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es ist ein irrtum
zu glauben in einem
gedicht könne man sich
ausruhen etwa den kopf behaglich
auf eine metapher legen es wäre
verdächtig sich an der mühe vorbei
zuschaukeln in grün oder
rosa als stände die zeit still
in einem gedicht an der
peripherie zur wirklichkeit
wie auch immer diese sich kleidet
um den morgen zu grüßen den mittag
die nacht in der die dinge ihre
namen verleugnen und doch nicht
verloren gehen im scheinbaren
stillstand während die uhren sich unbeirrt
weiter und weiter im kreis drehen es ist
ein irrtum zu glauben ein gedicht sei
so etwas wie ein schiff ein handhabbares
küchengerät ein blumentopf ein aschekasten
mantel handschuh runder hut irgendetwas
zum reintun ein ort ohne bewegung ein gefäß
das vielleicht ohne schweiß auskommt so
ist es nicht ein gedicht ist keine ansammlung
von vermutungen ein gedicht ist absicht ist
höhlung erhebung ist auslassung ist behauptung ist
flüssig und schartig ist (im schlimmsten fall) süß bitter
und abgründig lebendig freundlich zuweilen
und es kommt unerwartet entgegen
wie ein freund ein feind
an die tür ans fenster auf dem
gehsteig es ist wie die umarmung
eines fremden im stadion der handschlag eines
bettlers im tunnel die berührung der wange
durch eine frau dies ist keine kissen
diese metapher

Undine Materni13.04.2006Print

Undine Materni
Lyrik