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Giwi Margwelaschwili

Gespräch mit Dominik Irtenkauf
Texten im totalitären System
  Gespräch
  Foto: © Alexander Janetzko

Giwi Margwelaschwili   externer Link
Giwi Margwelaschwili (* 1927) veröffent­licht in regel­mäßiger Folge im Berliner Ver­brecher Verlag seine Romane und Essays. Viele der Manu­skripte stammen noch aus der Zeit der Schubladenproduktion, nachdem Margwelaschwili Mitte der 1940er Jahre nach Georgien verschleppt und sein Vater vom NKWD exekutiert wurde.
  Dieses Frühjahr erschien sein auto­bio­graphi­scher Roman „Kapitän Wakusch“ in 2 Bänden neu. In diesem schildert er seine Zeit in zwei totali­tären Systemen (dem Dritten Reich und der Sowjet­republik Georgien). Der Roman fällt vor allem durch eine eigens entwickelte Termi­no­logie auf, mit der sich der Sohn georgischer Emi­granten metathe­matisch mit der eigenen Vita beschäftigt.
  Margwela­schwili entwickelte aufgrund seiner eigenen verwickelten Lebens­geschichte eine philosophische Herme­neutik, die sich vor allem an der Text­lektüre kano­nisierter Werke versucht. Mit dem Ziel, Freiräume zu schaffen.
  Auf diese Weise wird inner­halb von Systemen die Möglichkeit eröffnet, eine Gegenwelt zu entwerfen. Besonders in Hinblick auf ideo­logisierte Texte und Vorschriften, die Einfluß auf das Bewußt­sein der dort lebenden Menschen nehmen.
  In einem Telefonat konturierte Margwelaschwili die Koordinaten seiner Onto­texto­logie.


Dominik Irtenkauf: Im zweiten Band Ihres Romans „Kapitän Wakusch“ gehen Sie darauf ein, wie man unfreiwilligerweise von einem Sprechzimmer ins andere verpflanzt wird. Wie sind denn Ihre eigenen Erfahrungen bezüglich dieses abrupten Über­gangs von einem ins andere Sprechzimmer und basiert Ihr eigenes Interesse an der Onto­texto­logie auf diesen Erfahrungen?

Giwi Margwelaschwili: Das kann man durchaus so sagen. Stellen Sie sich vor, ich war zu jener Zeit ein absolutes Sprachbaby. Erst mit 22 Jahren bekam ich 1949 meine Geburts­urkunde. Allein diese Tatsache ist ein Kuriosum. Ich war als Wa­kusch-Sprach­baby dort in Tbilissi bekannt, das seine ersten Schritte in Georgisch und Russisch machen mußte. Ich konnte ja nicht reden. Das ist natürlich ein großer Einschnitt gewesen. Dann wurde eine sowjetische Geburts­tags­party für das 22 Jahre alte Sprachbaby veranstaltet. Das wurde ausgiebig gefeiert. Diesen Geburtstag habe ich das Trauer­feier­freuden­fest genannt, in einem der Wakusch-Bände. Es war einerseits eine traurige Sache, auf die Art, wie ich in die Sowjetunion hinüber­gezogen wurde, verbunden mit dem Verlust meiner Familien­mit­glieder. Es wurde mir anderer­seits jedoch auch leicht gemacht, durch die famosen Leute, die ich in Georgien kennen­lernte und die meine Situation richtig einschätzten.

D. Irtenkauf: Sie hatten in den ersten Jahren Probleme in der Sowjetunion, aufgrund ihres Vaters Titus von Margwelaschwili, der vom Stalinismus in Georgien weggezogen ist und in der georgi­schen Diaspora in Berlin zu einer wichtigen Person der Exilanten wurde.

G. Margwelaschwili: Ich war sozusagen der Emigrantenhundesohn. Sie haben sich irgendwie die Hoffnung gemacht, daß ich diese ganze Ideologie annehmen würde. Aber das ist nicht erfolgt und dann zeigten sie sich gleich bürstig. Ich wurde überall zurückgestellt, zum Beispiel als die Rede von einer Promotion war. Bis zur Chruschtschow-Zeit hatte ich Probleme. Chruschtschow hatte nach innen Samt­hand­schuhe an. Es entstanden Leerräume für Anders­denkende. Das muss man ihm lassen. Wir sind da herumspaziert wie im Traum, denn wir konnten nicht glauben, daß es nun möglich war, etwas zu schreiben, etwas zu dichten, etwas zu sagen, das eben ein bißchen anders klang als das, was bekannt war.

