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Peter Strasser

Gespräch mit Alexandru Bulucz für den poetenladen
Der Augenaufschlag bei offenen Augen
  Gespräch
Peter Strasser

Literatur und Philosophie – so das Thema der 22. poet-Ausgabe – be­fruchten sich seit jeher gegen­seitig. Die poet-Gespräche geben Einblick in eine schillernde Be­zie­hung, die spä­testens mit Platon beginnt.  |  poet nr. 22, Frühjahr 2017   externer Link
Peter Strasser, Univ.-Prof., Dr. phil., Jg. 1950, seit Oktober 2015 im Ruhestand, unterrichtet an der Karl-Franzens-Universität in Graz Philosophie und Rechtsphilosophie. 2014: Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik. Jüngere Buchpublikationen: Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit (2016); Ontologie des Teufels. Mit einem Anhang: Über das Radikalgute (2016). Im Frühjahr 2017 erscheinen zwei Bücher, die innerlich aufeinander bezogen sind: Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch und Mein Abendland. Versuch über das unerreichbar Nahe, beide im Wilhelm-Fink-Verlag, Paderborn.

 

Alexandru Bulucz: Zu den Medien, die keine rosigen Aussichten haben, gehören auch die Literaturzeitschriften …

 

Peter Strasser: Dabei spielt es leider keine Rolle, ob derlei Periodika eine glorreiche Vergangenheit haben und sich nach wie vor bemühen, neben Neuentdeckungen auch renommierte Autoren zu präsentieren. Solche Glanzstücke bleiben vergebliche Liebesmüh, wenn unter der jungen Generation keine Lust besteht, das Produkt zu abonnieren, während der Stamm der Altabonnenten langsam wegstirbt. Dass es überhaupt Periodika dieser Art gibt, hat einzig mit – alles in allem – ausreichenden Subventionen zu tun, die der öffentliche Kultursektor übernimmt. Wie lange noch?
 Vermutlich ist es für die ambitionierten, aufopferungsbereiten Herausgeber von Literaturzeitschriften kein Trost, wenn man ihnen attestiert – und zwar ohne Schmeichelei –, dass sie für den »Literaturbetrieb« Wesentliches geleistet haben. Es ist ja bekannt, dass die Verlage bei ihrer unermüdlichen Talentsuche sich keineswegs auf eingesandte Texte stützen (von denen 99 Prozent verworfen werden), sondern kontinuierlich die Kennerschaft ausbeuten, die über das Medium der Literaturzeitschrift eine Auswahl vielversprechender Neulinge präsentiert.

 

A. Bulucz: Ein Schwerpunkt der Literaturzeitschrift poet liegt auf der Lyrik. Sie schrieben einmal, es sei »schwer, Qualitätskriterien zu nennen«, und nannten dennoch welche: »1. die Beherrschung des sprachlichen Materials; 2. die originelle und dabei kohärente Art, wie im Gedicht die jeweils leitende Metapher entwickelt wird; und 3. der Umstand, dass der Autor am Text mitschreibt«. Die ersten beiden Punkte betreffen formale oder technische Aspekte. Der dritte Punkt hängt auch mit dem »Fortschreiben« einer Tradition zusammen, wie Sie weiter ausführten. Mir scheint, lyrisches Mit- und Fortschreiben wurde weitgehend durch Eklektizismen ersetzt, die letztlich als Hybridformen bezeichnet werden. Wie schreibt man eine Tradition fort, ohne epigonenhaft zu schreiben?

 

