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Im Heiligkeitsgedränge

Gespräch mit Tom Bresemann über die Anthologie neuer Weihnachtsgedichte
Neue Weihnachtsgedichte
  Gespräch
 



Im Heiligkeitsgedränge
Neue Weihnachtsgedichte
Hrsg. von Tom Bresemann
Lettrétage 2010
32 S., 8 Euro

Direkt ordern über:
vertrieb[at]verlag.lettretage.de

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Kristoffer Cornils: Eine Weihnachtsanthologie mit Gegenwartslyrik zu erstellen, klingt nach einem sehr engagierten, aber auch sehr eigensinnigem Projekt – wie kam es dazu?

Tom Bresemann: Es hat damit angefangen, dass ich Lust auf die Lektüre so einer Sammlung verspürte, bei Amazon nach einer vergleichbaren Anthologie suchte und gesehen habe, dass so etwas überhaupt nicht existiert. Alles, was ich fand, reichte nicht weiter als bis zu den Autoren der Nach­kriegs­zeit. Ich hab danach eine allgemeine Aus­schrei­bung über das Internet gemacht. Dann schrieb ich einige Autoren an, von denen ich wusste, dass sie Texte haben oder wo es mich interessierte, ob sie welche hätten. Ich habe ungefähr 50 Leute ange­fragt und 20 haben es ins Buch geschafft. Es gab einen Fächer von Reaktionen über »Dazu haben wir nichts« bis hin zu fast schon aggressiven Kommentaren. Ich bekam zu hören, ich solle die Leute nie wieder nach sowas fragen.

K. Cornils: Liegt denn eine Provokation darin, sich auf eine Thematik zu beschränken, die gemeinhin als ausgeleiert gilt?

T. Bresemann: Das ist genau die Frage. Allein die Tatsache, dass es keine Sammlung mit Gegenwartslyrik zu dem Thema gibt zeigt, dass es nicht so ausgeleiert ist wie man denkt. Dass man »Lieber, guter Weihnachts­mann …« aufsagt, DAS ist ausgeleiert, natürlich. Wenn aber in ein paar Jahren irgendein Kind eins von den Gedichten aus »Im Heilig­keits­gedränge« rezitiert, wäre das ein wirklicher Erfolg. Ich denke, dann bräuchten wir auch nie wieder über die Lebendigkeit von Gegenwartslyrik reden. Oder über die Lebendigkeit von Weihnachten.

K. Cornils:Trotzdem scheint Weihnachten nicht grade das reizvollste Thema zu sein.

T. Bresemann: Das glaube ich nicht. Weihnachten ist doch das, was man draus macht. Sich bewusst damit auseinanderzusetzen ist doch interessant. Die Anthologie ist ein Versuch, Weihnachten ernst zu nehmen oder eben die eigene Rolle in diesem Weihnachts­mechanismus. Ein Gefühl von Leere entsteht ja vielleicht haupt­sächlich deshalb, weil man an Weihnachten Dinge macht, die gar nichts mit dem zu tun haben, was man wirklich gerne machen will, es sich aber so gehört. Weihnachten ist ja immer die Gesellschaft, eine gesell­schaftliche Fort­schreibung von etwas.

Und da sind wir doch genau bei der Lyrik. Weihnachten ist sowas wie eine Sonettform der Gesellschaft, es hat feste Regeln und funktioniert auf eine bestimmte Art und es ist sehr interessant, was beispielsw­eise Jan Wagner, Daniela Seel, Kurt Drawert oder Georg Leß damit anstellen.

K. Cornils: An sich würde man erwarten, dass sich gegenwärtige Lyrik eher kritisch mit dem Thema Weihnachten auseinandersetzt. Ist das vielleicht auch eine Erwartungs­haltung, die du versuchst zu brechen?

T. Bresemann: Ja, jein, ja… Erwartungs­haltungen sind immer schwierig. Es ist selten der Fall, dass man sich einen Gedicht­band kauft und seine Erwartungsh­altungen erfüllt kriegt. Es gibt inedem Buch schon einige Texte, die die ange­sprochene Erwar­tungs­haltung erfüllen, in denen ein Mangel ausgedrückt wird. Es gibt auch großartige Absagen an die Idee, überhaupt Anlass­gedichte oder Erlebnislyrik zu schreiben – die dann wieder selbst zu dieser zu zählen wären. Die bloße Absage an Weihnachten ist aber zu einfach. Es gibt zwar den konkreten Anlass, aber auch gerade die kritischen Gedichte gehen schon darüber hinaus. Das Buch war ja nicht der Anlass für die Texte. Die waren alle bereits vorhanden, ich habe sie nur gesammelt.

