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Daniela Danz
Die Einzelnen

Es kam der Tag, an dem die Einzelnen kamen. Es waren mehrere. Manche wiesen Verletzungen am Schädel auf und das Blut rann ihnen über die Schläfen. Wir wollten ihnen Wasser holen, doch sie gaben es bloß den dreibeinigen Rüden, die sie an Leinen mit sich führten. Bei Tag wurde es nicht mehr ganz hell seit die Einzelnen da waren, des nachts stellten sie sich außerhalb der Siedlung auf und so standen sie reglos. Des Morgens bezog ein jeder eine Hütte. Diejenige, auf die er bei Sonnenaufgang wies, mußte geräumt werden und er blieb darin, während die Bewohner der Hütte draußen als Wache warteten. Für sie sorgten die Nachbarn, ihre Arbeit wurde von den wenigen, deren Hütten nicht auser­wählt waren verrichtet. Niemand sagte, was wir alle wußten: in diesem Jahr würden die Scheunen kaum gefüllt werden. Des Abends kamen die Einzel­nen aus den Hütten und wir zitterten, weil des öfteren einer von ihnen einem unserer Hunde, die das Vieh bewachten, ins Bein schoß und ihn danach an seine Leine legte.

Wir alle hofften, daß die Einzelnen einmal wieder gehen würden. Es gab nun nur noch dreibeinige Hunde in der Siedlung und unsere Kinder glaubten uns nicht mehr, daß Hunde vier Beine haben. Aber die Einzel­nen blieben zwanzig Jahre, dann gaben sie ihren Hunden die Freiheit und gingen wie sie gekom­men waren, in verschiedene Richtungen fort. Keiner von uns wußte mehr, wie ein Leben ohne sie sein sollte. Nachts fielen die hun­grigen Hunde in die Siedlung ein, weil die Männer sich ihrer nicht wehrten. Es hieß, daß die Zeit der Not begon­nen hatte, seit die Einzelnen von uns gegangen waren. In zwei­jähriger Arbeit schufen wir eine hohe Stele, die wir am Eingang der Siedlung er­rich­teten. Es war das erste Bauwerk aus Stein und weil die Vorräte auf­gebraucht waren, hungerten wir nun schon seit dem Winter. Die Hunde hatten sich stark ver­mehrt in diesen zwei Jahren, die Kinder sahen nun auch, daß es vierbeinige gibt.

Aus: Daniela Danz. V. Wallstein Verlag 2014

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