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Udo Kawasser
Einbruch der Landschaft
(Auszug)


der Geruch einer Ananas könne einen Vogel in der Luft zum Stehen bringen, so Piñera, aber es gibt eine Strömung hier, die spült mir den Stift aus der Hand... es fällt mir immer schwerer diese Aufzeichnungen fortzuführen, was treibt mich ihre Briefe... gestern hoffte ich, wir werden nie so für einander empfinden... jetzt ist es mir doch passiert, diese Mattigkeit, die mich auf einmal befallen hat, das Gefühl zu Schwinden bei lebendigem Leib, hatte schon geglaubt, meine Vorsicht würde mich auch die zweite Hälfte meines Aufenthalts überstehen lassen. diese Erniedrigung durch einen haltlos gewordenen Darm, der jeden Schritt vor die Tür zur Mühsal und zum unkalkulierbaren Risiko werden lässt, sein unter Krämpfen hervorspritzender Inhalt, den ich mit Wasserkübeln hinunterschwemmen muss, da die Tanks auf dem Dach wieder leer sind, das Pendeln zwischen Bett und Klo in dieser neuen Behausung, der Schweiß rinnt mir in dem engen Abtritt in die Bauchfalten, sammelt sich als kühler Fleck am Steiß, die längst entleerten Eingeweide pressen nur mehr einen hellen, stinkenden Schleim hervor, über dem ich zusammengekauert brüte, weiß nie, ob ich schon aufstehen kann, ob noch mehr kommen wird. was habe ich mir da eingefangen, dass mein Körper nicht mehr an sich halten kann, sich in ein einziges furzendes Loch verwandelt und die Gedanken herabzieht und lähmt? hätte das Frittierte an Vidas Stand nicht essen dürfen! starre vor mich hin, über mir surrt die Neonröhre, während der Anus sich immer wieder zusammenzieht, entspannt... da bewegt sich etwas vor meiner Nase, aus den Ritzen der morschen Klotür tasten die filigranen Antennen der Kakerlaken hervor, es tue ihr leid, ich müsse verstehen, aber eine Jinetera, so eine schwarze Nutte aus dem Osten, so meine weiße Vermieterin, komme ihr nicht ins Haus. hatte nicht glauben wollen, dass es wirklich Probleme geben könnte. wen geht es schon an, wen ich mit aufs Zimmer nehme. sie wolle keine Scherereien mit der Polizei haben, ¡imagínate tú! stell dir vor, es sei verboten und schließlich geschehe es auch zu meinem eigenen Schutz. hatte Vida nicht geglaubt, als sie mich davor warnte, mit ihr zusammen hoch zu gehen, tatsächlich war es schon vorher ein Fehler gewesen, ihre Hand zu nehmen, als wir von der Rampa Richtung Vedado gingen. hatte der Abend dadurch nicht sehr bald etwas Mechanisches, allzu Vorhersehbares bekommen? selbst als ich mich bemühte, den Weg zu meinem Zimmer zu verlängern, nach der BANCO POPULAR Vida auf eine der Bänke im Halbdunkel des anschließenden kleinen Parks zog? da saß dann einer, der wollte Gefühle, wollte überwältigt werden von der Anwesenheit des anderen, es war der Augen Untergang, die Hand der Frau in seiner begann zu wiegen, lag ihm wie ein lebloses Ding zwischen den Fingern, das Du floh aus den Berührungen, sickerte in die Schatten, die sie unter dem Ficus umgaben, mit immer forscheren Zärtlichkeiten haschte er nach den fliehenden Empfindungen, hielt ihr Fleisch unter dem Lycrahemd umfangen und sah über ihre Schulter hinweg in das gelbe Licht der Straßenlaterne. die 23. Straße lag ermattet in der Nacht und gähnte, ließ den Schweiß aus ihren Schenkelfalten verdunsten, sehe den dunklen, bizarr ausfransenden Umriss zweier mächtiger Gestalten aufragen, eine Schindmähre, die sich in zuckendem Irrsinn aufbäumt, auf ihrem Rücken die ausgezehrte Gestalt des Hidalgos mit spitzem Bart, der um sein Gleichgewicht kämpft und wie die Mambizes das Schwert schwingt gegen einen eingebildeten Feind. auf ihren Hinterläufen steigt Rocinante in den Nachthimmel Havannas, habe mich wieder auf das Bett gelegt, in den kühlenden Propellerstrom, wie können einen von einem Tag auf den anderen so die Lebensgeister fliehen, wie ist es möglich, dass mich in den letzten beiden Tagen das Herabsteigen von diesem Dachzimmer in Centro Habana so erschöpft und das alles nur um ein paar Malangas oder einen dieser aufgeschäumten weißen Brotwecken zu bekommen, die nicht schwerer wiegen als das Geld, das man für sie bezahlt. meine neue Vermieterin, eine Mulattin kocht mir die wie Kartoffeln schmeckenden Malangas als Schonkost, sie hat mir auch ein Glas Wein mit einer Zigarre in einen Winkel gestellt, San Lázaro werde mir helfen, meinte sie und lächelte. liege nackt auf dem fadenscheinigen Laken des Lagers, möchte gerne ein wenig schlafen, aber der Metzger aus dem hinteren Gebäude muss schon wieder einmal am frühen Abend besoffen sein und beschallt die ganze Nachbarschaft mit Julio Iglesias, immer die gleichen, triefenden Lieder, schon seit zwei Stunden, doch niemand, der sich traute, bei ihm anzuklopfen wie mir Mayra, die Vermieterin erklärt hat, aus Angst, der Metzger könnte sie oder ihn das nächste Mal, wenn eine Ladung Fleisch ins Geschäft kommt, leer ausgehen oder einen höheren Preis zahlen lassen. das Fenster hier hat keine Scheiben, nur Holzläden mit Lamellen. Stimmen, Haushaltsgeräusche, plärrende Radios und Fernseher, das Rumpeln und Hupen unsichtbarer Autos werden vom böigen Wind hereingeweht, passieren in einem unentwegt geführten akustischen Angriff die porösen Wände (heißt nicht der Himmel bei Hölderlin Halle?), wie sich der eindringenden Außenwelt erwehren, mein Durchgangsleib, Havanna, das Glied, ein zusammengeschrumpfter Rumpffortsatz, liegt taub zwischen den Beinen, hat einen Tropfen Urin auf das Schamhaar geperlt, wische es mit dem Laken ab, da bricht der Luftstrom ab, ersterben die Fernseher, Radios und Julio Iglesias, auch die Deckenlampe ist mit einem Schlag erloschen: apagón, Stromausfall im Viertel, die Frage ist nur, wie lange es dauern wird, obwohl es mir hier, zum Siechtum verdammt, ohnehin gleichgültig sein kann. ob ich je wieder etwas von Vida hören werde, ohne die ich wohl nie von diesem Zimmer erfahren hätte, Mayra hat zwar keine Lizenz und das Zimmer ist in einem bedeutend schlechteren Zustand als das erste im Vedado, aber dafür zahle ich ihr weniger und selbstverständlich hatte ich nicht bleiben können, nachdem die Vermieterin, so eine Orientalin oder hatte sie zu Vida Palästinenserin gesagt, wie sie hier in der Hauptstadt abschätzig zu den Leuten aus dem Osten sagen... unmöglich länger dort zu bleiben!

