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  Katharina Schwanbeck


Golden City

„Cherub, I lost a ship in the Baltic sea
I'm on an iceberg running free
Sitting, filing this berg to the shape of a ship
Sailing my way back to your lips.“
– Bee Gees –



Wenn ich Jenny in die Augen sehe, dann ist es wie Erleuchtung. Ich habe sie in einem Yogameditationskurs kennengelernt. Jede Woche treffen wir uns zweimal.
Am Anfang setzen wir uns auf unsere Meditations­kissen, wir halten uns an den Händen (ich ver­suche immer neben Jenny zu sitzen, damit ich sie unauf­fällig be­rühren kann, denn ich finde sie wahn­sinnig sexy und interes­sant) und jeder schaut jedem zur Be­grüßung in die Augen. Dann sagt jeder wie es ihm gerade geht. Den meisten geht es nicht so richtig gut. Sie haben Schwie­rig­keiten, sich in der Welt zurecht zu finden, so wie ich. Jenny erzählt, dass sie Angst davor hat, jemanden ganz, also auch oder vor allem see­lisch, an sich heran­zulassen. Sie weint auch ein bisschen und ihre Tränen fallen verträumt auf ihre Jogginghose.
Ich habe es auch satt zu leiden, ich will lieber glück­lich sein. Sage ich. Das nehme ich mir jede Woche aufs Neue vor.
Dann stehen wir mit nackten Füßen auf gummi­artigen Matten und kontrol­lieren unseren Atem. Mit dem rechten Daumen das linke Nasenloch zuhalten, die Finger gespreizt Richtung Stirn. Einatmen, ausatmen. Sat und nam. Und immer wieder Om, bis wir schon ganz düselig sind und so wahn­sinnig entspannt. Wir lenken die schlechten Energien in Mutter Erde.
Die nette Yoga­lehrerin bestellt uns am Ende einen Gruß des Meisters und erteilt uns Darshan. Als ich an der Reihe bin, trete ich aus meinem Körper und sehe mir beim Denken zu. Ich denke: Oh Mann ist das warm, ist das jetzt goldenes Licht oder bilde ich mir das nur ein so was kann man sich doch nicht einbilden oder? Muss ich mir Sorgen machen? Doch, doch das Licht ist golden, außerdem kann ich meine Gedanken sehn, alles ist Liebe, siehste ... doch keine Ein­bildung! Oder? Oder?? Was wohl Jenny denkt? Ich muss sie nachher unbedingt fragen. Guckt die jetzt zu, sehe ich gut aus ... oh mann ist das angenehm, so warm ... ich würde sie gern küssen ...
Dann ist es vorbei und ich sage Danke zur Lehre­rin und gebe ihr ein Küsschen links, ein Küsschen rechts.
Danach gehen Jenny und ich high die Straßen lang, die geraden, guten Straßen, dort wo die Büsche blühen und die Bäume. Wir blasen den Rauch unser filterlosen Zigaretten nach Westen, um unsere Ahnen herbei­zulocken in diesen Früh­lings­wahnsinn. Denn wir wollen nicht allein sein, wir wollen viel lieber eins sein.
Dann läuft sie vor mir mit nackten Füßen die Glogauer längs, um die Erde besser spüren zu können unter der dicken Asphalt­decke. Bewusst geht sie jeden Schritt. Einatmen, ausatmen, Erdenergien durch die Fersen in den Körper lenken. Aaah. Das tut gut! Und ich bewundere Jenny, dass sie gar keine Angst zu kennen scheint. Vor Glasscherben, meine ich, oder Hunde­haufen oder Spritzen, liegengelassen von achtlosen Junkies.
Das Licht lässt goldene Punkte über Jennys Haut flitzen, ihr Haar sieht aus wie eine kleine, lodernde Flamme.
Als wir dann bei mir zu Hause sind, wählt Jenny das gelbe Kissen auf dem Boden, um es sich dort gemütlich zu machen. Das hatte ich mal aus Indien mitgebracht. Indien? fragt Jenny und ich nicke ein biss­chen stolz und sage: Puna.

Warum sahen die meisten hier aus, als hätten wir immer noch die achziger Jahre, fragte ich mich als ich im Ashram ankam. Und warum war ich eigentlich her­gekommen?

