Rühmkorf sprach in einem Vortrag einmal davon, dass er ständig originelle Reime notiere, um sie später vielleicht in einem Gedicht zu verwenden. Unter den von ihm genannten Beispielen fand sich u.a.: „Adorno / Hardcoreporno“. Dass der ehrwürdige Begründer der Frankfurter Schule in einem Gedicht des studierten Soziologen und Politikwissenschaftlers Kreis im selben schmuddeligen Zusammenhang auftaucht, zeigt wiederum die Verwandtschaft der beiden Lyriker. Zwischen den Polen Intellektualität einerseits und persönlicher Befindlichkeit andererseits sind viele der pointierten Verse aufgespannt: „Des Morgens lese ich Adorno / Ich bin ein Mensch im Widerspruch / Denn abends schau ich einen Porno / Und wichse in mein Taschentuch“. Was den 1977 in Bernburg geborenen Kreis dennoch von einem bloßen Gernhardt- oder Rühmkorf-Epigonen unterscheidet, ist nicht zuletzt seine Herkunft. Kreis, der zurzeit am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert, verortet viele seiner Texte im östlichen Teil der Republik. Immer wieder blickt er in die Zeit zurück, als das Kind noch auf dem Rücksitz des Trabants saß. Aber nie ist die Erinnerung ostalgisch; immer wird sie bissig konterkariert. Da wird die Kleinstadt Zerbst quasi antithetisch gegen den Sehnsuchtsort Rom ausgespielt, der „Tensideduft“ der heimatlichen Saale genüsslich eingesogen, und dem „Kaffeeschuppen“ in Halle ein literarisches Denkmal errichtet. Trotz aller Kalauer und Pointen: Immer wieder lassen die Gedichte auch eine Dringlichkeit spüren. Hier wird nicht nur gespielt, denn „irgendwann / schließt der körper ab / und wirft den schlüssel / weg / einfach so“. Die Gewalt in der Geschichte („Als russische Artillerie / Eilenburg beschoss“) ist ebenso präsent wie der Ekel auf eine Welt, die „Kinderschokolade zum Verfetten“ bereithält und anscheinend vergeblich rotiert. Mit Derbheit, Ironie und Wut hebt sich Christian Kreis' Debüt wohltuend vom weichgespülten, selbstbezogenen Singsang der zeitgenössischen Lyrik ab. Gleichzeitig gehört der Band zu den wenigen Gedichtsammlungen, die sich am Stück und mit Vergnügen lesen lassen. Darüber, dass dabei nicht jeder Vers die Brillanz eines Rühmkorf erreicht, dass sich manches in der Pointe erschöpft, und die Klage über die eigene Unzulänglichkeit und das eigene Scheitern zuweilen auch nervt oder arg altväterlich klingt („Ich bin doch selber nur ein alter Knochen“), lässt sich geflissentlich hinwegsehen. Die Höhen und Tiefen sind ja ohnehin Programm. Wirklich störend sind dagegen allerdings die missratene Covergestaltung der Reihe „mdv lindenblatt“(!), in der der Band erschienen ist, und die Wahl des Titels. Es bleibt zu hoffen, dass potenzielle Leser das Buch trotzdem aufschlagen – denn „Abfälle“ enthält es keineswegs.
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Tobias Amslinger
Lyrik
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