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Ulrich Bergmann
Matrizen und Matratzen der Design-Welt

Ein paar Bemerkungen zur Biennale in Venedig 2013

  Biennale 2013

 



Venedig, Septemberende, im Abseits des Großen Wellensittichs   



Hinter mir die Toteninsel San Michele. ... Abends auf dem Zimmer in einem ab­gele­genen Viertel von Cannarégio bei Fondamente nove lese ich keins der mitge­nomme­nen Bücher, unge­lesen André Schinkels Brief, den ich nach Venedig mit­nahm – so voll der Tag, so viel­fältig das Getümmel dieser immer musea­ler wer­denden Stadt. So reich an Kunst ist Venedig, dass ich bei jedem Aufent­halt Neues entdecke, diesmal das Museo Fortuny mit einer wunder­bar kura­tierten Tàpies-Aus­stellung im Rahmen der Biennale. Zwischen märchen­haft fu­turis­tisch glühenden Fortuny-Lampen, Kostümen, Vitrinen und Bühnen-Modellen im Pa­lazzo des 1949 gestor­benen Erfin­ders, Beleuchtungs­spezia­listen, Designers und Mode­schöpfers Mariano Fortuny hängen die leuch­tenden Bilder ...
  Die Biennale zeigt viel. Zu viel. Viel Unwichtiges, längst Durch­dekliniertes, Schrei­endes, Dummes, Fades – aber auch Anregendes, Unter­haltsames. Wirk­lich Wich­tiges, wirk­lich Neues sehe ich kaum. Die documenta in Kassel letz­tes Jahr wirkte stärker, auch wegen ihrer Gestal­tung als breiter Horizont von Kunst­begriffs ­verschie­bungen. Das Thema der Biennale, „Il Palazzo Encic­lopedico“, unter­liegt allzu oft dem Prinzip des Länder­pavillonis­mus.
  Giardini: Ai Wei Weis Hocker im französischen Pavillon (von Deutsch­land einge-laden, man tauschte gegen­seitig die Pavil­lons): parabolisch und be­deutungs­los schön zu­gleich: Unsesshaftigkeit, Heimat­losig­keit, absurde Exis­tenz in materiel­ler Über­fülle, Tanz­sprünge der Dinge; hand­werklich sehr gut die in­einander ge­steckten Hocker, die durch den Raum zu fliegen schei­nen und die Rumpel­kammer des Seins ge­stalten – Un­sinnig­keit, Nutzlosig­keit, Un­benutz­bar­keit werden dinglich, Un­ord­nung wird, leicht frisiert, zur beweg­ten Skulptur.

Der zentrale Pavillon zeigt Bilder von Maria Lassnig – inmitten der vielen Spielchen und Spiele mit Formen, Moden, Lebens­art in den anlie­genden Räumen: Eine alte Frau im Tanz mit dem Tod, Tango nackt. In einem anderen Bild richtet die gleiche Frau eine Pistole auf den Betrachter, die andere gegen ihre Schläfe: Du oder ich! So expressiv, so bildhaft auf den Kern reduziert, so konse­quent aufs Ganze gehend wurde schon lange nicht mehr gemalt.
  Der Russland-Pavillon ironisiert den obskuren Geldfluss in der Welt. Man händigt „only“ den Besuche­rinnen trans­parente Schirme aus, damit sie sich – in Anleh­nung an Danae, die von Zeus mit einem Goldregen befruchtet wurde – unbe­scha­det in den Geldregen stellen können, der vom Dach fällt, gepumpt aus einem finste­ren Keller­loch – während die Männer von oben, auf Kirchen­bänken kniend, zusehen, wie die Frauen das Geld auf­sammeln und den Kreislauf in Gang halten – wohl keine gewollte Anspielung auf Beuys' Honigpumpe in Kassel, glaube ich, son­dern Karikatur light.
  Rudolf Stingels orientalisch gemusterte Teppiche im Palazzo Grassi – über 5000 Quadrat­meter grob gedruckte Teppiche als Tapete und Fußboden – ver­sinnlichen in ironischer Ver­frem­dung und Über­treibung die Repro­duzier­barkeit des Kunst­werks im technischen Zeitalter. Na gut. Das Echte ver­schwindet in den Museen aus der Welt und ver­kümmert zur Matrize einer Design-Welt. Und die Augen legen sich hier auf die Ma­tratzen der modischen Gefälligkeiten.
  Arsenale: Beim Verlassen der großen Hallen hört der Kunstgänger die Blechbläser auf der S.S. Hangover: ein blau­weißer Kahn mit einer Flagge als Segel. Bei langsamer Fahrt lange Töne aus Ebbe und Leere.


