poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Ursula Kirchenmayer
Kalle und ich


Kalle ist meine beste Freundin. Ihr Haar ist ganz kurz und stoppelig, sie trägt eine Brille mit einem Pflaster auf dem rechten Glas, sie schielt nämlich ein bisschen. Kalle kann auch ziemlich schüchtern sein, am Anfang jedenfalls.
Genau deshalb haben wir uns kennen gelernt. An einem der ersten Tage in der Schule war das. Ich stand draußen im Flur und hab mich nicht getraut, zu den anderen zu gehen. Und Kalle saß mit ihrer Mutter in der Garderobe und hat geheult. Am dritten Tag war meine Angst weg, aber Kalle saß immer noch in der Garderobe und hat geheult. Ich sollte sie reinholen. Danach habe ich sie immer reingeholt. Solange, bis Kalle keine Angst mehr hatte.
Eigentlich heißt Kalle Karla, aber in ihrer Familie wird sie schon immer Kalle genannt. Kalle sagt, sie habe zwei große Brüder gehabt. Die sind aber bei der Geburt gestorben, sagt Kalle. Ich glaube ihr das nicht. Einmal hat mich Kalle deshalb am Ärmel gepackt und bis vor ihre Haustür gezogen, ihre Mutter wird mir das bestätigen, hat sie gesagt, wenn ich ihr nicht glaube. Ich wollte das nicht hören. Ich habe mich losgerissen und bin über die Straße gerannt. Von der anderen Straßenseite aus habe ich Kalle beobachtet, sie hat geklingelt und sich auf die Stufen vor ihrer Tür gesetzt und gewartet. Kalles Mutter hat die Tür geöffnet und mich mit einem vorwurfsvollen Blick bedacht, dann hat sie Kalle zu sich ins Haus gezogen.
Meine Mutter sagt, Kalles Mutter mag mich nicht, weil ich nicht in Deutschland geboren wurde. Und weil ich auf der anderen Seite des Viertels wohne. Dort, wo die Sozial­wohnungen sind. Wir haben auch so eine Wohnung. Aber Kalle hat ein Haus, ein richtiges Haus, mit einer Terrasse und einem Garten, mit Bäumen, Blumenbeeten und sogar einer Schaukel darin, umgeben von einem Bretterzaun, der so hoch ist, dass man von außen nicht reinschauen kann. Und im Haus gibt es Treppen, die einen zu den Zimmern im Ober­geschoss führen, und runter in den Keller, in den Hobbyraum. Ich kannte das Wort früher nicht – Hobbyraum. Wenn Kalle Geburtstag hat, dann feiert sie dort.

