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Hendrik Jackson

Ein Gespräch mit Walter Fabian Schmid
»Mit Lyrik lässt sich kein Staat machen,
aber Staat soll Lyrik machen lassen«
  Gespräch
Literaturmagazin
poetenladen, Frühjahr 2016
232 Seiten, 9.80 Euro
Hendrik Jackson, geboren 1971, lebt als Lyriker, Essayist, Übersetzer und Herausgeber des Internetportals lyrikkritik.de sowie Mitveranstalter der Literaturreihe Parlandopark in Berlin. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise und Stipendien. Er nahm an Übersetzerworkshops teil und un­terrichtete lyrisches Schreiben in Deutschland und Russland. 2016 erscheint sein neues Buch sein gelassen. Parmenides-Notate bei kookbooks.


 

Walter Fabian Schmid: Lieber Hendrik, als Lyriker, Kritiker und Jurymitglied hast Du ja verschiedene Perspektiven auf Literaturwettbewerbe. Was würdest Du denn als Autor sagen, wie sinn- oder bürdevoll solche Veranstaltungen sind?

 

Hendrik Jackson: Wenn Du von Literaturwettbewerben als Veranstaltungen sprichst, meinst du sicherlich jene, in denen, meist noch vor Publikum, Literaten und Literatinnen gegeneinander antreten. Idealerweise sollte es sich dabei um ein Positionieren der Literaten handeln und auch ein Sich-der-Kritik-Aussetzen. Ob das sinnvoll ist, hängt von Alter, Lebensphase und Stand der Reflexion ab. Praktisch lösen sich die Fragen nach dem Sinn und Gehalt solcher Veranstaltungen in der Gemengelage verschiedener Interessen auf und werden selbstverständlich: Der Autor braucht Geld und meist auch Anerkennung, um weiter arbeiten zu können, die Veranstalter gute Wettbewerbe.
 Wichtig ist natürlich, dass so ein Wettbewerb kein Jahrmarkt der Eitelkeiten wird. Aber ganz ehrlich: Es ist unmöglich, das zu verhindern. Als junger Lyriker neigt man deshalb zu Recht dazu, das komplett abzulehnen. Bekommt einer dann die ersten Preise, nimmt die Eitelkeit diesen Dichter am Schopf und zieht ihn mit in den Sumpf. Aber es gibt auch gute Gründe, hier nicht zu streng zu sein, auf die ich noch zurückkommen werde. Man darf gesamtgesellschaftliche Prozesse nicht außer Acht lassen. Wichtig wäre eben, Wettbewerbe substantiell und vielleicht sogar thematisch zu halten. Ich möchte mich also hier auf Dinge konzentrieren, die wertvoll sind, auf Grundsätzliches, den Rest mag man in tagesaktueller Polemik erledigen.
 Werkstätten und Literaturtreffs halte ich deshalb für sinnvoll, insofern man diese Wettbewerbe als gesteigerte Möglichkeiten des Austarierens und Positionierens begreifen kann. Gerade in Zeiten, wo auch die großen Verlage kaum noch vernünftig lektorieren, und Lyrik erst Recht nicht, sollte sich mancher mehr Lektoraten unterziehen.

 

WF Schmid: Da bleiben mir jetzt zwei Fragen offen. Zum einen – und das ist vielleicht auch mir selbst geschuldet, weil ich dich als Autor angesprochen hab –: Machst Du die Sinnhaftigkeit allein am Autor fest? Der ist ja ebenso im literarischen Feld verortet. Also welchen Sinn oder Unsinn hat es darüber hinaus? Und zum anderen: Warum siehst Du Werkstätten und Literaturtreffs als Wettbewerbe? Weil die Autoren vermeintlich im Vergleich, in Konkurrenz zueinander stehen?