P. Strasser: Also ich habe nicht direkt von »Tradition« gesprochen, sondern davon, dass der Autor am Werk »mitschreibt«. Das ist übrigens keine Wendung, die ich selbst erfunden habe, sondern Peter Handke in einem Brief an mich verwendete, um anzudeuten, dass es keine originale Literatur geben könne, ohne dass man die »Stimme« des Autors im Text erkennt. Das wäre also ein Kriterium, welches die Fortschreibung einer Tradition zugleich an die Subjektivität des Autors bindet. Epigonentum ist ja gemäß der Moderne und ihres Individualismus geradezu die Todsünde. In dieser Hinsicht ist übrigens Handke ein durch und durch moderner Autor, auch wenn Goethe sein großes Vorbild sein mag. Handkes »Stimme« erkennt man sofort, sie ist ihm ebenso eindeutig zuordenbar wie Hölderlin, Rilke oder Trakl die ihre.
  Halb im Scherz, halb im Ernst habe ich mich einmal gegen die modernistische Neuerungssucht auch im Ästhetischen ausgesprochen, indem ich eines meiner Bücher Immer wieder dasselbe und am besten nichts Neues betitelte, wobei ich augenzwinkernd eine »austrobuddhistische« Welthaltung propagierte. Denn natürlich sind die genannten Dichter die großen Schreibwunder. Bei Hölderlin, Rilke oder Trakl – Sie können die Liste ja nach eigenem Gutdünken erweitern – hat man jeweils die Evidenz, dass hier einer bei offenen Augen sozusagen die Augen aufschlägt und die Dinge buchstäblich in einem neuen Licht sieht.

 

A. Bulucz: Der Wert-Begriff ist ein Zentralbegriff vieler Ihrer Bücher. Die Lyrik ist eine »ego«-zentrische Welt. Jedes Ich, das in und aus ihr spricht, beansprucht einen Selbstwert, wenn ich das so nennen darf. Ich stelle mir vor, dass es für all die sprechenden lyrischen Ichs einen irreduziblen Wert geben muss …

 

P. Strasser: Dieser Augenaufschlag bei offenen Augen darf, um tief zu berühren, nicht künstlich, nicht »gemacht« wirken, das Licht der Poesie muss aus den Dingen selbst hervorleuchten. Heideggers »Lichtung des Seins« als eine Offenbarung der ontologischen Wahrheit fällt einem dabei ein – das ist ja die große poetische Alternative zur wissenschaftlichen Objektivität. Aber wenn es tatsächlich so sein sollte, dann wird hier der authentischen Poesie ein Stellenwert zugemessen, demzufolge das dichtende Subjekt in die Position eines Mediums einrückt. Dessen »Subjektivität« hätte dann mit dem Subjektivismus, der »ganz persönlichen« Sicht Einzelner nichts zu tun, wie sie von der Moderne als Vehikel der Selbstverwirklichung – und damit gleichzeitig als Dekonstruktion einer allgemeingültigen poetischen Bindungskraft – gebetsmühlenartig angepriesen wird.
  Übrigens ist der Subjektivismus, ob in seiner modernen Verherr­lichung des Individuums oder seiner postmodernen Spielart, die das Individuum ironisiert, ohne noch einen allgemeinen Ort der Wahrheit gelten zu lassen, eine treibende Kraft des Eklektizismus. Man spielt, indem man sich neu erfindet (und wie die Phrasen des Tages lauten mögen), unter Einsatz aller möglichen ästhetischen Materialien, vom epochenwälzenden antiken Epos bis zum flotten Twitter-Gebrabbel. Diese Baukastenmethode lässt sich beliebig lange anwenden, mit teils reizvollen Ergebnissen, die aber allesamt nichts mehr zu bedeuten haben, was den Leser länger beschäftigen könnte als einen Moment lang. Nichts, was keinen Wahrheitsanspruch mit sich führt, geht uns, die Leser, die wir nach Bedeutung hungern, im Grunde auch nur das Geringste an. Das ist, wie mir scheint, einer der Gründe, warum heute tonnenweise Gedichte pu­bliziert werden, die, kaum gedruckt, schon wieder vergessen sind – wir hungern, so vermute ich, immer noch nach der »Lichtung des Seins«, verwechseln unser Bedürfnis aber mit unserer Gier nach Individualisierung und ständiger Selbstneuerfindung.

 

A. Bulucz: Wir, »die wir nach Bedeutung hungern« – vielleicht sind wir alle irgendwie »liturgisch enttäuscht«, so dass uns nur noch die Klage­lieder übrigbleiben, von denen Gershom Scholem einmal schrieb, sie seien »Sprache der Grenze«.

