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Die Neugründung des Literaturinstituts war eine Steißgeburt

Bernd Jentzsch im Gespräch mit André Hille
Bernd Jentzsch
1976 verließ der Schriftsteller Bernd Jentzsch die DDR, nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hat. Die großen Namen der 70er Jahre erwähnt der Schriftsteller beiläufig, wie selbstverständlich. »Als ich Max Frisch in Ostberlin auf einer Lesung sah…« Oder: »Grass drängte sich bei unseren Runden immer in den Vordergrund …« 1991 kehrte er in seine Heimat Sachsen zurück und wurde zum Direktor des Deutschen Literaturinstituts Leipzig berufen. Ohne die Kämpfe, die er mit dem Freistaat Sachsen ausgefochten hat, wäre das Literaturinstitut heute nicht das, was es ist. Aber den Ärger und die Verbitterung über die Schwierigkeiten jener Zeit merkt man ihm immer noch an. Eine Reise durch ein bewegtes Leben.


André Hille: Sie sind 1940 geboren. Am 10. April 45 wurden auf Ihre Heimatstadt Plauen knapp 2000 Tonnen Sprengstoff abgeworfen. Haben Sie daran noch eine Erinnerung?

Bernd Jentzsch: Ich habe an Plauen sehr intensive Erinnerungen, weil ich die Bombardierung in einem Schornstein einer Plauener Brauerei erlebte. In der Stadt gab es Panzerindustrie und der Gauleiter Mutschmann hielt sich in Plauen auf, was ich damals natürlich nicht wusste. Deshalb war Plauen ein ausgesuchtes Ziel. Als die Bombardierung zu stark wurde, hat uns der Vater meiner Mutter rausgeholt. Das Kriegsende habe ich dann in einem kleinen Dorf im Großraum Leipzig verbracht.

A. Hille: Wie hat er Sie rausgeholt?

B. Jentzsch: Ganz normal, es fuhren ja noch Züge. Er hat gesagt: Kommt, ihr müsst jetzt weg. Dann haben wir die wichtigsten Sachen eingepackt.

A. Hille: Wie wurde in Ihrer Familie mit dem Krieg umgegangen? Wurde darüber geredet? Wurde er aufgearbeitet?

B. Jentzsch: Sicher nicht in der Form der Aufarbeitung, wie man das dann Jahrzehnte später definiert hat. Mein Vater war im Krieg, zum Glück nicht an der Front. Er kam dann zurück in dieses Dorf, sehr soldatenuntypisch auf einem altmodischen Fahrrad, in Knickerbockerhose und in Dachdeckerschuhen. Mein Großvater, der uns aus Plauen geholt hatte, war während der Nazizeit in Leipzig inhaftiert, weil er SPD-Bürgermeister in dem Dorf gewesen ist. Und der sogenannte Jentzsch-Vater, wir durften nicht Großvater sagen, weil meine Großeltern nicht alt sein wollten, der war im KZ und im Gefängnis. Der hat aber, bis auf einen Ausbruch den er hatte, kurz bevor er starb, von dieser Zeit nichts erzählt.

A. Hille: Kann man von Verdrängung sprechen?

B. Jentzsch: Was hätte er verdrängen sollen, es war ja alles zu seiner Ehre. Ich glaube, das ist eher eine Charakterlage.

A. Hille: Was ist Ihnen aus Ihrer Kindheit am nachdrücklichsten in Erinnerung geblieben?

B. Jentzsch: Da gibt es mehrere Ereignisse, aber sehr beeindruckt hat mich, als wir eines Tages aus einem sicheren Bunker nach einem Bombenangriff nach Hause gekommen sind und die ganze Straße voller Schutt und jedes zweite Haus eingestürzt war. Unser Haus stand noch, war aber stark in Mitleidenschaft gezogen. In unserer Wohnung hielt sich ein Dieb auf, der war hinter einem kleinen Radio her, das wir besaßen. Meine Mutter hat ihn dann hochkant rausgeschmissen. Das Beeindruckendste an dieser Situation war, aus dem völlig zerstörten Haus nebenan kroch eine rußgeschwärzte Frau heraus und hielt ein Bündel in der Hand, ein kleiner Junge, und das wurde mein erster Freund.

A. Hille: Zwischen 1960 und 1965, also mit Anfang 20, studierten Sie in Leipzig und Jena. Damals flohen etwa 2,6 Millionen Menschen aus der DDR, bis am 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde. Wie erlebten Sie diese Zeit? Waren Sie mittendrin in diesen Fluchbewegungen oder erlebten Sie sie aus der Distanz?

B. Jentzsch: In dieser Zeit nach dem 13. August 1961 gab es in Leipzig einige Heißsporne, die glaubten, das Areal der Karl-Marx-Universität gegen den mit Panzern heranrollenden Klassenfeind verteidigen zu müssen. Der eine trug zum Beispiel eine rote Armbinde wie bei der Roten Ruhrarmee in den 20er Jahren. Man ließ uns um das Leibnizdenkmal hinter dem alten Universitätsgebäude, das damals noch stand, exerzieren und erzählte uns, dass man ein unterirdisches Kuriersystem aufgebaut hätte, weil der Klassenfeind zu Lande, zu Wasser und in der Luft angreifen würde. Das klingt jetzt wie eine schlechte Posse, war aber damals sehr ernst gemeint und wer sich dem zu entziehen versuchte, hatte plötzlich sehr viele Minuspunkte in seiner Kaderakte.