 

H. Jackson: Ich versuche eher, Wettbewerbe als Werkstätten und Literaturtreffpunkte zu sehen, nicht umgekehrt. Ich ahne, worauf Du hinaus willst und muss dich, aber das ist ein bisschen öde-selbstverständlich, bestätigen: Rangfolgen und Wettbewerbe sagen wirklich nicht viel aus über die Literatur. Von da ausgehend sind wir schnell bei deiner ersten Frage, die ich so verstehe, dass Du nach der gesellschaftlichen Relevanz und Aufgabe solcher Wettbewerbe fragst. Darauf ließe sich vieles sagen. Ich habe in der Tat als Autor geantwortet. Ich kann mit gesellschaftlichen Aufträgen nicht allzu viel anfangen, da gerate ich schnell ins Schwimmen. Hierarchien und Rangfolgen sind mir suspekt (außer fürs eigene Vergnügen). Selbst in privatkultischen Ausformungen, wie bei Stefan George zum Beispiel, wo ich elitärem Denken etwas abgewinnen kann, weil ein großer Distinktionsgewinn für mich als Autor dabei abfällt, ist diese Inszenierung von »ranghoher Lyrik« für mich mehr Theater als wirklicher Beweis von Qualität (und nicht zuletzt musste auch dieses Theater mit einem »privaten Staat« operieren, um seine Ansprüche durchzusetzen).
  Andererseits gibt es natürlich feststellbar große, sehr gute und hochwertige Literatur. Letztlich bleibe ich dabei aber einer sehr anarchistisch-mystischen Tradition verbunden: Den Wert bestimmt das Individuum allein. Da liegt für mich gerade der Wert der Literatur: Sie macht den Menschen überhaupt erst zum Menschen, sie individualisiert und befreit ein Stück weit aus den alltäglichen Machtverstrickungen, Ohnmächten und soziologischen Determinanten. Wettbewerbe führen, streng genommen, diese Individualisierung wieder in den Raum zurück, aus dem sie kommt (der Gesellschaft, der Machtfelder, der Einflussnahmen etc.). Dort hat sich Literatur ganz anders zu bewähren, in recht kruden Gemengelagen. Der Kern der Literatur wird davon zwar kaum berührt, aber es ist schon ein Unterschied, ob man im luftleeren Raum operiert oder ein ganzes Netz aus Verständigen oder zumindest um poetische Verständigung Kämpfende um sich hat. Das ist bei allen Einschränkungen begrüßenswert.

 

WF Schmid: Damit gibst Du ja eine Antwort auf die Frage, ob Wettbewerbe dazu da sind, Rangfolgen und Hierarchien aufzubauen, ob Illusionen geschaffen werden. Auf so etwas wollte ich hinaus, ja. Aber bei Deiner Antwort kommt mir auch eine andere Frage: Glaubst Du, dass man durch Wettbewerbe wirklich hervorragende Literatur findet oder steht die »Gemengelage verschiedener Interessen« dem im Weg? Und ich mein nicht Weltliteratur. Das ist ja was, was sich höchst selten und auch unabhängig davon ereignet. Würdest Du dem zustimmen?

 

H. Jackson: Doch, sicherlich lässt sich gute Literatur auch über Wett­bewerbe finden. Und auch Weltliteratur findet nicht unabhängig von gesellschaftlichen Findungsprozessen statt, nicht jenseits von Befindlichkeiten und Interessen. Aber worauf wir uns vielleicht einigen können, ist, dass die Hierarchien letztlich für den einzelnen Leser gar nicht maßgeblich sein können. Ich sehe Preise und Wettbewerbe als Substitute, die vielleicht etwas bewegen können. Ich weiß nicht, ob das die Nachteile überwiegt, aber wenn ich mir das im Ländervergleich ansehe, scheint mir, dass die Länder, die Literatur auch mit Wettbewerben fördern, doch eine reichere Szene haben.

 

WF Schmid: Nun stehen ja Autoren auch untereinander im Wettbewerb. Wie gehst du mit »Konkurrenz« um?