Ich bin barfuss, das Pflaster ist warm unter meinen Füßen. Fotze, schreit Kalle hinter mir. Fickser, schreie ich. Lern erst mal Deutsch, schreit Kalle, das heißt Wichser, nicht Fickser. Ich bleibe stehen, außer Atem. Ich kann besser Deutsch als du, sage ich. Kalle kommt auf mich zuge­laufen. Du bist aber keine richtige Deutsche, sagt sie, und ich schon. Sie grinst. Ich will weinen, aber ich ver­kneife mir das. Heul doch, sagt Kalle. Manchmal kann Kalle richtig fies sein und ich nehme mir das immer zu Herzen. Ich bin zu langsam mit den Worten, ich kann mich nicht gut ver­tei­digen, wenn Kalle fies ist.
Kalle hat eine große Schwester, sie ist drahtig und sportlich, hat ganz langes Haar und trägt rosafarbene Haarreifen. Sie ist Klassenbeste. Ein Mädchen, sagt Kalle abschätzig und grinst. Kalle grinst gerne und viel in letzter Zeit, sie ist stolz auf ihre neue Zahnlücke. Sie behauptet, sie hätte sich geprügelt, aber ich glaube ihr das nicht. Wenn überhaupt, dann wurde sie verprügelt.
Ich habe einen kleinen Bruder, der schon in Deutschland geboren ist. Was die Worte betrifft, ist er noch langsamer als ich. Zweimal ist er heulend und blutend nach Hause gekommen. Einmal hat ihm eine Gesamt­schülerin mit dem Finger­nagel den Rücken aufge­kratzt, den ganzen Rücken, von oben bis unten. Und ein andermal hat ihm ein anderer Gesamt­schüler eine eiserne Spirale ins Gesicht geschleudert, er hatte dann eine Woche lang einen kreisrunden Abdruck auf der Wange.
Vor den Gesamtschülern müssen wir uns immer verstecken. Manchmal sitzen sie auf unseren Spielplätzen und rauchen oder trinken, aus ihren Boxen dröhnt Musik. Dann sind wir besonders vorsichtig. Wir schleichen uns am Platz vorbei und hauen ab, möglichst schnell und möglichst leise. Wir können das, wir sind richtige Profis, so oft haben wir es üben müssen. Wir erkennen die Gesamt­schüler schon von weitem, wir haben uns die Art, wie sie laufen und sprechen, gut eingeprägt. Es gibt gefähr­liche und unge­fährliche Gesamt­schüler. Die gefährlichen würde ich auch erkennen, wenn sie außer Sichtweite sind. Die gefährlichen reden anders als die ungefährlichen, sie bewegen sich anders, sie grinsen schief, sie röcheln und spucken auf den Boden, und wenn wir ihnen zu nahe kommen, dann spucken sie uns ins Gesicht.
Aber wir können uns verteidigen. Alle Kinder im Viertel wissen genau, wie man jemandem in die Eier tritt. Und alle Kinder wissen genau, wie es sich anfühlt, wenn einem jemand in die Eier tritt. Wir sagen selten: in die Muschi treten. Wir sagen fast immer: in die Eier treten. Vielleicht, weil man im Viertel immer auch ein halber Junge sein muss. Man muss Fußball spielen können, man muss schimpfen und fluchen und rotzen, niemals aber darf man heulen, wenn man selber beschimpft oder geschlagen wird. Man muss rülpsen und spucken und beißen und im Winter muss man mit Schneebällen werfen und sich mit Schneebällen einseifen. Und jeder muss wissen, wie man dem anderen volle Kanne in die Eier tritt.

Heute scheint die Sonne und es ist sehr heiß draußen, dabei haben wir erst Mai. Kalle und ich hatten nur bis elf Schule, wir sind schon den ganzen Nachmittag unterwegs. Unsere Hände und Münder kleben noch vom Wassereis, das wir vorhin gegessen haben.
Kalle hat ihre Hausaufgaben schon gemacht, sie erledigt sie immer gleich nach der Schule. Wir treffen uns am frühen Nachmittag, wenn sie fertig damit ist. Ich esse bei meiner Oma zu Mittag und schaue dann fern, bis Kalle mich abholen kommt oder anruft. Die Hausauf­gaben mache ich abends, wenn meine Eltern von der Arbeit zurück sind. Manchmal, wenn ich keine Lust habe, lüge ich die Eltern an und behaupte, wir hätten keine aufbekommen. Sobald die Eltern im Bett liegen, stehe ich heimlich auf und hole meine Hefte aus dem Ranzen. Weit komme ich dann nicht mehr. Trotzdem kriege ich immer bessere Noten als Kalle.
Auf dem Kirchplatz sitzt Melody. Wir glauben alle, dass Melody Läuse hat. Sie hat rotes Haar, steif und dicht und voller weißer Punkte am Haaransatz. Einmal bin ich absichtlich ganz nah mit meinem Kopf an den ihren rangegangen, weil mir meine Mutter gesagt hat, dass Läuse ansteckend sind. Ich wollte ausprobieren, ob ich auch welche kriegen würde, aber es hat nicht geklappt.
Jetzt sitzt Melody auf der Bank vor der Kirche und kaut auf einem Pfirsich herum. Als sie uns sieht, wirft sie den Kern auf die Straße. Weißt du denn nicht, dass man das nicht macht, sagt Kalle, einfach Müll auf die Straße werfen. Na und, sagt Melody, da wächst ein Baum raus, ein Pfirsichbaum. Auf Beton wächst kein Baum, sagt Kalle. Doch, sagt Melody. Ich mische mich nicht ein, ich bin mir nicht sicher, ob auf Beton ein Baum wachsen kann oder nicht.