 

P. Strasser: Na ja, nachdem ich regelmäßig wenigstens zwei Literaturzeitschriften konsultiere, die eine Menge Poesie – mit und ohne Anführungszeichen – präsentieren, nämlich die manuskripte und die Lich­tungen, kann ich eigentlich nicht sehen, dass »nur noch Klagelieder« übrig­­geblieben wären, weil »wir« liturgisch enttäuscht sind. Ich glaube zu wissen, was Sie meinen, aber Scholems Wendung bezeichnet eine Epoche der Poesie, die, wie mir scheint, längst vorbei ist. Das ist wohl eine spätromantische Reaktion, die daher rührt, dass es im 19. Jahrhundert üblich wurde, von einer Kunstreligion zu sprechen und dem Künstler eine geradezu priesterliche Aura beizumessen – eine Aura, die sich dann die klassische Avantgarde in der Stefan-George-Tradition zunutze machte, um das dichterische Wort zu »heiligen«.
  Dass jedoch die Poesie keine Religion ist und diese auch nicht ersetzen kann, liegt auf der Hand. Die religiöse Lebensform – um einen Ausdruck Wittgensteins zu bemühen – ist gerade durch die liturgische Praxis, das Dogma und das Gebet bestimmt. Und um gleich noch einmal Wittgenstein zu bemühen: Das religiöse Sprachspiel ist kein wissenschaftliches oder historisches. Ich würde hinzufügen: Es ist auch kein genuin poetisches, obwohl und gerade weil es die Poesie als Mittel einsetzt, um Gott oder dem Göttlichen zu huldigen, es zu preisen und seine Gnade zu erflehen. Unter den Psalmen der Bibel gibt es große Dichtung, und ich lasse jetzt einmal die unfassbare Schönheit des Hoheliedes beiseite. Ich denke daher auch, dass der berühmte Chandos-Brief des Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahre 1902 nicht einfach als Ausdruck der einsetzenden modernen »Sprachkritik« gelesen werden darf.
  Hofmannsthal war Katholik und ihm muss ein Humanismus, der Rhetorik, Gelehrsamkeit und Ethik an die Stelle des Liturgischen setzte, als eine Verfallsform des Menschlichen erschienen sein. Deshalb zerfallen dem armen Lord Chandos, der sich eine glänzende Zukunft als Literat und Polyhistor ausmalte, schließlich die Begriffe im Mund wie »modrige Pilze«. Da ihm die Rückkehr zur Religion unmöglich ist, bleiben ihm nur die wortlosen Ekstasen, die er im Anblick von einfachen Dingen erlebt, beispielsweise beim Anblick einer Egge auf dem Feld; doch diese Ekstasen jenseits des Sagbaren haben keine Dauer. Sobald sie von ihm abfallen, bleibt ihm nichts weiter als das Elend des grauen Alltags, der Tod im Leben. Ich sehe im Chandos-Brief eher die Parabel auf das Elend eines poetischen Fühlens, das ekstatisch, aber haltlos ist. Die Dichtung, die diesem Fühlen entspricht, drängt nach einem Absoluten, dessen fundamentum in re – Gott, Dogma, Liturgie, den Glauben an Erlösung, an die Seele und ein Leben nach dem Tod – sie längst preisgegeben hat.
  Ich rede hier allerdings von einem poetischen Ernst, der sich inzwischen längst erledigt hat. In den Gedichten, die heute die Literaturzeitschriften füllen, spreizt sich in den allermeisten Fällen eine Subjektivität auf. (Das »Aufspreizen« des bloß Subjektiven war eine Lieblingswendung von Adorno und dann des jungen Habermas, also von Philosophen, die zu jener »Aufspreizung«, wenn auch ästhetisch und ethisch »abgepuffert«, einen prominenten Beitrag leisteten). Derlei lyrische Produktionen langweilen zumeist rasch, weil sie vorwiegend narzisstisch ausgerichtet sind. Was mir ein anderer zu sagen hat, fesselt mich – jetzt einmal von der urmenschlichen Klatsch-und-Tratsch-Haltung abgesehen – jedoch deshalb, weil darin eine Mitteilung enthalten ist, die über das rein Persönliche hinausgeht. Sagt uns ein Dichter, was er höchstpersönlich von der Welt hält, dann hören wir ihm zu, sobald er uns medial beeindruckt, das heißt, sobald wir glauben, in seiner Vision etwas Allgemeines, etwas, das unser In-der-Welt-Sein betrifft, zu erkennen.