 

H. Jackson:: In der Lyrik haben wir das große Glück, dass der Begriff der Konkurrenz nicht besonders sinnvoll ist, zumindest was das Finanzielle angeht: Es ist schlicht zu wenig Geld da, um das sich verbissen streiten ließe. Die meisten LyrikerInnen reagieren da auch gelassen. Öffentlich etwas zur Konkurrenz zu sagen, ist heikel. Sage ich, dass ich Konkurrenz sogar begrüße, wird mir das als Koketterie ausgelegt werden, sage ich, dass es kaum welche gibt, als arrogant ... am besten sagt man nichts! Ich gönne allen ihre Preise. Insgesamt ist die Qualität der deutschen Lyrik momentan so gut und geht trotz aller möglichen Einschränkungen, die ich vielleicht hätte, doch in eine so grundsätzlich wohlreflektierte Richtung, dass ich eigentlich sehr froh bin, dass viele Gedichte entstehen, die trotz allem noch gehört, manchmal sogar gelesen werden.
  Meine erste Veranstaltung, die ich in meinem Leben auf sozusagen größerer Bühne bestritten und mitorganisiert habe, nannte sich »Lyrik rettet die Welt«. Das war eher überspitzt gemeint. Einer aus dem Publikum aber nahm das sehr ernst und wollte eine solide Begründung. Das brachte mich ganz schön ins Schwitzen, aber im Sinne von Kleists Ge­dankenfindung während der Rede habe ich irgendwie den Bogen hinbekommen. Später aber war ich mir nicht mehr sicher. Mein Anspruch damals war von einer quasi-benjaminschen, halb religiösen Intention getragen. Mit der Zeit wurde mir das immer fragwürdiger. Schaut man sich das Unglück der Welt an, erscheint es zunächst, dass Lyrik »nur« ein schönes Surplus ist. Vielleicht kann es sogar die Bedingungen des Denkens klären, Strukturen der Welt durchdringen etc. (Falkner sagte mal: Wer sich nicht für das Gedicht interessiert, interessiert sich nicht für sich selbst). Dennoch erschien mir mein »Beruf« zunehmend fragwürdig. Aber in den letzten Jahren ist mir klar geworden, dass Lyrik – oder zumindest ein Denken, aus dem heraus Lyrik (oder Kunst, Musik etc.) entsteht – tatsächlich die Welt rettet. Wir erleben eine Zeit voller Zuspitzungen, Gewalt, Armut, Ohnmacht. Es geht nicht mehr nur da­rum, dass Lyrik die Welt des Einzelnen rettet, sie hält überhaupt offen, sie hält gegen die ganzen begrifflichen Verengungen, gegen den Hass und den Unverstand. Sie rettet uns wortwörtlich vor Dummheit und Primitivität. Das mag nicht immer klappen, es mag viel schlechte Lyrik geben, aber sie ist meist allemal besser als die politischen Pamphlete und Besserwissereien, sowieso als der Unterhaltungsschrott, den wir ertragen. Sie kreist um das, wofür der Mensch lebt, woraus er lebt. Mit Lyrik lässt sich kein Staat machen und auch kein Krieg. Aber Staat soll Lyrik machen lassen. In einer absolut absurden Welt ist sie zumindest ein Gegenpol. Sie steht auf verlorenem Posten mit einigen anderen Künsten und Praktiken, aber nur da lässt sich leben. In gewissem Sinne ist das ein Paradoxon: Sie steht etwas außerhalb der Gesellschaft und gesellschaftlicher Aufgaben, aber bewahrt gerade dadurch etwas, das wichtig für den Menschen (und also für die Gesellschaft) ist.
  Deshalb begrüße ich alle Konkurrenz, die mit dieser oder einer ähnlichen Auffassung von Lyrik laboriert (also ohne Inanspruchnahme durch Ideologien). Zurück zum Thema: Die ganzen Veranstaltungen, Wettbewerbe, etc. verdecken gehaltvolle Literatur manchmal mehr, als dass sie sie fördern, in dem Wust der Ambitionen geht die Substanz schon mal unter. Dennoch ist das besser, als wäre der öffentliche Raum frei davon.

