poetenladen    poet    verlag

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Tillmann Severin
GO. Projekt 60


Auszug aus einem Roman (II)

Konosuke schaute hinab auf den Ring. Die Autobahn erschien unver­mittelt zwischen den Hoch­häusern, um sich zu gabeln und zwischen den Blöcken zu verschwinden. Der Verkehr, eine endlose Schar analpha­beti­scher Blinker, die einen sinnlosen Morsecode schrieben. Autos nahmen Licht­strahlen auf und warfen sie im richtigen Moment in sein Büro im fünf­und­dreißigs­ten Stock. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie das Gebäude bezogen wurde, ein großer Tag, an dem der damalige Vor­stands­vor­sitzende die ersten Bewoh­ner des Hoch­hauses zu ihrem neuen Arbeits­platz beglück­wünschte und erklärte, dass die Firma nun endlich im Zentrum der Stadt ange­kommen sei, dort, wo sie hingehöre. Er wünsche ihnen und der Firma, von der sie schließ­lich ein Teil waren, gute Geschäfte und großen Erfolg.
  Konosuke war nicht nur stolz, seine Karriere in der neuen Reprä­sentanz quasi zu be­ginnen, auch der Weg aus der Vorstadt war kürzer: Er fuhr damals noch mit der Bahn ins Zentrum. Dort musste er nun nicht mehr um­steigen und in eine andere Richtung wieder hinaus, sondern ging zu Fuß zwischen den Schaf­herden und ihren Kragen unter den Stelen der Straße hin­durch, betrat das neue Gebäude durch den Haupteingang, nahm den Pater­noster und ging schließlich ins Großraumbüro im dritten Stock.
  Die ganze Etage kam durch die Kabinen getaktet im Saal an und bezog die gereihten Tische. In einem abge­trennten Raum saß Kamimura, sein fauler Chef, der schon damals die Position des direkten Vor­ge­setz­ten hatte, und gab mit seinem Kommen und Gehen das Signal für Mittagspause und Dienst­schluss. War Kamimura weg, leerte sich der Saal mittags in die Kantine in den ersten Stock und abends nach unten zum Ausgang. Nur an ein ein­ziges Mal, als Kami­mura das Büro viel früher ver­lassen hatte als erwartet, war Konosuke höher gefahren. Er saß auf seinem Platz, am Neben­tisch Ryu, mit dem er die Mittags­pause zusammen ver­brachte, immer darum bemüht, vor dem Chef wieder da zu sein, und beide beobach­teten un­auf­fällig, wie Kamimura durch die Reihen zum Pater­noster ging. Es dauerte eine Weile, bis die ersten sich ver­stohlen aber offen­sicht­lich umschauten und dann lang­sam ihre Sachen pack­ten und das Büro verließen. Irgend­wann, nicht mehr ganz der Erste, aber auch nicht als letzter, räumte Kono­suke seine Sachen zu­sammen. Als er sich nach seine Tasche beugte, trafen sich Ryus und sein Blick irgend­wo über der Tisch­platte. Völ­lig gelöst ange­sichts des Tages, der nun frei war, gingen sie neben­ein­ander her zum Paternoster. Vor den Schächten, links ging es nach oben rechts nach unten, machte Ryu eine Geste nach links und sagte: „Komm, fahren wir nach Ganzoben.“
  Die beiden Männer standen in der engen Kabine. Vor ihnen zogen die Etagen vorbei, eine nach der anderen, und zwischen Stock zehn und elf sagte Ryu: „Wenn wir ankommen, dreht sich die Kabine um und wir fahren umge­kehrt weiter.“ Tatsäch­lich fuhren sie vor der letzten Etage an dem ent­täu­schen­den Hin­weis: „Letzte Etage. Weiter­fahrt unge­fähr­lich“ vorbei, rum­pelten vor einer Holz­wand nach Ganzoben, um einen Bogen herum und wieder nach unten. Gelähmt schauten sie zu, wie die Stockwerke in ent­gegen­gesetzter Reihen­folge an ihnen vorbei­fuhren, und erst als sie ganz unten waren, sprach jemand aus, wie es war: „Trinken wir ein Bier.“
  Er könne sich kaum vorstel­len, in der Firma aufzu­steigen, zu langsam, sagte Ryu. Als Konosuke nach hause fuhr, hatte er nicht nur einen pelzigen Geschmack auf der Zunge, sondern auch das vage Gefühl, dass sein jetziges Leben nicht das einzig mögliche war.
  Als der Paternoster längst durch einen modernen Aufzug ersetzt worden war, hatte Ryu sich in Europa selbst­stän­dig ge­macht, irgend­was mit Gas­tro­nomie, wusste Kono­suke. Gehört hatte er nichts mehr von ihm, war selbst aber schon seit einer Weile in der fünften Etage ange­kommen. Er konnte sich leisten, mit seiner Frau in eine größere Wohnung im Norden zu ziehen und musste nicht mehr mit der Bahn fahren, hatte sein eigenes Büro knapp über dem Ring und würde wahr­schein­lich auch nicht mehr gekündigt werden.