D. Irtenkauf: Während der Sowjetzeit haben Sie aber keine literarischen Texte veröffentlicht?

G. Margwelaschwili: Nein, erst viel später ist da etwas gekommen: die „Zuschauerräume“. (Das inzwischen auch beim Verbrecher Verlag aus Berlin neuverlegt worden ist. – Anmerkung des Autors) Das war alles zu abstrakt und viel zu verdächtig. Das war kein sozialis­tischer Realismus. Was nicht so aussah wie Lenin, das wurde sofort mit großem Verdacht aufgenommen und das wurde gestoppt. Man sollte auch nicht riskieren, etwas herauszubringen und dann noch Schwierigkeiten zu bekommen. Das wollte man nicht. Da war ich auf Eis gelegt und habe immer für die Schublade schreiben müssen.

D. Irtenkauf: Besonders Ihre „Kapitän Wakusch“-Romane fallen durch eine eigene Terminologie für diese ganzen Erfahrungen mit einer totalitären Ideologie auf.

Giwi Margwelaschwili: Die ersten beiden Bände sind eigentlich nur das Vorspiel, nicht der eigentliche Roman. Den dritten Band gibt es bislang leider nur in Tbilissi, verlegt beim Kaukasischen Haus. Wenn man einen Text in meiner Situation schreibt, dann gibt es hierfür so klischeeartige Umschreibungen wie „sich die Sache von der Seele runterschreiben“. Das ist alles richtig, das fließt auch mit ein. Doch ist ein anderer Punkt noch wichtiger, und zwar wenn wir von Heidegger ausgehen, ist das Dasein ganz intrinsisch mit der Welt verbunden. Deleuze hat den Heidegger gut gelesen und sagt: ein Text ist weniger Spiegel und vielmehr die Verringerung von Welt. In einem Text spaziert man herum wie in einer Welt. Wenn es ein politischer Text ist, handelt es sich natürlich um ein Gegenspiegel. Dann sind Sie weltlich verspiegelt. Das Schreiben eines solchen Textes ist die intensivste Form des Spazierengehens. Die Welt entdeckt sich Ihnen beim Schreiben, sie ist ja schon vorhanden. Sie schlagen dann neue Streifen an, begehen dies und jenes. Das ist eine richtige Bestands­aufnahme. Das ist eine weltliche Befindlichkeit innerhalb des Textes. Man will eine Ersatzwelt zu der Welt, in der man nicht mehr leben, die man nicht mehr ausstehen kann. Man möchte in eine andere Welt ausweichen, und diese andere Welt ist dann eben dieser Text. In diesem Text geht man spazieren, atmet man, denkt man nach, spricht man mit seines Gleichen oder man kritisiert dasjenige in dem reellen Text, mit dem man sonst leben muß. Eine ganz andere mondane Realität findet man in einem solchen Text. Man geht in einer riesigen Biosphäre spazieren. Es ist nicht nur Leben, es ist ein weltlicher Aufenthalt, ein Gegenweltaufenthalt. Das gibt auch viel zu denken: Wie ist denn eine solche Welt bestellt? Was geht da vor sich? Das habe ich dann ausgiebig in meinen philo­sophischen Essays zu beleuchten versucht. Jedoch ist auch in meiner Literatur davon die Rede. Diese meta­thematische Literatur wird häufig von Lesern, die das Thematische gewöhnt sind, als Belehrung aufgefaßt. Dem muß ich aber widersprechen.

D. Irtenkauf: Gerade durch die Metathematik ergibt sich eine kritische Wahrnehmung dieser Modalität. Mittlerweile ist möglicherweise die (sowjetische) Ideologie durch Marktmechanismen abgelöst worden.

G. Margwelaschwili: Es gibt nichts Unangenehmeres für solche Vertreter thematischer Welten als zu wissen, daß da irgendeiner sitzt, der ihrer Monothematizität oder anders gesagt: ihrem eisernen Stil, nicht folgt. Deswegen waren die auch immer stark hinterher, von den Leuten diese Sache sofort auf dem Tisch zu beschlagnahmen, in Moskau besonders häufig, in Tbilissi weniger, aber das hat es dort meines Wissens auch gegeben. Das hat sich erst gelegt, als die Perestrojka anfing und Gorbatschow kam.