 

A. Bulucz: Über Ihren bisweilen essayistischen, polemischen, ja sogar literarischen, poetischen Schreibstil haben wir uns an anderer Stelle schon unterhalten. Wie erleben Sie als Rechts-, Geschichts- und Religionsphilosoph die so gegensätzlichen Welten des akademischen Schreibens über und Beurteilens von Literatur und der Literatur selbst? Als unvereinbar? Kann man über Literatur eigentlich nur literarisch sprechen, über Poesie nur poetisch?

 

P. Strasser: Hm. Hier möchte ich doch, ohne mich subjektiv »aufzuspreizen«, etwas eher Persönliches sagen. Über Literatur und Dichtung zu reden – also das folgt, falls man es akademisch anlegt, eben den akademischen Mustern. Ich habe ja schließlich nicht umsonst neben Philosophie auch Germanistik studiert. Der wichtigste Punkt dabei ist vielleicht, dass man im Diskursiven verbleibt. Man legt Argumente vor und versucht, sie zu begründen; andere finden daran möglicherweise etwas mit nachvollziehbaren Gründen auszusetzen. Das also ist eine Frage der analytischen Darlegung und des Disputs.
  Anders stellt sich die Situation dar, wenn man mit seinem argumentativen Latein am Ende ist – und das ist man als Philosoph recht leicht, sobald man sich an die prima philosophia heranwagt, an Metaphysik und Ontologie. Man will über Dinge reden, über die sich zwar nicht nicht reden lässt (ein Sinnlosigkeitskriterium ist ja Unfug; solange einschlägig gebildete Menschen glauben, dass ein anderer etwas Sinnvolles zu sagen hat oder wenigstens zu sagen versucht, sollte kein Sprachkritiker so arrogant sein und mit einem Kriterium, das angeblich das Gegenteil beweist, herumfuchteln); doch möglicherweise handelt es sich dabei um Dinge, die nicht mehr »diskursiv verhandelbar« sind, jedenfalls nicht im akademischen Sinn des Wortes. Im Laufe meines Schreibens bin ich oft mit metaphysischen und ontologischen Fragen befasst gewesen, an die heranzutreten mir weniger eine Sache der richtigen Analyse als der einleuchtenden Bilder, der metaphorischen, poetischen Hinweise zu sein schien. Dass jemand bei »offenen Augen die Augen aufschlägt«, ist so ein Versuch, etwas zu sagen, was sich mit den sprachlichen Mitteln des argumentativen Diskurses nicht mehr ausdrücken lässt und doch auf eine existenzielle Grundbefindlichkeit des Geschöpfes »Mensch« abzielt, wobei der Ausdruck »Geschöpf« seinerseits keinen Anhalt mehr hat in der naturalistischen Sprechform, die heute die dominant wissenschaftliche geworden ist.
  Akademisch habe ich mich dadurch, dass ich die erlaubten Grenzen überschritt, in weiten Kreisen isoliert. Man hat einen Preis zu zahlen, die Währung sind Anerkennung und Reputation unter den sogenannten »Fachkollegen«. Ich kann nicht sagen, dass ich innerlich davon unberührt bliebe, aber in meinem Alter ist der hortus conclusus ohnehin ein besserer Ort als – sagen wir – eine philosophische Greisenkommunität, deren Mitglieder einander versichern, auf welch originelle Weise sie sich niemals vom rechten Weg des Denkens entfernten.

 

A. Bulucz: Mit dem Hinweis auf Heidegger heben Sie einen Denker hervor, der seiner philosophischen Sprache eine etymologische Dimension gab, eine anschauliche und insofern poetische. Er selbst schrieb Ge­dichte, nannte sie »Gedachtes«.
  Wenn, wie Sie sagen, »das Licht der Poesie … aus den Dingen selbst hervorleuchten« muss, dann ist das Gedicht, nicht nur mit Heidegger, sondern insbesondere mit Husserl gesprochen, eine Art phänomenologische Studie, deren Hauptmittel das Bild, die Metapher ist, etwas dem Argument Entgegengesetztes. Dem Gedicht ist seine Sache heilig.
  Dazu fällt mir eine Stelle ein aus Adornos Hegelstudien:

