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Timothy Steele
Frau mittleren Alters

 

Der U-Bahnhof blitzt aus der Dunkelheit,
Aus der sein Name mit Plakaten schnellt.
Sie hält sich fest, zum Aussteigen bereit.
Der Wagen bremst, er seufzt, bevor er hält.
Die Tür geht auf. Mit schweren Schritten kehrt
Sie sich der Treppe zu, die sie gleich spürt.
Hinter der Schranke die Rolltreppe fährt
Sie durch den Gang, der schräg ins Freie führt.

Im Grunde kennt sie zwar die Szenerie,
Doch scheut sie vor dem Weg, dem grellen Schein,
Sie könnte irgend jemand sein, denkt sie –
Sie muss nicht Grafik-Kuratorin sein
Mit Katzen und zwei Doktorgraden und
Der Mutter, Witwe, die sie täglich spricht,
Und wochenlangen Sorgen, deren Grund
Sie nicht versteht, und sie verschwinden nicht.

Ein bißchen hilft die Arbeit. Korrektur
Des Rechenschaftsberichts, sie heißt ihn gut,
Das Sponsoring-Büro ist auf der Spur
Des Stifters, auf dem ihre Hoffnung ruht.
Ein Obstkorb, den ein Mitarbeiter schickt,
(Sie hatte seine Schau mit aufgebaut).
Die Grenadine drauf ist eingedrückt,
Schon leuchten rote Körner durch die Haut.

Geschieden, einsam ist sie schon zu lang,
So fragt sie, ob das ein Indiz sein kann:
Sie ist für etwas Neues reif: den Gang
Der dunklen Jahre mit dem falschen Mann.
Doch noch hat sie zu tun: Der Anbau frißt
Den Haushalt auf; sie sucht ein Angebot
Für Kunst im Keller, die nur lästig ist;
Der Vorstand fragt: Wann machen wir den Claude?

Ihr Zimmer ist schon dunkel, wenn zuletzt
Die Meetings um sind. Die Büros sind leer.
Sie schaut aus ihrem Fenster. Weich scheint jetzt
Ein goldenes Laternenlicht umher.
Der Park in herbstlich-schauerlichem Dunst.
Das gurrende, beschwingte Rendezvous
Der Tauben unterm Dach hat ihre Gunst.
Die Tür fällt, als sie traurig losgeht, zu.

Sie kauft noch Blumen auf dem Weg zur Bahn.
Sie wartet unten, hält den Strauß und schließt
Die Augen. Raschelnd mischt das Zellophan
Sich mit dem starken Duft, der sie umfließt.
Ein Wind bläst, aus dem Tunnel nähert sich
Ein Licht, sie sieht es unruhig schon von fern,
Doch wie Persephone, ernst, zögerlich,
Kehrt sie auch heut zurück zu ihrem Herrn.

Übersetzung: Christophe Fricker

Timothy Steele    14.08.2009      Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen
 

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Lyrik