D. Irtenkauf: Im 3. Band des Wakuschs beschreiben Sie die Probleme, die es selbst im Freundeskreis gab, wenn man sich zu euphorisch zum westlichen Lebensstil oder zur Jazzmusik bekannt hat.

G. Margwelaschwili: Es ist ja bekannt, daß die Sowjets den Jazz (Margwelaschwili spricht das Wort deutsch aus. – Anmerkung des Autors) nur sehr zögerlich bei sich reingelassen haben. Es geht auch eine Mär um, daß sich Stalin den ersten Jazzmann in der Sowjet­union (Eddie Rosner) zu sich rufen ließ. Er ließ ihn vorspielen und hat ihn gleich im Anschluß verhaften lassen. Er kam ins Lager und musizierte dort weiter (Margwelasch­wili lacht.). In den 1970er Jahren ist er in Deutschland gestorben, er liegt hier in Berlin begraben. Diese marmorisierte Kultur hat man in seinen gegenweltlichen Texten auch ausgiebig kritisiert und war auch stolz, so zu schreiben.

D. Irtenkauf: Die Offenheit des Bewusstseins wurde in solcherart Systemen stets auf die Eindeutigkeit des Textes und der Überlieferung eingegrenzt. Das ist mitunter ein Thema Ihrer Onto­texto­logie, wie es von der Poly- zur Monophonie kommen kann.

G. Margwelaschwili: In der Sowjetunion machte man den großen Fehler, daß man seinem Gesinnungsgegner bei sich keinen Platz einräumte. Der Gesinnungsgegner war der Anti-Thematische, weil er anders dachte. Deshalb war es das Einfachste, ihn zu degradieren, wovon die Sowjets auch ausgiebig Gebrauch gemacht haben. Man kann ja auf seiner Meinung beharren, aber auch dem Anderen das Wort lassen. Dann wird die Mehrheit entscheiden, was besser ist. So hat es in allen normalen Verfassungen und Gesetzen immer funktioniert. Diese ideologische Einseitigkeit, wenn sie so knallhart durchgesetzt wird, das ist dann der Abgrund. Mit der Onto­texto­logie gesprochen: das Anti-Thema­tische sollte hetero-onto-thematisch geduldet werden. In einem normalen Text hat das auch eine Stimme. Man liest das bereits bei Michail Bachtin: der Text ist polyphonisch. Die thematische Polyphonie muß erhalten bleiben. Bitte such dir aus, welche Stimme dir am meisten gefällt. Das ist ein Grundgesetz jeder Demokratie. Aber im 20. Jahrhundert haben wir zweimal erlebt, wie dieses Prinzip über Bord geworfen wurde. Man vermeinte eben, durch diese thema­tologische Einseitigkeit direkt in den Himmel zu kommen. Fehlanzeige!

D. Irtenkauf: Interessant war sicher auch, dass Sie in zwei dieser Regimes aufgewachsen sind beziehungsweise gelebt haben. Sie wurden 1927 in Berlin geboren und erlebten das Dritte Reich mit. Im „Kapitän Wakusch“, Band 1 beschreiben Sie auch Spiel­räume während der dreißiger Jahre. Besonders, was Jazzmusik angeht.

G. Margwelaschwili: Also, wir wurden nur geduldet. In den Vorkriegsjahren gab es im Ver­gnügungs­viertel rund um die Gedächtniskirche ausreichend Klubs. Da wurden sogar Amerikaner eingeladen, die dort Konzerte gaben. Das klappte ganz gut, unter Hitler. Als der Krieg anfing (1941-42) wurde es noch irgendwie toleriert. Man hatte wohl anderes zu tun. Die Musik erhielt sich in den Bars, diesmal mehr in den Neben­straßen, sie tauchten ab vom Haupt­ver­gnügungs­viertel. Da wurde kräftig musiziert, zum Beispiel in der Roswitha-Bar, die ich im „Kapitän Wakusch“ beschreibe. Ich nenne sie Kakadu, weil der Kakadu ein Begriff ist, der literarisch etwas hergibt. Ich wollte die Metapher eines Vogels, der klettern kann, ausnutzen. In Wirklichkeit war es die Roswitha-Bar am Nürnberger Platz. Das ist von der Gedächtnis­kirche weit entfernt, das liegt im Bayerischen Viertel. So gab es immer andere Bars und andere Vergnü­gungs­stät­ten, die bis ins Jahr 1942 hinein funktioniert haben. In der Kriegszeit wurde das dann zunehmend nicht toleriert, weil es Musik aus Übersee war.