A. Hille: Gab es damals die Idee, vielleicht auch zu gehen?

B. Jentzsch: Nein. Diese Idee habe ich niemals gehabt.

A. Hille: Glaubten Sie selbst damals an so etwas wie den Sozialismus?

B. Jentzsch: Ein Grundmotiv in unserer Familie war, so wie in der ganzen DDR, der Antifaschismus. Da die Eltern und die beiden Großväter sehr starke Repressalien in der Nazizeit auszuhalten hatten, ist klar, dass das in der Familie Echos hinterließ. Meine Mutter hat immer gesagt: Nie wieder Faschismus. Das klingt wie eine leere Formel, ist aber genauso gemeint. Und das war auch mein Grundmotiv. Mit dem Sozialismus oder dem, was in der DDR dafür ausgegeben worden ist, haben wir uns in der Familie wenig auseinandergesetzt. Es war eigentlich nur dieses Nicht-wieder-das-was-in-der-Nazizeit-war.

A. Hille: 1965 zogen Sie von Jena nach Ostberlin. In den 70er Jahren gab es einen Kreis von ost- und westdeutschen Schriftstellern, der sich oft bei Ihnen in der Wohnung traf. Günter Grass, Hans Joachim Schädlich, Uwe Johnson, Reiner Kunze – das liest sich wie ein Who's Who der 70er Jahre Autoren. Schädlich bezeichnete diese Gruppe einmal als sein geistiges Refugium, seine Schule. War diese Zeit auch so prägend für Sie?

B. Jentzsch: Nein, sicher nicht so wie für Hans Joachim Schädlich, weil diese Treffen für ihn den aktiven Einstieg in die Literatur bedeuteten. Das Ganze begann um die Mitte der 70er Jahre, als ich wegen der Lyrikreihe Poesiealbum, das ich damals herausgab, zwei Tage Ausgang nach Westberlin bekam, um mit Enzensberger die Auswahl zu besprechen. An diesem Tag bin ich weiter gefahren zu Günter Grass und habe ihm den Vorschlag unterbreitet, dass wir uns doch in Ostberlin treffen könnten, da wir ja nicht nach Westberlin reisen dürften. Das ist dann sehr schnell verwirklicht worden. Zu diesen Veranstaltungen habe ich Hans Joachim Schädlich, dessen Texte ich ja schon kannte, der aber keine Chance hatte, in der DDR veröffentlicht zu werden, eingeladen. Er ist einer der Autoren gewesen, die am regelmäßigsten vorgelesen haben. Aus diesen Lesungen ist die Idee von Günter Grass erwachsen, dem Luchterhandverlag ein Manuskript von Schädlich anzubieten. Aber Sie wissen ja vielleicht, dass Luchterhand, unter uns auch als VEB Luchterhand bezeichnet oder, wie Bobrowski einmal gesagt hat, eine Luchterhand wäscht die andere, sehr stark infiltriert war vom DDR-Verlagswesen. Die hatten so viele Ostautoren in ihrem Programm, dass das eigentlich ein Verlag mit einer Monokultur war. Deshalb waren sie sehr abhängig. Als sie die kritischen Texte von Schädlich zu Gesicht bekamen, sind sie zusammengezuckt und haben abgelehnt. Und dann ist das Manuskript bei Rowohlt gelandet.

A. Hille: Gibt es noch Kontakte zu den Autoren von damals?

B. Jentzsch: Kaum. Das hängt damit zusammen, dass ich ein bisschen dezentral lebe. Es gibt gelegentliche Kontakte zu Kunze und Schädlich. Wir haben ja in Berlin ganz nah beieinander gewohnt. Aber zum Beispiel gibt es überhaupt keine Kontakte zu Grass mehr. Das hat mehrere Gründe, einer ist sicher der, dass Günter Grass eine andere Einstellung zur Wiedervereinigung hatte, als ich.

A. Hille: In welcher Hinsicht?

B. Jentzsch: Ich habe immer gehofft, dass das Potsdamer Abkommen verwirklicht wird. In dem Text steht, dass Deutschland spätestens fünfzig Jahre nach Inkrafttreten des Abkommens als wirtschaftliche und politische Einheit wieder hergestellt werden muss. Das haben wir ja etwas vorfristig auch geschafft. Grass hat von der Wiedervereinigung offenbar eine sehr abweichende Auffassung gehabt. Er hat das in manchen Texten, auch in den Sonetten des Bandes »Novemberland«, reflektiert und das hat zu einer Entfremdung zwischen uns geführt.

A. Hille: 1976 wurde Wolf Biermann ausgebürgert. Sie befanden sich zu jener Zeit in der Schweiz, um einen Lyrikband mit Schweizer Autoren zusammenzustellen. Hatten Sie damals schon so etwas wie eine privilegierte Position? Nicht jeder durfte sich schließlich mehrere Wochen im westlichen Ausland aufhalten.

