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Eva Ruth Wemme (Helga Sperling)
Mann im Mond

Bukarest und die Erinnerungen. Bukarest und der Staub. Tagsüber raubt er dir den Atem. Nachts hängt er als Drecksäule über der Stadt und reflektiert das violette Licht der Straßenlaternen. Den Mond kannst du nicht sehen, die Sterne auch nicht. Um 23 Uhr hält die letzte Straßenbahn an der Nylonstrumpffabrik, dann rattert sie den Abhang hinunter, ihr Lärm hallt zwischen den Fassaden. In der Kurve verliert sie zwei drei Schrauben, der schwach beleuchtete, verbeulte Rumpf löscht zwischen den Blocks aus. In dem von Stockrosen eingewachsenen Haus in der Generalstraße blockiert Cristian das halboffene Fenster mit einem Draht und zieht die Vorhänge zu. Auf dem Gästebett schläft sein vierjähriger Sohn. Der Bezug des Kopfkissens kräuselt sich um die zu heiß gewaschene Initiale. Seine gedankenlose Mutter hat die Wäsche mit alten Wollresten bestickt. Cristian nimmt seine Zigaretten aus der Reisetasche und geht aus dem Zimmer. Auch im Flur steht der Staub in der Luft und dämpft die 30 Watt, die von der Decke flimmern. Cristian stößt mit dem Fuß die Küchentür auf, tastet nach dem Lichtschalter: Die Helligkeit verbreitet einen Schrecken unter den Schaben, er wartet, bis sie sich in die gestapelten Kartons und unter die Tischbeine verkriechen. Dann betritt er die Küche, das blaue Linoleum wirft Blasen. Cristian setzt Kaffee auf. Als er am Herd den Gasknopf dreht, zischt es laut. In den Achtzigern hat jemand die Gasöffnung vergrößert, um die dünne Ration aufzubessern, die die Küche warm halten musste. Das Streichholz zündet eine hohe Flamme. Cristian stellt den verrußten Kaffeetopf hinein. Cristian löscht das Streichholz. Mit dem Rauch verschwindet sein Vorsatz, sich früh hinzulegen. Er kann nicht schlafen. Seine Mutter liegt krank im Nebenzimmer, wegen ihr ist er mit seinem Sohn in der Stadt, damit ihr jemand Essen kocht und die Tabletten gibt. Im Kaffeetopf dreht sich der braune Schaum, Cristian rührt den Satz. Der Löffel ist aus seiner Kindheit. Er drückt die Zigarette aus und öffnet den Schrank. Neben der Zuckerdose, die er sucht, liegt ein silberner Tischfeger. Die Borsten sind bis auf drei Millimeter heruntergebürstet, eine abgenutzte vergessene Geschichte aus Mutters glanzvoller Jugend. Die Sammlung der leeren Joghurtbecher knirscht, als Cristian die Schranktür schließt. Das Haus ist eine verlöschende Spur. Er rührt den Kaffe um und gießt ihn in seine Tasse. Die ist gesprungen und der Sprung von zahllosen Kaffees geschwärzt. Cristian setzt die Tasse ab, ohne die schmutzige Tischdecke zu berühren. Auf dem Stuhl gegenüber hat früher seine Schwester gesessen. Sie hat den Stuhl, bevor sie aus dem Haus ging, endgültig an den Tisch gerückt. Die Hunde haben gebellt, als sie ging, als hätte sich in ihrem Schmetterlingsnetz, das sie auch in der Stadt mit sich herumtrug, schon morgens ihr Tod verfangen. Cristian sieht an die Decke und stellt sich die Frage, ob er heute nacht auf den Dachboden steigen soll, um eins der alten Fahrräder zu reparieren, die vier Jahre nach seinem Auszug immer noch dort lagern. Der Dachboden hängt voller Reifen und Fahrgestelle, er hört seine Schwester aus den Wasserleitungen leise lachen. Sie ist sicher, er wird nicht hinauf steigen und sie hat recht, sie kennt ihn eben. Die Schwester, die sich schon zu Lebzeiten auf die Seite der Käfer und Schmetterlinge geschlagen hat und die, schon als sie noch lebte, ein entferntes, zirpendes und ahnungsloses Gespenst war. Er sitzt still auf seinem Stuhl und wie früher stellt er sich die Reparatur eines Fahrrads als die Wiederherstellung einer geheimen Ordnung vor, die aus Schrauben und Drähten entsteht, mit Lappen und Ölflaschen, man muss sich in die Metallspeichen der Räder hineindenken und erst wieder herauskommen, wenn die Zahnräder in die Kette greifen und die Pedale kein Spiel mehr haben und die Kugellager laufen wie eine Eins. Jede Kugel muss man sorgfältig abwischen, die Muttern anziehen, die Schläuche sind dicht und die Reifen sauber. Cristian zuckt mit den Schultern, als der Staub ihm mit seinen von der Decke hängenden Fäden zuwinkt, hier in der Küche kann ich so etwas nicht machen, Schwesterherz, es ist zu eng und zu schmutzig. Hier stapeln sich