D. Irtenkauf: Auch in diesen stark ideologisierten Regimen ist also eine Gegenwelt des Bewusstseins möglich. Um nochmals auf die Onto­texto­logie zurückzukommen: sie untersucht eben diese Potentiale, die in den Texten schlummern.

G. Margwelaschwili: Natürlich. Die Aufgabe der Onto­texto­logie ist, zu erfahren, in welchen Bevöl­kerungs­schichten sich diese Texte bilden. Das ist ein weites Feld. Ich habe wahrgenommen, daß besonders die Jugend Probleme mit dieser Art Textverständnis hat. Das hängt meines Erachtens noch mit den Auswirkungen der 1968er zusammen, als die Univer­sitäten mit Leuten bevölkert wurden, die zwar wußten, daß sie etwas wollten, aber nicht was. Die jungen Leute wollten mit der Paternalisierung, der Vormundschaft, diesem autoritären Quatsch nichts mehr am Hut haben. Und riefen: Weg mit euch! Wir wollen nicht mehr! Das ist ein ganz reiner Protest, von dem sich übrigens alle ideologischen Revolutionen nähren. Sie versuchen, diese jungen Kräfte in ihre Richtung abzuhängen. Diese sprühende Fontäne wollte mit den Ismen nichts zu tun haben, sie wollten frei sein von allen Ein­schrän­kungen, besonders den geistigen. Das ist purer Idealismus, der immer wiederkommt. Dieser Protest setzt an der Achilles­ferse eines bürokratischen Systems an. Das kann aufrühren und zu Protesten führen, die das ganze Gebäude in Frage stellen. Das hält sich nicht lange, denn sie wollen etwas, wissen aber nicht, was genau, wie ich bereits sagte. Später werden sie von Ideo­logien, von den Bürokratien, von den Ismen aufgesogen, von denen auch die demokra­tischste Verfassung, die demokratischste Gesellschaft förmlich durchsetzt ist.

D. Irtenkauf: Die Rolle des Lesers ist bei einer onto­texto­logi­schen Lektüre stets von herausragender Bedeutung. Wird dadurch der Leser auf eine kritische Sichtweise eingeübt?

G. Margwelaschwili: Es geht schließlich darum, diese Flut in ihrer Reinheit zu beschreiben, was da emporkommt. Diese ganzen vorgegebenen Ismen und Bürokratien existieren, um gerade solche Flut zu drosseln und Platz zu machen. Die Onto­textologie möchte die absolute Vielfalt toleriert haben. Aus dieser Vielfalt möchte sie heraus­destil­lieren, was für das allgemeine Wohlsein, den Gemeinnutzen der Gesellschaft förderlich ist. Das steckt alles in den Kinderschuhen. Das ist alles noch ein breites Tätigkeits­feld für die Philosophen und vor allem Soziologen.

D. Irtenkauf: Manche Bücher können eine sehr einschränkende Wirkung ausüben, wenn sie stets nach denselben Leitlinien gelesen werden. In mehreren Ihrer Bücher, wie „Das böse Kapitel“ oder „Officer Pembry“, versuchen Sie, diese Einengung auf nur eine Plotline aufzusprengen.

G. Margwelaschwili: Das ist richtig. Ich habe mir die Aufgabe gesetzt gehabt, an die Texte, die die Höhen der europäischen Kultur ausmachen, die Lupe anzulegen, zu suchen, wo sie in ihrem Verlauf sinnig sind. Ich habe nach Stellen gesucht, wo sich die Texte Einschrän­kungen auferlegen, daß es wirklich verwunderlich ist. Dabei stieß ich auf Stellen in der Bibel und bei Homer zum Beispiel. Ich habe ein großes Textgebilde beschrieben, unter dem Titel: Die Mumifizierung. Da zeige ich dann, wie diese thematolo­gischen Einschränkungen variieren, wie sie auch bei Homer funktionieren. Habe erst kürzlich ein neues Manuskript fertiggeschrieben. Das nennt sich Parzival I und II. Es behandelt Wolfram von Eschenbachs Parzival. Auch dort wird gegen thematologisch überflüssige Barrieren angekämpft.

