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Charles Bukowski Das Problem mit dem Underground

Yeah, sagte ich, siehst du, es ist so:
Das Problem mit dem Underground ist
erstens, dass es ihn nicht gibt und zweitens,
dass Bukowski, neben all seinen anderen
Verdiensten, die Lyrik für den in seiner
Sexualität ungefestigten Durchschnittshetero
wieder salonfähig gemacht hat und deshalb
kopieren sie ihn, deshalb kopieren sie ihn alle,
was ja per se nicht schlecht wäre, zwar sinnlos,
denn keiner von uns kann auch nur am Schatten
von King Charles kratzen, aber per se schon mal
nicht schlecht, besser als alles, was man sonst so
unter dem Etikett „Lyrik“ von den Arschkrücken vorgesetzt
bekommt; aber sie übertreiben es, sie schreiben von
Girls und von Huren und
von Bullshit und Stoff und Drinks und dem
verhunzten Leben, von Suff und Wahnsinn und
Einsamkeit und Sehnsucht und noch mal vom Suff,
und manche von ihnen hätten sogar
die richtige Biographie dazu und vor denen
muss man Respekt haben, Shit, verstehst du,
DAVOR muss man Respekt haben, aber das
Problem, also das Problem ist, dass sie es
eben übertreiben und es nicht schaffen, eine
persönliche Note rein zu bringen, ich meine, all right,
es MAG vielleicht ehrlich gemeint sein, aber man erkennt
das Vorbild in jeder Zeile, so sehr, dass es stinkt und sinnlos wird
und Carl Weissner hat neben dem ihm hoch anzurechnenden Verdienst,
Bukowski im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht zu haben,
ihm leider für Nichtdeutsche auch einen Bärendienst erwiesen:
Bukowski hat nicht von „Schmant“ geschrieben,
er hat auch keine „Fluppen“ geschnorrt und schrieb auch nicht:
„Tust du Schwanz lutschen“ oder „sag mirs halt“,
worauf ich hinaus will: Das Problem ist auch,
dass es vom Social-Beat keine österreichische Variante
gibt oder keine Schweizer Variante, zumindest keine,
die ich kennen würde und Poetry Slams und Kleinverlage
und Fanzines und Little Mags sind eine tolle Sache,
das Problem ist nur, dass sie alle eingehen, weil sie
es alle übertreiben und Carl Weissner hat manchmal sogar
ganze Abschnitte und Seiten einfach weggelassen
und seine Übersetzungen sind teilweise ziemlich fragwürdig,
schon an der Grenze zur Nachdichtung, finde ich, denn wenn ich
was vom Meister kaufe, Baby, dann will ich den Meister, nicht
Carl Weissner, Fuck, ihr versteht schon und dann schreiben
sie vom „Kid“ und von Kästen Bier und von Männern mit
Ledertaschen und übernehmen stellenweise sogar
die Pointen eins zu eins, ich meine, well, natürlich ist
es schwer, es ist sogar fast unmöglich, es ist wie
Gitarre spielen nach Hendrix: Was will man machen,
wenn vorher nichts da war und nachher alles, man
versucht und versucht, nicht zu kopieren, sure, aber
man kann nun mal keinen Schornstein qualmen lassen,
ohne Fundament drunter, und das bringt
mirs einfach nicht, es ist lahm, es ist ein Abklatsch,
es ist secondhand und schlimmer: Es wirkt vollkommen lächerlich,
keiner will das Zeug von einem Zwanzigjährigen lesen, der
angeblich den ganzen Tag nur säuft und mit irgendwelchen Nutten flirtet
und seine Zeilenumbrüche wie zufällig
einbaut, grad als würde er im Suff völlig wahllos
die Absatztaste erwischen, aber es geht trotzdem so weiter, Baby,
weil sie sich als DICHTER sehen, als KÜNSTLER,
was für Worte, ihr gottverdammten Mothers ihr,
und über ihre verhunzten Love-Stories schreiben und ihre
Verflossenen und all den Mist, versteht ihr, während
sie sich wieder an ihre Drinks setzen, sagte ich,
und setzte mich wieder an meinen Drink.

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Johannes Witek
Prosa
Lyrik