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Uwe Hübner

WENN DU IRGENDWANN döst
auf der Couch, nach der Arbeit oder auch mittags
von der Baustelle nebenan
das ewige Surren der Betonpumpe
ob es dich stört oder nicht.
Wenn du aufschaust
zum himmelblauen himmlischen Himmel
grundlos, an einem unauffälligen grundlosen Tag
nach einigen Minuten Wegrutschen der Birne
was wirklich kein Schlaf war, wird ziemlich klar
daß verdammt viele Züge, ja ja, für immer abgefahren sind.
Nie mehr wirst du
was einst sehnlichster Wunsch blieb, ein
paar Jahre in Prag hausen oder Neuseeland.
Nie mehr auf die Straße rennen
weil der Bofrost-Mann läutet
oder deine oben genannte Birne aus dem Fenster schieben
wenn bloß ein Regenbogen zu erwarten ist. Und
du wirst vielleicht nie
der dunkelhaarigen blassen schmalen Zeitungsredakteurin
richtig sagen können wie gut du das alles findest
ihre Beiträge und ihre verrauchten Zähne. Fünfzig
Platzhirsche tun dies täglich, das reicht.
Ja Mapplethorpe, das wäre gut, aber er atmet zu flach
Lydia für eine Woche an der Wand, Tulips.
So. Hinter jedem Stengel riechst du
Verrat deiner skurrilen Visionen, deiner Person. Dies
hängt mit deinem grauer werdenden Klubbsch zusammen
und es hilft sogar manchmal ein bißchen
schneller die Suppe vom Herd zu kriegen.
Weils keinen Zweck hat. Ja, in der Bahnunterführung
eine exorbitante Figur. Urplötzlich und kerzengrade
mit seltsam narbiger Halspartie
zum Glück mehr als schummriges Licht
und du warst ja auch sofort vorbei: kein zweiter Blick, Gott sei Dank.

Kein zweiter Blick. Womöglich
ginge sonst noch jenes Stück windiger Schatten Erinnerung flöten.
Du weißt ohnehin, daß am Ende
jedes und alles grauenhaft wird:
erstmal das akzeptieren, bevors weiter trollt
sagt deine Freundin Jorinde. Du auch, Arsch. Ja?
Langsam schwindet dir das Territorium
in deinem Kopf die Enklaven. Immerhin erträgt dich die Freundin.
Selbst die sportliche Sonntagseinlage, sieben sieben
obwohls langweilig war, allenfalls
eine lustige Strichlistennummer; die alltägliche ist schwerer.
Hm, beeindruckend
jene Kammwanderung auf dem kahlen Dreitausender
in der Tatra, der weitschweifende Blick
die aufkommende Illusion, dort oben vielleicht doch
ein ganz anderes Leben führen zu können.
Bis es zu regnen anfing und ihr wieder hinab mußtet.
Star Writer PC 3.0, Homecomputer
so ein Ding brauchst du. Damit endlich Klarheit einkehrt
zwischen deinen vier Paar Strümpfen
drei Slips und zwei Hemden –
wann was gewechselt wird und wohin.
Und also wieder Alltag. Gnade
Gnade Sisyphos: Brot kaufen, Sprudel Tomaten Senf
Ohrenputzen Kohleschleppen Mietüberweisung
Versicherung und schließlich die Steuer.
Ja Sisyphos, das Problem ist nicht einfach
die Größe des Steins, die Schwere der Neigung
das Problem bleibt die Wiederholung, immer das Gleiche
obwohls nicht wirklich immer das Gleiche ist. Aufstehn
Lump, zur Arbeit. Freier Mann auf freiem Grund.
Moor trockenlegen, Scheiße filtern
Drogen herstellen (nein, war falsch). Dafür
aus dem stocktrockenen Feld nun ein Biotop. Ende August
empfindliche Kühle auf der Haut, ein Schauer
zwischen Hemd und Rücken, frühmorgens.
Hinter der Giebelfront, weit fort, kleine Schäfchenwolken
davor werden mehrere weiße Fetzen gejagt. Herbst
Herbst, für dich langsam einer zuviel. Zuviel der Farbenpracht
des Konzept-Großkünstlers Natur.
Wenn schon, dann Kuhjungen vom Dach
daß es nur so klatscht. Ja, wie kommt es
die komische Wehmut, bloß weil
ein zwei schwere Asternköpfe, eingeknickt und zerzaust
vor einem ausdrücklich als schön nominierten Sonnenuntergang ausharren
der, jeder weiß es, kein tatsächlicher Untergang ist.
Wie kommts, daß dir irgendwer noch was glaubt.
Der Eichenwald, den du gepflanzt hast
fünfzehn Jahre gegossen umhegt
bleibt weiterhin beinah unsichtbar.
Pappeln wären flotter gewesen.
Gut. Die Bank glaubt dir, daß du zweitausend Mark besitzt
aber letztlich besitzt sie im Moment dein Geld.

Die Trauben gereift, rechts
links von der Pöppelmann-Treppe
in Radebeul eins. Auf halber Höhe eine Familie
mit Picknickkorb sitzend und schauend ins Tal
auf den Mann der winzig von unten raufkommt
die sich vorwärtsbimmelnde Schmalspurbahn
historische Rußschleuder, auf die Nacht
die der Zug offenbar im Schlepptau hinter sich herzieht.
Dionysos pennt schon
mit Idealzustand unsichtbar im Weinlaub
die Familie trinkt Landmilch. Oben
am Ende von Pöppelmanns Auftrag, hingeprotzt
ein fetter Bismarck-Ständer, ganz üblich garniert
dreiviertel trockene Würste Pisse Bier- Coladosen
ein wenig, für eine Sekunde
wie ein ausgedienter abgewickelter Leuchtturm, nur
daß er wahrscheinlich keinem einzigen Menschen heimblinkte
zwischen den zahllosen, den unendlichen Klippen
den richtigen Weg je wies.

Uwe Hübner   2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Uwe Hübner
Lyrik
Pinscher und Promenade