D. Irtenkauf: Diese wichtigen Texte der europäischen Literatur weisen eine lange Auslegungs- und Bearbeitungsgeschichte vor. Gerade deswegen wird das onto­texto­logische Verfahren interessant.

G. Margwelaschwili: Nehmen wir mal diesen Kindsmord zu Bethlehem. Dieser hat mit Christologie überhaupt nichts zu tun. Der Engel warnt nur Maria und Josef, die Anderen warnt er nicht. Woher das gekommen ist, weiß kein Mensch. Es gehört vollständig zur Tradition und es ist immer weiter­gelesen worden undsoweiter undsofort. Da habe ich mir gedacht: das kann nur eine Fälschung sein. Man muss davon ausgehen, daß Texte auch verfälscht, auch verändert werden. Da wird etwas reingeschmuggelt, was nicht da hineingehört. In diesen alten Texten muß man jeden Schritt, den man macht, vorsichtig machen, alles unter die Lupe nehmen. Auf der anderen Seite hilft es jedoch auch nicht, wenn man sich da bei weitem hingebungsvoll herumbewegt und vertrauenswürdig sein möchte. Hier ist der Cartesianische Zweifel sehr angebracht. Je älter der Text, desto würdiger der Text. Einen würdigeren Text als die Bibel gibt es ja gar nicht. Und dann findet man diesen komischen Textteil eines Inhalts, der erschreckt. Was ist da los? Wie kommt das her? Woher kommt das?

D. Irtenkauf: Das könnte auf eine Interessenslage deuten. Man möchte durch den Schmuggel die eigene Interessen durchsetzen.

G. Margwelaschwili: In den Texten möchte man nur das sehen, was einem paßt. Ein echter Text hat die Vielfalt. Versuche, dahinter zu kommen, was die Vielfalt eigentlich sei. Aber nein, wie schon gesagt, seit es Texte gibt, gibt es Verfälscher. Ich kann mir vorstellen, daß die Christo­logie viele Feinde hatte, von Anfang an, die da ver­suchten, alles mögliche reinzuschreiben und zu verändern. Das wußten bereits die ersten Häretiker des 1. Jahrhunderts. Marcion schreibt bereits darüber, daß die Bibel rein zusammen­geschrieben ist. Das ist alles Fälschung, in einem Maße, daß ich gezwungen bin, das richtige Evangelium heraus­zudestil­lieren. Dann legt er seine Version des richtigen Evangeliums vor. Wenn es schon so anfängt, was wird es dann nicht alles gegeben haben? Es gibt nichts Komplizierteres und Zweideutigeres als die textliche Tradition.

D. Irtenkauf: Dann muß man selbstverständlich auch damit rechnen, daß die eigene Interpretation von Anderen wieder anders gedeutet und gelesen wird.

G. Margwelaschwili: Prinzipiell liegt darin nichts Schlimmes. Wenn da eine andere Inter­pretation hervorgeht, spricht das ja für den Reichtum des eigenen Textes. Das weist darauf hin, daß er ein reiches Potential hat.

D. Irtenkauf: Die Selbstreflexion in Ihren Texten sieht ja nichtdestotrotz eine Behörde vor. Im „Officer Pembry“ zum Beispiel schaltet sich eine krimina­listi­sche Buch­welt­verwaltung ein. Diese Verwaltung ist dafür zuständig, die Unge­rech­tig­keiten in der Lektüre aus dem Weg zu räumen. Dies scheint ja dann doch eine Ordnungsmacht zu sein.

G. Margwelaschwili: Das ist dann eine Korrektur. Die Korrek­tionen müssen am Ende aller onto­texto­logi­schen Bemühungen stehen. Wenn wirklich ein solch grober Huscher stattgefunden hat, muß man das wieder einrenken. Das ver­suchen meine Helden, das sind eben Beamte der Lese­lebens­hilfe, die in den Texten auftreten. Sie bestreiten in der Hauptsache die Unterhaltsamkeit meiner Texte.

D. Irtenkauf: Es findet jedoch Widerstand in der Handlung selbst statt. Das könnte man als ein polyphones Moment bezeichnen, weil Widerstand gegen diese Verwaltungsakte geschieht.

