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Patrick Maisano
Ankommen


Meine Frau und ich stiegen am Hansaplatz aus der U-Bahn. Wir gingen die Treppe hoch und standen zwischen Häuserblocks; und vor einer kleinen Siedlung aus pavillonartigen Gebäuden. Wahr­schein­lich war's ja Intuition, dass wir genau am Hansaplatz ausgestiegen sind, oder Vorbestimmung. Weil, das sah da alles ganz nach spätmoderner Stararchitektur aus den Fünfzigern oder Sechzigern aus. Wie auch immer, es war ein wunderschöner Herbst­tag heute und da war bei uns ein Erkun­dungs-Spazier­gang zur Integrationsförderung angesagt. Ich erklärte meiner Frau, dass das hier sein müsste, wo die Archi­tekten­freundin eines Archi­tekten­freundes wohnt. Die Architek­ten­freundin soll meinem Archi­tek­ten­freund gesagt haben, dass das Viertel am Kommen sei, bei den Architekten zumindest. Und tatsäch­lich spazierten meine Frau und ich dann auch an drei Leuten vorbei, die erstens alle alleine unterwegs und zweitens alle schwarz gekleidet waren. Und sie hatten sogar alle übergrosse Brillen auf, wie zuhause, oder besser: wie in meinem Generations-Zwischen­zuhause. Weil alle drei am fotografieren waren, machte auch ich ein paar Fotos. Man kann ja nie wissen, ob man wieder Architekt wird, und sicher ist schliess­lich sicher. Ausser den drei Architek­ten-Foto­grafen trafen wir auf niemanden. Es gab auch keine Autos auf den Strassen des Hansa­viertels. Nur in der Ferne hörte man ganz gleich­mässiges Verkehrs­rauschen. Ich erklärte meiner Frau, dass das ein bisschen so sei, wie wenn das Mittel­meer sanft brande. Sie zog die Augenbrauen hoch und begann zu schielen. Dabei wollte ich doch eigentlich nur sagen, dass ich auch gerne im Hansa­viertel wohnen würde, und dass es mich gar nicht wundere, dass das am Kommen sei. Und dass wir viel­leicht doch besser dort hinge­zogen wären. Anderseits sagte kürzlich auch der Trödler, bei uns in Moabit – kann ich das überhaupt schon sagen, bei uns? – jedenfalls sagte auch der Trödler, Moabit sei am Kommen. Und ruhig ist's in Moabit ja eigentlich auch. Ausser morgens vielleicht, wenn die Leute durch die Quartier­strasse vor unserm Haus abkürzen. Oder abends, wenn sie zur billigsten Tankstelle der Stadt bei uns ums Eck fahren. Da nützen auch die Tempo min­dernden Pflaster­stein­inseln auf der Fahrbahn nichts. Irgendwie eine nicht ganz durchgezogene Verkehrs­beruhi­gungs­planung, wenn man das mal ana­ly­siert. Irgend­wie halt nicht ganz schweizerisch, aber auch nicht ganz italienisch. Genau die richtige Wohnlage eigent­lich, für einen Halb-Schwei­zer-halb-Italo-Secondo wie mich. Oder müsste ich mich eher Erst­gene­rations-Ita­liener-Migran­ten-Vor­fahren-mit-Gene­rationen­zwischen­stopp-in-der-Schweiz-und-auch-Schwei­zer nennen. Oder nein, eigentlich wenn schon: Auch-oder-halb-Erst­generations-Ita­liener-Mi­gran­ten-… Wie auch immer, als wir in den Tier­garten gekommen waren wollte meine Frau löibälä und zog mich durch die Laubhaufen, dass es so richtig raschelte. Ich hab in meinem Dialekt kein spezielles Wort dafür. Hab eh fast keine speziellen Dialektwörter. Das ist bei mir ganz anders als bei ihr. Sie mehr kantonal verwurzelt, ich mehr inter­kantonal verwässert. Als wir aus­ge­läubält hatten, über­querten wir die Strasse des 17. Juni. Übrigens: auch Neukölln sei ja am Kommen. Das haben unsere poten­tiellen Vormieter von der Wohnung, die wir dann doch nicht gekriegt haben, gesagt. Vielleicht auch besser, dass wir die Wohnung nicht gekriegt haben. Wegen dem Spiel­platz im Hinterhof, meine ich. Oder Prenzlauer­berg und Mitte und Kreuzberg und Friedrichs­hain, alles am Kommen. Und sogar Wedding, anschei­nend: In Wedding wohnt ein Freund von mir und der hat vor kurzem in der