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Spoon Jackson

Hart, aber wahr


Ich war gerade erst 20 und
noch nie vorher mit dem Gesetz
in ernste Schwierigkeiten geraten, als ich
zum ersten Mal im Gefängnis saß und
Monate auf die Entscheidung
einer rein weißen Jury wartete
Todesstrafe oder lebenslänglich
im Gefängnis. Mit keinem
von beidem konnte ich mich abfinden. Die
Jury konnte sich nicht zwischen
einem schleichenden oder einem schnellen Tod
entscheiden.

Ich werde durch eine langsamere
Hinrichtung getötet als die Leute mit dem
Todesurteil. Als würde ich
mit Zuckersirup eingestrichen und auf einen Ameisenhügel
gelegt. Im Grunde
warten zum Tode Verurteilte und Lebenslängliche
beide auf den Tod. Bloß, dass
zum Tode Verurteilte nach einigen Jahren
ein Hinrichtungsdatum bekommen. Eine beglaubigte
Nachricht, wann sie getötet werden.

Meine Jury konnte sich nicht entscheiden
und der Richter gab mir Lebenslänglich ohne
die Aussicht auf vorzeitige Entlassung. Wenn ich
Jahrzehnte später zurückblicke, dann habe
ich nie eine zweite Chance bekommen, obwohl
das Kind von damals, das dieses
Verbrechen beging, vor mehr als dreißig
Jahren starb, und ich hier bin.

Ich bin nicht zum Tode verurteilt, aber
ich weiß, dass nach 10 oder
20 Jahren Warten auf die
Hinrichtung die Person meist
nicht mehr derselbe Mann oder dieselbe Frau ist,
die das Verbrechen begangen hat.

Die Tötung dieses Gefangenen
bedeutet nur einen Mund weniger
der das Gefängnis füttert
Aber der Gerechtigkeit
wurde damit nicht gedient.

Höchst wahrscheinlich hätte
diese verlorene Seele, die vielleicht schuldig
gewesen ist oder nicht, es fertig gebracht,
sich in ein denkendes, fürsorgliches
und menschlicheres Wesen zu verwandeln.

Übersetzung: Rainer Komers
Original aus: Spoon Jackson: Longer Ago. 2010 (Lulu)

Spoon Jackson/Rainer Komers   25.06.2013    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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