G. Margwelaschwili: Es hat sich alles eingelaufen und anders laufen möchte man nicht gerne. Das ist mit großen Schwierig­keiten und Umgewöhnung verbunden. Buch­personen können ebenso träge sein wie Realpersonen. Das ist klar. Wenn sie auf der meta­thematischen Höhe wären, müssten sie erkennen, daß diese Verbes­serungs­vor­schläge nur Gutes und den Menschen, der in ihnen steckt, besser herauskehren wollen. Die Buchfiguren sollten dahinter kommen, daß diese mono­thematische Einseitigkeit zu nichts weiter führt: sondern immer zu demselben Kram. Wenn der Kram noch falsch ist, dann ist es ganz furchtbar. Da muß man schon energisch vorgehen.

D. Irtenkauf: Bei den Figuren der althergebrachten Texte untersucht die Onto­texto­logie ja auch, wie lebendig diese Figuren noch im Bewußtsein sind, ob sie von Menschen beachtet werden, indem die Texte gelesen werden, in denen diese Figuren vorkommen.

G. Margwelaschwili: Sie brauchen die Lese­lebens­energie. Wenn die ausgeht, sind die Buch­personen an Lese­schwindsucht gestorben und das sollte man vermeiden. Mit verschiedenen Mitteln sollte man das verhindern, mit Lese­sauer­stoff­flaschen zum Beispiel die Hauptperson erstmal über Wasser halten. Dann gibt es noch andere verschiedene Mittel, wie zum Beispiel die Selbstlektüre, wenn Buchpersonen sich selber lesen, dann können sie sich irgendwie über Wasser halten. Es ist nicht dasselbe, wie wenn ein realer Leser sie liest, denn es ist eine künstliche Sache. Nur ein realer Leser kann eine Buchperson richtig beleben. Doch irgendwie schafft es die Buchperson, sich am Leben zu halten, bis die Flut der Leser wieder anfängt und sich die Texte wieder von dieser Ebbe erholen. Dann hat diese Buch­person überleselebt. Dies ist ein Herzstück meiner Literatur.

D. Irtenkauf: In Ihrer theoretischen Schrift „Leben im Onto­text“ gehen Sie auf verschiedene Möglichkeiten ein und exemplifizieren das auch an Romanen von Heinrich Böll und Robert Musil. Ist Ihre Literatur dann immer auch eine Art von Literaturwissenschaft?

G. Margwelaschwili: Ich bin in den großen klassischen Urtexten auf der Suche nach philosophischen Widersprüchen, die ich aufdecken möchte. Das entwickelt sich bei mir zu einer Literatur. Wenn ein literarischer Text als eine literarische Biosphäre aufgefaßt wird, muß man das mehr tragisch als etwas Anderes nennen: die Personen leben mit jedem neuen Leser neu auf und reden denselben Quatsch daher. Das ist furchtbar, denn das verkommt zu einem Ritornell. Ganz gemein ist dabei, daß sie mit dieser neuen Frage eintreten, aber vergessen haben, was vorher war. Die Lektüre reaktualisiert stets den Text, er ist praktisch ständig neu. Die Buch­personen sind vollkommen blind gegen ihr eigenes Sein, gegen ihr Sein als ewige Wiederkehr des Gleichen, was ich hier ausspinne als die Furchtbarkeit selbst. Auf solche Kontradiktion lege ich großen Wert, und diese richtig heraus­zukehren, ihren ganzen biobibliologischen Gehalt auf die Waage zu legen – das ist ein Hauptanliegen meiner Literatur.

D. Irtenkauf: Vielen Dank für das Gespräch.
Dominik Irtenkauf, *1979, freischaffender Journalist für Legacy, Multimania, satt.org und textem.de; berichtet über und trägt zur Musik­forschung vor; mehrere Buch­ver­öffent­li­chungen, u.a. auch in der Belle­tristik; Schwer­punkt in der Forschung: Ästhetik, Mytho­logie, Hermetik, Avant­garde-Bewe­gungen, Subkultur, Medien und inter­kultu­reller Dialog, mit beson­derem Fokus auf Georgien und die Kaukasus­region. Derzeit in Arbeit: Essayband zum Extreme Metal, der mitt­ler­weile auch 25 Jahre alt gewor­den ist.
Dominik Irtenkauf    25.10.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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