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Doris Wirth
Der Wind von gestern und von heute

Als ich an einem Morgen den Ständer von meinem Rad wie üblich mit der Fußspitze vom Boden lösen und einklap­pen wollte, löste sich der Ständer von der Schraube und fiel mit einem dumpfen Klirren zu Boden. Wie ein lockerer Milchzahn, der sich schon lange auf seinen Fall vorbereitet und nach und nach alle Verbin­dungen zur Wurzel kappt, löste sich der über­flüssig gewor­dene Ständer vom Rad. Ich hob ihn auf und dachte an das zarte und feine Fleisch, das der Milchzahn früher jeweils in der Lücke hinter­lassen hatte. Ich dachte daran, wie ich meine Zunge in die Lücke geschoben und mir der Geschmack von metalligem Blut auf der Zunge gefallen hatte. Als ich mich bücken wollte, um nach der Schraube und der Mutter, nach den verlo­renen zwei Teilchen, zu suchen, stieß meine Stirn am Fahr­radkorb an.

Der Wind war warm, obgleich es schon Mitte Januar war, wir warteten alle auf die kalten Tage, während die Weiden­kätzchen schon ihre Knospen aus den Ästen trieben. Ich dachte oft an das Haus meiner Groß­eltern in jenen Tagen, an seine schweren, dunklen Teppiche, die die harten Schritte meines Groß­vaters abfederten und seinen Woll­socken ihre weichen, roten Webfäden ent­gegen­streck­ten. Ich dachte an die Rosenbilder, die die Treppe zum oberen Stock säumten und an den Urgroß­vater, den die Tante mit einem weichen Bleistift auf gelbes Papier skiz­ziert hatte. Die Blumen­tapete, die die Wand hinter dem massiven Sekretär im Arbeits­zimmer des Großvaters zierte und die Vorhänge, in denen der Geruch von alten, gepflegten Möbeln hing und den Duftsäcklein, die Groß­mutter zwischen die geglät­teten Hemden und Blusen in die Schränke legte. Ich dachte auch an den Dachstock, in dem Kisten und Plastik­schränke die aus­rangierten und doch für den Sperrmüll zu kostbar befundenen Geheim­nisse der letzten Jahrzehnte beherrbergten und an den Modellflugzeugplatz am Ende des Kiesweges. Und ich dachte daran, wie ich es verpasst hatte, mich von diesem Haus zu verabschieden.

Die tägliche Arbeit erledigte ich mit der Motivation eines Staubaugers, der pflicht­bewusst und gefühllos alle Partikel aufsaugt, die unter seinen kraftvollen Saugnapf geraten. Ich fuhr zur Uni, überprüfte meine Wespen und Blattläuse, stellte die Richtigkeit der Luftfeuchtigkeit sicher und gab die neusten Entwick­lungen zu Protokoll. Irgendetwas schien schief zu laufen, die Larven verpuppten sich nicht wie erwartet, alles dauerte viel länger als nach Berechnung. Vielleicht hatten die Wespen plötzlich keine Lust mehr, ihre Eier mit dem Stachel in die Blattläuse hinein zu spritzen. Vielleicht hatten die Eier keine Lust, Larven zu bilden, die die Blatt­läuse fraßen. Vielleicht war dem Hyperparasitoid nicht danach, in die Wespenlarven seine Eier zu spritzen, die die Wespenlarven fraßen und neue, eigene Larven bildeten. Ich dachte an die Geschichte mit Joggeli und den Birnen und an die Angst, die ich als Kind vor allem vor dem gemeinen Stecklein gehabt hatte, das das Kälblein schlagen sollte.

Nach der Arbeit versuchte ich, nicht daran zu denken, was er jetzt gerade machte und mir nicht vorzustellen, wie sie dabei aussah und konzentrierte mich auf Kleinigkeiten. Zum Beispiel war es wichtig, die Brötchen in der Bäckerei beim richtigen Namen zu nennen und von der Bäckerin ein anerken­nendes „Jawohl“ geschenkt zu kriegen. Von den weißen Bällchen am Busch vor meinem Büro riss ich regelmäßig eine Handvoll ab und ließ sie über den Gehsteig kullern. Dann setzte ich ganz vorsichtig meine Schuhspitze darauf und freute mich über das kleine, scharfe „Klack“, mit dem sie unter meinem Schuh zerplatzten. Manchmal stellte ich mir einen Blick in meinem Rücken vor. Wie jemand denken würde, ich sei fantasie­voll oder kindlich, oder doch wenigstens ein bisschen verrückt. Bestenfalls würde er mich für etwas Besonderes halten, wie das in den Filmen geschah, die ich mir oft nach Feierabend allein im Kino ansah.

Ich wusste nicht, woher dieser Blick kam, der mein ich in ein mich verwandelte, aber er beglei­tete mich seit Kind. Schon als Mädchen hatte ich nie einfach nur vergnügt und selbstvergessen mit der Katze gespielt: immer hatte ich gedacht, wie schön es doch aussehen musste, wie ich so vergnügt und selbstvergessen mit der Katze spielte.

Im Fernsehen erzählten sie von Klimaerwärmung und auch auf der Frontseite meines Mail­anbieters stellten sie den einge­tretenen Wandel fest. Als würde man zum ersten Mal davon hören. Gleich darunter schrieben sie, das Paris Hilton die Beste im Bett war.