B. Jentzsch: Privilegiert war ich in dem Sinne, dass ich reisen durfte, also ein sogenannter Reisekader war. Es war ja auch nicht die erste Reise, ich war zweimal in Schweden und einmal in Frankreich. Ein paar Wochen sind es deshalb gewesen, weil die Ereignisse dazwischen kamen, sonst war das Visum sehr eng bemessen. Und wenn man ein Buch macht über 100 Jahre Literatur eines Landes, in der in vier Literatursprachen geschrieben wird, waren diese zweieinhalb Wochen ein Tropfen auf den heißen Stein.

A. Hille: Nach starken inneren Konflikten schrieben Sie von Zürich aus einen offenen Brief an Honecker, in dem Sie gegen den Umgang mit Rainer Kunze und Biermann, aber auch gegen das gesamte System protestierten. Daraufhin drohte man ihnen, sollten Sie wieder einreisen, mit Gefängnis. War es vielleicht ein Glück, dass Sie sich in der Schweiz befanden? Oder anders gefragt: Wäre der Brief derselbe gewesen, wenn Sie sich zu dieser Zeit in Berlin aufgehalten hätten?

B. Jentzsch: Mit Sicherheit hätte ich anderes reagiert, wie, vermag ich nicht zu beantworten, das ist eine hypothetische Fragestellung. Ich war von den Ereignissen, die sich schrittweise ankündigten, überrascht. Zunächst hatte Honecker jene Ämterfülle wieder auf sich gezogen, die er beim Wechsel von Ulbricht auf sich selbst abgegeben hatte. Das löste bei mir schon ein nachdenkliches Stirnrunzeln aus. Dann kam die Nachricht: Rainer Kunze aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Uns verband eine sehr lange und sehr enge Freundschaft. Das hat mir einen starken Stich ins Herz gegeben. Und das dritte war die Biermann-Sache. Ich saß nach einem langen Lesetag in der Schweizer Landesbibliothek. Da kam jemand hereingestürzt und rief: Biermann ausgebürgert! Das wollte ich erst nicht glauben. Ich hatte in Erinnerung, dass er in Mecklenburg in einer Kirche aufgetreten war, das sah ich als ersten Schritt einer Wiedereingliederung an, bis ich es dann am nächsten Tag in der Neuen Zürcher Zeitung lesen konnte. Ich habe dann ein paar Tage weitergearbeitet, doch es arbeitete auch in mir, bis ich mich entschloss, diesen Brief zu schreiben. Mittlerweile hatte ich auch von dem Protestschreiben der um Stephan Hermlin herum gruppierten Autoren gehört. Obwohl ich weiß, dass er damals sehr mutig war, ist er doch sehr kurz und brav. »Das fordern wir« wurde auf Bitte von Franz Krämer, dessen Sohn im Gefängnis war, in »Wir bitten darum« umgewandelt. Deshalb habe ich die Form in meinem Brief wieder aufgenommen. Ich hatte die Hoffnung, dass, wenn viele Leute sehr energisch protestieren, und da dachte ich auch an Leute außerhalb der DDR, die Masse der Proteste auf die Parteiführung einen Eindruck machen könnte. Das war ein schwerwiegender Denkfehler. Auf Honecker hat alles, was mit Kultur zusammenhängt, nie einen Eindruck gemacht. Er war wohl unter den führenden Persönlichkeiten der DDR die dümmste.

A. Hille: Viele Ostdeutsche erlebten den Bruch der Wende sehr radikal, existentiell. Als man in den Westen reiste, tat sich plötzlich eine völlig andere Welt auf, voller Waren, Konsum und Freiheiten. Wie erlebten Sie diesen Bruch in den 70er Jahren?

B. Jentzsch: Durch ein paar Reisen, von denen ich gesprochen habe, wusste ich, wie es in einem Kaufhaus in der Schweiz oder in Westdeutschland aussieht. Insofern war das für mich kein Schockerlebnis. Schwieriger war es, sich auf die Alltagsbedingungen in der Schweiz einzulassen, wo manches doch ganz anders ist, als man von außen glaubt, und auch anders als in der alten Bundesrepublik. Das war dann eher die Leistung, mich an die Gepflogenheiten, um es freundlich auszudrücken, die in der Schweiz herrschten, zu gewöhnen.

A. Hille: In Ihrem Lebenserinnerungen »Flöze« schreiben Sie 1983: »Seit Monaten kein Besuch, seit Monaten nicht zu Besuch gewesen, kaum ein Anruf. Wohnhaft in Zürich.« Gilt das Wort »Haft« auch im übertragenen Sinne. War die Schweiz auch eine Art Gefängnis?