kaum fiel an jenem Abend die Tür hinter uns zu, wurde es finster im Stiegenhaus, apagón. als wir auf die Straße traten, war es dunkel so weit das Auge reichte, nur ein schwaches Licht kam vom wolkenverhangenen Himmel, Schemen huschten auf den Gehwegen vorüber, manchmal lachte jemand hell auf oder bohrte ein Fahrzeug seine Lichtfinger in die Finsternis. schleppe mich wieder auf die Klomuschel, tappe ein paar Schritte an der Wand entlang zur Tür, dann gehen wir einfach zum Colón, meinte Vida. während ich noch an einen Hörfehler meinerseits glaubte (hatte sie wirklich den Friedhof Colón gemeint?) fuhr sie wie selbstverständlich fort: ja, da sind wir ungestört, ein Stromausfall um diese Zeit kann Stunden dauern, das ist unsere Chance, es ist nicht weit. mit dem Letzteren hatte sie sicher recht, und schon schleppte sie mich zum Friedhof mit den weißgelben Mauern, den ich jeden Tag von der 23. aus sah, wenn ich eine máquina nahm. hatte ich mir seit meiner Ankunft nicht täglich aufs neue vorgenommen, diese Sehenswürdigkeit aus weißem Marmor zu besichtigen, es aber jeden Vormittag, da ich nicht so früh aus dem Bett kam, auf den nächsten verschoben, und nun führte sie mich an der Mauer entlang auf die nach Süden gelegene Rückseite. die mit Bäumen gesäumte Straße schien völlig verlassen. schwitze schon wieder, obwohl ich nur ein paar Schritte im Dunkeln gegangen bin, dabei hat etwas unter meinem Fuß geknistert, vielleicht eine der Kakerlaken, die nachts ausschwärmen, warte nun wieder machtlos darauf, was meine Gedärme entscheiden werden. woher hatte ich nur damals meine Kraft genommen? war Vida ein wenig benommen gefolgt, vielleicht wirkte schon der Rum Marke Mulata, den wir vorhin an einem Stand gekauft hatten, vielleicht war es das Begehren, das ich aus ihrer Stimme zu vernehmen glaubte, oder war es meines? hier, bestimmte sie plötzlich, während ich mir überlegte, was wohl geschehen würde, wenn sie uns erwischten, die Eisenstäbe da oben haben keine Spitzen mehr, lass uns hier hinüberklettern, spürte den blättrigen Verputz der Mauer unter den Fingerkuppen, das korrodierte Eisen, nur ihr Atem und meiner waren zu hören, zog sie an mich heran und hievte sie auf den Mauersockel des Zauns, kletterte an ihr vorbei die zwei Meter hinauf, hielt mich mit der Linken fest an einer Metallurne, die auf dem gemauerten Zwischenpfeiler stand und zog Vida mit der Rechten hoch. als ich schließlich auf der anderen Seite ankam, zuckte ich zusammen. ein Hund hatte aufgeheult, aber in der Ferne. hatte ein seltsames Gefühl in meinen Händen, sie rochen nach Eisen. Blut oder Rost? konnte in dem schwachen Himmelslicht nichts erkennen, vielleicht war es auch nur Schweiß, half Vida beim Herabsteigen, ihre Pobacken fielen mir reif in die Hände, als sie an mir herabglitt, schob sich das Top über ihren Busen hinauf, endlich beginnt sich im Unterleib etwas zu regen, ein dünner flüssiger Strahl fällt ins Porzellan, bringt mir aber keine Erleichterung, sie lachte nur, weil ich auf ihre zugespitzten Brüste vor meiner Nase starrte, ich möchte dich nackt sehen, weil mich das gleichzeitig beruhigt und aufregt, warum ruft diese Nähe eine andere wach? was machen die Worte einer anderen, ihre Worte