damit den Wein. Ich wollte das Gespräch in aller Vorsicht beginnen. Darauf Elisabeth: Svensson hat auch keine Kinder, obwohl er Kinderbuchautor ist, er scheint ein seltsamer Mensch zu sein, vielleicht versteht ihr euch. Mir fiel auf, dass Elisabeth nicht rauchte. Ich glaube nicht, schrie ich zurück und bemühte mich um ein Lachen, er hat einen schwarzen Hund mit drei Beinen, schwarze Hunde sind mir schon farblich zuwider, schwarze Hunde stehen am Eingang der Hölle und warten. Elisabeth trank ihr Glas schnell aus und schenkte uns nach. Deine Sorgen möchte ich haben, sagte sie, vielleicht ist das eine gute Geschichte. Wir bestellten und sahen in unsere Gläser (Elisabeths schmaler Hals, wenn sie schluckt wie ein Schwan). Als ich später fragte, warum es ausgerechnet dieses Wochenende sein müsse, antwortete Elisabeth: Kapazitäten. Oder wärst du lieber nach Châtenay-Malabry gefahren und hättest Lance Armstrongs gefrorene Urinproben nach ihrem moralischen Gehalt befragt?

Elisabeth hat meine Sorgen nicht.

Sie bestellte noch einen Wein, dieselbe Rebsorte, diesmal ein Glas (Barbaresco). Dass wir auch noch einige Flaschen in unserer Wohnung hätten, sagte Elisabeth, und ich antwortete jetzt nur noch widerwillig: gut. Später öffnete ich dann eine dieser Flaschen, worauf wir erst in der Küche tranken (unsere Küche) und auch dort nur wenig sprachen (sie auf dem Ceranfeld, ich auf dem Boden neben den Weinkisten). Ich ignorierte die zwei schwarzen Recherchemappen zu Svensson auf dem Küchentisch. Elisabeth wies mich darauf hin, dass sie das Rauchen aufgegebe, wie auch diese und jene Redakteurin, sie sprach von Yoga und ihrem achtunddreißigsten Geburtstag. All diese Dinge wisse ich bereits, begann ich, wir würden nur noch an diesen Oberflächen entlangreden, ich müsse unbedingt mal wieder mit der Frau sprechen, die ich geheiratet hätte, wir sollten mal wieder eine gelungene Unterhaltung führen (wir umkreisen ein Kind). Elisabeth stand auf, stellte ihr Weinglas ab und holte Luft:

Du solltest mal wieder etwas Gelungenes schreiben, Mandelkern!

Damit sie nicht weitersprach, stand ich auf und versuchte, sie zu küssen. Wir rangen, wir sahen verbissen aneinander vorbei, dann erwischte sie mich mit dem Ellenbogen an der Oberlippe, im Reflex griff ich ihr Handgelenk eine Spur zu fest. Ihr ungläubiges Lachen, als ich sie losließ und meine Oberlippe nach Blut abtastete (uns gerät die Arbeit zwischen unsere Leben). Etwas später und endlich betrunken landeten wir doch noch auf der Schlafempore, Sex ist bei Elisabeth und mir seit einigen Wochen eine Frage der Betrunkenheit, und vielleicht mussten wir die Kondome neben dem Bett übersehen (ihre Pillen in der alten Schulstiftbüchse; auf der Rückseite drei Namen eingeritzt, sonst habe ich nicht viel aus ihrem Leben vor mir finden können). Als wir uns umwälzten und ich kurz aus ihr herausrutschte, sagte Elisabeth: in mir nistet sich heute nichts ein, und jetzt halt still, Mandelkern! Elisabeth ahnt meine Pläne für die kinderlosen nächsten Monate und Jahre (sagen konnte ich ihr bisher nichts; es gelingt mir nicht). Elisabeth weiß: manchmal reicht ein falsches Wort und ich schrumpfe und schwinde und stehe auf und gehe zum Fenster, nur um auf das dunklere Ende der Bismarckstraße hinauszusehen und zu sagen, so gehe es nicht (im Sommer kann man durch das Laub der Kastanien die Laternen nicht sehen). Also hielt ich still (also beschloss ich, das Flugzeug zu nehmen).

Daniel Daniel

Elisabeth und ich bewohnen eine für meine finanziellen Verhältnisse zu große und zu teure Altbauwohnung Ecke Bismarckstraße/Mansteinstraße. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Arbeitszimmer. Wir haben im Sommer 2003 geheiratet. Ich liebe Elisabeth. Ich bin studierter Ethnologe und freier Kulturjournalist. Ich kämpfe, wie alle kämpfen. Wir haben ein leeres Zimmer, das wir Gästezimmer nennen. Elisabeth ist eine schöne Frau. Ich fahre einen zwanzig Jahre alten Renault vier. Vielleicht ist ein anderes Leben ein besseres Leben. Bei unseren Gehältern ist das einzig Sinnvolle, sagt Elisabeth, wenn ich die Miete bezahle und du das Telefon. Elisabeth ist die schönste Frau, mit der ich je eine Altbauwohnung bewohnt habe. Ethnologie hat für mich nichts mit Papua-Neuguinea zu tun. Ich trage einen Ehering an der linken Hand (gebürstetes Silber). Elisabeth nimmt die Pille nicht mehr, sie will jetzt ein Kind. Elisabeth ist eine nüchterne Frau. Sie hat ein Kind bekommen, sie hat es verloren, sie will es noch einmal riskieren. Da nistet sich nichts ein, sagte Elisabeth. Also hielt ich still. Elisabeth rief dann Daniel Daniel, sie rief Daniel mitten in mein Gesicht, sie meinte wohl eine Sekunde lang tatsächlich mich.

 

Aus: Bestattung eines Hundes. © 2008 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Thomas Pletzingerl  08.04.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

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Gespräch