 

WF Schmid: Siehst Du dann die Lyrik im Wettbewerb zu anderen Gattungen wie den erzählerischen? Ich glaube, auf dem Markt, kann man sagen, ist sie das, aber wie siehst du das als Autor?

 

H. Jackson: Darauf pauschal zu antworten führt zu so schablonenhaften Aussagen wie, dass sich Prosa und Lyrik gegenseitig ergänzen etc. Viele Autorinnen haben auch schon darauf hingewiesen, dass das verschiedene Modi sind, in denen man sich als Autorin bewegt (komischerweise fallen mir grad vor allem Frauen ein, die so regelmäßig zwischen Prosa und Lyrik switchen). Ich selbst habe jetzt zum ersten Mal wirklich prosaartige, reflektierende Texte vorgelegt. Die unterscheiden sich insofern von anderer Prosa, als sie deren wesentliches, sich von kurzer Lyrik unterscheidendes Moment, nämlich Figurenkonstellationen und Spannungsbögen, nicht enthalten. Für mich stand im Vordergrund, einen ruhigeren, fließenderen Ton anschlagen zu können. Etwas ganz auszuformulieren, hin- und herdrehen zu können und durch ausführlichere Beschreibungen ergänzen zu können. Das ist eine andere Stoßrichtung als die Lyrik, die doch auf Komprimierung aus ist.
 Ich habe auch zum ersten Mal, seitdem ich schreibe, laufend »ich« geschrieben und wirklich »ich« gemeint und kein Rollenspiel betrieben (wenngleich es ein lyrisches Ich bleibt). Das war für mich ein ungeheuerlicher Vorgang. Jahrelang habe ich auf die Ausstreichung des Ichs in Gedichten hingearbeitet, nun setzte ich den Stift an und schrieb: »Ich«. Da handelt es sich vielleicht nicht um Prosa, sondern um einen Missbrauch der Prosa für existentielle Zwecke. Monika Rinck sagte einmal: Lyrik ist non-fiction. In Abgrenzung zu den Verlegern, die das als Argument benutzen, dass Lyrik nicht verkäuflich sei, meint sie es aber positiv: Ich gehe als Lyriker die Dinge direkt an, ich gehe in die Sprache, die Strukturen, kein »Theater«, aber viele spielerische Möglichkeiten. In diesem Sinne bin ich mit meiner Prosa non-fiction geblieben. Es geht mir um das Paradoxon, in dies einmalige, nicht zu wiederholende, sich ereignende Leben mit dem Instrumentarium zu gehen, das auf Wiederholbarkeit basiert. Vielleicht ginge es in der »reinen« Prosa eher um Parallelwelten, frag die Prosaautorin!

 

WF Schmid: Siehst Du die Literatur im Wettbewerb mit anderen Künsten oder Medien? Oder würdest Du den Schwerpunkt auf den Austausch legen und die Vermittlung des einen durch das andere?

 