hier? warum tritt sie mir in jeder Frau entgegen, in jeder Zärtlichkeit? wollte nicht mehr an sie denken, sie zum Schweigen bringen in mir, und wenn das nicht geht, ihre Stimme übertönen. fühlte sich diese Haut wirklich anders an? was war das für ein Duft, der aus Vidas Poren aufstieg, mich hart machte, während Wolken durch meinen Kopf zogen oder rauschten dort die Wellen? ein immenser marmorner Gottesacker zeichnete seine Schatten in die Nacht, Vida ging voran, ich stolperte über einen Absatz, den ich übersehen hatte, war da auch wirklich niemand, der auf den Friedhof aufpasste? und die Lebenden und die Toten... konnte sie aber nicht fragen, ohne mich lächerlich zu machen. wir lauschten kurz, hörten ein Rascheln unter dem Baum in der Nähe, no te preocupes, acá no hay nadie *, meinte sie, lächelte wieder und zog sich in aller Ruhe auf der Grabplatte aus, ich freue mich schon auf deine Gegenwart, auf deine versöhnende Umarmung, die die Zeit aufhält und den Tod. warum hatte ich hier in Kuba wieder begonnen ihre Briefe zu lesen, diese Sätze, die sich wie kalte Eisenstäbe in mein Mark schieben? spürte nun den harten polierten Stein unter mir, ihren weichen dunklen Körper, der sich etwas üppiger anfühlte, als ich erwartet hatte, die Nacht hatte einen Leib bekommen, der sich nun auf mich schob. was machte ich hier mit ihr? ich wiederholte mich. oder war alles nur ein Leib, die Wiederholung eines Fleisches? sie setzte sich auf mich, begann mit kreisenden Bewegungen ihren Umrissen Gestalt zu verleihen, ein starker, fast beißender Geruch stieg von ihrem Geschlecht auf, wie ich ihn noch nie gerochen hatte. wie viel Fremdheit ist notwendig, um sich selbst fremd zu werden, herausgebrochen zu werden aus seiner Schale? Küsse, Zärtlichkeiten schienen sie nun kaum mehr zu interessieren, singar nennen die Kubaner diesen Nähmaschinenakt und so arbeiteten wir uns an einer Nähe ab, die nie zustande kam. während wir uns aneinander rieben, unsere Glieder, Geschlechter ineinanderflochten, versuchte ich, zunehmend um meine Erektion im Gummihemd besorgt, im manchmal hervorbrechenden Mondlicht die Inschrift vor mir zu entziffern Mima/ wenn wir gestern/, konnte ich da mühsam erkennen, vereint waren/ ihre Arme und Beine, mit denen sie mich umschlungen hatte, fühlten sich sperrig und schwer an, sind wir es heute/ mehr und begannen Widerwillen in mir zu erregen, als zuvor/ Fernando, meine Knie waren wundgescheuert und schmerzten, unser Zusammensein, dieser Akt, der auch Liebe bedeuten konnte, hatte sich für mich in Arbeit verwandelt. schließlich gab ich auf, ihr oder mir etwas beweisen zu müssen, und legte mich erschöpft neben sie auf die Grabplatte. als ich wieder erwachte, war ich allein und von der Straße fiel ein schwaches Licht über die Gräber. zu Hause fand ich dann einen Zettel in der Hosentasche, auf den sie mit einem Kajalstift eine Adresse und eine Telefonnummer mit kaum entzifferbaren Nummern und Lettern notiert hatte.



* Mach dir keine Sorgen, es kommt schon keiner

Auszug aus: Einbruch der Landschaft.. Ritter Verlag, Klagenfurt, 2007

Udo Kawasser    11.03.2010    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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