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Hansjürgen Bulkowski
Kinofoyer
Plötzlich werden hinter dir rechts und links die Türen aufgestoßen und von der Platzanweiserin an den Wänden arretiert. Vorn läuft noch eine Trennungsszene oder Vereinigungsszene, je nachdem, aber du weißt, es ist die letzte, endgültige, du hast nichts mehr zu erwarten.
Im Zentrum der Leinwand zeigt der Film in Versalien sein Ende an. Die Leitmelodie rauscht noch einmal auf in voller Orchestrierung. Von beiden Seiten setzt sich der Vorhang in Bewegung, und die letzte Einstellung, eine Landschaft in rotorange, wird auf den sich zuziehenden Vorhangstoff projiziert. Langsam aufdimmernd geht im Saal das Licht an.
Es ist ein weiches, indirektes Licht. Trotzdem musst du blinzeln, willst überhaupt nicht aufstehen. Suchst umständlich, während andere Kinobesucher in der engen Reihe schon neben dir stehen, die abgelegten Jacken und Taschen unter den Sitzen hervor. Schließlich erhebst du dich gemeinsam mit deiner Begleiterin, benommen noch von der Wucht der Schlussszene, wortlos und mit einem tauben Gefühl in den Ohren wie auf dem Flughafen nach der Landung. Körper an Körper mit unbekannten Menschen schiebt ihr euch den Seitengang rückwärtig hinauf.

Im Foyer mischt sich das gelbe künstliche Licht der verdeckten Lampen schon mit der grauen natürlichen Tageshelle, die von der Straße hereinscheint.
Noch immer willst du niemandem, auch nicht der Begleiterin, in die Augen sehen, niemandem deine feuchten Augen zeigen. Möchtest mit den Figuren des Films noch eine Weile allein sein. Bist froh, dass dich von den Kinobesuchern keiner kennt. Dein Blick weicht aus zu den Plakaten an der Wand und den darauf vorangekündigten Filmen. Sie interessieren dich jetzt nicht, die Augen müssen nur irgendwo Halt finden.

Links hinter der Bartheke, am Rand der langsam dem Ausgang zuschiebenden Menge, erkennst du die Platzanweiserin. Vorhin ist die junge Frau durch die Sitzreihen gegangen, hat Eis und Süßigkeiten durchgereicht. Jetzt ist sie zwei Stunden älter, kann sich nicht dagegen wehren, mit der Hauptdarstellerin verglichen zu werden. Sie hält sich die Hand vor den Mund, gähnt, schaut auf die Armbanduhr.
Draußen regnet es. Der Schub der Kinobesucher gerät ins Stocken. Einige bleiben vor den weit geöffneten Glastüren stehen, versperren den Ausgang.
Auch du zögerst. Wendest dich deiner Begleiterin zu, versuchst dich auf sie einzustellen. Hat ihr, hat dir der Film gefallen? Du willst dich um Himmelswillen nicht äußern müssen.

Langsam leert sich der Raum. Zugleich kommen die nächsten Kinobesucher herein, klopfen sich die Nässe von der Kleidung. Sie stellen sich vor die Kasse, suchen oben auf der Leuchttafel nach dem Film, den sie sehen, nach dem Preis, den sie bezahlen wollen.
Rechts an der Wand hängen im Schaukasten die Szenenfotos aus dem gesehenen Film. Mit der Begleiterin stehst du davor, ihr erinnert euch gegenseitig an einzelne Situationen. Das Leitmotiv des Films dröhnt dir in den Ohren.
Das Foyer, Schleusenkammer zwischen innen und außen. Zwischen dem Film, der noch in dir steckt, und dem Leben, das draußen darauf wartet, fortgesetzt zu werden. Du hast das Bedürfnis, etwas von dem Schwung, von den Gefühlen, den Schauplätzen des Films aus dem Kino hinaus- und ins Leben hinüberzuretten. Lassen sich aus dem eigenen Leben ähnliche Geschichten machen? Musst du dein Leben ändern? Kannst du es?
Überall im Raum kniehohe Reklamezylinder. In dem darauf angehäuften Sand stecken, zusammengedrückt, braune Zigarettenfilter.
In den Händen der Platzanweiserin an der Bar knistern Plastikverpackungen. Dahinter hängt an der Wand ein verblichenes Pappschild, Werbung für Süßigkeiten, die es schon nicht mehr gibt. An der Wand gegenüber weist ein kleiner grüner Leuchtkasten den Fluchtweg, das stilisierte Männchen darauf rennt ins Kinoinnere, der Pfeil unter ihm zeigt in Richtung draußen.

Allmählich verblasst der Film. Aber noch bist du selbst nicht wieder zum Vorschein gekommen.
Dein Blick ist geradeaus gerichtet. Für einen Moment kannst du auf nichts reagieren. Unter dem Beschuss der Eindrücke ist deine Wahrnehmung blockiert.
Träum nicht!
Deine Begleiterin zieht deinen Kopf zur Seite, gibt dir einen Kuss auf die Schläfe. Du schlägst den Kragen des Jacketts hoch, legst den Arm um ihre Schulter und verlässt mit ihr das Foyer.

 

Hansjürgen Bulkowski       22.05.2007       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Hansjürgen Bulkowski
Prosa
Liebe zur Sache