B. Jentzsch: Das wäre sicher zu viel gesagt, aber ich habe gedacht, ich komme aus einem deutschen Sprachraum in einen deutschen Sprachraum und die Kultur oder die kulturelle Entwicklung stimmen überein oder sind sehr nah verwandt. Das sehen aber die Schweizer ganz anders. Ich glaube, sie stehen einem Afrikaner nicht distanzierter gegenüber als einem, der zwei Kilometer nördlich von Lörrach wohnt. Das habe ich nur sehr langsam begriffen, dass man nicht dazugehört, dass man einer von draußen ist. Es gibt den berühmten Begriff des »Papierlischwizers«, wenn man eingebürgert ist und den Schweizer Pass besitzt hat man auch nur das Papier in der Hand. Genuin ist man kein Schweizer.

A. Hille: Warum sind Sie trotzdem zehn Jahre in der Schweiz geblieben?

B. Jentzsch: Das hängt damit zusammen, dass ich gute Freunde gefunden hatte, die Deutsche waren. Einer aus Leipzig, der mit einer Westdeutschen verheiratet war. Die haben sich sehr energisch und rührend um mich gekümmert. Dann tat sich die Möglichkeit auf, im Walter Verlag ein Literaturprogramm zu gestalten. Das waren die beiden Magneten, die mich dort gehalten haben. Mich hat außerdem noch beeindruckt, dass die Schweiz ein neutrales Land ist, das 350 Jahre keinen Krieg geführt hat. Ein wenig war ich dann auch der deutsch-deutschen Querelen überdrüssig. Die besondere Rolle der Schweiz, die Entfernung von diesem Weltkonflikt Ost-West hat mir auch gut getan. Ich habe sie gebraucht.

A. Hille: Was hat Sie dann in der Mitte der achtziger Jahre bewogen, in die BRD überzusiedeln?

B. Jentzsch: Ich habe dann nicht mehr ganz freiwillig handeln können, weil der Walter-Verlag sein Literaturprogramm wieder einstellte und ich in die Arbeitslosigkeit fiel. Ich streckte meine Fühler aus von Freiburg bis nach Hamburg, ohne dass sich etwas Positives ergeben hätte. Ich glaube, dass ich jetzt sagen kann, dass das Wort aus dem Arbeitsbuch der Staatssicherheit, das da »zersetzen« heißt, damals schon sehr stark gewirkt hat. Viele Verlage, bei denen sich etwas hätte ergeben können, haben ihre Fühler zurückgezogen, um nicht Geschäftsverbindungen zur DDR einzubüßen. Das habe ich dutzendweise erlebt. Und in dieser Situation bekam ich einen Brief in dem stand, ich sei für das märkische Kulturstipendium vorgeschlagen und das wiederum sei verbunden mit einer Gratiswohnung, mit einem Stipendium und einem einjährigen Aufenthalt im Sauerland. Der Stipendiat nach mir liebte den Scheck aber nicht den Aufenthalt am Ort der Scheckausstellung, das heißt, ich konnte ein zweites Jahr in der Wohnung bleiben. Nach zwei Jahren saß wieder zwischen allen Stühlen. Da ergab sich durch einen Zufall eine Tätigkeit bei einer Zweigstelle der Adenauerstiftung in Bonn. Deshalb bin ich in Flamersheim bei Euskirchen gelandet. Und dann kam jenes Wochenende bei einem Freund in der Nähe von Frankfurt, der die Ausschreibung für das Amt am Literaturinstitut in Leipzig gelesen hatte. Ich wusste nur, dass sich dort etwas tat, hatte die Ausschreibung aber nicht zur Kenntnis genommen. Und dieser Freund hat mich dann ein Wochenende so lange bearbeitet, bis ich ihm versprochen habe: Gut, ich bewerbe mich, was ich dann eher halbherzig getan habe.

A. Hille: Jeder große historische Bruch schreibt sich unmittelbar in die persönlichen Biografien ein. Was haben Sie am Tag der Maueröffnung gemacht?

B. Jentzsch: An diesem Fernsehgerät, neben dem wir hier sitzen, habe ich diese Bilder verfolgt mit Augen, denen ich gar nicht trauen wollte. Das hat mich tief bewegt. Wenn man eine solche Biografie hat, dann ist klar, dass das sehr gut tut.

A. Hille: Wann sind Sie dann zum ersten Mal in den Osten zurückgekehrt? Erst nach 1989?

B. Jentzsch: Nein schon vorher. Ich bin in einmal versteckt in einer Ladung Touristen in einem Omnibus in der DDR gewesen. Aber dann erst wieder, nachdem die Mauer gefallen ist.

A. Hille: 1991 berief der sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, im Rahmen eines neu zu gründenden Literaturinstitutes, das der Leipziger Universität angegliedert wurde, Sie zum Gründungsdirektor. Sie sprachen davon, sich nur halbherzig beworben zu haben, warum nur halbherzig?