»Hegel mißtraut dem Argument tief und mit Recht. Primär weiß der Dialektiker, was später Simmel wiederentdeckte: daß, was argumentativ bleibt, dadurch stets der Widerlegung sich exponiert. Darum enttäuscht Hegel notwendig die Suche nach dem Argument. (...) Das Ideal ist nichtargumentatives Denken. Seine Philosophie, die als eine der zum Höchsten gespannten Identität äußerste Anspannung des Gedankens fordert, ist dialektisch auch insofern, als sie im Medium des entspannten Ge­dankens sich bewegt. Ihr Vollzug hängt davon ab, ob die Entspannung gelingt. (...)
  Entspannung des Bewusstseins als Verhaltensweise heißt, Assoziationen nicht abwehren, sondern das Verständnis ihnen öffnen. Hegel kann nur assoziativ gelesen werden. Zu versuchen ist, an jeder Stelle so viele Möglichkeiten des Gemeinten, so viele Beziehungen zu anderem einzulassen, wie irgend sich aufdrängen. Die Leistung der produktiven Phantasie besteht nicht zum letzten darin. Zumindest ein Teil der Energie, ohne die so wenig gelesen werden kann wie ohne Entspannung, wird dazu ge­braucht, jene automatisierte Disziplin abzuschütteln, welche die reine Kon­zentration auf den Gegenstand verlangt und welche dadurch ihn leicht verfehlt. Assoziatives Denken hat bei Hegel sein fundamentum in re
  Ohne unterstellen zu wollen, dass Sie ein Dialektiker sind: Was also ist ein Gedicht, sofern es ein gutes ist? Etwas Unwiderlegbares? Etwas, was nur assoziativ gelesen und wiedergelesen werden kann? Etwas, was dem sehr nah kommt, was Sie an einer Stelle als »fühlendes Denken« bezeichnen? Und: Darf und kann Philosophie poetisch sein?

 

P. Strasser:

Doch kaum je gewährt ist
reines Ende den Wegen des Denkens.
Es hieße: noch unterwegs.

Das ist, wenn Sie so wollen, ein »Gedicht« von Heidegger. Warum nicht? Doch bitte, beachten Sie, wie lehrhaft es daherkommt. Wäre man – was einem ohnehin kaum je gewährt wird – am reinen Ende der Wege des Denkens angelangt, dann hieße das, dass man noch immer unterwegs ist: ein schöner Gedanke für die endlose Suche, auf der sich das, in Hei­deggers Sicht, authentische Philosophieren befindet. Aber ein großes Gedicht ist das keines, man könnte die Verszeilen auch auflösen und es ginge buchstäblich nichts verloren.
  Irgendwie kommt mir Ihre Frage »Darf und kann Philosophie poetisch sein?« ein wenig vor, als ob Sie sich von Rudolf Carnaps Diktum, dass Metaphysiker Künstler ohne Talent seien (oder so irgendwie), beeindrucken hätten lassen. Noch einmal: Weder Carnap noch dem Wittgenstein des Tractatus noch sonst einem Neopositivisten ist es jemals gelungen, ein einigermaßen brauchbares Kriterium für die Grenze sinnvollen Philosophierens vorzulegen. Hölderlin und Pessoa haben epochale Poesie geschrieben, die auch von tiefen philosophischen Gedanken durchherrscht wird. Und wenn nun aber einer käme, um zu sagen, das sei keine Philosophie – so what?

 

A. Bulucz: Brockes, Claudius, Klopstock, Hölderlin … Wann findet Gott wieder Eingang ins Gedicht?

 

P. Strasser: Auf Umwegen, denk ich mir, und nicht akkurat unter dem Namen Gottes. Aber eben doch. Nehmen Sie zum Beispiel die Lyrik Friedericke Mayröckers. Ihre lyrische Besorgnis um die »Unschuld des Herzens« – also das ist für mein Gefühl eine Art Proslogion, eine Anrede zu Gott hin, auch wenn es die Dichterin nicht akkurat so sehen möchte. Gestatten Sie mir, dass ich eine kleine Reflexion hier hinsetze, die ich anlässlich des Scardanelli-Bandes von Mayröcker, ihrer Gedichte über den späten Hölderlin publizierte (Der Wahnsinn, kirschenessend, in: Die Presse, »Spectrum«, 8.5.2009):