Zeitung gelesen, dass alles darauf hinweise, dass Wedding jetzt wirklich doch noch komme. Ja, da ist wirklich einfach alles irgendwie am Kommen, hier. Meine Frau und ich sind dann noch bis zum Kanal spaziert, an den der Zoo grenzt. Wir sprachen darüber, ob wir als Nächstes nach Bern, nach Leipzig oder nach Ligurien ziehen sollen. Allerdings: Vielleicht wäre ja Warschau, oder nein, vielleicht noch mehr Belgrad am Kommen. Milano haben wir ja schon gemacht, Roma auch. Amsterdam und Rotter­dam, London, Winchester, Wien und Lausanne ebenfalls. Und auch Helsinki, und sogar ein bisschen Sofia. Zwar waren wir nicht zusammen an den Orten, also zumindest an den wenigsten. Und natürlich selten sehr lange, ich jedenfalls. Die letzten zehn Jahre war ich ja eigentlich immer in Zürich, ausser den paar kurzen Unterbrüchen. Aber in Zürich hab ich dafür in sieben verschie­denen Wohnungen gewohnt: An der Neugasse, an der Luisenstrasse, dann an der Ottilienstrasse, und wieder an der Neugasse, aber im Nachbarhaus, dann noch Schöneggstrasse, Sihlhallen­strasse und Köchlistrasse. Viele dieser Wohnungen im Chreis Cheib, übrigens. Und der Chreis Cheib ist ja jetzt seit Jahren ganz schön am Kommen. Cheib, das bedeutet Tierkadaver. Die Bezeichnung lässt sich auf das alte Schlacht­haus zurückführen, das im Chreis Cheib steht. Das erklärte ich, nicht ohne Zürcher Stolz, meiner Berner Frau, während wir dem Zaun des Berliner Zoos entlang spazierten und den Kühen dahinter beim Grasen zuschauten. Da muss man auch zuerst mal drauf kommen, Kühe in den Zoo zu stellen!



Überleben

Mein Heimweg von der S-Bahnstation führt auf der Westhafen­brücke über das Gleis­feld. In der Mitte der Brücke gibt es ein Holocaust­mahnmal. Als ich vorhin dort vorbeiging, war ich überrascht ab all den Kränzen, die dort plötzlich lagen. Die Grössten waren mit CDU, Bündnis 90/Grüne und SPD beschriftet. Nicht zu vergessen, der Kranz von der Linkspartei, und der von der FDP. Und wahr­schein­lich gab's auch noch andere, aber das weiss ich nicht mehr genau; weil, so genau habe ich nicht geschaut. Schliess­lich hat's geregnet und ich war ohne Schirm unterwegs. Und auch ohne Kapuze, nicht wie die Einhei­mischen. Zum Beispiel der Polizist, der beim Mahnmal Wache hielt. Der Polizist war mir schon gestern aufge­fallen, als es aller­dings noch keine Kränze gab. Und ich habe mich da gewundert, dass für die 20-Jahre-Mauerfall ein Polizist ans Mahnmal gestellt wird. Aber man scheint hier tatsächlich sehr sensi­bili­siert. Auch die Haken­kreuz, die manchmal ans Mahnmal geschmiert sind, werden ja immer innerhalb von Stunden weggeputzt; sogar am Wochenende. Übrigens: Als ich gestern nach Hause gekommen war hatte mir meine Frau dann schon noch erklärt, dass der Polizist nicht wegen der 20-Jahre-Mauer­fall am Mahnmal steht. Aber das kann ja wirklich mal passieren, dass die Reichs­progrom­nacht ein bisschen im Hinter­grund verschwindet, bei diesen ganzen 20-Jahren-Mauer­fall. Auch in den Zeitungen ist ja nur noch Mauerfall, als wär's gestern gewesen. Oder natürlich die Schweine­grippe. Obwohl, im Berliner Haupt­bahnhof habe ich dann doch auch noch ein anderes Plakat entdeckt. Ein riesiges Plakat, mindes­tens zwanzig Meter auf zehn Meter. Darauf ein stark ver­pixeltes Schwarz­weiss-Foto eines Mannes. Er trägt Ledergillet und Cowboyhut. Im Mund­winkel hängt eine Zigarette. Auch die Füsse in Cowboyboots. Und über dem Foto in roten Western­style-Lettern: 4. Juni. Es begann 12 Uhr mittags! Unterschrieben mit dem Schrift­zug von Solidarnosc. Ich meinerseits habe am 4. Juni Geburtstag. Aber die Frage ist schon, ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde. Es ist höchste Zeit, meine Frau zu rufen, damit sie den Artikel über den 