B. Jentzsch: Ich hatte gehört, dass das alte Institut abgewickelt wird und dass knirschend und unter Protest von verschiedenen Gruppierungen ein neues Institut gefordert wurde. Ich hatte eigentlich nicht vor, nach Leipzig zu gehen und eine solche Funktion zu übernehmen. Ich habe die Bewerbung überhaupt nur geschrieben, weil der Freund so unablässig auf mich einredete. Halbherzig heißt, ich habe ein relativ kurzes Anschreiben dorthin geschickt und nicht, wie es heute üblich ist, eine große Liste der Publikationen oder eine kuriose Darstellung der Persönlichkeit. Ich habe es ein bisschen darauf angelegt, dass man das beiseite legt. Es ist dann beiseite gelegt worden, aber eben in das Körbchen, in dem die Guten waren. Es gab 34 oder 36 Bewerbungen. Ich kam in die Endrunde und wurde gebeten, nach Dresden ins Ministerium für Wissenschaft und Kunst zu kommen, wobei, und das ist schon ein Indiz auf die sehr schwierigen Zeiten, die es dann in Leipzig für mich gegeben hat, auf dem gedruckten Briefkopf stand »Ministerium für Wissenschaft« und mit Schreibmaschine war ergänzt: »und Kunst«. Und das ist symptomatisch für dieses Ministerium und seine Politik gegenüber dem Institut gewesen. Kurz, ich kam da hin, vier oder fünf Leute mussten vor der Findungskommission vorsingen, und mir fiel auf, dass bei meinem Vortrag der Minister Meyer hereinkam. Bei den anderen war er nicht anwesend und das ließ schon gewisse Schlüsse zu. Ein paar Wochen später klingelte dann das Telefon, es war ziemlich früh am Morgen, gerade mal um acht, ich trank eine Tasse Kaffee, und Meyer teilte mir mit, dass mich die Findungskommission einstimmig vorgeschlagen habe, und fragte, ob ich die Wahl annähme. Das habe ich bejaht und dann haben sich die ersten sporadischen Besuche in Dresden und Leipzig ergeben.

A. Hille: Ihr Motto bei der Gründung des DLL lautete »Gottsched plus Beuys«. Gottsched, der Leipziger Gelehrte und Kritiker, der Regeln für die Poesie aufstellte, und Beuys, der antiautoritäre Künstler aus dem Westen, scheinen zwei gegensätzliche Pole zu sein. Was wollten Sie für eine Dichterschule?

B. Jentzsch: Es ist schwierig, das in wenigen Worten zusammenzufassen. Mir hat vorgeschwebt, Studenten das Handwerk des Schreibens in einem ganz umfassenden Sinn, in einem praktischen, literaturgeschichtlichen, theoretischen Sinn zu vermitteln. Das wäre der Gottsched-Komplex. Gleichzeitig wollte ich aber den Beuys-Komplex sehr lebendig erhalten, nämlich die Kreativität, die Erfindungsgabe, die Spontaneität. Es gibt merkwürdigerweise bei Brecht und bei Brentano die fast wortgleiche Überlegung, dass man theoretisches Wissen gleichzeitig erinnern und vergessen müsse, um Kunst zu produzieren. Das war der Grundgedanke bei der Konfrontation der beiden Namen Gottsched und Beuys.