die Kartons an den Wänden, die Papa hinterlassen hat, Bücher, Manuskriptseiten und alles wiederum von Mama ergänzt durch leere Joghurtbecher. Sie wachsen die Wände hinauf und stehen da wie der Sisyphosfelsen, den keiner mehr von der Stelle wälzt. Sich in diese Vergangenheit hineinzuerinnern, bedeutet, sich in eine Halde sinnlosen Abfalls zu stürzen. Die Vergangenheit des Vaters hat sich allerdings wieder lautlos an Cristians Fersen geheftet, wie immer, wenn er in dieses Haus kommt. Vaters Schweigen nach seinem Tod ist wie sein Schweigen vorher. Es ist nicht zu brechen und es beruhigt sich nicht. Das Warten darauf, dass der Vater etwas sagt, hat sich ironisch mit Cristians Vorstellung verbunden, dass der Vater im zweiten Weltkrieg als Spion für die Deutschen gearbeitet hat, ebenso lautlos und professionell verschwiegen. Darüber spricht keiner. Und dann ist der Vater vor zwei Jahren von seiner Reise nach Südamerika nicht lebend zurückgekommen. Er ist nach seinem beruflich geheimen und unerreichbaren Leben einem Herzschlag erlegen und in einem beinahe unbezahlbaren Sarg nach Hause geflogen worden. Für den sind die nach Brasilien emigrierten Freunde der Eiserne Garde großzügig und brüderlich aufgekommen. Seitdem der Vater nichts mehr verschweigen kann, sondern einfach die Klappe hält, weil er tot ist, ist die Unordnung wie ein unaufhaltbarer physikalischer Vorgang in Cristians Leben gekommen. Durchs Fenster steigt die Katze herein. Sie zuckt mit ihren Barthaaren, die sind gekräuselt, weil sie sie zerstreut in die Herdflamme hält, wenn sie sich am Feuer wärmt. Sie springt vor Cristian auf den Tisch und sieht ihm ins Gesicht. „Coati", sagt er, „auch heute Nacht werden wir nicht arbeiten, wenn wir schon so schmutzig und ausgehungert und verrückt sind." Cristian wirft die Katze auf den Boden und lächelt, weil ihm plötzlich das Elend ihres südamerikanischen Namens aufgeht, der ihr ärmliches Leben so zirkushaft unterstreicht. Der Name Coati kommt aus den Erinnerungen eines alten Legionärs, seines Vaters, der vor zwei Jahren seine Geschichte mit sich ins Grab genommen hat. Er taufte die Katze, selber fremdartig, wie dieses kleine verwaiste Tier, auf den Namen seiner nach Südamerika ausgewanderten Erinnerungen, der Geschichte, die er nur mit seinen Kameraden in Brasilien teilte. Und dann blieb noch sein auf einem Stapel schwarzweißer Fotografien abgelichtetes Leben übrig; seine Eltern, die so aufrecht standen; die sich vor einem Internat ergießende Schulklasse; die deutsche Frau ohne Namen, die auf einem See Schlittschuh fuhr; die Kameraden. Aber seine politische Entschlossenheit und das Heldentum seiner Gefangenschaft nach dem Krieg, den Sieg des Geistes über die kommunistisch-jüdische Folter, die ihn nicht zum Verrat seiner Gardisten-Brüder zwingen konnte, waren auf erhabene Weise in Coati zu Fleisch und Blut geworden. Die Mutter hat Vaters geistiges Vermächtnis inzwischen in ein anschmiegsames aber scheues Schoßtier verwandelt, das ihr das Gefühl gibt, in den Schatten undurchdringlicher Erinnerungen eine heimelige Ecke zu bewohnen. Coati wandert eigensinnig durch eine Welt, deren Substanz die Notlüge der unaussprechlichen Vergangenheit ist, einsam und durch die magere Nahrung von Wasser und Brot ganz zum halbseidenen Symbol heruntergehungert. Cristian trinkt seinen Kaffee aus, wirft einen zweifelnden Blick über die aufgetürmten Plastikbecher, vielleicht sind sie auch nur ein metaphorischer Witz, so wie die verschimmelnden Früchte und Wurstenden im Kühlschrank, die er am Abend verbittert seiner achtlosen Mutter hat auftischen wollen. Die hat schon in seiner Kindheit nie Ordnung im Kühlschrank gehalten. Cristian geht ins Nebenzimmer. Reglos liegt seine Mutter auf dem breiten Sofa in Laken gehüllt und schläft. Er setzt sich an das Kopfende des Tisches und schaltet den Fernseher ein. Das Licht der Mattscheibe spiegelt sich in den mit Büchern vollgestopften Vitrinen; die von den zahllosen Mentholzigaretten der Mutter verrußten Wände glitzern im Geflacker des Fernsehers, dort scheint ein ölig frisierter Herr eine große Menge von Worten gleichzeitig auszusprechen und macht ein verständnisvolles Gesicht. Cristian wird müde, er versucht sich zu konzentrieren. Sein Vater kommt zu ihm ins Zimmer und weckt ihn, durch die Vorhänge scheint die Sonne, die Schwester redet schon mit der Mutter in der Küche, nur Cristian schläft und steht nicht auf, und je später es wird, desto schwerer werden die Augenlider. „Steh auf, Cristian. Ein junger Mensch muß fröhlich sein und voller Tatendrang, die Schule wartet. Los, auf auf!