Nach ein paar Jahren war er immer noch da, es war gut so. Nur nicht ganz das, wovon er als Kind geträumt hatte: „Und dann kam der große Konosuke Matsushita mit der doppelten Lampen­fas­sung.“ Seine Großmutter kniete seit­lich vor ihm und schenkte ein. Ein glatter Strahl, golden im Licht schimmernd, schlug in einer Dampf­wolke auf, schmiegte sich an hauch­feine Ke­ramik­wände, durch die man den Tee wie in den Händen hielt. Die Flüssigkeit im Fall, eine Kalligraphie, löste sich bald auf, ihr Schatten dif­fundierte in den Raum, hundert­fach wiederholt in der Tülle der Kanne, die sich in einem weichen Bogen auf­schwang, seine Schale, die sich in die Hand wie ein Wassertropfen auf die Oberfläche legte, der Winkel seiner Knie auf den Tatamimatten.
  Während Wasser­tropfen an die Scheiben klatschten, die Hitze, die sich entlud, folgte das Not­wendige: Den Tee konnte man nicht ab­lehnen, wie seinen Namen. Ver­wandt­schaft über Vor­namen. „Ich habe noch erlebt, wie meine Mutter ihr Bügel­eisen dort einge­steckt hat. Als es noch keine Steck­dosen gab, kam aller Strom aus der Lampen­fas­sung. Wenn wir bügelten, war es dunkel, und wenn wir Licht hatten, konnten wir nicht bügeln. Also erfand Matsushita die doppelte Lampen­fassung.“
  Er nahm die Teeschale mit der Rechten auf, setzte sie auf seine linke Hand­fläche und trank die grüne Flüssig­keit in mehreren Zügen, während seine Großmutter ihm gegen­über saß. Die Teeschale lag perfekt auf seiner Hand, schmiegte sich in seine Hand­fläche wie eine geübte Bewegung, die unter die Haut geht und sich im Rücken­mark ab­setzt, bis sie Teil von einem geworden ist. Nur, dass es hier keine Übung gab. Die Schale war schon immer perfekt ge­wesen, wie die Be­we­gungen seiner Groß­mutter. Nur er musste sich dem fügen. Und genau das war sein Problem, dachte er.
  Konoske trat von der Scheibe zurück und hinter­ließ drei Tapser, die über Osaka schwebten. Viel­leicht würde er es in der Sitzung genau so formu­lieren. Die Lösung war ein nie dage­wesenes Produkt, so einfach und genial wie Matsushitas Lampen­fassung und so schmiegsam wie eine Teeschale.

Tillmann Severin       20.03.2014       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 
Tilmann Severin
Prosa
GO. Projekt 60