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Sophie Sumburane

Der letzte Frühling


Der Wind fährt durch deine Haare wie Finger. Die Augen geschlossen ist deine Welt größer denn je, du fühlst die wehenden Hände, die Wärme um deinen Kopf. Ganz nah, so echt, die Träne fließt.
  „Wein doch nicht“, sage ich, hilflos. Ich hebe meine Hände, fahre in der Luft um deinen Kopf, lasse sie sinken. Mein schief gelegtes Gesicht zeigt ein Lächeln, die Augenbrauen hochgezogen, abwartend.
  Doch dein Gesicht hat sich geschlossen. Lässt niemanden mehr zu, auch nicht mich, nicht mal dich.
  Du bist dir ausgeliefert, in deiner Träne die letzte Kraft. Ich weiß, was du denkst, so oft hast du es mir gesagt, so oft habe ich dir nicht richtig zugehört. Das wird schon wieder gedacht, hilflos.

„Ich habe Kopfschmerzen“, hast du zu beginn des Frühlings oft gesagt. Es war ein warmer Frühling, drückende Luft, das musste es sein, mit dem Winter zuvor konnte es nichts zu tun haben, durfte nicht, hatte nicht.
  „Geh, nimm eine kalte Dusche“, mehr fiel mir nicht ein und du bist ins Bad gegangen. Ich weiß, dass du das Wasser laufen gelassen hast, ohne drunter zu stehen. So saßt du im Bad, auf dem Klo­deckel, ich saß in der Küche, bald hört es auf. All das nur, weil du nicht streiten wolltest, nicht konntest, woher nehmen die Kraft?

Der Frühling erblühte, um uns lebten Blumen und Vögel. Die Welt wurde bunt, für mich, für alle, nicht für dich. Die Lieder des Sommers kamen, auf unserem Balkon starben die Pflanzen.
  „Warum gießt du die Blumen nicht?“, sagte ich, zu laut. „Warum kauf ich sie dir, und du gießt sie dann nicht?“
  Du kamst mit der Kanne aus der Küche zu mir, das Wasser rieselte über die Reste, in deinem Mund kein Wort, in deinem Kopf deine einzige Wahrheit. So war es nicht gemeint. So kam es immer bei dir an.
  Ich sehe dich jetzt wieder dort stehen, auf unserem Balkon, in der Hand die grüne Plastik­kanne. Vollkommen ruhig verfolgten deine Augen die Wasser­tropfen. Deine dunklen Haare unge­kämmt in einen Zopf gezwängt, mit den Spuren des Make-Ups von gestern unter den Augen. Deine Lippen bewegten sich, ich hörte keinen Ton, doch kannte die Formen. „Meine Schuld“, krachte es in deinem Kopf. Deine Hände auf dem Lenk­rad, längst ging es nicht mehr um die Blumen, nie war es um Blumen gegangen. Das Wasser wurde in deinen Augen zu Blut, die toten Blumen zu ihrem Körper. Der Schatten, Lina, er legt sich dann auf dein Gesicht, das einzige, was sich an dir bewegt, deine Lippen: „Meine Schuld.“

Am selben Abend warf ich die Kästen vom Balkon. Der dumpfe Schlag auf dem Rasen war auch für dich zu hören, „Scheiß Blumen“, rief ich. „Wer braucht Blumen, tote Blumen, vergiss die Blumen!“ Der zweite Kasten prallte auf den ersten, es knallte lauter, du hast nicht mal gezuckt. Ich ertrug deine Bewe­gungs­losig­keit nicht mehr, der dritte Kasten flog mit Schwung durch die Luft, du legtest deine Finger um das Weinglas. Deine Lippen blass, der Wein gab ihnen kurz den Schein von Leben.
  „Warum trinkst du schon wieder?“, meine Stimme noch voller Anstren­gung, das erste Mal an diesem Tag fanden deine Augen meine. Deine Lippen blieben stumm, wie zum Hohn hast du erneut das Glas an sie gesetzt.
  „Hör auf damit. Stell den weg!“ Er floss deine Kehle hinunter, mehr und mehr bis du plötzlich vor mir standest, in der kühlen Abendluft. Dein Gesicht kam so nahe, deine Hände auf mir, die Augen in meinen, eine längst ver­gessene Wärme. Dein Kuss zart und doch fordernd, der billige Wein kroch auch in meinen Mund. So lang war es her, so schnell wieder vorbei. Vorbei dein zittern­der Körper unter meinem, vorbei deine Küsse und Berührungen, vorbei der Streit. Was blieb, war ein dünnes Lächeln in deinem Gesicht, in meinem, in unserem.
  Was kam war dein Körper unter den Perlen der Duschbrause, viel zu lange, und mein Glauben an unsere Liebe, an das Vergessen.

Jetzt stehst du hier, im Wind. Die Haare seit langem das erste mal gewaschen, das Gesicht geschminkt, die Hülle perfekt.
  Jetzt stehst du hier, mit einer trock­nenden Träne auf der Wange. In dir Lee­re.
  Ein letzter Streit am Morgen, eigent­lich habe ich gestritten und du geweint. Mit trocknen Tränen zugehört.

„Hör auf dich zu schminken, Lina. Hör auf, hör auf, hör auf!“ Du hast dich nicht geregt, mechanisch das Wattepad durchs Gesicht gezogen.
  „Du gehst dort hin, weil du krank bist, Lina. Du musst nicht schön sein. Hör auf, eine Fassade auf­zubauen. Gib zu, dass es dir schlecht geht! Sag es, sag es, sag es!“ Die Bürste riss durch deine Haare, keine Antwort. „Du bist schön, ohne alles“, ein letzter Versuch. Solche Worte kamen schon lange nicht mehr bei dir an.

Ich hatte dich berühren wollen, dich umarmen, lieben. Doch deine Hülle warst nicht du, du warst weg, verloren in deinen Gedanken, deinen Zweifeln, Ängsten. Also schob ich dich mit Worten ins Auto, schob dich mit Worten wieder heraus, sah dir an, du hörtest keines davon.
  Nun sind wir hier, einen Schritt vom Eingang entfernt, die letzte Berührung die du noch zulässt wehend in deinen Haaren.
  „Ich bin stolz auf dich“, sage ich, immer noch hilflos.
  „Hier wird man dir helfen“, Motivation mehr für mich als für dich, trotzdem bist du endlich den letzten Schritt gegangen.

Sophie Sumburane  2014    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Sophie Sumburane
Prosa