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Michael Basse

La città della luce

für wolfgang bächler

In dieser nacht hab ich atlantis gesehen
es war kein traum kein platonisches märchen
kein mythos kein zweites gesicht
die luft zum atmen war da
und kiesel von der sonne erwärmt

es gab dort weder tempel
noch richtstätten banken armeen
es gab auch keine gefängnisse
gesetze waren unbekannt
ich kam unter freundliche menschen

auch uhren sah ich nicht
keine bahnhöfe tunnel mega-prospekte
und doch war alles in bewegung
ich hörte geschichten in allen sprachen
erzählen war erste bürgerpflicht

ich weiß nicht ob sie sie erfanden
letztlich spielte es keine rolle
ich war unsichtbar und lauschte
ein sprachloser neuzugang ein nemzi
hätte auch nichts zu erzählen gewusst

um mitternacht begannen die spiele
ich folgte den ritualen der jungen
wie sie mit nichts als stäben & schlingen
ausgewachsene stiere einfingen
ich sah den glanz in den augen der väter

ich sah ein land ohne staatsanwälte
ohne geheimpolizei ohne richter
ich lernte atlantische freundlichkeit
die vielen arten sich zu verschwenden
nur das erzählen lernte ich nicht

manchmal tauchen sie immer noch auf
ilions türme & isar-athen
die mauern der guelfen & die an der moskwa
zeitzonen die sich vermischen
wohnstädte zwischen den atemzügen

albträume die hier jeder kennt
vergangnes das nicht vergehen will
am ende dann doch die verführung
die luft zum atmen ist da
und kiesel von der sonne erwärmt

ecco la città della luce
die stadt und ihr gott sind weiblich
wer sie betritt geht nie mehr fort
wer sie betritt vergisst seinen namen
wer sie betritt wird atlanter

Aus: Prachtmenschen, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2008

Michael Basse  03.12.2008   
Michael Basse
Lyrik