15. deutschen Schweine­grippe­todes­fall lesen kann. Ich werde ihr nochmals erklären, dass man das ganz genau abwägen muss, wegen der Impfung. Dagegen spricht ja, dass es inzwischen Leute geben soll, bei denen eine Schweine­grippe­immuni­tät festge­stellt worden ist, was es leicht­fertig machen würde, das Risiko einer Impfung einzu­gehen. Nur, wie finde ich raus, ob ich immun bin? Auch das Fehlen von Langzeit­versuchs­ergeb­nissen fällt negativ ins Gewicht, beim Impfent­scheid. Das ist ja so wie bei den Handy­strahlen, weshalb meine Frau und ich vielleicht auch das mit den Handys nochmals überdenken sollten. Andererseits sterben jetzt auch schon Leute an Schweinegrippe, die nicht zu den Risikogruppen gehören. Und wenn man eine Muta­tion des Virus in Betracht zieht, dann steht die Impffrage wieder in einem ganz andern Licht da, und… Aber meine Frau wird mich wahr­schein­lich nur wieder unterbrechen, mit so einer Bemerkung wie: Wieso geisch de du überhoupt na usser Huus? Da cha di doch o es Outo übercharrä! Und ja, natürlich ist auch das eine berechtigte Frage, die man sich durchaus mal stellen muss. Aber jetzt geht's zuerst mal um die Schweinegrippe. Gut, vielleicht hat meine Frau ja Recht, wenn sie sagt, dass ich über­reagiere. Ich meine, wenn man sich's mal überlegt: Bisher, in Deutsch­land, 15 Tote durch die Schweine­grippe, daneben rund 1000 Tote bei Flucht­ver­suchen aus der DDR, und dann noch die 6 Millionen Toten im Holocaust… Da kann ich natürlich auch nichts mehr sagen. Nur eins noch: Ich habe heute schon ein paar Mal gehustet. Und ich hoffe jetzt einfach schon, dass das nicht wegen der Frau ist, die gestern in der Pizzeria am Neben­tisch ständig gehustet hat und vielleicht ja wirklich schon infiziert war.



Fortfahren

Man fühlt sich schon weltmännisch, wenn man so zwischen Zürich und Berlin pendelt. So wie ein richtiger Jetsetter halt. Allerdings fliege ich ja nicht mehr, seit diesem einen Mal Durchstarten bei der Landung. Ich fahre jetzt mit dem Zug. Und als Weltmann habe ich natürlich eine Bahncard100. Der heutige Tag begann mit Laura Pausini: non posso più dividermi tra te e il mare. Um sieben Uhr morgens aus dem polyphonen Lautsprecher meines einen Handys. Natürlich habe ich zwei Handys. Zum Wecken benütze ich das mit der Schweizer SIM-Karte, weil es zuverlässiger ist, als das mit der deutschen. Aber nicht mal ich glaube im Ernst daran, dass das mit den Nationalitäten der SIM-Karten zu tun haben könnte. Aus Sicherheitsgründen hatte ich allerdings auch das deutsche Handy programmiert. Meine Frau war nämlich schon vor ein paar Tagen in die Schweiz gefahren. Als Eros Ramazzotti in einen Kanon mit Laura Pausini einstimmte, schaltete ich die beiden Wecker sofort aus und stand auf. Aufgeweckte Nachbarn, das hätte mir heute morgen gerade noch gefehlt, es war ja wirklich schon so alles kompliziert genug. Heute konnte ich zum Beispiel keinen caffè in der caffet­tiera kochen, die ich sonst natürlich immer benütze. Auch wenn seit Neustem Gerüchte kursieren, dass deren Aluminium gesund­heits­schä­digend sein soll. Aber den aus Calabria via Schweiz importierten caffè, dessen Röstung in Süditalien kräftiger ist, als diejenige, die nach Norditalien oder ins Ausland exportiert wird, diesen caffè würde ich in keiner andern Maschine zubereiten. Jedenfalls nicht in so einer Filter-oder-press-oder-was-weiss-ich-caffè-ver­schwen­dungs-Maschine. Aber, wie gesagt, heute gab's keinen caffè. Jeden­falls nichts, was diesen Namen verdient hätte. Ich hatte nämlich gestern schon das Gas ausge­schaltet, alle Kabel ausgezogen, Kühlschrank und Tief­kühler abgetaut und die Küchentür mit dem Schlüssel verschlossen, um mich heute morgen daran zu erinnern, dass die Küche schon