Hier ist alles voller Blumen und Gewächse, »Fuchsien Weiden Pinien und Reseden lauschend im Garten (ich) Krokus und Haferkorn auch«. Ja, es ist bei der Mayröcker ein zauberisch umschlossenes »ich«, voller Andränge, Tränen, hymnischer Verkleinerungsformen, die immer nur eines wollen: die Welt reinen Herzens zu lieben, trotz allem. Es ist kein Ich, das sich gegen die Welt setzt, obwohl es sich niemals ins Welteinverständige hinein- und das Leben glattdichtet. So wie Mayröckers Gräser hätten sich Walt Whitmans Grass Leaves lesen sollen, denke ich, Scardanelli lesend. Denn nicht der Lebensjasager und Naturenthusiast öffnet uns zur wahren Poesie hin, sondern das reine Herz. Aber dieses ist, im dunklen Tal, zwischen den Widrigkeiten, Banalitäten und Schrecken des Alltags, in der Globusmaschine des alternden Gehirns, einzig als verstricktes vorfindbar. Es ist nie ganz. Blut sickert aus der Lunge, der Wahn­sinn lauert, »kirschenessend in tiefer Nacht«. Ich habe diese Unschuldsanspannung, die Mayröckers Poesie durchzieht, lange Zeit nicht verstanden. Mir gingen die Ticks auf die Nerven, die Dichterin schreibt »1« statt »einer/eine/eines«, aber nicht immer. Sie schreibt immer »sz« statt »ß«. Sie demonstriert Eile oder Überdruss, indem sie an das Ende einer Zeile ein »usw.« setzt. So rackert sie sich ab. Zwischen ihrem höchsteigenen Gestrüpp aus Formuliermarotten glänzt sie umso reicher, voll der Gnaden. Sie liebt solche Bilder, falls sie sehr, sehr kindlich klingen. Dabei schützt sie ihre Unschuld, indem sie sich verkompliziert, starr- und gegensinnig Worthäufchen aufschichtet. Hölderlin, der aus dem Wahnsinnsturm mit »Scardanelli« unterzeichnet, wird aktenmäßig abgekürzt: »Höld.« Denn er ist der Same, aus dem das Ganze, der Zyklus der Wächterin, emporwächst.

Übrigens schrieb mir die Dichterin im Anschluss: »und am besten gefällt mir ›das reine Herz‹, das die Welt lieben will.« Ich finde, dieses Bekenntnis sollte reichen, um Ihre Frage nach dem Eintritt Gottes ins Gedicht zu beantworten, ohne ungebührlich zu forcieren.

 

A. Bulucz: Und zuletzt: Peter Handke bezeichnet seine Gedichte, die eher unbekannt sind, als »Gelegenheitsgedichte«, so als seien sie ihm zugefallen, als seien sie Aufzeichnungen im für ihn so wichtigen meditativen Akt des Gehens. Das Ende des Flanierens heißt ausgerechnet ein bekannteres. Wie würden Sie seine Gedichte charakterisieren?

 

P. Strasser: Aufzeichnungen im Gehen? Ich weiß nicht, ob das stimmt, denn das Gedicht, das mich im Band Das Ende des Flanierens am meisten beeindruckt, trägt den Titel Tageslauf in einem Sommergarten. Dabei ist der Titel schon ein Teil des Gedichts:

Tageslauf in einem Sommergarten

Am Nachmittag fielen ein paar Blätter
von den Akazien
Und am Abend schwankte die Lampe
im leeren Esszimmer

Hier handelt sich's – so würde ich es sehen – um einen moment of being, wie er durch die besten japanischen Haikus evoziert wird. Die Minimalisierung der Bewegungen trägt zum Erlebnis der wundersamen Leere in der stillstehenden Zeit bei. Da ist im Kleinsten eine poetische Imagination gelungen. Und ja, hier hat das Ende des Flanierens stattgefunden, die »Lichtung des Seins« ist aufgetan. Und auch wenn das Gedicht die überkommenen formalen Anforderungen nicht erfüllt – ohne die große japanische Dichttradition wäre es wohl unmöglich gewesen, sich dieses langen Moments zu vergewissern.
  Im Übrigen: Handke selbst hat betont, dass er ein epischer und kein lyrischer Schriftsteller, ein Erzähler und kein Dichter sei. Das ist zur Kenntnis zu nehmen, dankbar für jene Poesie, die ihm dennoch quasi widerfuhr.

 

A. Bulucz: Vielen?Dank für das Gespräch.
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Alexandru Bulucz
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