Ich dachte an den vergangenen Winter, wo ich mich mit einem dicken Wollschal gegen die Temperaturen unter Minus zehn Grad geschützt hatte. Die Spree war zugefroren und ich hatte es bereut, keine Schlittschuhe mit nach Berlin gebracht zu haben. Ich spazierte allein und verträumt zwischen den Gruppen junger Leute, Päärchen und Familien durch und dachte, dass ich Zeugin einer Seltenheit war, dass ich mit all den andern Leuten zusammen einen geschichtsträchtigen Augenblick erlebte. Ich dachte an Bilder, die sie vor hundert Jahren gemalt hatten, an Henry de Toulouse-Lautrec und an die Aufnahmen der allerersten Eisenbahn. In jenem Winter war er alleine in Zürich gewesen. Vielleicht hatte er auf sein großes Bett gestarrt und nicht versucht daran zu denken, was ich wohl gerade machte. Ich hingegen tanzte bis tief in die Nacht und schaute in immer wieder andern Zimmer den fallenden Schneeflocken in der Morgen­dämmerung zu.

Ich glaube, die Männer sind nicht wie Parasiten. Ich glaube, sie kämpfen offen und direkt, vielleicht zum Teil mit ungeschlif­fenen Waffen, die umso mehr schmerzen, weil sie ihre groben Späne im wunden Fleisch zurücklassen. Frauen aber meiden den Kampf. Wie meine Wespen spritzen sie mit einem Stachel das Ei in den Feind und fressen ihn dann langsam von innen auf. Wenn ich mit meiner Mutter so reden würde, würde sie mich mit ihren haselnussbrauenen Augen ver­wundert und besorgt anschauen. Sie würde denken, dass es hoffent­lich kein Vorwurf an sie sei, weil sie immer nur das Beste wollte, und sie würde denken, dass sie das Reden ihrer Tochter schon lange nicht mehr verstehe. Ich aber wünsche mir eine Zeit, wo es als Tochter gereicht hat, die Regeln der Gesellschaft zu befolgen: ich würde höflich sein und bescheiden, ich würde Klavierstunden nehmen und singen lernen, ich würde ein Korsett tragen und mein Haar in lange Zapfenlocken legen.

Als ich vor seinem Fenster stand, erschrak ich. Ich setzte meinen Fuß ab, stütze mich auf den Lenker und starrte auf das gelb erleuchtete Quadrat - eine Hälfte war von dem zugeklappten Fensterladen verdeckt. Vor dem Computer, dessen Desktopanordnung ich noch immer auswendig kannte, sah ich zwei schwarze Umrisse. Ich glaube, sie saß und er stand daneben, ich glaube, sie sprach und er hörte ihr zu. Ich wartete ein paar kurze Augenblicke lang, so, wie wenn man in die Sonne schaut, obwohl man weiß, dass sich ein kleines schwarzes Loch in die Netzhaut brennt. Wie wenn man den Finger in die Flamme hält, bis er schwarz wird, obwohl es schon lange weh tut. Als Kind habe ich alle möglichen Instrumente auf meinen kleinen Finger ange­wendet. Der Locher war das schönste, schöner noch als der Bostich: er hinterließ ein säuberlich rundes, kleines Loch im Finger, dessen dünne oberste Hautschicht man ganz einfach abziehen konnte.

Den Film mit der Frau, die ein Loch im Bauch hat, hatten wir zusammen gesehen, vor Jahren schon. Schwarz-weiß gezeichnet und französisch gesprochen, irgendwie verstehen sich die Franzosen auf solche Sachen.

Als er dann bei mir auf dem Balkon saß in jenem Winter, in dem es nicht kalt werden wollte, und eine Zigarette nach der andern rauchte, da schaute ich den Wolken zu, die sehr schnell vom Wind über das Himmel­stück oberhalb der Dächer geblasen wurden. Ich fand die Vor­stellung, das der Himmel am andern Ende der Welt derselbe Himmel war, und dass die Wolken von einem Ort zum Nächsten geblasen wurden, plötzlich wieder schön. Sie waren wie Zugvögel, dachte ich, die weiterziehen, gen Süden, um zu über­wintern. Und ich dachte an die Bretagne. Ich dachte nicht an den Sommer, als wir zusammen da gewesen waren, als wir den Fischern beim Muschelfang zuge­schaut hatten und im Pyjama am Strand entlang gerannt waren. Ich dachte nicht an die bangen Momente, wenn wir einander anstarrten, und plötzlich nicht mehr wussten, was uns verband, wenn wir am Strand lagen und die Sonne nur heiß war auf unsern Körpern und der Himmel irgendwie öd. Nein, ich dachte an die Bretagne, wo ich schon Jahre zuvor gewesen war in meinem weißen Bade­anzug, der sich als halb­durch­sichtig erwiesen hatte, wenn ich aus dem Wasser stieg. Ich dachte an die kleinen Brüste, die ich damals mit meinen Armen zu verdecken suchte und an meine Haltung, die den Oberkörper nach Innen knickte. Ich dachte an den harten Wind, der in der Bretagne wehte und an die Wellen, die an den scharfen Felsen aufprallten. Ich dachte daran, wie ich mich ins Wasser stürzte und wie ich mich diesen Wellen hingab, bis ich völlig erschöpft und mit aufge­schlagenen Knien zitternd aus dem Wasser trat.

Doris Wirth  05.09.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Doris Wirth
Prosa