A. Hille: Was war die schwierigste Aufgabe in dieser Zeit am Literaturinstitut?

B. Jentzsch: Wissen Sie, ich glaube, es war alles schwer. Es war schwer, eine Immobilie zu bekommen. Das Haus in der Wächterstraße, ein wunderbares Jugendstilhaus, ist nicht das Haus, das man uns auf dem Silbertablett angeboten hat. Da waren Häuser im Gespräch, in die von ihrer inneren Gliederung der Räume eher eine Firma mit zweihundert Abteilungen gepasst hätte. Da waren Häuser dabei, bei denen die Keller und die Wände im Erdgeschoss nur aus Salpeter bestanden, irgendwelche Gebäude, die niemand mehr haben wollte und die später zum Teil abgerissen worden sind. Für ein Literaturinstitut waren sie scheinbar noch gut genug. Schwierig war die Renovierung des Hauses, denn ein Jugendstilhaus muss man denkmalgeschützt renovieren und davon konnte nicht die Rede sein. Das Gebäude in der Wächterstraße war früher das Gästehaus der Deutschen Volkspolizei und so sah es auch aus. Alle Räume waren dunkelbraun verkleidet, in jedem Zimmer befand sich ein Waschbecken und die Polstermöbel bestanden aus dunkelgrünem Plüsch. Und plüschig war auch die Art und Weise, wie das renoviert werden sollte. Man hat dem Jugendstil überhaupt keine Rechnung getragen. Eines Tages betrat ich das Haus und entdeckte im Eingangsbereich eine Jugendstilkassettendecke unter einer abgehängten Decke. Als ich die Firma und das Hochbauamt darauf hinwies, habe ich auf den härtesten Granit gebissen. Die Firma, die das Haus saniert hat, war in der DDR ein volkseigener Betrieb, der Wellblechgebäude und Bäder renoviert hat, meiner Meinung nach ist eine Firma mit dieser Vorgeschichte nicht prädestiniert, Jugendstilbauten zu sanieren, aber die Leute, die jetzt im Staatshochbauamt saßen und früher in einer DDR-Baubehörde, und die Leute, die früher im VEB-Soundso waren und heute in der Soundso-GmbH, die kannten sich untereinander. Mehr muss ich dazu nicht sagen. Das endete damit, dass ich den Rektor, Cornelius Weiss, den Minister, die untere Denkmalschutzbehörde in Leipzig und die obere sächsische Denkmalschutzbehörde in Dresden an einem Wochenende alarmierte. Das hat damals ziemlichen Wirbel ausgelöst. Es gab einen Stehkonvent im Institut mit der Verpflichtung des Staatshochbauamtes und der renovierenden Firma, mich schriftlich über alle relevanten Dinge am Bau zu informieren. Man hat es weder schriftlich noch mündlich getan, sondern hat, als der Bau fast fertig war, ein Schild am Haus angebracht: »Baustelle, betreten verboten«. Es wurden alle Schlösser ausgewechselt. Mein Generalschlüssel passte nicht mehr. Nur der Hausmeister bekam den neuen Schlüssel und wurde angewiesen, ihn mir, dem Gründungsdirektor des Instituts, nicht auszuhändigen und mir auch nicht die Türen zu öffnen. Ich durfte in mein eigenes Institut nicht mehr hinein.
     Eine weitere Bedingung für die Neugründung war, dass wir Teil der Universität sein mussten. Als ich fragte, warum, lautete die Antwort: Da sind Sie geschützt, Sie können die ganze Verwaltungserfahrung der Universität nutzen, dabei hatten die selbst gar keine Erfahrung, denn sie waren ja auch neu gegründet worden! Der Kanzler war der Kämmerer der Stadt Münster in Westfalen, der hatte wirklich nur von Geld und nicht von Kunst oder etwas anderem eine Ahnung. Cornelius Weiss war ein sehr liebenswerter Mann, aber er war ein Chemiker. Der nächste Direktor war ein Hirnforscher. Ich habe immer gesagt, wir sind ein Haferhalm in einem riesigen Weizenfeld und jeden Tag musste ich mich entschuldigen, dass der Hafer nicht so hoch wächst, wie der Weizen, dass er einen anderen Fruchtstand hat, dass er zu einem anderen Zeitpunkt reift, dass man aus ihm verdammt noch mal nur Hafer machen kann. Es war eine unmögliche Konstruktion, dass ein winziges, künstlerisches Institut in den Riesenmoloch einer Wissenschaftsfabrik, genannt Universität, implantiert werden sollte. Dem DLL gegenüber befindet sich die Hochschule für Grafik und Buchkunst selbstständig und mit eigenem Kanzler, in dem ganzen Dreh sind die Musikschule, die Schauspielschule und so weiter, alle selbstständig. Warum hat man uns nicht die Selbstständigkeit genehmigt? Oder, wenn diese nicht möglich war, was ich nicht glaube, dann wäre doch eine Konföderation mit einem dieser Institute möglich gewesen. Dann wäre eben das Künstlerische an diesem Institut in die Nähe eines anderen künstlerischen Institutes gerückt. Aber so war es nur Fremdheit.

A. Hille: Gibt es noch Kontakt zum Institut?

B. Jentzsch: Nein, da gibt es keinen Kontakt mehr.

A. Hille: Woran liegt das?

B. Jentzsch: Ich glaube, viele wissen gar nicht, warum ich eines Tages nicht wieder erschienen bin. Die siebenjährigen Belastungen, von denen ich nur ein paar angetippt habe, waren so stark, dass ich mich dann zwischenzeitlich aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen hatte. Nach sieben Jahren war die Kette der Belastungen so schwerwiegend, dass ich einen Zusammenbruch gehabt habe. Ich bin erwerbesunfähig geschrieben worden.

A. Hille: War der Druck am Ende zu groß?

B. Jentzsch: Der psychische und physische Druck war sehr hoch. Ich musste das Institut leiten, Lesungen organisieren, das Institut nach außen hin repräsentieren, es mussten vier bis fünf Ordnungen geschrieben werden, keine unter sechzehn Fassungen, das alles bei einer bis zu dreifach höheren Unterrichtsbelastung. Schon das ist etwas, was man nicht unbegrenzt durchhalten kann. Es gab dann nicht gerade sympathische Entwicklungen im Haus und im Umfeld des Literaturinstituts. So sehr die Leipziger für den Erhalt des alten Instituts Johannes R. Becher gekämpft haben, standen sie dem neuen Institut entweder neutral gegenüber oder waren ihm nicht gut gesonnen. In mehreren Lexika wurde das Deutsche Literaturinstitut Leipzig als Institut für Literatur in Leipzig bezeichnet. Das entspricht genau dem Wortbildungsplan des alten Instituts. Und wenn das in einem Lexikon durchgeht, deutet das auf eine gewisse Ignoranz.