H. Jackson: Ich mag es eigentlich sehr, wenn die Künste im freien Spiel zusammen kommen. Es gibt da natürlich viel krampfhafte Bemühungen, aber auch viel Tolles. Was mich vor allem interessiert, ist die Hörkunst, also Sachen wie das Studio Akustische Kunst. Ich war einmal mit dem Lyriker Alexej Parschtschikow auf der Art Cologne und während für die meiste Kunst dort der Lessingsche Spruch galt: Es gab viel Neues und Gutes, nur war das Neue nicht gut und das Gute nicht neu, war gerade die kleine Halle mit Soundart aufregend. Wir konnten uns kaum trennen, es war, als entdeckten wir einen ganz neuen Kontinent. Sicherlich liebe ich die gute alte Konzentration des Buchs. Aber gerade Soundart ist imstande, eine Antwort auch auf die Herausforderungen des Anthropozäns zu geben. Ich erinnere mich, dass es dort auf der Art Cologne Installationen gab, bei denen man die Erdoberfläche hören konnte, die, abgetastet durch Satelliten, eigenartige Töne von sich gab. Ich be­schäftige mich seit Jahren mit Tonaufnahmen, ich würde mir ebooks wünschen, die Töne abspielen. Wir sind, gerade was den Ton angeht, immer noch total unterentwickelt, dabei ist Literatur, ob laut gesprochen oder leis gelesen, zu allererst Rede, Zungenschlag. Man sagt mir nach, meine Gedichte seien eigentlich seltsame Umschreibungen von kleinen Soundstücken. Jedenfalls kommt mir das nichtvisuelle, schwer Greifbare von Soundart sehr entgegen und ich habe zum Beispiel auch mit Anne Seidel daran gearbeitet. Ich sehe da die Zukunft. Für mich haben Soundart und Literatur sehr viel miteinander zu tun, das versuche ich ja auch bei meinen Lesungen zu vermitteln.

 

WF Schmid: Wenn Du hier die elektronischen Künste und Multimedialität ansprichst, ist digitale Poesie für dich ein Thema? Oder die Genetik des Internets, seine Sprache, seine Mathematik?

 

H. Jackson: Für mich persönlich nicht unmittelbar, aber in einem weiteren Verständnis gehört das zu den Dingen, die uns jetzt quasi neue Sichtweisen aufzwingen, auf die auch die Lyrik reagieren muss. Das Computer- und Internetzeitalter bringt ja nicht nur einen radikalisierten Umgang mit Zeit und Raum und der eigenen Biographie mit sich, d.h. alte Verlässlichkeiten und Prioritäten schmelzen dahin (das Ferne wird nahe, das mich Umgebende wird abgewertet, das Virtuelle erhält den Vorzug gegenüber dem Realen etc.), sondern es bringt auch eine ganz eigene Anschauung mit sich. Der Umgang mit Statistischem, Wissenschaftlichem und den Zahlen wird noch selbstverständlicher werden und damit verbunden sachliche, relativierende Sichtweisen. Zugleich werden viele Menschen gegen ihre Austauschbarkeit aufbegehren und die »Abgehängten« werden ihre eigenen, aufgeladenen Begriffe ins politische, aber auch moralische Spiel bringen. Der Entwertung des Individuellen durch Technik und Algorithmus etc. wird eine Durchinstrumentalisierung des Privaten zwecks Vermarktung sich beigesellen, demgegenüber wird sich wohl auch eine Irrationalität, die alle verdrängten Impulse auffängt, positionieren. Emotional sind wir noch in einer Art Steinzeitalter, während die Technik uns hoffnungslos vorauseilt. Natürlich ist das ein Thema für Lyrik und die Künste. Gerade die Lyrik ist da sogar etwas rückständig, sie müsste wesentlich mehr machen, und zwar nicht nur multimediale Events, sondern es auch begrifflich fassen können und über eine unterhaltsame Patchwork-Kooperation der Künste hinausgehen, indem sie die zugrunde liegenden radikalen Veränderungen begriffe und auch in die Formensprache einbrächte. Hier könnten, um wieder an den Anfang des Gesprächs anzuknüpfen, Events und Wettbewerbe unter Umständen sogar einiges leisten. Aber auch da gilt vermutlich wieder, dass diese öffentlichen Literaturveranstaltungen in erster Linie Anregungen geben und Auseinandersetzungen anstoßen können. Das gelungene Werk selbst wird vermutlich in den Pausen zwischen den Veranstaltungen reifen, in abgelegeneren Orten, aus irgendwelchen schon für unmöglich gehaltenen Stills heraus. Das erübrigt aber eben nicht ein gutes Surroundsystem an Einflüssen. Und dafür muss man kämpfen.

 

WF Schmid: Merci für das Gespräch!
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