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Hansjürgen Bulkowski
Grabstein
Am Kopfende des Grabes steht er zugleich am Kopf der beerdigten Person. Als ihr zweiter Kopf – angesetzt, während ihre Körperzellen schon begonnen haben sich aufzulösen.
Im Gegensatz zu der nun im Boden Liegenden steht der Grabstein aufrecht. Von ihr hat er das Vermögen übernommen, hochaufgerichtet stehen zu können. Und wir hier zu Füßen der Eingeerdeten, wir, die ihr nicht mehr ins Gesicht blicken können, müssen uns, ebenfalls im Stehen (an Gräbern sind Sitzbänke verbeten), mit dem Anblick ihres Grabsteins zufriedengeben.
Verwest ihr Leib fortan auch unaufhaltsam – der zweite, steinerne Kopf der Verstorbenen widersteht für eine gute Dauer der Veränderung, dem Verfall. Und dauerhaft gibt sich auch, friedlicher als jeder von Lebenden vereinbarte Frieden, die friedhöfliche Umgebung. Das langweilige Gesträuch der Eiben, Thujen, Buchsbäume, Rhododendren hinter und zwischen den Grabreihen. Die nahe Kiefer mit ihrer zwar nicht immer- doch langezeit grünen Benadelung.
Auch in seinen vielfältigen Formen wahrt der Weiterlebensstein die Dauer. Ob nun rechteckig und glatt gemetzt, ob künstlerisch bildgehauen und also überhöht, ob mit einem erzählenden Zeichen signiert (der geliebten Gartenlaube, dem so oft zitierten Lebensmotto) oder ob, als kleiner Felsen, unbehauen und roh der Natur entnommen (zumindest naturgleich zurechtgebrochen) – für viele Jahre deutet das steinerne Mal auf jenes eine vergänglich vergangene Leben zurück, legt biografisch, biosemiotisch eine schmale Spur zu der Eingegrabenen. Nicht allein zu ihr, auch zu Status und Geschmack ihres familiären Umfelds.

Keinesfalls bei Andeutungen indes belassen es die in Stein gravierten, gemeißelten Buchstaben und Zahlen. Sie sind nachprüfbar Tatsache und lassen sich von dem Denk- wie Grabmal jetzt ebenso schwer ablösen wie früher vom Leib der noch Lebenden. Von ihrem Körper in den Stein übergegangen bürgen sie dafür, dass die Geerdigte auch fernerhin mit sich übereinstimmt.
Dabei verengt sich nunzwar ihre Identität rigoros auf den Vor- und Zunamen, selten noch auf den Geburts-, ihr seit dem Welteintritt verbundenen Namen. Und natürlich auf die beiden Jahreszahlen, die der Geburt und des Ablebens, verbunden mit nichts als einem (ebenfalls
liegenden) Bindestrich – dem grafischen Zeichen, das, erschreckend kurz, den Lauf dieses ganzen Lebens zusammenstreicht. Ungeheuerlich, wie auf dem Grabstein ein Stück der von uns allen erlebten Zeitgeschichte einschrumpft zu einem einzigen Bindestrich.

Wenn nun, bereits nach dem ersten Frühjahr, auf dem Scheitel des Steins und in seinen Einkerbungen Moose, Algen, Flechten anzuwachsen beginnen, scheint es, als wandele sich auch der Grabstein, ebenso unentrinnbar wie die im Erdboden Vergehende, allmählich in einen Teil der Natur.
Das jedoch täuscht. Zusammen mit ihrem Grabstein ist die Geerdigte keineswegs in der natürlichen Namenlosigkeit aufgegangen. Als ein zwar vergangenes, doch nicht mehr auswechselbares Lebewesen hat sie sich in die Hände noch lebender Menschen, in unsere Hände gerettet. Menschen wie wir, die ihr im Schmerz nach-trauern und in Trauer anstelle für die Lebende nun für das grüne Kleid ihres Grabes sorgen, indem wir unverwüstliche Eriken, Vergissmeinnichten, bodendeckenden Gräser anpflanzen und pflegen, alles in der Hoffnung auf Fortdauer.

Was wird aus dem Grabstein? Wie lange auch das aufrechte Mal, sei es aus Granit oder »kurzlebigem« Sandstein, dem Wetter und den luftverdünnten Chemikalien standhält – einmal geht seine Zeit am Kopf der Beerdeten ebenfalls zu Ende. Zum Beispiel, wenn (weil im Ort einfach der Platz fehlt) das gesamte Gräberfeld abgeräumt und neu belegt wird, oder wenn, Jahrzehnte später, Angehörige und Nachkommen längst davongezogen oder ausgestorben sind und keine Friedhofsgebühr mehr eingeht.
Paradox, dass die persönliche Erkennbarkeit zuletzt nicht auf einem so massiven Zeichenträger wie dem Grabstein überlebt, sondern auf dem federleichten, trotzdem zählebigen Aktenpapier in Standes- und Meldeämtern. Und in Zukunft natürlich in den noch leichteren elektronischen Speichern – auch sie so etwas wie Köpfe, wenngleich bei ihnen noch gar nicht gewiss ist, wie verlässlich und über welche Zeitspannen hinweg es ihr Gedächtnis überhaupt tut.

 

Hansjürgen Bulkowski       22.05.2007       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Hansjürgen Bulkowski
Prosa
Liebe zur Sache