gesichert war. Immerhin bin ich für eine ganze Woche weg. Den Wasser­kocher hatte ich aber gestern ins Schlafzimmer gezügelt und ich goss mir dann heute morgen einen tè al caffè auf. Duschen musste ich kalt, weil natürlich der Durchlauf­erhitzer auch kein Gas mehr hatte. Aber das klärte mir wenigstens den Kopf fürs Packen. Ich hatte mir dafür zwei Stunden eingerechnet. Meine Frau würde wahr­schein­lich sagen: Wie söu de daas mau im Auter wärde! Mus i di de aube mit mim Stock us de Wonnig prüglä? Meinen Pack-und-Verreise-Stress kann ich aber biogra­phisch erklären: Als halber Schweizer und halber Italiener bin ich in der Schweiz einfach gleich­zeitig als Einheimischer und als Migrant zur Welt gekommen; sozusagen als Bauer und als Nomade. Und das heisst halt, dass ich kaum von wo wegfahren kann, weil: Was könnte in meiner Ab­wesen­heit alles passieren? Da könnte mir ja zum Beispiel wer die Wohnung überfallen und mir die verschie­denen Tresors mit den Bank-Zugangs­daten knacken. Und dafür müsste er sprengen und das würde dann das ganze Haus beschä­digen. Und ob das dann von der Versi­cherung gedeckt würde? Aber ich kann natürlich auch kaum irgendwo bleiben, weil: Man denke erst mal daran, was in meiner Anwesen­heit alles passieren könnte! Da könnte, während ich schlafe, die Decke durchbrechen, weil den Nachbarn der massiv­holzige Kleider­kasten umfällt; weil sie nicht so sichere Banken haben und deshalb das ganze Geld unter den Kasten geschoben hatten und dann nicht mehr fanden. Heute hab ich's zum Glück aber dann doch noch geschafft, gesund aufzu­brechen, und ich fuhr mit dem Zug nach Frankfurt. In Frankfurt musste ich umsteigen, und dabei hätte ich mir beinahe ein Getränk gekauft. Aber da fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass ich die Getränke ja jetzt gratis in der DB-Lounge bekomme. Das erste Mal war ich vor ein paar Tagen in der DB-Lounge. Ich wollte mich schon auf die Holzbank in einem profanen Warteraum setzen, als ich das Schild auf der Schiebe­türe der Glaswand sah, die einen hintern Teil mit Polster­sesseln abtrennte. Ich fand raus, dass ich als Bahn­card100-Weltmann auch Zutritt zu den Polster­sesseln hatte. Räumlich übrigens war die Trennung ganz geschickt gelöst: Da konnte man an den normalen Bahn­fahrern in ihrem normalen Warteraum vorbei stolzieren und sich dann von der DB-Lounge-Hostesse die Glas­schiebetür öffnen lassen. Man zeigte seine Zutritts­berech­tigung und konnte dann von hinten auf einem Polster­sessel mit Gratis­getränk und Gratis­zeitung die normalen Bahn­fahrer durch die Glaswand hindurch beobachten. In der Frankfurter DB-Lounge war das zwar nicht so spektakulär, weil sie ganz abge­schieden im Ober­geschoss lag. Aber wenigstens konnte ich endlich das Wasser trinken, das ich mir gespart hatte. Wenn man genug oft DB-Lounge-Wasser trinkt, dann lohnt sich so eine Bahn­card100 sehr bald. Nach dem Wasser ging ich raus auf den Perron, um mich in den Zug nach Zürich zu setzen. Wenn ich im Zug sitze, dann zeige ich meine Bahncard100 immer unaufge­fordert und zwar jedes Mal, wenn der Kondukteur vorbei­kommt. Gegen elf Uhr abends kam ich dann endlich in meiner Zürcher Wohnung an. Und zum Glück war tagsüber weder die Tür einge­brochen, noch ein Fenster einge­schlagen worden. Nur hatte meine Frau, als sie am Morgen zurück nach Berlin gefahren war, vergessen den Zürcher Kühl­schrank aus­zuschalten, die Strom­kabel auszu­ziehen, das Gas abzu­drehen und die Küchentür zu ver­schliessen. Ich hätte sie eben doch noch schnell anrufen sollen.

(die Texte stammen aus der Reihe Secondo-Primo)
Patrick Maisano   20.06.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Patrick Maisano
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