Daniel Ketteler, 1978 geborener Literat (neben Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften bisher zwei Einzelbände mit Kurzprosa, zudem Mitherausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) und Musiker (als Elektro Willi und Sohn), ist sich der Bedeutung dieser Nebengeräusche bewusst. Anstatt die Wunden seiner Vergangenheit zu leugnen oder zu versuchen, sie mit dem süßen Saft der digitalen Korrektur zu überziehen, nimmt er sich ihrer an und bietet ihnen in seinen Gedichten eine Heimstatt. Das Knacken in der Rille, erschienen als Band 21 der Lyrikreihe der Parasitenpresse Köln (die sich bei der Gestaltung des Bandes treu bleibt; cremefarbene Doppelbögen mit Pappregister-Einband), spannt dabei einen großen zeitlichen Bogen. Inspiriert durch die abstruse Atmosphäre eines Cafés (in New York, wo neben Zürich einige der enthaltenen Gedichte entstanden sind), gelangt ein Kindergartenfreund und der Tod dessen Hundes in seine Lyrik, assoziiert durch Gerüche – Du sagst, es riecht nach Hund, / ich denke noch Gemütlichkeit und / Bürgertum, dann der Exkurs ins Riechzentrum / und mir geht auf, was ich bei ihm vermisste. / ... (aus Tod, nach einem Motiv von William Carlos Williams). Nicht ganz so weit zurück geht er in Landnahme, ein Gedicht über seine dörfliche Heimat, welches er mit einer (Zitat:) „Büchner-Lenz-Variation“ ausklingen lässt: Dann dreht sich plötzlich alles um / und ich erahne, wie schön es wäre, / einmal auf dem Kopf zu gehen, / den ganzen Saft im Kopf und / Luft dann in den Zehen. Seine Gedanken mögen schweifen, seinen momentan ausgeübten „Brotberuf“ als Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik seiner schweizerischen Wahlheimat Zürich (womit er in einer langen Tradition von Ärzten steht, die zugleich auch Schriftsteller waren – der Lyriker Gottfried Benn etwa, oder Alfred „Biberkopf“ Döblin, oder Friedrich Schiller, der zunächst als Militärarzt gearbeitet hatte, oder...) lässt er jedoch auch in seinen Gedichten nicht hinter sich: ... und wenn / ich das Gehirn des Dichters in dünne / Scheiben zerlege, und wenn sich die / bunten Farbnuancen auf dem Schirmbild // zeigen, dann bin ich mir wieder gewiss: / das Hirn, das ist der reine Beschiss. Im abschließenden Text des Bandes erweist Daniel Ketteler seinem zweiten künstlerischen Standbein Reverenz: der Musik. Hildegard Knef (Remix) ist ein Liebeslied im klassischen Sinne, ist geschrieben von einem ICH an ein DU, präsentiert mit einem vorgezogenen Refrain einen ungewöhnlichen Einstieg und kann beim Poetenladen Eine schöne, poetische Stimme, die den Leser/Hörer in die Vergangenheit führt, gleichzeitig eine bildreiche Gegenwart offenbart und darauf hoffen lässt, dass es für die meisten eine Zukunft zu geben scheint.
Das Buch (Daniel Ketteler. Das Knacken in der Rille, 14 Seiten, 5 Euro) Stefan Heuer 11.07.2007 Druckansicht
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Stefan Heuer
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