Ich hatte meinen Vater nicht gekannt. Und das war das Puzzle­stück, was fehlte, um zu wissen wer ich war. Ich irrte wie ein Irrlicht durch die Welt. Und davon hatte ich irgend­wann genug.
Ich begann, Nach­forschungen über ihn anzu­stellen. Natürlich hatte ich meine Mut­ter gefragt, denn die musste es ja schließ­lich wissen. Doch alles, was sie äußer­te war, dass sie an einem Abend im Mai 1978 sagte: Jurotschka, lass das! und es gar nicht so meinte und was er auch gar nicht ver­stand, denn er war der deutschen Spra­che kaum mäch­tig. Es stellte sich heraus, dass Jurotschka für einen fah­renden Ver­gnügungs­park arbei­tete, (er half die Fahr­geschäfte auf- und wieder abzu­bauen) und dass dieser eines Tages durch das Dorf meiner Mutter gekommen war und für fünf Tage blieb.
Er sah gut aus, sagte sie und der Schleier verschwand von den Augen meiner traurigen Mutter und plötz­lich wurden sie ganz hell die Augen, wie schon seit Jahren nicht mehr. Er war zwar nicht groß, aber kräftig und er besaß eine Narbe über dem linken Auge, was ihn noch männlicher aussehen ließ. Sie liebte die russische Sprache immer schon und als sie ihn fragte, mit Händen und Füßen, wo er herkam und er sagte „Odessa“, war es um sie geschehen. Odessa, dachte sie, die Perle des Schwarzen Meeres und dann brannte sie lichterloh. Es kam wie es kommen musste: Jurotschkas Spermien gelang­ten nach einer zärt­lichen Ver­eini­gung, wie meine Mutter sagt: in der Gondel einer Berg- und Tal­bahn, in ihren Unter­leib. Statis­tisch gesehen ist es wahr­scheinlich, dass dabei ein Großteil seiner Spermien schon außerhalb ihrer Vagina zugrunde gingen. Diejenigen, die das über­lebten, machten sich also nun an diesem besagten Mai-Abend, ziel­gerichtet auf den Weg zum Ei­leiter meiner Mutter. Man geht davon aus, dass die Eileiter einen be­stimmten Duft aus­senden, damit sich die Samen­fäden auch zurecht finden in der Dunkel­heit des weib­lichen Körpers. Dann kam es zum erfolg­reichen Kontakt zwischen Jurotsch­kas Spermium und der darauf wartenden Eizelle. Daraus ent­stand ich: mit dem Erbgut meiner Mutter und Jurotschka. Ein Ovulum zur Teilung und Ent­wicklung bereit.
Jurotschka verschwand so unauf­fällig, wie er gekommen war. In einem LKW der Marke Kamaz verließ er, eine Staub­wolke hinter sich herziehend, das Dorf . Natürlich konnte er nicht wissen, dass ich es mir schon gemütlich gemacht hatte im Bauch meiner Mutter und dass er mir fehlen würde mein ganzes Leben lang. Denn eine Seite von mir blieb immer im Verbor­genen. Gefräßig wie ein Wolf lauerte die Gier nach Liebe in mir, die ich nie von ihm bekom­men hatte und die meine Mutter nicht ersetzen konnte. Viel­leicht dachte ich deshalb zwang­haft, dass ich nicht genug war, dass ich mich an­strengen müsste, damit mich jemand liebt, dass ich nur ein „halber“ Mensch war, ewig suchend!

Und dann war ich nach Puna gegangen. Hatte wirre Gedanken gehabt und Fragen über Fragen, die ich seit Jahren nicht los wurde. Genauso wie mich das „Halb­heits­gefühl“ immer wieder massiv beschlich. Dieses schreck­liche Leiden, was mich schon mein ganzes Leben begleitete.
Ich meditierte, schälte Kar­toffeln und verrichtete eigenartige Handwerksarbeiten, um meinen unruhigen Geist in Schacht zu halten. Ich träumte von tsunami­artigen Wellen, die mich ver­schlingen wollten. Und von Häusern, die in sich zusammen fielen, sobald ich sie betrat.
Der Meister erschien mir nicht. Sein Körper hatte schon längst unsere Erde verlassen.
Andere kommuni­zierten mit seinen Geist, der überall zu sein schien: man hatte ihn im Lotussitz in den Baum­kronen gesehen, er gab gute Rat­schläge in der Mittags­hitze auf einer Bank, anderen war er als bärtiger, alter Mann in ihren Träumen erschie­nen. Man sagte, er trug manch­mal rote, zu beson­deren Anlässen weiße Klei­dung. Er soll nicht immer gelächelt haben. Nein, lauthals los gelacht soll er haben, um den Suchenden dann mit einer knap­pen Antwort zu ver­wirren. Vor mir hielt er sich versteckt und so fuhr ich unver­richte­ter Dinge wieder nach Hause.

Jenny sieht mich lange an. Habe ich zuviel geredet, frage ich sie. Aber sie schüttelt mit dem Kopf.
Hast du denn gar nichts gefunden, fragt sie.
Und ich sage: Doch. Dass ich zur Hälfte eine russische Seele habe. Und dass es manchmal trotz Allem schön ist.
Was ist die rus­sische Seele, fragt Jenny nach ein paar Sekunden. Und ich hole das „Tage­buch eines Schrift­stel­lers“ von Dostojewski, blät­tere darin, um die un­ter­striche­ne Stelle zu finden. Dann lese ich vor:

Ich glaube, das wichtigste, das wesentlichste geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis, immer und unauf­hör­lich, über­all und in allem zu leiden. Mit diesem Lechzen nach Leid scheint es von jeher infi­ziert zu sein. Der Strom der Leiden fließt durch seine ganze Geschichte; er kommt nicht nur von äußeren Schick­sals­schlä­gen, sondern ent­springt der Tiefe des Volks­herzens. Das rus­sische Volk findet in seinem Leiden gleichsam Genuss.

Jenny lächelt mich jetzt an. Ach so, sagt sie. Und nimmt meine Hand.

Draußen ist es jetzt dunkel. Das Fenster steht offen und warme Luft strömt zu uns ins Zimmer. Ganz still sitzt Jenny neben mir. Sie leuchtet in der Dunkel­heit. Und als ich an mir herunterschaue, sehe ich, dass auch ich leuchte.
Wie zwei Glüh­würmchen ohne Flügel sitzen wir auf dem Boden. Das goldene Licht, dass wir aus­strahlen proji­ziert wunder­schöne Schatten an die Wand.
Unsere Münder bewegen sich langsam auf­einander zu. Wir küssen uns und haben keine Angst. Denn plötzlich ist alles ganz einfach: Wir sind Licht und Schatten. Wir sind bei­des. Wir sind eins.
Katharina Schwanbeck   Oktober 2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Katharina Schwanbeck
Prosa