A. Hille: Würden Sie sagen, Sie stießen auf Ablehnung?

B. Jentzsch: Ja, und diese Ablehnung im Umfeld war natürlich auch mit meiner Person verbunden. Das hat sich in vielen Erfahrungen bestätigt. Ich habe in der ersten Zeit in dem nicht renovierten Haus in der Wächterstraße gewohnt. Zwei Zimmer, Sperrmüllmöbel aus dem alten Institut, ein Bad, in dem Kacheln heruntergefallen waren, der Boden bedenklich war, das Fenster nicht schloss, die Toilette immer lief und so weiter. Plötzlich bekam ich einen Mietvertrag von der Gebäudewirtschaft mit einer Mietforderung, die ich nur als angemessen für eine Luxuswohnung bezeichnen kann. Es entspann sich ein monatelanger Kampf. Ich bin dann von den zwei Zimmern in eins gezogen, dann sah es wirklich aus wie beim Trödler. Aus dem Mietvertrag kam ich nicht heraus, bis die Renovierung begann. Projekte, die ich beantragt habe und die eine lächerliche Fördersumme gekostet hätten, wurden abgelehnt. Zu einer Lesung von mir kam eine Mutter mit einem kleinen Kind, dem konnte ich gar nichts vorlesen, dem habe ich wie ein Märchenonkel ein paar Sätze erzählt. Das war mein Publikum. Die anderen Lesesäle waren voll, aber ich war ja ein zersetzter und vergessener Autor. Rechnen Sie das alles mal 365 Tage mal sieben, dann wissen Sie, was Leipzig für mich bedeutet hat.

A. Hille: Aber sind Sie nicht auch ein Stück weit an Ihren Ansprüchen gescheitert?

B. Jentzsch: Ich bin daran gescheitert, aber nicht, weil es zu hohe Ansprüche waren, sondern weil man im Grunde genommen das Institut nicht wollte. Aber da es nun einmal sein musste, hielt man es ganz tief unten. Daran bin ich gescheitert. Ich habe einmal dem Kanzler geschrieben, dass dies der letzte Briefbogen ist, auf dem ich ihm schreibe und ich auch kein Geld mehr hätte, um welche nachdrucken zu lassen. Wir hatten für ein Jahr 3000 Mark! Können Sie für 3000 Mark ein Jahr lang Leseprogramm machen? Ab wie viel Honorar Grass liest, möchte ich Ihnen gar nicht sagen. Reich-Ranicki hat Angebote von 12.000 Mark gehabt und hat telegraphiert: Wenn Sie 15.000 zahlen, komme ich, und man hat gezahlt. Ich wollte eine ganz andere Struktur der Lesungen, ich wollte zum Beispiel Vorträge über Naturwissenschaften, über Ethik, wo sich philosophische und naturwissenschaftliche Elemente berühren, auch das hat überhaupt keinen Widerhall gefunden. Das, was jetzt stattfindet, kann in jedem Haus stattfinden. Meine Vorstellung war aber, dass dieses Institut ein einmaliges Institut ist und da müssen auch die Veranstaltungen unverwechselbar und einmalig sein.

A. Hille: Das Institut war also politisch gar nicht gewollt?

B. Jentzsch: Es gab einen öffentlichen Druck aus dem alten Literaturinstitut, aus, sagen wir es mal wertfrei, politisch linken Gruppen, Muschg in der Schweiz, Mayer in Tübingen, dann gab es eine Gruppe in Frankreich und so weiter. Und diese Konstellation hat dazu geführt, dass in Dresden ein Beschluss durchgegangen ist: Ja, es wird ein neues Institut geben. Aber die regierende CDU war wieder zu einem Teil dagegen, so dass das nur mit den Stimmen der Oppositions-SPD zustande kam, also das allein war schon eine knirschende Lage. Die Universität hat gesagt: Herr Gott, was sollen wir mit den Schreiberlingen? Die Kunst wurde dazwischen aufgerieben, die war für die Universität nicht interessant. Ich war im höchsten Gremium der Universität, da ging es um die Pferde der Veterinärmediziner und nicht um die Belange des Literaturinstituts. Die Neugründung des Literaturinstituts war eine Steißgeburt, ich will nicht sagen Missgeburt, das ist kein gutes Wort, aber es ist nicht das, was ich mir darunter vorgestellt habe. Es konnte auch nicht die Wiederbelebung des Becher-Instituts sein, in vieler Hinsicht nicht. Das Paradoxe ist, dass das alte Institut in der hochdurchorganisierten DDR wahrscheinlich mehr Spielraum hatte, als wir in der Nachwendezeit.

A. Hille: Immerhin wurde das Institut von den jungen Autoren umgehend gut angenommen. Die Anzahl der Bewerbungen entwickelte sich rasant.

B. Jentzsch: Es begann mit einer relativ kleinen Zahl, was ich für normal halte, denn damals war der Bekanntheitsgrad sehr eingeschränkt. Ein, zwei Semester später ist das explodiert. Eine Bedingung für die Aufnahme ist ja, dass man Manuskripte einreichen muss, die wir alle gelesen haben. Das war eine Belastung, die man am Ende kaum noch bewältigen konnte. Und diese Vielzahl von Bewerbungen hat sich offenbar auf dem selben Niveau über die all die Jahre gehalten. Ich halte das für eine gute Entwicklung und sehe es als Zeichen dafür, wir groß der Bedarf für so etwas ist, obwohl ich aus der Distanz von zehn Jahren doch nicht mehr so eindeutig davon überzeugt bin, dass ein solches Institut wirklich notwendig ist.