K. Cornils: Versammelt der Band denn auch ein­deutige Zusagen an Weihnachten??

T. Bresemann: Durchdringung ist ganz entscheidend. Für jede Art von kritischem Text ist eine reine Aufzählung von Mangelzuständen nie wirklich interessant. Es geht eher um das Schaffen einer eigenen ästhetischen Dimension des Problems. Vorher wird es gar nicht aus­schlaggebend, vorher gibt es gar kein Gedicht. Und wenn jemand kommt und sagt: »Oh, Weihnachten ist doof und alle kaufen nur und keiner liebt den anderen mehr«, kann man damit bei der Jungen Union punkten, aber nicht bei mir als Herausgeber. Es gibt schon eine große Müdigkeit und ein komisches Mangel­empfinden und das ist es, was mich sehr interessiert hat: Was fang ich damit an, was mach ich mit diesem Mangelempfinden, was machen die anderen?

K. Cornils: Gibt es Texte, die dich in dieser Hinsicht besonders überrascht oder besonders begeistert haben?

T. Bresemann: Ja, natürlich. Ich kenne die meisten Autoren schon lange und gut, war jedoch erstaunt, dass ich zeitweise etwas ganz anderes bekommen habe als das, was mir vorher bekannt war. Besonders überraschend oder unerwartet war für mich Simone Kornappels Gedicht, ein Text, der es nicht nur wert ist, als Weihnachtslyrik gelesen zu werden. Das ist schon ein anwendbarer Text. Stolz bin ich bei Mario Apel, der in dem Buch seine erste Veröffentlichung von Gedichten überhaupt haben wird. Das gefällt mir, dass ich da glatt jemanden »entdeckt« habe. Vor allem zwischen diesen ganzen alten Hasen, wo ich dann schon dankbar sein muss, dass die überhaupt zusagen. Die Varietät ist sehr groß und darüber bin ich auch sehr froh. Philip Maroldts Text ist für mich persönlich geradezu ein Klassiker.

K. Cornils: Denkst du denn, dass die Leute sich im Januar noch für das Buch interessieren werden?

T. Bresemann: Sicher. Doch am Ende ist das eine Frage, die sich eher der Verlag stellen muss. Ich fand es wichtig, ein echtes Geschenkbuch zu erstellen, ganz unaufgeregt, außerhalb des Dis­kurses sozusagen. Die Bücher sind hand­gebun­den, haben hochwertiges Papier. Das ist natür­lich schon wieder etwas Senti­mentales, etwas Weihnacht­liches. Die Autoren kriegen kein Geld, selbst die Verlage der Autoren (unter anderem Suhrkamp, Berlin Verlag, poetenladen Verlag, lyrikedition 2000) haben uns die Abdruckrechte der Texte geschenkt. An dieser Stelle meinen Dank dafür.

K. Cornils: Wie groß wie die Auflage sein?

T. Bresemann: Angemessen, aber nicht überschwänglich hoch. Und: Es kostet wenig. Sowohl für den Verlag als auch den Leser. Da greifen natürlich die verlegerische Frage und das Thema des Buchs ineinander. Etwas zu schaffen, was sowohl in Produk­tion als auch Verkauf wenig kostet, denn 8 €, das ist schon so eine Art Weihnachtspreis. Wir machen am 12.12. eine Lesung zur Veröffentlichung und am selben Nachmittag laden wir ein, die Bücher gemeinsam mit den Autoren und dem Verlag selbst zu binden. Da kann jeder kommen und sich sein eigenes Buch erstellen.

K. Cornils: Das hört sich nun wirklich sehr familiär an.

T. Bresemann: Wenn man es mal so betrachtet, ist so eine Veranstaltung auch wieder ein Statement von einem Literaturhaus, welches als langen Arm den Verlag hat. Dass man noch mal zusammen kommen kann, ganz entspannt, ohne Alltags-Quengeleien und Betriebs­narziss­men oder Ähnliches Wir befinden uns ja schon mit dem Buch allein in so einer Art Besinn­lichkeits­zustand. Ich bin sehr weihnachtlich drauf, wie ich grade selber merke.
Philip Maroldt
Blumen

geschwollene mandeln und
lebkuchen in den backen.
die lymphknoten streiken.
ein reigen von selbstekel
zieht sich durch alle
körperöffnungen, die neuronalen
funktionen als schillerndes
ebenbild effektiver geschlechtskrankheiten
im außendienst. xavier naidoo
mit leibstandarte als weihnachtsfolter
im ohr, in den händen
die kälte und im fernsehen
eisgewächse, die strommasten umreißen.
nichts, was mich geil macht. nur träume
vom vorletzten juli, vom ersten abendmahl,
vom sex in der dorfkirche.
du sagst, das alles sei jetzt
nicht mehr wahr. doch an den fensterscheiben
wer malte die blätter da?


zuerst erschienen in: Wat los, Parzen? (Aphaia Verlag, 2006)

Tom Bresemann   06.12.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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