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Timothy Donnelly

Das Nachtschiff

 

Roll den Stein weg von der Öffnung der Gruft!
Tief drinnen spür ich Unruhe, als hätte eine Hexerei

die Hand des Bewohners zurück ins Leben geschockt, zurück
um ein Dokument zu verfassen in einer Kalligraphie so serpentin,

dass ein einziger Fehler es notwendig machte, innezuhalten,
sofort und genau da, und den vermurksten Entwurf zu zerreißen,

neu zu beginnen und innezuhalten, wieder zu zerreißen und eine Bö
von Papier-Pastillen auf die Architektur zu streuen,

die der Geist um es errichtet, wobei er eine Stadt kreiert,
die irgendwie dem Seehafen Deiner Geburt ähnelt,

dieser funkelnden Anordnung von Türmen und Schildern,
unter denen Du jetzt wanderst, angezogen vom Zauber

des einzigen Geruchs des Meeres, von der Glocke des Nachtschiffs,
die durch den Dunst auf seinem Weg zum Pier dringt.

Gib Dich dieser Vision hin und der Mühe, die fassbar wird,
wenn Du Dich aus der Zuflucht eines Sessels auf die Strasse begibst,

der so entschieden bequem ist, dass Lazarus selbst
beschlossen hätte, nicht von seinem Samt aufzuerstehen,

und dabei den Messias verblüfft hätte, dessen zahlreiche Zuschauer verlegen
vor sich hingemurmelt hätten, niedergeschlagen, bis ein plötzlicher

Staubteufel von den Dünen hereinwirbelt – eine perfekte Entschuldigung,
sich nach drinnen zurück zu ziehen. (Sand verkrustet ihre Augen;

und Geschwader kleiner Steine prasseln in Gesichter,
die nur der Bleistift der Trauer je zu skizzieren sich trauen würde,

und sogar dann wäre es kein Kinderspiel, das ist Dir klar.
Zur See tritt eine Wasserhose an die Stelle des Staubteufels.)

Du fürchtest, in Existenz beschworen zu sein,
nur um auf den winterlichen Strassen dieser

Fantasie hastig wieder fallen gelassen zu werden, leichte Beute für die Hafen-
Geister, unbeobachtet und unerwartet, und ich weiß

fast genau, was Du meinst. Diese Papp-Stadt
bricht um uns zusammen; ein weiteres schönes Dokument

löst sich in Qual auf (ein Beckenschlag), und wir können
es nicht verhindern. Um eins steigt der Wind, und das Nachtschiff

zittert, dämmert weg in seine Silberwolke. Um zwei bricht es
auf in einen wütenderen Wahnsinn. Wir sitzen in einem Boot.

Und Zuflucht werden wir nur auf dem Nachtschiff finden.

Übersetzung: Barbara Thimm

Timothy Donnelly    12.07.2008      Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen
 

Timothy Donnelly
Lyrik