A. Hille: Wie meinen Sie das?

B. Jentzsch: Es geht mal ein Autor oder eine Autorin durch die Kulturmagazine, es gibt ein paar Preise. Natürlich sind solche Fälle die Ausnahme, aber das wiederum ist normal. Selbst wenn man sehr hart auswählt und von mehreren hundert Bewerbern dreißig oder vierzig nimmt, werden von diesen wiederum nur anderthalb übrig bleiben, die ein bisschen herausragen und fragen Sie nicht nach dreißig Jahren, ob man diese anderthalb noch kennt.

A. Hille: Würden es diese Autoren auch ohne das Institut geschafft haben?

B. Jentzsch: Ich glaube weitgehend ja. Den anderen, die ihren eigenen Standard angehoben, vielleicht sogar beträchtlich angehoben haben, den hat das gut getan, aber sie werden keine Bereicherung für die Literatur sein.

A. Hille: Gelehrt wird derzeit eine Poetik, die stark auf Sprachspannung, Atmosphäre und Stimmung setzt. Was halten Sie davon?

B. Jentzsch: Ich halte eine Sprachspannung in einem Text für unverzichtbar, aber sie hat für mich nur auf der zweiten Ebene eine Bedeutung. Eine thematische, eine stoffliche, eine motivische Spannung ist die Urzelle für einen Text und die muss in ein sprachliches Gewand gekleidet werden. Was nützt mir der brillanteste sprachliche Eindruck, wenn ich die Schale zerbreche und in das Nichts dahinter schaue.

A. Hille: Das ist ja die Kritik, die oft am Institut geübt wird. Die jungen Autoren gingen den Weg des geringsten Widerstandes und dabei entstünde eine Literatur, die gut gemacht, aber inhaltsleer sei. Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen?

B. Jentzsch: Ich weiß nicht, das sage ich aus der Entfernung der Jahre, ob es die allerbeste Lösung gewesen ist, die Mitarbeiter zu verbeamten, ein Leben lang unkündbar zu machen. Es kann dann passieren, dass sich eine Person mit einem ganz bestimmten Lehr- und Schreibstil profiliert. So angenehm es für die ist, die diese Sicherheit gewonnen haben, aber wenn jemand mit Mitte Dreißig den Professorentitel erhält und dann bis Fünfundsechzig an der selben Stelle bleibt, halte ich das für sehr erstarrend. Wäre es vielleicht nicht besser gewesen, mit Zeitverträgen zu arbeiten? Drei Jahre, fünf Jahre und dann wieder ein anderes Gesicht, einen anderen Blick auf die Dinge zu bekommen?

A. Hille: Das alles liegt nun einige Jahre zurück. Wie geht es Ihnen jetzt?

B. Jentzsch: Inzwischen geht es mir sehr gut. Ich habe eine Zeitlang versucht, innerlich zur Ruhe kommen und mich zu kurieren. Seit einiger Zeit schreibe ich intensiv. Ein Buch ist gerade vor wenigen Tagen erschienen und im nächsten bin ich gerade tief drin.

A. Hille: Woran arbeiten Sie?

B. Jentzsch: Ich habe ein Büchlein über den Maler Peter Stein geschrieben und das zweite aktuelle Buch heißt »Welt-Echo«, das ist der Titel eines nicht mehr existierenden Kinos in Chemnitz, meines Kindheitskinos. Der Untertitel lautet »76 ost-westliche Schriftbilder«. Das sind überwiegend Betrachtungen, die meine Zeit in der DDR und in der Schweiz betreffen. Das ist jetzt fertig. Woran ich momentan arbeite – ich habe jetzt etwas über 400 Seiten im Computer – werde ich mit keinem Wort andeuten, aber ich denke, es gibt ein paar, die das sehr interessiert.

A. Hille: Sie waren Lektor, Herausgeber, Professor. Wie haben sich diese normalen Berufe mit dem Schreiben vertragen?

B. Jentzsch: Es war immer schwierig. Von 1965 bis 1974 war ich voll angestellt im Verlag Neues Leben, dann wurde das Pensum sehr groß. Irgendwann reichte mir das. Es folgte dieser nicht vorhersehbare Bruch von 76, dann war ich eine Zeitlang notgedrungen freischaffender Autor, danach ging es wieder darum, Brot für die Familie heranzuschaffen, deshalb der Job im Walter Verlag, da habe ich so weit es ging, nebenbei was gemacht.

A. Hille: Das Geldverdienen hat also immer im Vordergrund gestanden?

B. Jentzsch: Ja, ich habe es meiner Familie nie abverlangt zu sagen: Ich bin der Autor und setze mich jetzt ins Zimmer und dichte und du, meine Frau war Lehrerin, verdienst das Brötchengeld. Das habe ich nie gemacht. Das hat mich aber natürlich Lebens- und Schreibzeit gekostet.

A. Hille: Wolf Biermann sang einmal: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Sind Sie sich treu geblieben?

B. Jentzsch: Ich glaube, das darf ich sagen, ja. Das ist aber ein Grund dafür, warum ich auf viele Widerstände gestoßen bin. Ich habe nie Freude daran gehabt, mich anzupassen.

A. Hille: Und das bezahlt man?

B. Jentzsch: Das bezahlt man in verschiedenen Währungen.

André Hille     20.02.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht
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