Hinter der Kirche spielen ein paar Jungs. Sie haben Jackie das Cappy geklaut und werfen es sich gegenseitig zu. Jackie ist kleiner als wir. Er ist aber tapfer und heult nicht. Er gibt sich Mühe, sein Cappy zu fangen, aber er schafft es nicht. Er tut so, als fände er das Spiel lustig. Ich kenne Jackie nicht gut, nur vom Sehen. Die anderen Jungs kenne ich ein bisschen besser, da sind zum Beispiel Maxi und Tom, die sind in meiner Klasse, und Alex, der große Bruder von Lisa. Den fünften Jungen habe ich noch nie gesehen, er ist ziemlich groß und dick und mindestens zwei Jahre älter als der Rest.
Das Cappy landet vor meinen Füßen. Ich hebe es auf. Ein paar der Jungs wedeln mit den Händen und brüllen: Hierher, hierher. Ich habe plötzlich keine Lust, das Cappy zurück­zugeben. Ich will mitspielen, klar, aber vorher will ich das Cappy kurz behalten. Ich überlege. In diesem Moment kommen Maxi und Tom auf mich zugelaufen. Ich weiche ein paar Schritte zurück. Gib das Cappy her, schreit der Dicke. Ich drehe mich um und renne los. Hinter mir brüllt einer: Fasst den Dieb, schnell. Ein anderer ruft: Schlampe.
Kurz vor der Kirchenmauer haben sie mich eingeholt. Sie stürzen sich auf mich. Mit flachen Händen schlagen sie von allen Seiten auf mich ein, der Dicke, Maxi, Tom, Alex, sogar Jackie. Ich senke den Kopf und verberge das Cappy in meinen Armen. Ich habe Angst, ich gehe in die Knie. Zwischen meinen Beinen wird es nass, ich schäme mich.
Aus den Augenwinkeln sehe ich Kalle. Wie angewurzelt steht sie zehn, vielleicht fünfzehn Meter entfernt, in sicherem Abstand, und schaut zu. Kalle, schreie ich. Die Hose klebt mir feucht zwischen den Beinen. Der Dicke kniet sich auf mich drauf und drückt mir die Luft ab. Ich kann nichts sehen und immer noch spüre ich, wie die Hände von allen Seiten auf mich nieder­prasseln.
Spinnt ihr, oder was! Mädchen schlägt man nicht!
Der Vater von Alex schiebt die Jungs auseinander, er zieht sie an den Ohren und jagt sie davon und die ganze Zeit über hört er nicht auf zu schimpfen. Die Jungs machen sich aus dem Staub. Der Vater von Alex wendet sich um. Er fragt mich nicht, wie es mir geht. Er verschwindet im Hauseingang.

Kalle steht immer noch zehn, vielleicht fünfzehn Meter von mir entfernt und starrt mich an. Sie sieht betreten aus. Sie macht zwei Schritte auf mich zu und bleibt dann wieder stehen. Alles in Ordnung, fragt sie. Ich antworte nicht.
Ich erhebe mich und klopfe mir den Staub von den Klamotten. Meine Beine zittern, meine Lippen auch. Meine Hose klebt mir nass im Schritt. Kalle kommt noch zwei Meter näher und bleibt wieder stehen. Ich will jetzt nicht mit Kalle reden. Ich will Kalle nicht sehen. Ich will alleine sein.
Feigling, flüstere ich, du bist so ein Feigling.
Dann drehe ich mich um und renne ein Stück. Als Kalle nicht mehr zu sehen ist, laufe ich langsamer. Ich will nach Hause. Tränen rinnen mir über das Gesicht, ich schmecke ihr Salz auf den Lippen und auch den rostigen Geschmack von Blut im Mund. Ich wische mir das Blut mit dem Ärmel ab.
Meine Mutter ist schon zu Hause. Wie siehst du denn aus, ruft sie. Ihre Stimme klingt empört und aufgeregt. Ich drängele mich an ihr vorbei und stürze sofort auf mein Zimmer. Dort schließe ich mich ein. Ich ziehe mir die nasse Hose aus und werfe mich aufs Bett, ich weine leise unter dem Kopfkissen. Irgend­wann schlafe ich ein.
Als es an der Tür klopft, wache ich auf. Telefon, höre ich die Mutter sagen. Ich reibe mir die Augen. Lass mich in Ruhe, sage ich. Stell dich nicht so an, sagt die Mutter.
Wer ist es denn, frage ich.
Kalle, sagt die Mutter: es ist Kalle.
Ursula Kirchenmayer   21.05.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Ursula Kirchenmayer
Prosa