In einer Werfthalle erfüllt Kunstwille die Luft und dringt weit vor in die ande­ren Räume: Auf dem Boden die bunten Kegel der Gewürz­pulver­haufen, ange­strahlt von oben.
  China tut sich schwer mit einer parodistisch-para­boli­schen Adaption des Höllen­sturzes von Michelangelo in der Sixti­nischen Kapelle – als Grisaille: Alle Gesichter der in die Hölle Fallenden sind chinesisch, kahl rasierte Körper und Köpfe, oben steht Christus als Richter, nackt wie alle, ohne Kluft und Partei­ab­zeichen. Akte, Akteure des Falls aus dem Bereich des oberen so­zialen Drittels.
  Es ist ab und zu gut, das auf der Biennale Gesehene zu vergleichen mit älterer Kunst. Das war vor zwei Jahren einer der schönsten Ein­fälle der Biennale-Macher, die in den zen­tra­len Pavil­lon der Giar­dini drei riesige Tin­toretto-Gemäl­de hängten, deren per­spekti­vi­sche und bildhafte Wucht dem Besucher die Luft nahmen ... In Peggy Guggen­heims Mu­seum stieß ich auf eine Collage von Max Ernst, die er Ferdinand Cheval, dem Post­boten, zudachte. Der hatte sich ein Grabmal gebaut, ein Mauso­leum, das weit über die Über­fremdungs-Scholastik aller Biennalen hinaus­ragt: Palais idéal nannte er es. Was für ein Name für eine Toten­stätte! Peter Weiss schrieb darüber in den 60ern einen Artikel mit den ein­zigen Bildern, die damals die Lite­ratur­zeit­schrift „Akzente“ in ihren Blei­wüsten zuließ – so befrem­dend und erstaunlich anmutend war die Archi­tektur des Auto­didakten Cheval.
  In den Räumen des Palazzo Cini stellt Angola, Gewinner des Goldenen Löwen, seine Bilder und Skulp­turen aus, ein Stockwerk über der schönen Sammlung italie­nischer Werke. Die Bilder aus Angola sind in der Tat bemer­kens­wert: Dortige Zustände, Armut und Unter­drückung, werden durch die formale Gestaltung, die an die besten euro­päischen Meister der klas­si­schen Moderne erinnern, ins Allgemeine erhoben. Afro­expres­sionis­mus.
  Unter vielen belang­losen Video­filmen dieser eine heraus­ragende: über Blinde, die auf dem Boden kniend malen.

So viele Paläste, so viel Kunst! Ich werde nicht satt, aber müde.
  Ich lese André Schin­kels Brief, er legte einen kleinen Prosa­text hinein: „Unter dem Blau­glocken­baum“ – Pfalz-Impres­sionen, tage­buch­artige Refle­xionen von der „anderen Sei­te dieses selt­samen Landes“, schreibt er aus Halle an der Saale. ... Und ich denke, es gibt noch so viele ande­re Seiten, ich emp­fin­de Fremd­sein / Anders­sein schon in West­falen, nicht weit von Bonn am Rhein. Noch mehr Fremd­heit fühle ich in Ost­fries­land ... Die andere Seite finden wir ja schon in uns selbst ... manchmal ... Dann über­fremden wir uns auch, um uns zu ret­ten, wie die Kunst.

Fotos: Ulrich Bergmann

Ulrich Bergmannt    09.10.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 

 
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