“ Cristian hält mit Mühe die Augen offen und sieht im Licht des Fernsehers seine Mutter klein und krumm unter dem Samtüberwurf liegen. Am Kopfende des Bettes steht neben dem Telefon, in der Dunkelheit kaum zu erkennen, ein Foto. Cristian weiß, da lehnen fröhlich sein Vater und seine Mutter aneinander und seine Mutter ist gut frisiert und trägt einen bunten Pullover. So sieht die Vergangenheit ins Zimmer herein und stößt den Finger an Erinnerungen, auf denen das Vergessen schon einen Schorf hinterlassen hat. Der Vater erscheint im gelben Licht zwischen sonnenbeschienenen Buchen. Ein Weg führt auf den Berg, eine enge Schneise, durch die sie in der Dämmerung aufsteigen, die Muskeln tun weh. Ein Steinschlag nähert sich polternd. Cristian springt zur Seite. Aber der Vater hat sofort gehört, dass das nur die Hufe von Pferden sind, die vorbei galoppieren. Der Vater lacht. „Du Hasenfuß.“ Sein Vater, der als Spion für die Deutschen auch so auf alle scheinbaren Gefahren gespäht hat, trinkt einen Schluck aus der Wasserflasche und sagt: „Auf geht's, Marsch.“ Der Ausflug unter Männern geht zum Gipfel, denn dorthin zieht es einen Bergwanderer der sich prustend an der Quelle wäscht und trockenes Brot mit Speck isst. Im Sommer, vielleicht im darauffolgenden Jahr, machen sie die Reise in den Hagienerwald, in dem die Schwarzmeertataren wohnen. Cristian und der Vater kommen mit dem Zug, wieder eine Reise unter Männern; zu den weißen Häusern aus Kalkstein und den muslimischen Friedhöfen. Seit diesen Reisen hat Cristian Fernweh, als könnte er an einem entlegenen Ort, den er nur aufsuchen müsste, seinen Vater noch einmal neben sich auf dem Weg entlanglaufen sehen, und er hätte dieses eine Mal keine Angst mehr vor diesem Mann, es wäre zu erkennen, dass da Vater und Sohn einen Ausflug machen, ein Sohn und ein seltsamer Mann, der die Freiheit groß schreibt und der zum Schutz der Familie nicht spricht. Ein Legionär der Eisernen Garde, der dem Sohn das Verfängliche verschweigt, an dem er teilgenommen hat. Vater schweigt. Und Mutter singt wie bewusstlos deutsche Lieder und die Erziehung folgt einem reinlichen Ideal, bis die Revolution und der Tod alles aufwerfen. Cristian schläft. Er lent es ab, aufzuwachen, hat schon tagelang geschlafen ohne aufzuwachen. Die Forderungen sind zu groß, die Liebe im Gegengewicht zu gering und die ungenutzte Möglichkeit zu sprechen, ist zu endgültig ausgeschlagen. Er nimmt den Schlaf ein wie eine Schlaftablette, ohne die er keine Ruhe haben kann. Die Vorhänge bewegen sich. Der Fernseher schickt sein Licht in das Zimmer, über die Zeitungsstapel, den vollen Aschenbecher und er erinnert sich, dass er nachts aus dem Haus gegangen ist. Es war warm und er kletterte in den Baum vor dem Haus. Dort oben schlief er ein. Morgens stand unten der Vater und redete zu ihm herauf, aber Cristian antwortete nicht. Vater hat sein Hemd nicht in die Hose gesteckt und Cristian sieht das blasse Gesicht, in dem, wie in seinem, eine nicht mehr gut zu machende Müdigkeit liegt. Cristian hört hinter dem Ofen hervor das Scharren der Schaben und das Scharren der Schwester, die zu den Käfern und Schmetterlingen gezogen ist. Der Vater kommt durch die Tür und Cristian fragt nach der Nationalen Garde und den jüdischen Studenten, die erschlagen worden sind und der Vater sagt, er habe damit nichts zu tun und er habe nach bis heute gültigen Idealen gehandelt. Cristian starrt in den Fernseher, die Tür des Zimmers wird geöffnet. Sein Sohn steht im Licht des Bildschirms. Schläfst du? Cristian sagt: Nein, ich habe nur ferngesehen. Ich kann nicht schlafen, sagt sein Sohn. Und dann: Erzähl mir eine Geschichte so lang wie mein Fuß. Cristian trägt ihn ins Gästezimmer und legt sich neben ihn in die bestickte Wäsche. Sie hören die Wanzen an den Wänden kratzen und dann erzählt Cristian die kurze Geschichte vom Mann im Mond.

 

Eva Ruth Wemme    27.05.2007 (05.05.2006)    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Eva Ruth Wemme
Prosa