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Clio Alyssa Voß

Bettina Müller

Bettinas Bruder ist ein Ausrufe­zeichen. Alles an ihm sagt: Hier bin ich! Wir müssen uns unbe­dingt mal unterhalten! Da haben Sie meine Visiten­karte! Auf über­füllten Bürger­steigen läuft er, und die Leute weichen aus. Auto­matisch. Weil er auch ohne Wagen Warnblinker setzt, Lichthupe macht und die Leute sich von seinen kleinen unsicht­baren Ausrufe­zeichen beiseite schieben lassen.
  „Die Leute“, das sind Menschen wie Bettina. Verkäufer. Gastronomen. Anwäl­te. Studenten. Irgendwas. Wenn Bettina auf überfüllten Bürgersteigen läuft, weicht niemand aus. Sie ist diejenige, die sich wegdrängen lässt, das war schon immer so. Am liebsten setzt sie sich in Cafés und beobachtet die anderen. Im Café muss Bettina angesprochen werden, zumindest von der Kellnerin.
  Sie wird gefragt, was sie möchte. Bettina fragt sich jeden Tag, was sie denn eigentlich möchte, vom Leben, von der Welt. Trotzdem antwortet sie trocken: „Einen Latte“. Weil man das eben so macht, unter Leuten. Und mehr wollte die junge Frau schließlich auch nicht wissen. Als sie sich umdreht, entdeckt Bettina eine Tätowierung auf dem Steißbein der Kellnerin, ihr grasgrünes T-shirt reicht nicht bis zum Bund ihrer Jeans, dazu das Piercing im Mundwinkel, die blond-brünett gestreiften Haare und Bettina denkt sich: Schul­abbrecherin.
  Der Anzugträger am Tisch neben ihr mit dem Laptop: Versicherungsvertreter.
  Die Stempel erscheinen ohne Vorwarnung, eigentlich hasst Bettina es. Sie hat Achtung! Vorurteile von Peter Ustinov gelesen und will nicht abstempeln. Vor allem aber will sie nicht abgestempelt werden.
  Bettinas Schwester ist ein Fragezeichen. Fragezeichen-Menschen können äußerst anstrengend sein, oft egozentrisch und gleich­zeitig unsicher. Wie seh ich aus? Ist das zu eng? Wollen wir nicht doch lieber woanders hingehen? Verstehst du was ich mein, Betty? Sie hat ganz geweitete Augen vom ständigen Fragen und Vorbereiten der nächsten Fragen, Golfbälle, dauernd Binde­haut­entzündung.
  Der Vater ist ein Punkt. Ich muss los. Punkt. Ruf mich mal an. Punkt. Wir haben keine Milch mehr, Gisela. Punkt.
  Und Bettina?
  Bettina ist ein Komma. Sie trennt alles. Wichtiges von weniger Wichtigem, Haupt- von Nebensätzen, sich selbst von ihren Partnern.
  Während man mehrere Punkte neben­einander setzen kann und so die Wirkung des Satzes ver­heißungs­voll oder geheimnis­voll wird (Lass uns doch woanders hingehen, Punkt Punkt Punkt), oder mehrere Ausrufe­zeichen und Frage­zeichen neben­einander gesetzt die Aussage verstärken, kann man nie zwei Kommata nebeneinander schreiben, überlegt Bettina, schon die Plural-Form von Komma klingt seltsam. Kom-ma-ta. Deswegen ist sie von Vornherein bestimmt dazu gewesen, einsam zu sein. Langweilig. Bettina Müller eben, so heißen Tausende in Deutschland. Niemand braucht nachzufragen: „Wie schreibt man das?“ Alle sehen Bettina und denken: Aha, Bettina Müller. Dünnes, helles Haar, bisschen mollig, Bettina Müller. Sie war auch hier.
Clio Alyssa Voß   08.02.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Clio Alyssa Voß
Prosa